Pelenovela

Habe in den letzten Tagen tatsächlich einiges geschafft. Bin aber auch immer noch ein bisschen erfüllt von den Begegnungen auf meiner kleinen Reise in den Westen. Mit etwas Abstand betrachtet, muss man wirklich sagen, dass eines der wichtigsten Dinge im Leben ist, den Kontakt zu guten, alten Freunden stets zu erneuern. Freundschaft ist hinter der Liebe vielleicht das wichtigste Gefühl. Vielleicht ist es aber auch nur eine andere Art der Liebe.

Was mir außerdem aufgefallen ist: Die Väter meiner Freunde sind entweder bereits tot oder sehr krank. Das macht mich tatsächlich betroffen und auch ein bisschen demütig. Vermutlich erlebe ich jetzt gerade eine Phase, in der die Kinder aus dem Gröbsten raus sind und die eigenen Eltern noch nicht wieder drin. Es könnte sein, dass die nächsten fünf Jahre die ruhigsten meines Lebens werden.

Leider neigt sich meine kleine Auszeit dem Ende zu. Bin sehr dankbar, aber auch erstaunt, wie wenig ich von dem geschafft habe, was ich eigentlich vorhatte. Und zugleich eine ganze Menge. Es ist natürlich immer gefährlich, einfach draufloszuarbeiten. Ohne Auftrag. Weil immer die Gefahr besteht, dass am Ende alles in der Tonne landet. Wobei ich guter Hoffnung bin. Anders gesagt: Ich bin schon mit schlechterem Gefühl in Filmabnahmen gegangen und war hinterher ganz überrascht, wie gut es lief.

Ich habe zudem den Eindruck, dass es mir leichter von der Hand geht, seitdem ich nicht mehr auf andere, sondern auf mich selbst schaue. Einfach Satz für Satz vorgehen und sich freuen, wenn sich zwei umarmen und Sinn ergeben.

Mein jüngster Sohn hat am Wochenende beim lockeren Trainingsspiel mit meinen Senioren mitgekickt. War schön zu sehen, wie freundlich und cool die ihn empfangen haben. Und wie gut er mitgespielt hat. Und der Älteste wird nächsten Samstag volljährig. Er hat gerade die theoretische Führerscheinprüfung bestanden …

Man kann sich gar nicht so viel frei nehmen, dass die Zeit auf einen warten würde. Man muss einfach zusehen, dass man das bisschen, was man hier und da abzweigen kann, optimal nutzt, für sinnvolle Tätigkeiten mit lieben Menschen.

Hatte diesbezüglich gerade vor ein paar Tagen in Düsseldorf eine eindrückliche Begegnung, als ich mit meinem alten Freund Nils dessen Auto aus der Werkstatt geholt habe. Der KfZ-Meister ist Grieche und Hobby-Philosoph im besten Sinne, wie Nils mir vorher erzählt hatte. Jedenfalls kamen wir kurz vor Feierabend in seiner Garage an. Der Meister telefonierte gerade und ließ sich von uns auch gar nicht aus der Ruhe bringen. Als es ein bisschen merkwürdig zu werden drohte, legte er endlich auf, drehte sich um und erklärte entschuldigend, dass das seine griechischen Verwandten aus Kanada gewesen seien, zu denen er leider kaum noch Kontakt habe. Sich zu sehen sei schon mal fast unmöglich, und es sei überhaupt eine Schande, dass man den ganzen Tag arbeite und irgendeinen Mist mache, um Rechnungen zu bezahlen, die Miete, das Handy usw., während man die Familie, also, die Menschen, die man am meisten liebt, wenn es hoch kommt, ein Mal im Jahr zu Gesicht bekomme.

Die Welt ist ein Kosmos, und jeden Tag gibt es etwas Neues zu entdecken. Manchmal trifft man einen klugen, griechischen Autoschrauber. Dafür muss man natürlich den Arsch hochkriegen und sich aufmachen. Manchmal ist das aber auch ganz einfach. Surfe abends nach getaner Arbeit häufig noch ein bisschen im Netz. Bin da in den letzten Tagen unter anderem auf eine spannende Pelé-Doku und die Homepage von Piet Klocke gestoßen. Habe beides in meinen Kanon aufgenommen.

Copyright: Seventh Art Productions for BBC. Screenshot-Art: G. Jöns-Anders
Copyright: Seventh Art Productions for BBC. Screenshot-Art: G. Jöns-Anders

Könnte ich mir meinen Lieblingsjob stricken, würde ich einfach jeden Tag Menschen interviewen. Von morgens bis abends, ganz locker. Und wenn er (oder sie) Fußballer wäre, würden wir auf den Bolzplatz gehen, und wenn er (oder sie) Musiker und Comedian wäre, würden wir lustig Musik machen.

Ganz einfach.

