Afrika 3

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Ich weiß, ich wollte eigentlich mehr über St. Lucia schreiben, aber wir haben wenig Internet unterwegs, und es passiert andererseits soviel … man kann da auf jeden Fall Hippos sehen, wenn man Glück hat. Und viele Affen, das ist cool. Mehr muss man aber über St. Lucia nicht wissen.

Ansonsten? Sind wir oft auch nur für eine Nacht irgendwo, denken, hier müssten wir länger bleiben, und denken denselben Gedanken am nächsten Abend am nächsten Ort. Man muss aufpassen, dass aus der Reise keine Nächstes-Mal-Reise wird, nach dem Motto, beim nächsten Mal machen wir es soundso. Die Dinge, die man zum ersten Mal betrachtet, so betrachten, als müsste man sie für alle Zeiten im Gedächtnis behalten. Das ist die Kunst, wenn man reist …

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Habe mich vor ein paar Tagen morgens vor so einem Kosmetikspiegel rasiert – und fast einen Schock bekommen. Wie alt sieht man in diesen Dingern aus? Da erkennt man ja plötzlich jede Falte, jedes graue Haar. Wie halten Frauen das aus? In Amerika hat es bestimmt schon Versuche gegeben, die Hersteller solcher Spiegel zu verklagen!

Südafrika zeigt sich von seiner besten Seite. Sind hier vor ein paar Tagen sogar abends alleine zu Fuß vom Restaurant nach Hause gegangen, obwohl man das nicht soll. Nix passiert. Überhaupt empfinde ich die Menschen bislang als sehr hilfsbereit und freundlich. Wir sind auch in Swasiland in eine Polizeikontrolle geraten, und, ja, als uns der Officer seine Hand durchs Fenster streckte, dachte ich zunächst, er wolle Geld haben, wollte er aber gar nicht. Er wollte uns tatsächlich nur die Hand geben – und vielleicht checken, ob ich eine Waffe habe ;-)

Ein paar Tage später haben wir – auf der Suche nach einem Kaffee (Oh, Boy) – einen Zwischenstopp in einem kleinen Ort gemacht, der sehr geprägt war von einer riesigen Zuckerrohrfabrik, und als wir eine Einheimische nach einem Supermarkt fragten und sie nicht weiter wusste, weil sie selber fremd war, überholte uns ein junger Mann in so einem getunten Caddy, hielt neben uns und fragte, was los sei. Als wir sagten, wir wären auf der Suche nach einem Supermarkt, fuhr er persönlich vor, bis wir an dem Supermarkt angekommen waren. Es gab da allerdings auch keinen Kaffee.

Danach waren wir in so einer River Lodge, und das war auch interessant. Traumhafte Lage, direkt am Indischen Ozean, aber im Ganzen etwas aus der Zeit gefallen: kein WLAN (was toll ist), der Lack ein bisschen ab, auch bei den überwiegend älteren Gästen. Irgendwie filmisch, ja, im Grunde eine fiktive Location für eine entsprechende Story, irgendwas zwischen Dirty Dancing und Jurassic Park. Für die drei Nächte, die wir dort verbrachten, jedenfalls genau das Richtige. Nach der superanstrengenden Anfahrt (Schlaglöcher, Hunde, Ziegen, Einheimische, die wie die Verrückten fahren), die eher einer vierstündigen Fahrprüfung glich oder einem komplexen Computerspiel, bei dem man jede Sekunde hochkonzentriert sein muss, war ich ziemlich euphorisch, als ich oben auf der Terrasse vor der Bar dieses vergessenen Paradieses saß und dachte: Hier möchte ich nicht wieder weg. Zumindest nicht so schnell.

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Was übrigens auch an Bernhard, dem besten Bar- und Hansa-Pils-for-me-Keeper lag. Und als wir später, pünktlich um 19 Uhr, den Dinnerraum betraten und der wunderbare, halbindische Alleinunterhalter gerade Can´t help falling in love von Elvis spielte, unserem absoluten Lieblingsstück von Gunter Gabriels Wohnzimmerkonzerten, da wusste ich, jetzt sind wir angekommen.

