Alles erledigt. Schön, wenn es wenigstens mein Mail-Programm zu schätzen weiß. Anstatt kreativ im Schnitt zu sitzen, zu brainstormen oder konzentriert zu recherchieren, bin ich heute seit langem mal wieder den ganzen Tag von einem Termin zum nächsten gehopst. Liegt daran, dass ich dieses Jahr – neben meiner Funktion als Autor – zwei andere Projekte leiten soll. Da muss ich mich erstmal dran gewöhnen. Ich mag diese kreativen Zwischenzeiten ja eigentlich, weil man da regenerieren und neue Ideen entwickeln kann. Aber offenbar rechnet sich das für meinen Arbeitgeber nicht. Haha.
Früher (und vereinzelt gibt es die heute auch noch) war ein Reporter ja so eine Art Spürhund. Der auch mal Zeit brauchte, guten Geschichten nachzuspüren. Mal etwas zu probieren. Komme darauf, weil ich heute morgen im Auto die erste Folge des STERN-Podcasts über die Hitler-Tagebücher gehört habe: Faking Hitler. Fand ich ganz gut. Ehrlicherweise kann man mit dem Material aber auch nicht viel falsch machen: die Original-Tonbänder von Gerd Heidemann, dem Reporter damals, der meinte, die echten Tagebücher von Adolf Hitler gefunden zu haben.
Ich war ja vor kurzem auf Heidemanns Einladung in dessen Privatarchiv in Hamburg. Da steht ja noch viel, viel, viel mehr, was eigentlich mal gründlich ausgewertet werden müsste.
Andererseits ist Heidemann auch eine ambivalente Figur, aber sicher über Jahre ein krasser Reporter der alten Schule gewesen, mit allen Nachteilen. Was für ein Geistesblitz von ihm, damals von Anfang an alle Telefonate mit Kujau mitzuschneiden. Klar, gab ja auch keine Emails, die man hätte aufbewahren können. Und aus der Perspektive ist es dann schon cool, diese Gespräche mit dem Wissen darum, was später passierte, jetzt 1:1 zu hören. Sehr empfehlenswert. Höre gleich auf dem Nachhauseweg Folge 2.
Flüchtigkeitsfehler, aber trotzdem lustig: Die BILD-Zeitung verwechselt die Kaulitz-Brüder. Oder habe ich was verpasst?
Und? Wer es noch nicht mitbekommen hat: Der lange, laaaaaaange angekündigte Podcast der Alphabeten ist seit kurzem endlich online. Ab heute im Programm: Die zweite Folge unseres Interviews mit dem Texter und Galeristen Christian Pfaff. Viel Vergnügen!
Der AfD-Landtagsabgeordnete Harald Laatsch ist sich nicht zu doof, die „Klimapanikverbreiter“ als mitverantwortlich für das Attentat in Neuseeland zu bezeichnen. Seinen Tweet versieht er mit dem Hashtag Greta Thunberg. Ich möchte das nicht.
Eine wichtige Zeugin im Prozess gegen Silvio Berlusconi (Stichwort: Bunga-Bunga-Partys) kommt unter mysteriösen Umständen ums Leben. Wurde sie womöglich mit radioaktiven Substanzen vergiftet? Ich möchte das nicht.
Julian Reichelt, Matthias Matussek … Ich möchte das nicht.
Nach meiner ZDF-History Doku über das „geheime Paris“ heute mal in Sachen „geheimes Rom“ recherchiert. Prompt bekam ich auf einem anderen Tab zur selben Zeit Werbung für Rom-Reisen angezeigt. Ich möchte das nicht.
Und als wäre all das nicht genug, trennen sich Thomas und Thea Gottschalk nach über 40 Jahren Ehe. Ich möchte das nicht.
Ein Lichtblick: Die neue Platte von Stephen Malkmus.
Heute ist der letzte Tag unseres kleinen England-Abenteuers. London, Liverpool, Blackpool und Morecambe waren schon sehr gelungen, jetzt hausen wir in einem kleinen Airbnb-Appartement in Manchester und erleben weiterhin England pur. Die Idee, mal zu zweit zu fahren, ist aufgegangen. Alles sehr intensiv, gleichzeitig aber auch sehr leicht. Wir haben viel unternommen. Viel gequatscht. Viel Quatsch gemacht. Hätte sicherlich jeden Tag etwas schreiben können, aber ich habe mir vorgenommen, nicht zu sehr in „Produktion“ zu denken, sondern in Gedanken in erster Linie bei meinem Sohn zu sein. Jetzt schläft er noch, und ich nutze die Zeit, um ein paar Gedanken festzuhalten, vor allem für mich.
