Radio Gaga

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Ich habe zum Geburtstag von meiner Freundin ein Radio bekommen, was ich echt liebe. Sie hat es von einem Straßenkünstler in Kapstadt gekauft, der das Ding u.a. aus Kronkorken und Getränkedosen zusammengeklöppelt hat. Man kann sogar von Kurz- auf Langwelle umschalten, und es gibt an der Seite eine Kopfhörerbuchse. Es läuft erstaunlich gut (frage mich jetzt allerdings, wie sie es am Flughafen durch die Sicherheitskontrolle geschleust hat).

Am besten empfängt man in der Küche, wo es jetzt steht, den Sender Rock Antenne Hamburg. Voll in Ordnung, wenn man Kartoffeln schält oder die Spülmaschine ausräumt. Auf jeden Fall hat er die Radiosender-Prüfung bestanden!

Vor ein paar Tagen kam nämlich „Boulevard Of Broken Dreams“ von Green Day, und da stellt sich am Ende des Liedes (so bei Minute 04:10) immer die große Frage, spielen die Sender das epische Ende ganz aus oder gehen sie vorher raus, und meistens gehen die Sender vorher raus, aber nicht Rock Antenne Hamburg, die haben das Riff hinten ausgekostet. Cool.

Ansonsten? Tröpfelt das Jahr langsam aus. War nicht alles doll. Aber man ist auch zu müde, den ganzen innen- und außenpolitischen Mist aufzuzählen. UNICEF hat jetzt nochmal die Weltgemeinschaft angeklagt, weil letztes Jahr so viele Kinder Opfer von Kriegsgeschehen geworden sind. So gesehen, leben wir im Himmel. Manchmal wünsche ich mir göttliche Kräfte. Und göttliche Weisheit. Das eine ohne das andere reicht vermutlich nicht aus, um für dauerhaften Frieden zu sorgen.

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Liebe Leute,

Super Schwarzwald-Tatort gestern. Tolle Schauspieler, tolle Story, toll montiert. Man musste ein bisschen aufpassen, aber das kann ja manchmal nix schaden. Gehe da (ausnahmsweise) mit meinen Spiegel Online-Kollegen, die ihm 8 von 10 Punkten gegeben haben. Kritik der BILD: Muss man nicht sehen – nee, muss man nicht. Man muss sich auch nicht für Kunst, gutes Essen, einen geistreichen Kommentar oder überhaupt für die schönen Dinge des Lebens interessieren. Es macht das Leben nur manchmal … schöner.

Haben vor ein paar Abenden mit dem fast 18-Jährigen, der bei uns wohnt, einen Filmabend veranstaltet. Auf dem Programm: Lucky Number Slevin. Ich liebe diesen Film, super Mischung aus Kunst und Kalkül, wobei ich glaube, dass der damals in Deutschland gar nicht groß im Kino lief. Keine Ahnung, warum, meines Erachtens kann man den Film in einer Reihe mit Pulp Fiction oder Die üblichen Verdächtigen gucken. Jedenfalls war ich ganz angetan davon, wie angetan mein Ziehsohn von dem Film war. Es ist ja immer die Frage, was man den jungen Menschen mit auf den Weg geben kann. Ein Film, der hängen bleibt, ist auf jeden Fall allemal besser als halbherzige Belehrungen, die zum einen Ohr rein und zum anderen wieder rausgehen.

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Habe beim Aufräumen ein altes Büchlein gefunden, das bei mir als 4 oder 5-Jähriger am Adventskalender hing. Hab es in die Hand genommen, aufgeblättert und schon nach den ersten beiden Seiten fiel mir plötzlich die ganze Geschichte wieder ein, mit dem ungeschickten Engel, dem das Gebäck vom Blech rutscht, usw. Wäre ich ein bisschen älter, würde ich jetzt schreiben: Solche Bücher werden heute gar nicht mehr produziert. Mama und Papa, falls ihr das lest, ich hab Euch lieb. Und an alle anderen: zum Jahreswechsel mal ein altes Kinderbuch hervorholen und übelst geil  melancholisch draufkommen. Wie eine Motorwäsche fürs Herz! Noch ein paar kluge Tipps (Würg! Ächz! Stöhn!)?

Mein Hamburger Lieblingsradiosender 917xfm hat natürlich auch eine App. Die spielen da ganz coole Weihnachtsmusik. Also, JETZT GERADE!