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Habe in diesen Tagen in der Lodge ein bisschen gearbeitet und endlich auch The Film Club durchgelesen, und das ist ein bisschen lustig, weil ich eben von Dirty Dancing sprach, und es in dem Buch an einer Stelle auch um „guilty pleasures“ geht, also um Filme, die eigentlich Schrott, aber auf gewisse Weise trotzdem gut sind: Der Autor David Gilmour nennt Pretty Woman als Beispiel, und ich erzähle das deswegen, weil ich mir in dem Ferienpark, in dem es ja kein Internet gab, die ganze Zeit in Erinnerung zu rufen versuchte, wie die Ferienanlage hieß, in der Dirty Dancing spielt: Nicht Houseman, so heißt Babys Familie (keine Ahnung, warum ich das noch weiß), aber so ähnlich …

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Heute sind wir in dem Surferparadies Jeffreys Bay angekommen (s. Foto ganz oben), haben schon im sagenumwobenen Nina´s gegessen (wirklich empfehlenswert, haben gleich noch eine Pizza für heute Abend mitgenommen), und ich konnte es eben nachlesen: Das Ferienresort in Dirty Dancing gehört den Kellermans! Jetzt geht es mir besser.

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Am letzten Abend war die River Lodge übrigens komplett ohne Strom, bestimmt für zwei Stunden, was im Prinzip nicht schlimm gewesen wäre, aber es ging gerade auf den Abend zu und draußen regnete und stürmte es. Küche und Bar wurden zwar über einen Generator betrieben, aber da die Ursache für den Stromausfall zunächst unklar war, und die nächste Stadt eineinhalb Stunden entfernt ist, rechneten wir mit dem Schlimmsten. Ich hatte auch diesbezüglich sogleich wieder den richtigen Film parat: From Dusk Till Dawn. Wir alle kennen den Moment, wenn überraschende Winzigkeiten, merkwürdige Wendungen und klitzekleine Ausdrücke im Gesicht eines eben noch „normalen“ Menschen dazu führen, dass einem plötzlich die Haare zu Berge stehen, die Fantasie mit einem durchgeht und man sich plötzlich fragt, ob die Rentner-Reisegruppe nur „untot“ aussieht, weil sie den Tagesmarsch zum Wasserfall gebucht hat oder weil sie … naja … womöglich zur Nacht hin mutiert. Ein vergleichsweise junges Paar aus Hamburg – super Gelegenheit, die Kühltruhe aufzufüllen. Ich dachte an meinen Sohn, der immer davon spricht, sich später einen PickUp zu kaufen („bestes Auto für eine Zombie-Apokalypse“), weil man von der Ladefläche aus mit dem MG auf die herannahenden Kreaturen schießen kann. Aber wir mit unserem scheißmodernen Nissan? Vielleicht können wir die Zombies mit der Klimaanlage einfrieren? Oder mit dem Eco-Modus beeindrucken? Oder dem seelenlosen Design zu Tode langweilen?

Nein, ich mache nur Spaß, es war ein total netter Abend, Strom war irgendwann wieder da, und meine Freundin und ich haben noch gescrabbelt. Habe zum ersten Mal in meinem Leben das Wort „EBAY“ gelegt und dafür 30 Punkte kassiert. Und mir ist auch unser Mietwagen schon ein bisschen ans Herz gewachsen, weil wir doch schon ein paar kribbelige Situationen unterwegs mit ihm überstanden haben. Auch ohne Ladefläche …

Afrika 2

Unsere große Reise geht weiter. Nach Swasiland nun St. Lucia, ein sehr schöner, wenn auch touristischer Ort. Aber davon später mehr.

Swasiland war jedenfalls unfassbar interessant. Zunächst hat es mich allerdings auch ein bisschen nachdenklich gemacht. Fast traurig. Wir sind auf sehr abenteuerlichem Wege von Südafrika nach Swasiland gekommen, über den Grenzübergang Josefsdal und dann weiter über Pigg´s Peak.

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Als Abenteuer zu empfehlen. Bis Pigg´s Peak  geht es allerdings knapp 20 Kilometer über krasseste Geröll- und Steinstraßen. Zum Glück hatten wir unseren Four-wheel drive, sonst wäre es echt eng geworden. Bin da zum Teil Schrittgeschwindigkeit gefahren, weil wir uns sonst alles aufgerissen hätten. Als wir dann von oben in Richtung Mbabane, der Hauptstadt, gefahren sind, haben wir uns natürlich über das Land unterhalten: die hohe AIDS-Rate von über 20 %, die offiziell verschwiegen wird, die hohe Arbeitslosigkeit von über 50 % – und dann ist da ja noch dieser, positiv ausgedrückt, extravagante König, der zwar auf riesigen Plakaten für den Fortschritt wirbt, aber faktisch nichts dafür tut. Und auf der Straße unzählige Menschen, denen man den täglichen Überlebenskampf ansieht.