Zu Beginn muss ich einmal feststellen, wie leicht und unproblematisch es ist, mit ihm jetzt schon über eine Woche ein Zimmer zu teilen. Keine Scham, keine Scheu, kein Generve. Dann ist es wirklich auffällig, wie nett und hilfsbereit die Engländer sind, egal, ob dieser Typ im College in Morecambe, der uns genau gesagt hat, wo wir Fußballspielen gehen können, die Pensionsbesitzerin im selben Ort, die – ohne Wenn und Aber – unsere Sportsachen gewaschen hat, die alte Frau am Ticketschalter der Tram gestern oder die junge Frau an der Kinokasse. Alle! Ich versuche schon, meinem Sohn mitzugeben, dass man sich als Gast in einem Land respektvoll verhält und auf die Menschen zugeht. Er merkt, wie nett die Reaktionen sind, wenn einem das gelingt. Haben der Pensionsbesitzerin, die unsere Wäsche gewaschen hat, noch ein paar Pralinen gekauft, einfach nur als Geste. Mich beschleicht ohnehin immer das Gefühl, als Botschafter meines Landes unterwegs zu sein. Bin aber, wie gesagt, trotzdem ziemlich erstaunt, wie freundlich hier alle sind, obwohl offenkundig ist, wo wir herkommen.
Wir sind oft unter Leuten gewesen, jeder Tag hielt ein kleines (oder großes) Highlight bereit. Eine Mischung aus Pop und Fußball. Waren in London im Beatles-Museum, in Liverpool bei einem Spiel an der Anfield-Road, und in Morecambe haben wir uns noch ein Spiel der vierten englischen Liga angesehen – Hammerstimmung. Allerdings ist es jetzt im März doch noch ziemlich kalt. Hatte extra keine dicke Jacke mitgenommen, weil ich beim Gepäck Platz sparen wollte und dachte, die Windjacke reicht. Aber der Sturm fegt einem hier echt die Mimik aus dem Gesicht. Habe für den Stadionbesuch sogar meine Rücken-Not-Wärmegürtel geopfert, damit wir zumindest beide einen warmen Rücken hatten.
Hier in Manchester waren wir im National Football Museum, gemeinsam mit einem Haufen Schalke-Fans, denen die harte Niederlage gegen City noch sichtlich in den Knochen steckte. Muss sagen, mir ging es am nächsten Tag nicht anders. Ich meine, es war natürlich cool, hier, im Land des (sportlich gesprochen) Gegners, das Spiel Bayern-Liverpool zu gucken, aber leider hat uns der Spieler, den wir am Sonntag im Stadion noch so bewundert haben (Virgil van Dijk), die Lichter ausgeknipst. Und Bayern war halt zu harmlos. Und Neuer? Jetzt würde ich auch sagen, dass Ter Stegen ins Tor der Nationalelf gehört. Es sind immer diese kleinen Fehler, mit denen sich die Bayern letztes Jahr schon um den Lohn gebracht haben. Warum machen die das? Aber, wie gesagt, man muss es eben auch vorne zeigen, dass man will – so wie Barca. Oder (leider auch) Juve. Es ist schon erstaunlich, dass alle deutschen Spieler um die 30 plötzlich zu alt, Ronaldo und Messi aber nach wie vor spielentscheidende Akteure sind. Das muss mir auch mal einer erklären. Auf SPON hat Jörn Meyn übrigens genau das geschrieben, was ich meinem Sohn schon abends zuvor während des Spiels gesagt habe: zwei EX-Schalker prägen mit ihren Fehlern die erste Halbzeit. Zufall? Sicher nicht.