Und: In der aktuellen 11Freunde ist ein Interview mit dem ehemaligen Bayern-Spieler Jupp Kapellmann (heute: Arzt, damals schon Spitzname „Die Apotheke“). Die zwei Anmerkungen, die er zu Uli Hoeneß fallen lässt, sind aufschlussreicher als alle Features über den Bayern-Manager der letzten 10 Jahre. Super Zeitschrift für Fußballfans, die nicht auch BILD-Leser sind!

Ansonsten? Zum Abschluss, am Heiligen Abend, wie immer mein kleines Weihnachtsgedicht. Für nächstes Jahr versuche ich mal, ein neues zu schreiben …

Die heil´ge Nacht weilt ungeduldig vor den Toren,
doch in der Stadt hebt niemand recht den Blick,
gehetzt, stets auf der Suche nach dem großen Kick,
brüllt abgewandt ein Lärm aus tauben Stöpselohren. 

Zuhause fällt ein jedermann ins Winterbett,
und über 100 Jahre alte Läden jammern
über zum Bersten vollgefüllte Kammern,
denn Buntes treibt sich bloß im Internet.

Kalter. Atem. Zug – in Lichtgeschwindigkeit durch kleine Bäume,
die jung anscheinend, immergrün und gut,
behutsam wandeln, die uns allen anverleibte Wut
in lang vergessene, feine Träume. 

So stehen und sinnen wir in tiefgefror´ner Nacht.
In seel´ger Wonne schlafen schon die Kinder.
Wir denken nach – und warten wie ein reuevoller Sünder 
auf Zeichen des´, das über uns und alle Zeiten wacht. 

Und für einen Bruchteil spüren wir die starke Kraft.
Mit einem Schlag ummantelt uns die lang ersehnte Ruhe.
Als läge lebenslang in einer fest verschlossenen Truhe,
der Geist, der ausgehaucht die größten Dinge schafft.

B-Sinnlich

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Alle schlafen noch oder sind schon unterwegs. Ich nutze die kurze Zwischenzeit für ein paar Gedanken. Besinnlich werden, ihr wisst schon.

Bin vorgestern 45 Jahre alt geworden. War gar nicht so schlimm, abends waren wir im kleinen Kreis essen. Mit am Tisch: alle drei Kinder, die nun bald schon Männer sind.

Ich habe keine Angst vorm Älterwerden. Ich wünsche mir aber – wie alle anderen auch – manchmal, dass die Zeit nicht so schnell vergehen würde. Egal, wie gut man sie nutzt. Habe auch nach 15 Jahren im Job im Grunde immer noch das Gefühl, noch gar nicht richtig angefangen zu haben, mit dem, was ich am besten kann und am liebsten tue. Obwohl ich meinen Job wirklich mag, darum geht es nicht. Es geht um „Erfüllung“. Wobei da natürlich viele Faktoren eine Rolle spielen.

Man kann auch nicht immer kreativ sein. Man muss auch mal im Unterhemd auf dem Sofa liegen, Fußball gucken und Bier aus Dosen trinken.

In diesem Moment, da ich diese Zeilen schreibe, läuft auf RTL bereits die zweite Weihnachtsschnulze. Das ist auf der einen Seite kaum zu ertragen, auf der anderen irgendwie auch nett. Allein über die Ambivalenz von Weihnachtsstimmung könnte man Bibliotheken füllen.

Bei meinem Arbeitgeber brennt der Baum, weil ein junger Kollege unsauber gearbeitet und gelogen hat. Das ist krass. Genauso krass ist, wie nun alle anderen Medienhäuser darauf eingehen und abrechnen. Und genauso krass ist, wie unabsehbar und besorgniserregend die möglichen, allgemeinen Folgen dieses persönlichen Fehlverhaltens sind.

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Krass – Helene Fischer und Florian Silbereisen haben sich getrennt

 

Mir ist auf der Suche nach Weihnachtsgeschenken nochmal aufgefallen, wieviele Ratgeber und Lebenshilfe-Bücher gerade in den Bestsellerlisten stehe. Aber wie lebt man sein Leben richtig?

Ich glaube mit 45 Jahren sagen zu können, dass es nichts bringt, immer nur über die Rahmenbedingungen zu jammern, wenn man mit sich selbst gut auskommen möchte.