Some kind of Mönster

Was für Kenner! Kleiner Tipp: Ich bin es nicht ...
Was für Kenner! Kleiner Tipp: Ich bin es nicht …

Bin noch mal ein paar Tage unterwegs im Westen, meinen Vater besuchen und alte Freunde, quatschen und kicken, so ein bisschen wie letztes Jahr um diese Zeit, nur dass ich diesmal ein konkretes Schreib-Projekt im Gepäck habe, an dem ich weiterarbeiten kann, anstatt danach zu suchen. Wobei das gar nicht so leicht ist, weil die Gespräche mit alten Freunden natürlich immer ein bisschen ausufern, sonst wären es ja keine alten Freunde.

Was mir wieder gut gelungen ist: die Kombination aus Gesprächen und Fußball-Dates. Dienstag, Donnerstag und vielleicht Samstag, mit alten Freunden in unterschiedlichen Konstellationen. Gestern Abend hab ich mich zum Beispiel mit unserem alten Verdancy-Bassisten und ein paar anderen alten Freunden in der Halle zum Kicken getroffen. Da fühlt man sich wirklich wieder wie 15 – zumindest im Kopf. Wie? Ihr kennt Verdancy nicht?

Ich bin immer gerne hier, Münster ist klein und beschaulich, ein Urlaubsort, zumindest nehme ich das so wahr. Versuche dennoch, die Zeit literarisch zu nutzen. So wie jetzt. Wollte eigentlich die Idee weiterführen, aber in letzter Zeit sprechen mich so viele Menschen auf den Blog an, dass ich dachte, ich sende ein kurzes Lebenszeichen in die Welt.

Gestern Nachmittag habe ich mir bewusst ein paar Arbeitsstunden frei geschaufelt. Da ich in der Stadt unterwegs war, bin ich in die Universitätsbibliothek gegangen. Habe ja in Münster studiert und kenne mich deswegen noch ganz gut aus. War kein Problem, ohne Studentenausweis reinzukommen und auch ganz interessant, die jungen Leute bei ihren Studien zu beobachten. Bin jedenfalls zu dem Schluss gekommen, dass ich nicht mehr 20 sein möchte. Dass ich froh bin, fertig zu sein und meine akademische Reise abgeschlossen zu haben. Die Gruppenreferate, die Hausarbeiten, langweilige Vorlesungen, das Jobben nebenher, ich möchte es nicht mehr.

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Interessant war auch, dass in den letzten 25 Jahren neue Themen wichtig geworden sind, z.B. saubere Quellenrecherche (im Sinne von: Taugt die Quelle?), Plagiate oder Fake News. Das sind definitiv Themen, die bei uns keine oder selbstverständlich waren und/oder erst heute als Probleme aufgetaucht sind. Frage mich, ob wir reifer waren oder die Welt tatsächlich weniger diffus.

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Manche Dinge haben sich aber auch nicht geändert, z.B. die politischen Schreib-, äh … Streit-Gespräche auf den Innenseiten der Klotüren. Ich glaube, da könnte man noch eine Marktlücke schließen – Klotüren, die auf den Innenseiten so gestaltet sind, dass man ein bisschen was lesen kann, ohne seine Hände zu benutzen. Wäre im Übrigen auch ein guter Schutz gegen fake news, wenn die jungen Leute wenigstens beim Kacken ihr Handy aus der Hand legen würden.

Da ins Detail zu gehen, würde jetzt zu weit führen.
Da ins Detail zu gehen, würde jetzt zu weit führen.

Übernachten konnte ich bei meinem Vater, das war auch nett. Hab vor dem Schlafen noch in einem Loriot-Büchlein geblättert und bin da über einen Comic gestolpert, der – für mich als „Medienfuzzi“ – so genial und visionär ist, dass ich ihn jetzt hier einfach abdrucke. Im Prinzip die Vorwegnahme des Privatfernsehens. Hut ab!

Copyright: Loriot, gibt´s alles bei Diogenes
Copyright: Loriot, gibt´s alles bei Diogenes

Komme deswegen drauf, weil ich hier am ersten Abend noch einen kurzen Stopp im Dorfgrill eingelegt habe. In einem Kaff namens Alverskirchen, ja, das gibt´s wirklich. Das war eigentlich auch sehr nett da, aber im Fernsehen lief schlicht und einfach RTL, ich glaube Gute Zeiten, schlechte Zeiten oder sowas, keine Ahnung, auf jeden Fall hab ich da noch gedacht, damit hätte man ja wohl alles benannt, und dass das ein ziemlich guter Titel für so ein Format ist.