Uns fällt aber auch auf, wie hier alles etwas runtergekommen erscheint („downgecomed“, wie mein Sohn es scherzhaft nennt). Vor allem die Seeorte, wobei das auch daran liegen kann, dass noch Nebensaison ist. In Blackpool, zum Beispiel, macht alles (die große Kirmes, die Hafenpromenade, der hohe Turm) erst im April auf. Ja, es ist wirklich etwas tot. Für die Fotos allerdings ein ganz guter Effekt ;-)
Hinzu kommen die vielen verlassenen Häuser und der Müll. Ehrlich, dieser Müll überall trübt das Bild. Auch die Menschen sind ein bisschen gezeichnet, vor allem die Alten. Und man kann das natürlich alles auch gar nicht wahrnehmen, ohne an den Brexit zu denken. Ich würde es so formulieren: Man macht sich beim Anblick von Land und Leuten ein wenig Sorgen. Aber genau aus diesem Grund verstehe ich auch, dass viele Menschen hier davon überzeugt sind, dass es ohne Europa besser wird. Weil viel schlechter kann es ja augenscheinlich nicht werden. Politik ist wie Fußball: Im Grunde ganz einfach, aber es spielen viele Tausendstel eine Rolle, um in dem einen Moment zum Erfolg zu kommen.
Wenn wir mit unserem kleinen Miet-Astra (gar nicht so einfach: Linksverkehr, das Steuer rechts, dafür mit Links schalten) unterwegs sind, hören wir immer „Die kurze Weltgeschichte für junge Leser“. Toll geschrieben von Ernst Gombrich und super gelesen von Christoph Waltz. Aber man kommt nicht so recht aus dem Zustand des Sich-Schämens heraus, wenn man hört, wie sich der weiße, ach so „kultivierte“ Mann über die Jahrhunderte verhalten und geschlagen hat. Besonders beeindruckt hat mich das Kapitel über das 18. Jahrhundert, wo ja in kurzer Zeit viele wegweisende Erfindungen gemacht wurden, z.B. die automatischen Webstühle, die zur Folge hatten, dass die eigentlichen Weber arbeitslos wurden, sich in den Fabriken an- und bei den Gehaltsverhandlungen gegenseitig unterboten, bis das, was sie verdienten, kaum mehr zum Leben reichte. Letzteres kennt man ja heute aus dem Medienbereich, wo viele Freelancer ebenfalls gezwungen sind, sich und ihre Arbeit unter Wert zu verkaufen. Überhaupt sind viele Probleme, die in dem Buch geschildert werden, hochaktuell.
Bin, nebenbei bemerkt, ziemlich erstaunt, wie gut mein Sohn mittlerweile Englisch spricht und versteht. Wenn wir hier zusammen Big Bang Theory gucken, lacht er über mehr Witze als ich, weil mir doch einiges verlorengeht. Vielleicht werden auch einfach nur meine Ohren schlechter. Aber auch gestern Abend: Ich hatte das große Verlangen, ihm „Bohemian Rhapsody“ zu zeigen, der Film lief natürlich auf Englisch, war aber überhaupt kein Problem. Habe übrigens nochmal festgestellt, was das für ein toller Film ist. Musste zwar nicht die ganze letzte halbe Stunde heulen, wie beim ersten Mal, war aber auch diesmal noch sehr berührend. Und mein Sohn hat das auch verstanden. Er fand übrigens den Trommler stark – und war dann relativ erstaunt, als ich ihm erzählte, dass ich auch mal in einer Rockband getrommelt habe …
Bin glücklich, dass wir diese Reise gemacht haben. Und dass meine Knie halten. Waren fast jeden Tag kicken, zweimal in Liverpool, zweimal in Manchester, jeweils auf so einem Kleinfeld-Park, wie es sie hier in jeder größeren Stadt gibt (inklusive Ligabetrieb), in Morecambe auf einem öffentlichen Platz. Das System hier ist ganz einfach. Man zahlt überall zwischen 1 und 3 Pfund die Stunde und kann dann spielen. Und wir haben tatsächlich Glück mit dem Wetter. Immer wenn wir kicken wollen, reißt der Himmel kurz auf. Und so ganz nebenbei hat mein ältester Sohn zuhause gestern seine Führerscheinprüfung bestanden. Dem Himmel sei Dank.
