Alexander Kluge ist tot. Ich musste die Nachricht ein bisschen verdauen. Muss es noch. Diese Nachrichten kommen immer überraschend, auch bei alten Menschen, „aus heiterem Himmel“, gewissermaßen. Danach wird es dunkel.
Ich bin mit Alexander Kluge bereits im Studium bekannt geworden, musste ein Referat über ihn halten, in einem Filmseminar über Avantgardisten. Ich übertreibe nicht, wenn ich sage, für mich war diese flüchtige Bekanntschaft ein Wendepunkt. Seitdem hat er mich verfolgt. Es ist kein Zufall, dass ich bei SPIEGEL TV gelandet bin. Das Medium Bild hat mich, der sich auch eher als Autor versteht (kurioserweise bis heute), auch deswegen interessiert, weil ich dieses Filmseminar belegt habe, in dem Alexander Kluge verhandelt wurde. Und ich wusste, dass SPIEGEL TV auf den Sendeplätzen der dctp lief – der Firma von Alexander Kluge. Ich dachte, so arbeiten wir irgendwie zusammen. Das hat mich motiviert.

Tatsächlich haben wir für ein Projekt sogar wirklich mal zusammengearbeitet: eine DVD über das Böse. Kluge hatte über die Jahre viele Interviews und Filmchen zu dem Thema produziert, und er wollte sie herausgeben, aber er brauchte dafür noch was „Normales“. Oder was Normaleres. Meine Frau und ich hatten kurz zuvor bei SPIEGEL TV – auch in einem der dctp-Fenster – eine lange Doku für VOX produziert, „Das Böse nebenan“, eine für damalige Verhältnisse (2009) ziemlich neuartige Form der Erzählung und Gestaltung, mit sehr tiefgehenden Experten-Interviews, ein Film, der unter die Haut ging. Man muss sich vorstellen, True Crime war damals fast eine Nische, und Amrei und ich versuchten, die Grenzen auszuloten. Und SPIEGEL TV ließ uns machen, das muss man auch mal sagen. Da wurde nicht auf die Schnitt-Tage geguckt, weil alle ahnten, das könnte auch nach vorne losgehen. So war es auf der einen Seite nicht völlig überraschend, aber doch ein großes Kompliment, dass sich Kluge bei uns meldete und sagte, er brauche unseren Film, gewissermaßen als (massenkompatiblen) Hauptfilm für seine kleinen (wunderbaren) Miniaturen, um die DVD herauszubringen.
Das Lustige war, ich hatte für die Doku so kleine Trenner entwickelt, Wortspiele zwischen den Fällen, grafische Animationen, wo aus dem Wort „Mutter“ z.B. „Mörder“ wurde, und zwar genau in dem Stil, wie Kluge selbst immer die Überschriftstafeln bei seinen eigenen dctp-Produktionen gestaltete, d.h. eine rote oder weiße, sehr klare Typo auf schwarzem Hintergrund. Im Grunde waren diese Animationen meine Hommage an ihn, und er wusste es, zumindest deutete er das am Telefon an; es sei ihm aufgefallen, und er fand das gut. Glaube ich.
Zu einem persönlichen Treffen kam es nie. Einmal hatten mir meine beiden Redaktionsleiterinnen netterweise ziemlich spontan ein Treffen mit ihm organisiert, eine richtige Privataudienz. Leider hatte ich zwei Tage vorher meine Handynummer gewechselt, was aber niemand wusste. Der Anruf landete auf der alten Mailbox. Ich stand auf dem Trainingsplatz, während Kluge im Hotel auf mich wartete. Katastrophe. Er war dann noch einmal in Hamburg in der Redaktion, Jahre später, da saß ich gerade im Interview mit Markus Wasmeier und sprach über Ikea und Mc Donalds für SAT1, ein schwarzer Tag, auch wenn Markus Wasmeier ein sehr netter Typ ist. Aber dass oben gerade Alexander Kluge die Runde machte, während ich mich unten im Studio mit den dunkleren Seiten des Privatfernsehens abmühte, irgendwie symptomatisch.
Ich habe Kluge auch dafür bewundert, dass er nicht nur „künstlerisch wertvoll“, sondern zugleich auch strategisch und medienpolitisch bewandert agiert hat. Er war ja auch Jurist, deswegen konnte er vermutlich so gut mit Ferdinand von Schirach (der wiederum damals das Vorwort zu unserer DVD verfasste). Die dctp, die Kluge gegründet hatte, um dort über die so genannten „Drittsendelizenzen“ Programme wie SPIEGEL TV abzuspielen, ermöglichte ihm nicht nur finanzielle Unabhängigkeit. Darüber hinaus schenkte sie ihm Zeit für seine weitreichenden, künstlerischen Tätigkeiten. Er hatte sich selbst ein „Spielfeld“ bestellt und verdiente damit auch noch Geld, ein genialer Schachzug. Es half ihm selbst, seinen gewaltigen Output zu kanalisieren, und kam genau deswegen letztlich eben auch uns zugute.
Seine CD-Box „Chronik der Gefühle“ liegt bei mir bis heute im Handschuhfach vom Volvo. Das beste Aufputschmittel für lange Autobahnfahrten. Es sind die einzigen CDs, die ich noch höre.

Ich hätte gerne nochmal persönlich mit ihm gesprochen. Ein paar Mal war ich kurz davor, nach München zu fahren und mich einfach vor sein Haus zu stellen, ein bisschen dort herumzulungern, so wie er als junger Mann gemeinsam mit seiner Schwester angeblich um das Haus von Thomas Mann herumgestreunt war. Und genau das hätte ich ihm entgegnet, wenn er mich gefragt hätte, was ich da wohl mache. Ich war also gewappnet, im Prinzip.
Nun ist der Sehnsuchtsort in meinem Kopf geschlossen. Oder in meinem Herzen. Es fühlt sich komisch an, dass Jürgen Habermas ein paar Tage zuvor ebenfalls verstorben ist. Als hätten sie sich abgesprochen, diese klugen alten Menschen. Als hätten sie genug gesehen. Oder zuviel. Keine Kraft mehr, sich dem Sturm im Blätterwald entgegenzustemmen. Naja, „Blätterwald“ … Papier spielt ja keine Rolle mehr, ein geschriebener Satz hat viel von dem verloren, was er mal war, seine Grundlage, wenn man so will. Jetzt reden wir von Servern, Drohnen, Deep Fakes. Kluge hat immer von Authentizität gesprochen. Mit dem Abgang dieser großen Denker schwinden unsere Abwehrkräfte weiter. Verstummen unsere Gedanken, zumindest die, die man ernst nehmen kann. Meine einzige Hoffnung: Es ist Ostern, das erhöht die Wahrscheinlichkeit einer Wiederauferstehung. In den heiteren Himmel.













