Urlaub im Kolonialstil, jaja, nächstes Mal alternativer ...
Urlaub im Kolonialstil, jaja, nächstes Mal alternativer …

Als dann in der ersten Nacht im Hotel, das uns im Übrigen auch nochmal vor Augen führte, wie privilegiert wir „weißen Wessis“ eigentlich sind, neben unserem Zimmer die ganze Zeit ein eingesperrter Hund heulte, habe ich mir doch wieder den Kopf darüber zerbrochen, warum die Lebensbedingungen auf der ganzen Welt so unterschiedlich und ungerecht sind. Nicht, dass bei uns alles toll und woanders alles schlecht wäre, im Gegenteil. Die Art und Weise, wie der Tag in Afrika (gezwungenermaßen) im Hier und Jetzt begonnen und nicht nur von dem Gedanken befeuert wird, wie man noch sicherer und (erfolg)reicher werden kann, ist, so gesehen, sehr inspirierend und stünde uns auch durchaus gut zu Gesicht. Aber natürlich tippe ich diese Sätze in dieser Sekunde in mein Macbook und habe gerade meine amtliche Malaria-Prophylaxe genommen, mit einer Mahlzeit, die zu keiner Sekunde in Frage gestellt war.

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Glücklicherweise haben wir am nächsten Tag ein paar Orte besucht, die so schön waren, dass man sie – von außen betrachtet – beinahe als paradiesisch bezeichnen könnte: House of Fire, den Candle-Market und besonders die Yebo-Galerie. Ich pflege ja schon seit einigen Jahren die Angewohnheit, von meinen Reisen für kleines Geld kleine Gemälde mitzubringen, falls meine Freundin und ich es endlich mal schaffen, unser Resthof-Museumscafé auf die Beine zu stellen. Deswegen sind Besuche in lokalen Galerien immer gut. Auch diesmal bin ich wieder fündig geworden:

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Die junge Galerie-Managerin erklärte die zumeist düsteren und sehr realistischen Arbeiten der einheimischen Nachwuchskünstler damit, dass man im Volk eben immer noch nicht laut die Missstände ansprechen dürfe. Im weiteren Verlauf des sehr netten Gespräches sagte sie, ein richtiges Umdenken in Bezug auf Missbrauch, Vergewaltigung und Arbeitslosigkeit etc. käme eben erst auch dann in Gang, wenn das Volk seinen eigenen Führer wählen dürfe. Und das war ganz lustig, weil ich dann entgegnete, bei uns wäre Kunst natürlich auch immer eine Reaktion auf politische, gesellschaftliche und soziale Missstände. Und wir dürften zwar alle laut unsere Meinung sagen, aber das produziere in der jüngsten Vergangenheit eben auch sehr viel Hass und Lügen und Hetzereien, weil niemand da ist, der dieses negative und anonyme Gebrüll so aufbereitet, dass es die Demokratie nicht gefährdet. Und die Tatsache, dass man in Europa wählen dürfe, führe im Moment in vielen Ländern leider zu einem allgemeinen Rechtsruck. Also Wahl- und Meinungsfreiheit sind zwar per se gut, aber immer auch abhängig von den Bürgern eines Landes im Einzelnen und zusammengenommen.

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Ansonsten ist jeder Gang um die Ecke ein Erlebnis, auch wenn in Afrika heute vieles moderner und westlicher ist als noch vor 20 Jahren. Aber manchmal findet man z.B. im Supermarkt eben auch alltägliche Dinge, die es so nur hier gibt (s. Foto oben), und das ist toll, weil es andererseits natürlich auch viele Produkte gibt, die wir von zuhause kennen, z. B. Coca-Cola oder Nivea. Doch auch, was diese „global player“ betrifft, habe ich in diesen Tagen eine interessante Beobachtung gemacht: Es gibt nämlich Firmen, die ebenfalls weltweit tätig sind, von denen man das aber gar nicht so weiß, weil sie gesichtslos sind, bzw. so indifferent, was ihr Produkt-Portfolio betrifft: Jedenfalls stand ich im Bad und wollte mir gerade meine Ohrstöpsel, die ich immer dabei habe, reintun, wegen des heulenden Hundes (s.o.), als mir der Hersteller ins Auge fiel: 3M.

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Lustig, dachte ich, die machen doch auch dieses breite, braune Scotch-Klebeband, mit dem meine Großeltern früher immer ihre Geburtstagspakete verklebt haben. Und haben die nicht früher auch Disketten produziert? Jedenfalls gingen wir am nächsten Morgen zum Frühstück, und auf der ersten Treppenstufe zum Garten klebte so ein Reflektor, damit man im Dunklen nicht hinfällt, und wer stand als Hersteller darauf? Richtig:

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Verrückt, oder? Nicht!?