Ich weiß, ich weiß, ich hatte gerade erst lange Urlaub. Das stimmt. Auch wenn ich in der Zeit fleißig war. Aber ja, jetzt, nach gerade mal wieder fünf Wochen im Job, nehme ich mir schon wieder Urlaub. Und es ist wieder etwas ganz Besonderes. Ich fliege nämlich mit meinem jüngsten Sohn für ein paar Tage nach England: London, Liverpool, Manchester. Er freut sich, glaube ich, sehr. Ich freue mich so sehr, dass es (fast) an Nervosität grenzt. Haben wir in der Form auch noch nicht gemacht, dabei ist er fast 16. Naja, besser spät als nie.
Es wird sicher ein guter Mix aus Sport und Musik. Fußball, Beatles, Anfield Road (zumindest mal vorbeigehen), Abbey Road (auf jeden Fall drübergehen), es ist mir sogar (fast) egal, wie das Wetter wird. Cool ist, dass wir am Tag des Championsleague-Rückspiels zwischen Bayern und Liverpool in England sind. Allerdings spielen sie ja dann zuhause in München. Trotzdem cool. Werde aber darauf verzichten, in meinem Bayern-Trikot einen Pub aufzusuchen. Obwohl das auch lustig werden könnte. Für meinen Sohn.
Übrigens mal ganz kurz: Es reden ja schon wieder alle von der guten Ausgangsposition, weil Bayern im Hinspiel in Liverpool 0:0 gespielt hat. Aber die eingefleischten Bayern-Fans wissen natürlich, dass genau das vor (fast) 40 Jahren schon mal schiefgegangen ist. 0:0 in Liverpool im Hinspiel, im Rückspiel 1:1 in München, kurz vor Schluss, Liverpool war weiter wegen des Auswärtstores. Eine traumatische Kindheitserinnerung meinerseits, die man heute im Zeitalter der technischen Reproduzierbarkeit schön wieder aufleben lassen kann:
Das wird sicher Thema in der Vorbericht-Erstattung sein. Hoffentlich vergegenwärtigen sich die Spieler das auch nochmal. Kalle Rummenigge könnte sogar ein Lied davon singen.
Zu guter Letzt ein Hinweis in eigener Sache. Die Alphabeten haben eine neue Folge ihres Podcasts übers Schreiben veröffentlicht. Hört doch mal leise rein und gebt Laut, wie Euch der Stil gefällt. Wir finden´s schon (fast) optimal.
Haben gestern Abend als Familie zusammen ein bisschen GNTM geguckt. Ich habe auch schon Filme über die Fashion Week gemacht, das Genre ist mir also nicht fremd. Und außerdem kann das ganz lustig sein, sowas zusammen mit einem 17-Jährigen und dessen Mutter zu schauen. War es auch. Bis die BUNTE.de Chefredakteurin Julia Bauer ins Spiel kam, zum „Medientraining“. Also, abgesehen davon, dass man nie sicher sein kann, was bei solchen Formaten echt, geskriptet, inszeniert oder zumindest initiiert ist, fand ich die Dramaturgie, bzw. die Funktion der Journalistin etwas grenzwertig. Ja, es ist eben Fernseh-Unterhaltung und keine arte-Doku, und als SPIEGEL-Mitarbeiter muss man im Moment ohnehin ganz still sein, und vermutlich saß Frau Bauer auch nicht mit im Schnitt, aber wie im Prinzip rüberkam, dass bestimmte Models – jeweils mit gerade mal einem Halbsatz zu Wort kommend – als langweilig, nicht ehrgeizig oder arrogant bezeichnet wurden, fand ich schwierig. Aber es wurde noch schwieriger: Die „Expertin“ stellte nicht nur unbequeme Fragen, was für ein Medientraining ja noch okay gewesen wäre, sie profitierte auch noch von einem Konflikt zwischen den Mädchen und freute sich dann, als eines der Mädchen schon den Tränen nahe war, über eine coole Headline für ihr Produkt.
Wenn dieser Auftritt verkörpern soll, wie Journalisten heutzutage arbeiten (müssen), dann möchte ich lieber meinen Beruf an den Nagel hängen.