Es spricht nichts dagegen, sich ab und zu ehrlich zu fragen, wie man wohl auf andere wirkt oder das Leben anderer beeinflusst. Und ggf. an sich zu arbeiten, ohne sich untreu zu werden. Nicht weil man allen gefallen oder um jeden Preis Erfolg muss, sondern weil es nicht schaden kann, ein bisschen Licht ins Dunkel zu tragen. Weil es auch glücklich macht, andere glücklich zu machen.

 

Bloody Merry

Upps, hab´ ich nach dem letzten Mal eigentlich den Grill sauber gemacht?
Upps, hab´ ich nach dem letzten Mal eigentlich den Grill sauber gemacht?

Jaja, der Weihnachtsgruß … kommt ja schon. Von Herzen sogar. Dafür komme ich zu nix. Ernsthaft. Also, zumindest nicht (so richtig) zu den Dingen, für die ich mir eigentlich jetzt Zeit nehmen wollte: die Kunst. Naja, ein bisschen was passiert da schon nebenher, aber … es war vermutlich auch ein bisschen blauäugig von mir zu glauben, man könne sich im Dezember – und speziell in der Vorweihnachtszeit – zuhause wie im Kloster zurückziehen.

Stattdessen tausend andere Dinge: Zahnarzt (einmal im Jahr, wie immer auf den letzten Drücker), Werkstatt (Warum gerade jetzt?), schon wieder Urlaubsplanung fürs nächste Jahr, obwohl man gerade erst zurückgekommen ist, ja, alles nicht so schlimm und nötig, so ist das Leben, dann eben im Januar irgendwie nochmal in Klausur.

Jetzt sitze ich wieder hier und zerbreche mir den Kopf wegen der Geschenke (geht nicht leichter, wenn man Zeit hat, sich darüber Gedanken zu machen). Vor allem für den Nachwuchs, wobei die einem ja klipp und klar sagen, was sie sich wünschen. Also, was sie bitte zu bekommen wünschen. Das Problem, wenn man dann anfängt nachzudenken, anstatt einfach nur zu gehorchen, ist, dass man sich eingehender mit den Söhnen beschäftigt: Was waren denn nochmal seine Interessen? Hmm, … wie war das denn früher? Und prompt hängt man über Fotoalben und wischt sich eine Träne aus dem Augenwinkel. Herrlich!

Und inspirierend: 

Den Schuhen, die man
Dir morgens kauft,
bist Du abends
schon entwachsen.
Drehst dich einmal
um die Achse,
während der, sichständig
um Dich drehend,

knöchrig, allzu bald,
ergraute Haare rauft.
Hast mich gekostet,

Nerven, Geld und so
manche nie
geschriebene Texte,
die wie Heckenschützen
lauern, dauern nun,
verworfen in die Tonne
vor den Gummistiefelpfützen,
darin voll Wonne,
Dein gekreischtes Lachen
mich zum wahren Menschen
fast verhexte.

Allen Lesern dieses Blogs von Herzen ein besinnliches Weihnachtsfest!

Afrika 4

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Unser Afrika-Abenteuer neigt sich dem Ende zu. Zeit für letzte Gedanken.

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Wir haben ein paar wunderschöne Orte gesehen, meistens toll gegessen, interessante Menschen kennen gelernt und einen supersüßen Hund (Chewy).

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Erlebnisse, an die wir uns jetzt schon gerne erinnern, als wären sie bereits lange her. Pflügen abends durch Unmengen von Bildern, in hellster Vorfreude auf das entstehende Fotobuch.

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Apropos Freude – die Lebensfreude der Einheimischen hat uns umgehauen, zuletzt am Samstag, an den Stränden von Camps Bay, aber auch an den Straßen, die bunt zusammengewürfelten Bautrupps aus Facharbeitern, Hilfskräften und Frauen, die rote Warnflaggen schwenken, aber auch mit anpacken, ja, es sind häufig nur Drive by-Beobachtungen, aber erste Eindrücke sind ja nicht immer falsch. Wir sind aber auch häufig angebettelt worden, von schwarzen Kindern und weißen Crystal Meth-Süchtigen, und uns ist einmal mehr klar geworden, dass es uns gut geht. Beneidenswert gut.

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Reisen sollte staatlich verordnet werden, weil man bestimmte Dinge dann besser versteht. Wir haben die Gefängniszelle von Nelson Mandela gesehen. 18 Jahre lang war er inhaftiert, weil er gegen Unterdrückung und für seine Ideale gekämpft hat, bewaffnet, anders als Gandhi, der, was mir gar nicht so bewusst war, aus ganz ähnlichen Motiven siebzig Jahre vorher ebenfalls zunächst in Südafrika politisch aktiv war.