Afrika 1

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Schätzungsweise 30°, strahlender Sonnenschein, und das mitten im November. Waren die letzten Tage im Busch. Aber wirklich. Kein Handyempfang, dafür viel erlebt. Fühlte mich zwischendurch wie Hemingway, auch wenn ich weniger Alkohol getrunken und auf unseren Safaris ausschließlich Fotos geschossen habe. Wir waren in einem Zeltcamp am Rande des Krüger Nationalparks. Ohne Zaun. Die Elefanten kamen bis zu den Duschen, auf der Suche nach frischem Wasser. Wir haben einen Leoparden gesehen, keine 300 Meter vom Camp entfernt. Vor drei Tagen sprang abends ein Löwenweibchen auf die Terrasse, während wir beim Essen waren. Mir ist fast das Herz stehengeblieben. Uns allen. Zum Glück hat sich das Tier genauso erschrocken wie wir, hat sich in derselben Sekunde mit einem komischen Quieken umgedreht und ist – Zack – wieder zurück über die Mauer gesprungen. Krass, keine fünf Meter von uns entfernt. Hab mich aber im Laufe der Tage daran gewöhnt. Sogar geschlafen, auch wenn nachts direkt neben dem Zelt eine Hyäne aufheulte. Nachts durfte niemand alleine durchs Camp laufen, nur in Begleitung, obwohl keine der drei Männer da eine Waffe trug. „My mind is my Weapon“, hat Anthony, unser Fahrer, gesagt. Und es war absolut glaubwürdig.

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Was mir besonders aufgefallen ist: Jede Tour (morgens und abends) dauerte vier Stunden, das gleicht von der Fahrzeit her einer Strecke von Münster bis zur dänischen Grenze. Hier kommt es einem kürzer vor. Ist eben keine Autobahn, sondern der Busch. Wir mussten echt die Augen offenhalten. Auch das Camp war offen. Vor ein paar Tagen spazierte ein Löwenweibchen hinter den (allerdings massiven) Zelten entlang, kurz darauf das nach ihr suchende Männchen.

Interessant, mal wirklich für ein paar Tage keinen Handyempfang zu haben. Hab es total genossen. Heute das erste Mal online, sind jetzt in Graskop, einem Touristenort, ein schönes Gegenprogramm zu unserem Wildlife-Abenteuer der letzten Tage. Klassisches Sightseeing gemacht: Blyde River Canyon, God‘s Window usw. Habe sogar ein paar einheimische Mädchen neben uns zum Lachen gebracht, als ich an dem Aussichtspunkt God‘s Window plötzlich auf Englisch die Frage in den Raum stellte: „So where is this God now?“

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Dabei hätte ich allen Grund, zumindest an göttliches Geschick zu glauben. Tolle Reise, tolle Freundin, tolle Zeit. Bin sehr dankbar. Das Wetter ist natürlich auch super, hier beginnt ja langsam der Sommer. Habe in den letzten Tagen so viel Farbe bekommen, dass mein blaues Auge vom letzten Sonntag kaum mehr auffällt. Und was den Hemingway angeht: Habe es tatsächlich auch geschafft, an zwei Abenden mal durch meine Aufzeichnungen zu gehen. Bin ganz zufrieden. Ein Ziel ist allerdings noch nicht in Sicht. Anders als auf unserer Reise. Morgen: Swaziland.

Auf und davon

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Bin ich noch grün oder schon ein bisschen gelb?

Letzter Tag vor der Abreise nach Südafrika. Gestern und vorgestern noch die üblichen Dinge erledigt: professionellen Mückenschutz besorgt, ausländisches Geld und so lustige Kleinigkeiten wie neue Dichtungen im Baumarkt gekauft (zweimal, wohlgemerkt) und den Abfluss unter der Spüle in der Küche repariert (zweimal, wohlgemerkt), damit mein Ziehsohn während unserer Abwesenheit keinen Schiffbruch erleidet.