Glücklicherweise gibt es aber auch schöne Überraschungen: Habe in den letzten Tagen angefangen, eine noch nicht so alte, aber auch nicht taufrische Tokio-Hotel-Doku zu gucken. Sie heißt „Hinter die Welt“ und läuft in 4 Teilen auf YouTube. Und da muss ich sagen, dass mich dieser Film mehrfach überrascht hat. Klar, natürlich wollen die auch ihre VIP-Tickets verkaufen, aber trotzdem: sehr gelungene Parallelmontage der Lebensmittelpunkte der Band (Magdeburg und L.A.), insgesamt sehr nette, reflektierte Typen, interessante Rollenverteilung, lange Historie, und ich hätte nicht gedacht, dass die sich wirklich so viel selber um Dinge kümmern, vor allem im Studio (zumindest hat man den Eindruck). Und die symbiotische Beziehung der Zwillinge, mit dem schrillen Bill und Tom, der Bill immer beschützt hat, das hat mich mehrfach berührt. Klar, als Vater von Söhnen horcht man da natürlich auf. Es gibt im 4. Teil diese eine Einstellung, irgendwo in Russland, glaube ich, in so einem typischen Backstage-Raum. Bill signiert Plakate und Tom hängt im Sessel und spielt Gitarre. Bestes Bild!
Screenshot aus: Hinter die Welt, gibt´s auch auf DVD bei Amazon
Es wäre spannend zu sehen, wie sich dieses Verhältnis nun verändert, seitdem Tom mit seiner Freundin – und da – KREISCH! – schließt sich der Kreis, Heidi Klum zusammen ist. Aber gut, man kann nicht alles haben. Die BUNTE-Kollegin könnte sich von Tokio-Hotel jedenfalls mal ein paar Tipps in Sachen Menschlichkeit holen, und dass ich DAS mal so schreiben würde, hätte ich auch nicht gedacht.
Ansonsten? Watch out for the nice Brecht-Story von Volker Weidermann im neuen SPIEGEL. Ich kann allerdings an dieser Stelle verraten, dass der Kollege Weidermann den Bertolt nicht persönlich gesprochen hat.
Und? Mit ein paar Minuten Distanz weiß ich jetzt, was mich stört: Ein „Medientraining“ für nichtgeübte Menschen, die zum ersten Mal im Rampenlicht stehen, vor einem Millionen-Publikum durchzuführen, da muss man erstmal draufkommen. Das wäre so, als hätte ich meinen Kindern Schwimmen beigebracht, in dem ich sie auf offener See über Bord schmeiße – und mich dann noch darüber lustig gemacht, dass sie Wasser schlucken.
Vielleicht ist sie auch nur Teil einer großen Inszenierung. Aber dann finde ich es immer noch schwierig, welches Berufsbild vom Journalismus das transportiert wird.
Habe vor lauter Alltag gar nicht mitbekommen, dass Mark Hollis gestorben ist. Der Talk Talk-Sänger. Such a Shame ist für mich nach wie vor einer der besten Popsongs aller Zeiten, kraft- und gefühlvoll zugleich. Tanzbar und dennoch in keinster Weise schlicht. Allein das Intro, ein Meisterwerk. Dabei verraten die letzten Alben und vor allem Marks Solo Album im Grunde noch viel mehr über den Künstler Mark Hollis. Inspiriert, intuitiv, eigensinnig, nicht auf den Markt oder Absatzzahlen schielend. Beeindruckend.
Brexit, Venezuela, und die ganzen anderen Präsidentenjungs – es ist ja nicht so, dass das Weltgeschehen gerade ein Mittagsschläfchen hält. Und es ist nahezu grotesk, wie behütet, ruhig und friedlich alles hier in unserem kleinen Land im Vergleich zum großen Rest funktioniert. Ja, eine trügerische Ruhe vielleicht, mit seltsamen Schwingungen, aber wir stehen nicht morgens vor einem leeren Kühlschrank, weil die Politik versagt.
Wie Eltern zum Teil weltweit Probleme haben, für ihre Kinder zu sorgen, unbeschwert Zeit mit ihnen zu verbringen, das Leben zu genießen, und das im 21. Jahrhundert, das ist im Grunde unbegreiflich.
Ich weiß, es gibt auch unter Politikern, wie in jedem anderen Bereich menschlichen Lebens, gute und schlechte, in moralischem Sinne, aber auch, was deren Kompetenz betrifft. Doch es tummeln sich in den Parlamenten und Palästen schon erstaunlich viele, deren „Politik“ sich auf Machtpolitik beschränkt.