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Mandela war am Ende seiner Haftzeit ein anderer Mensch. Er hat für Versöhnung geworben, weil er geahnt hat, dass die Zukunft seines geliebten Landes in Gefahr ist, wenn er Rache schwört. Obwohl er allen Grund dazu gehabt hätte.

Der Gefängnisbesuch auf Robben Island war wirklich ein eindringliches Erlebnis. Angefangen von der Überfahrt mit dem Schiff, bis hin zu den intensiven Schilderungen der Guides. Im Zellentrakt hat ein ehemaliger Gefangener von der Zeit der Apartheid und der Inhaftierungen erzählt. Bei den Folterungen ließ er die Details aus, weil, wie er es formulierte, „jemand, der vergewaltigt wurde, Probleme hat, über seine Vergewaltigung zu sprechen“. Lediglich an einer Stelle sprach er von Stromkabeln an den Hoden, was in der Kürze reichte, um zu verstehen, dass man diese Grausamkeiten nicht verstehen kann. Nicht, dass Folter irgendwann gerechtfertigt wäre, aber nochmal fürs Verständnis: Es ging ja damals nicht darum, dass man von einem Erpresser eine Aussage erzwingen wollte, wo das entführte Kind ist, sondern man hatte diesen jungen Mann gefoltert, weil er als Student für die Gleichberechtigung von Schwarzen gekämpft hat. Der Horror und die Anstrengungen dieses Lebens steckten in jeder Zeile seines Vortrags. Zwischendurch fragte ihn einer aus unserer Gruppe, warum er diesen Job mache, hier, an diesem Ort, der ihn an all das Schreckliche erinnere. Er antwortete, weil er sonst arbeitslos wäre.

Apartheid ist einfach ein schwieriges Thema. Eines, das bis heute zurecht die „Psyche“ der schwarzen Bevölkerung prägt. Das auch immer mitgedacht werden muss, um aktuelle Entwicklungen zu verstehen. Es ist ja nicht so, dass jetzt alles gut ist. Die Townships gibt es immer noch, und die reichen Weißen mit ihren großen – wie Festungen gesicherte – Häuser ebenso. Und das beeinflusst natürlich die Sichtweise. Und auch wenn Enteignungen weißer Farmen oder vermeintlich übertrieben hohe Quoten, was den Arbeitsmarkt betrifft, (keine Ausländer mehr, dafür vermehrt schwarzes Führungspersonal etc.) womöglich zunächst auch zu strukturellen Problemen führt, bspw. in der Landwirtschaft, kann ich diese neue Anti-Weiße-Haltung, die hier und da und zum Teil sehr aggressiv deutlich wird, zwar nicht gutheißen, aber ein Stück weit nachvollziehen. Diese Entwicklungen sind eben nicht (nur) rational zu erklären. Hier hat der weiße Mann keinen Wind gesät, sondern er war jahrzehntelang der Sturm selbst. Und es wird spannend sein zu sehen, in welche Richtung sich Südafrika in den nächsten zwanzig Jahren entwickeln wird.

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Ansonsten? Bin ich sogar ein bisschen zum Arbeiten gekommen und ganz zufrieden. Bücher und Literatur werden mich immer begleiten. In der schönen Hafenstadt mit dem leicht bekloppten Namen Hermanus waren wir im Hemingway Bookshop, ein Laden, in dem allein man eine Woche Urlaub machen könnte (wenn man zwischendurch immer mal wieder an die frische Luft geht). Ich habe dort ein Buch gekauft: Genius, für knapp 3 Euro. Eine tolle Kompilation vom Observer, die sich nicht zu ernst nimmt, und in der es darum geht, was einen Genius ausmacht, aber auch welche Persönlichkeiten „geniale“ Züge hatten, und wie die historisch zusammenhängen. Hochinteressant.

Das Buch eröffnet mit einem A-Z of genius. Unter X findet sich der Begriff Xerostomia – Dry Mouth. Intellectuals near a breakthrough can often forget to drink! Habe daraus geschlossen, dass ich in den letzten vier Wochen zwar vorangekommen bin, der „Durchbruch“ aber offenbar noch auf sich warten lässt.