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War ja in den letzten Jahren wirklich viel unterwegs, aber natürlich sind vier Wochen, privat und gemeinsam mit seiner Lebensgefährtin (ein Wort, das immer, wenn ich es schreibe, viel schöner und wichtiger wirkt, als wenn man es nüchtern oder unbedacht ausspricht) unterwegs, etwas ganz Anderes als alleine auf Drehreise nach Moskau. Genieße das sehr, die Reisevorbereitungen zu treffen, ohne den üblichen Produktionsstress zu verspüren. Sich einfach nur auf die Zeit zu zweit zu freuen und lediglich darauf zu achten, sich nicht noch kurz vor dem Abflug bei irgendwem einen Infekt einzufangen.

Wir werden Südafrika mit dem Auto erkunden. Das wird sicher nicht nur spannend, sondern auch beruhigend. Freue mich auf große Naturbilder, überwältigende Panoramen, die die eigene Existenz wieder ins richtige Verhältnis setzen. Dass man am Ende merkt, wie unbedeutend man eigentlich für den Lauf der Dinge ist.

Hab mich ein bisschen eingestimmt, körperlich und geistig, mit einem schönen Spaziergang unter der Woche im Höltigbaum, einem ehemaligen Truppenübungsplatz, das nun unter Naturschutz steht. Aus dem richtigen Blickwinkel auch schon ein bisschen Steppe …

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Hatte neben Trink- auch ein bisschen geistiges Wasser an Bord: „Das hier ist Wasser“, von David Foster Wallace, eine berühmte Rede, die Wallace mal vor Uni-Absolventen gehalten hat, in der es letztlich darum geht, wie ein studierter Mensch sein (an der Uni ausgebildetes) Denken im Alltag einsetzen kann, um glücklicher und zufriedener zu leben.

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Bemerkenswert ist das natürlich vor allem vor dem Hintergrund, dass David Foster Wallace bekanntermaßen selbst unter Depressionen litt und sich am Ende das Leben nahm. Er schrieb also eine wichtige Anleitung für ein zufriedeneres Leben, war aber gleichzeitig nicht in der Lage, sie so auf sein eigenes Leben anzuwenden, dass es ihn vor dem Schlimmsten bewahrt hätte. Er reflektiert das in seiner Rede – drei Jahre vor seinem eigenen Selbstmord – übrigens auf gespenstische Art und Weise: „Es ist keineswegs Zufall, dass Erwachsene, die mit Schusswaffen Selbstmord begehen, sich fast immer in den Kopf schießen.“ Die Handlungsmaxime, die Wallace den Studenten nahelegt, sieht im Prinzip vor, bewusst Herr seines Denkens zu bleiben und sich in die Lage zu versetzen, selbst zu entscheiden, wie man über was nachdenkt. Für den Alltag konstruiert er ganz schöne, simple Beispiele, die mir bekannt vorkamen. Dass man sich, zum Beispiel, nicht über den rücksichtslosen SUV-Fahrer ärgern soll, der einem gerade den Weg abschneidet, sondern vielmehr auch die Möglichkeit in Betracht ziehen, dass der in diesem Moment so schnell wie möglich sein krankes Kind ins Krankenhaus bringen will.

Die Idee dahinter ist, dass man seine, wie Wallace es nennt, „Standardeinstellung“ zu überwinden lernt, weil man sonst auf Dauer nur das Schlechte sieht und die Umwelt entsprechend negativ wahrnimmt. Und das ist in der Tat ein Ansatz, den ich selber für mich schon erkannt habe und – auch wenn es schwerfällt – ab und an umzusetzen schaffe: an der Supermarktkasse, bei der Arbeit, auf dem Amt … es gibt immer Erklärungen für menschliches Verhalten. Anders gesagt: Die wenigsten Menschen kommen auf die Welt mit dem Ziel, sich von Tag eins an wie ein Arschloch aufzuführen.

Herman van Veen hat das übrigens schon vor langer Zeit in ein Lied gepackt, und es könnte gut sein, dass mir das als kleiner Junge mal bei meiner Tante begegnet und seitdem hängengeblieben ist:

Damit würde ich für heute mal den Bogen zu dem ersten Foto oben spannen: Glück und Zufriedenheit sind ein hohes Gut. Nicht immer kann man die Faktoren beeinflussen, und manchmal steht man fassungslos vor den Trümmern seiner Seele. Und eine Depression ist eine Depression. Aber wer generell die Vorstellungskraft nicht mehr dafür aufbringen kann, dass etwas nicht auch ganz anders und vielleicht sogar gut sein kann, hat schon verloren. Der guckt plötzlich in den Spiegel und merkt, dass er schon ein bisschen gelb ist und gleich womöglich den Halt verliert und zu Boden segelt – und das ganze Grünsein gar nicht genießen konnte, weil er so in seiner „Standardeinstellung“ gefangen war.