Aber die Menschen neigen ja auch dazu, sich immer wieder „Führern“ an den Hals zu werfen, die es schaffen, ihnen vorzugaukeln, sie nähmen sie nun an die starke Hand. Ein selbstbestimmtes Leben zu führen, ist für viele offenbar gar nicht so erstrebenswert. Oder ihnen reicht ein kleiner Raum, um sich zu entfalten. Und, ja, die Freiheit, dies oder das zu tun, empfinden viele auch als Fluch.
Der „freie Wille“ – ich sitze gerade (mal wieder) an einem Papier über das Böse. Habe in den letzten Tagen versucht, den aktuellen Forschungsstand zusammenzufassen. Viel hat sich in den letzten Jahren nicht getan. Es gibt nach wie vor den Streit zwischen der Hirnforschung, also den „Deterministen“, die glauben, die Beschaffenheit eines Menschen (Gene, Hirn etc.) sei entscheidend dafür, ob jemand womöglich zum zum Täter wird, und der forensischen Psychiatrie, die immer noch die Meinung vertritt, der Mensch könne sich in der Regel bewusst für oder gegen eine böse Tat entscheiden.
Ziemlich bemerkenswert ist übrigens, dass beide Parteien unabhängig voneinander eine starke Exekutive und ein starkes Rechtssystem für die beste Abschreckung gegen Gewalttaten erachten. Dass irgendjemand sagt, wir müssen schon in Kitas und Grundschulen ansetzen und darüber hinaus verstärkt den Blick auf die Elternhäuser legen, habe ich nicht gelesen. Auch dass eine gute Städteplanung der Ghettoisierung vorbeugen und integratives Zusammenleben fördern müsse, ist mir auf die Schnelle jetzt so nicht untergekommen.
Habe heute in der Mittagspause dafür mal wieder einen schönen Kommentar in der taz gelesen. Der Autor Ilija Trojanow beklagt darin die Abstumpfung durch Leaks, also dass sich über Skandale und politische Lügen keiner mehr aufregt, weil eine Art Gewöhnungs- und Demoralisierungs-Effekt eingetreten ist. Wörtlich schreibt er: „Durch das tägliche Bombardement mit Skandalen aller Couleur wird die ethische und emotionale Wucht der Enthüllung geschwächt. Ein Exhibitionist, der immer wieder nackt herumstolziert, wird in Gegenwart einer wachsenden Zahl anderer Exhibitionisten weitaus weniger negativ auffallen als zuvor.“ Schön gesagt, mit anderen Worten: Wenn wir nicht aufpassen, leben wir bald gezwungenermaßen in einer FKK-Welt. Nur, dass das kein Urlaub wird.
Machtpolitik. Vielleicht muss ich mal wieder Machiavelli lesen. Oder Hobbes. Die Frage bleibt: Wie frei sind wir denn wirklich in unseren Entscheidungen? Bin gestern im Rahmen einer Recherche für ein anderes Projekt auf eine Familie gestoßen, die mit ihren schulpflichtigen Kindern gerade im Bus durch Amerika fährt. Monatelang. Die Kinder unterrichten die Eltern selbst. Wahnsinn. Also, toll! Es gibt mutige Menschen, die einfach machen. Kollege Stuertz und ich hatten gestern Abend die bekannte „Literatur-Lobbyistin“ (so bezeichnet sie selbst ihren Beruf) Karla Paul zu Gast. Eine Frau, die davon lebt, dass sie über Bücher spricht und schreibt. Die sich morgens mit einem Kaffee und einem Buch wieder ins Bett legt und so ihren Arbeitstag beginnt. Die aber auch clever genug ist, um zu erkennen, dass man das in Zeiten wie diesen einem anderen Menschen kaum erklären kann, wie das funktioniert. Und die sich auch darüber im Klaren ist, dass das vielleicht nicht ewig so weitergeht.
Es gibt Tyrannen und Psychopathen, die uns das Leben schwer machen. Und es gibt Menschen, die ihr Leben gestalten. So, wie sie es für richtig halten. Aber ohne andere dabei zu beschneiden, diskriminieren oder unterdrücken. Lasst uns zusehen, dass wir zu der zweiten Gruppe gehören.
Ist Norbert Noreply der Max Mustermann des digitalen Zeitalters?
Der unendliche Himmel wird für Karl Otto wohl gerade groß genug sein. Gucke gerade in der ARD-Mediathek eine tolle Lagerfeld-Doku, die gestern Abend, anlässlich seines Todes, nochmal gezeigt wurde. Aus der Reihe „Deutschland, Deine Künstler“, von Gero von Boehm. Meine Mutter hat davon geschwärmt – zurecht.
Tolle Kamera, tolles Archivmaterial (sein Vater war Dosenmilch-Fabrikant, „reizend, aber nicht so lustig wie meine Mutter“) und eine Hauptfigur, deren Statements wie in Stein gemeißelt daherkommen. Clever und lustig. Kann das hier gar nicht alles auflisten, aber ich sitze davor, lerne und lache. „Für mich ist Geld etwas, was aus dem Fenster geworfen wird, um durch die Tür wieder reinzukommen.“ Klar, er hat leicht reden, aber darum geht es nicht. Soll heißen: Er saß nicht da, und hat die Kontoauszüge gecheckt. Und wenn er für eine Show einen Supermarkt nachbauen musste, war das eben so. Die gute Idee schlägt immer die Vernunft. Inspirierend. Oder wie lässig verschmitzt er über seinen Wegbegleiter Ives Saint Laurent spricht: „Toll war der … bis ungefähr 1978 … dann nur noch in der Vergangenheit, immer nur Proust … ich meine, okay, aber wir sind in der Mode.“ Idealgewicht? „Meine Disziplin ist Größe 48 bei Dior.“
Als Fernsehmensch gucke ich bei solchen Dokumentationen natürlich immer in den Abspann (gibt´s ja heute teilweise gar nicht mehr). Die Kamera-Leute kannte ich nicht, aber Schnitt: Felix von Boehm. Der Sohn? Sehr interessant …
Am coolsten finde ich allerdings diese scribbelige Art zu zeichnen. Sieht immer leicht aus. Und trotzdem nach Kunst. Wie der ganze Typ.
In der nächsten Auszeit besuche ich einen Zeichenkurs!
Meine „Lebens-Gefährtin“ (werde das jetzt bis auf Weiteres mit Bindestrich schreiben, um das „Gefährtin“ herauszustreichen, tolles Wort) und ich saßen gestern Abend das erste Mal in diesem Jahr noch ein bisschen auf der Terrasse. Die Stimmung war friedlich, der Himmel klar. Man konnte die Sterne sehen. Ich kenne mich da nicht so gut aus, aber ein Bild erkenne ich immer wieder: den Oriongürtel, diese drei kleinen Sterne, die im Sternbild des mythischen Himmelsjägers Orion auf der Höhe des Hosenbundes zusammen eine gerade Linie ergeben.
Als 16-Jähriger habe ich dieses Sternbild über der Golden Gate Bridge gesehen und dachte: Wow, das ist wirklich derselbe Himmel wie über Helligbek, dem norddeutschen Heimathof meines Vaters. Komplett gegensätzliche Orte, unter demselben Himmels-Zelt (Randnotiz: Helligbek bedeutet so viel „Heiliger Bach“, weil da ein berühmter Taufstein steht, der „Poppostein“, aber dazu ein anderes Mal mehr).
Im Keller, in einem meiner Tagebücher (Gott, was freue ich mich, die mal hervorzukramen und in Ruhe durchzuackern. Die habe ich geschrieben, als ich so alt war wie meine Söhne jetzt, vielleicht geht mir dann ein Licht auf.), müsste sich jedenfalls noch eine Skizze aus dieser Nacht im fernen San Francisco finden lassen. Und gestern Abend auf der Terrasse schoss mir dieser Gedanke wieder durch den Kopf: Wow, der gleiche Himmel wie über San Francisco – und über Helligbek. Und dann dachte ich daran, dass das Chaos hier unten auf der Erde noch so groß sein kann – die Sterne bekommen das gar nicht mit, die zucken nicht mal mit der Wimper, wenn die Verrückten hier unten ihre verrückten Pläne schmieden. Und dann dachte ich daran, dass die Mutter meines Vaters, Oma Erna aus Helligbek, nicht mehr lebt und ich am Tag ihrer Beerdigung in New York auf dem Times Square stand und fürs Schweizer Fernsehen gedreht habe, und das klingt dann wahrlich glamouröser, als es ist. Weil es in Wahrheit nämlich einfach nur falsch und beschissen war. Ironie der Geschichte, irgendwie. Ein krummer Kreis, der sich schließt. Das würde ich heute vermutlich nicht mehr so machen, aber für bestimmte Widerworte muss man erst ein gewisses Alter erreichen, damit sie nicht nur ausgesprochen, sondern auch gehört werden.
Ansonsten? Höre ich gerade auf 917xfm eine gelungene Cover-Version von Radioheads „Creep“, interpretiert von Max Mutzke. Und in dieser Sekunde, in der ich das schreibe und mich auf das Finale Furioso freue, knallen die mitten ins Stück einen Werbeblock! Mitten ins Stück! WTF? So nicht, Freunde. Hab gerade mal geschaut und eine noch verrücktere Version von ihm gefunden. Und nicht, dass ich ihn „adeln“ könnte, trotzdem: guter Typ!
Ja, ist nur das Pinneberger Tageblatt, aber mein Wochenhoroskop klingt trotzdem spannend …
Heute, zu Beginn meiner – laut Horoskop – „turbulenten Woche“, habe ich etwas Lehrreiches und etwas Trauriges für Euch!
Recherchiere gerade in einschlägigen LKW- und Reisemobil-Foren für eine Formatidee über Weltreisende. Das ist, wie jede gute Recherche, mühsam, weil man da natürlich sehr, sehr, sehr viele Einträge und Blogs und Websites findet, z. T. alt, überholt, stillgelegt.
Die Suche nach der richtigen Geschichte ist eben wie die berühmte Suche nach der Nadel im Heuhaufen. Habe aber bereits ein paar Anfragen an Veranstalter von alternativen Reise-Treffen gestellt, weil sich da natürlich auch immer Leute zusammenfinden, die man vielleicht begleiten könnte.
Dabei habe ich in einer Mail folgenden Satz geschrieben: „Ich habe eben schon drei Videos (von der Veranstaltung, Anm.) im Netz gesehen, vielleicht sollte ich mal vorbeikommen.“ Glücklicherweise lese ich meine Mails meistens nochmal durch, bevor ich sie abschicke, weil ich es selbst ganz schlimm finde, wenn es in einer Mail von Fehlern nur so wimmelt. Und da ist mir aufgefallen, dass der Satz oben ziemlich falsch verstanden werden kann. Daraufhin habe ich ihn so umformuliert: „Ich habe eben schon drei Videos (von der Veranstaltung, Anm.) im Netz gesehen, da bekommt man Lust, auch mal vorbeikommen.“ Ist doch eine völlig andere Aussage als „vielleicht sollte ich mal vorbeikommen“, nach dem Motto: Dann zeige ich Euch mal, wie man richtige Videos dreht …
Tja, soviel aus der Rubrik: Deutsch fürs Leben. Eben, pünktlich zum Feierabend, bin ich allerdings noch über eine Seite gestolpert, die mich ziemlich berührt hat. Sie beschreibt die gemeinsamen Reiseabenteuer eines Paares und endet im Prinzip mit der Schilderung, wie die Frau des Mannes, unterwegs auf einem engen Bergpass in den argentinischen Anden (Cuesta de Zapata), vor seinen Augen 50 Meter tief in eine Schlucht stürzt. Er seilt sich ab, sie ist noch am Leben und stirbt dann in seinen Armen. Das ist wirklich das Traurigste, was ich seit Langem gelesen habe.
Ich habe kurz überlegt, ob ich das überhaupt verlinken soll, und dann dachte ich, naja, er hat es ja selbst veröffentlicht, vielleicht hilft ihm das, den Schmerz zu verarbeiten: arminius-on-tour
In diesem Sinne hier noch das Motto eines anderen Reise-Paares, ein Sprichwort aus Südafrika, mit dem ich heute schließen möchte. Ich widme es der einen Frau, mit der ich auch gerne auf Weltreise gehen würde …
Gehe ich vor Dir, dann weiß ich nicht, ob ich Dich auf den richtigen Weg bringe. Gehst Du vor mir, dann weiß ich nicht, ob Du mich auf den richtigen Weg bringst. Gehe ich neben Dir, werden wir gemeinsam den richtigen Weg finden.