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Ansonsten? Ist es hier kalt und regnerisch. Nicht schön, aber immer noch besser, als im Schnee zu versinken. Man müsste Petrus mal Aristoteles vorlesen – die Lehre vom gesunden Mittelmaß. Ein bisschen Winter hier, ein bisschen Winter da, das wäre doch was. Möchte jetzt aber auch keine Lawine lostreten, Kirche und griechische Antike kreuzen, da haben sich schon ganz andere verhoben …

Zeit ist Welt

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Kurz vorab: Es ist mir ein bisschen unangenehm, dass ich noch ein paar freie Tage genießen darf, während meine Freundin, der ich die freien Tage auch verdanke, schon wieder arbeiten muss. Und eigentlich wollte ich die freien Tage ja nutzen, um meine neue Schreib-Idee weiterzuentwickeln. Deswegen ist es womöglich in doppelter Hinsicht fragwürdig, dass ich mit meinen Söhnen noch mal für ein paar Tage in den Norden gefahren bin, anstatt den ganzen Tag diszipliniert und abgeschottet am Schreibtisch zu sitzen.

Aber, nein, natürlich sind diese paar Tage mit den Jungs ungeheuer wertvoll und schön, zumal ich sie als Teilzeit-Vater ja nicht täglich sehe und auch den normalen Alltag zumeist nicht mit ihnen erlebe. Und hier mal gemeinsam den Tag zu verbringen, von morgens bis abends, mit Spaß, Aktivität, aber immer wieder auch ein bisschen Faulenzen, ist einfach ein kostbarer Schatz.

Nun haben wir auch das große Glück, bei meiner Mutter eine Anlaufstelle vorzufinden, die an sich schon sehr fröhlich, gemütlich und wohltuend beruhigend ist. Obendrein kann man von hier aus viel unternehmen: Gestern waren wir erst Angeln am Langsee, dann Fußball spielen in Tolk. Heute sind wir über die dänische Grenze nach Sonderborg gefahren, um zu Angeln und … richtig … Fußball zu spielen.

Die Jungs werden immer größer, und es ist nicht sicher, ob solche Kurzurlaube in der Form noch häufig vorkommen werden. Deswegen genieße ich jede Stunde, freue mich über jeden cleveren Scherz, aber auch so manche freche Bemerkung. Es fühlt sich alles sehr richtig an, und überall sind gute Vibes spürbar.

Und deswegen ist es in doppelter Hinsicht klug, dass ich mit meinen Söhnen noch mal für ein paar Tage in den Norden gefahren bin, anstatt den ganzen Tag diszipliniert und abgeschottet am Schreibtisch zu sitzen. Weil meine Schreib-Idee, die gerade entsteht, auch mit der Grundform „Liebe“ zu tun hat. Und ich in dem unbewussten Flow, in dem ich die Tage gerade erlebe, offenbar geneigt bin, Hemmschwellen zu überwinden und Gedanken zu verknüpfen, die sich sonst nie die Hand reichen.

Und wir sind geborgen unterwegs. Es gab schon wieder Zugunglücke, Glätteunfälle auf der Autobahn, einschneidende Ereignisse, die Leben beenden oder für immer verändern. Ereignisse, die täglich geschehen können. Deswegen sind diese beschützten Momente umso wertvoller.

Es soll nicht zynisch oder hämisch klingen, im Gegenteil, alle Dinge haben ihre Zeit. Man hat auch nicht immer die freie Wahl. Manchmal darf man auch Zeit verschwenden oder vergeuden. Das Wichtigste ist, dass man sie sich nimmt, wenn man sie wirklich braucht. Für was auch immer.

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Radio Gaga

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Ich habe zum Geburtstag von meiner Freundin ein Radio bekommen, was ich echt liebe. Sie hat es von einem Straßenkünstler in Kapstadt gekauft, der das Ding u.a. aus Kronkorken und Getränkedosen zusammengeklöppelt hat. Man kann sogar von Kurz- auf Langwelle umschalten, und es gibt an der Seite eine Kopfhörerbuchse. Es läuft erstaunlich gut (frage mich jetzt allerdings, wie sie es am Flughafen durch die Sicherheitskontrolle geschleust hat).

Am besten empfängt man in der Küche, wo es jetzt steht, den Sender Rock Antenne Hamburg. Voll in Ordnung, wenn man Kartoffeln schält oder die Spülmaschine ausräumt. Auf jeden Fall hat er die Radiosender-Prüfung bestanden!

Vor ein paar Tagen kam nämlich „Boulevard Of Broken Dreams“ von Green Day, und da stellt sich am Ende des Liedes (so bei Minute 04:10) immer die große Frage, spielen die Sender das epische Ende ganz aus oder gehen sie vorher raus, und meistens gehen die Sender vorher raus, aber nicht Rock Antenne Hamburg, die haben das Riff hinten ausgekostet. Cool.

Ansonsten? Tröpfelt das Jahr langsam aus. War nicht alles doll. Aber man ist auch zu müde, den ganzen innen- und außenpolitischen Mist aufzuzählen. UNICEF hat jetzt nochmal die Weltgemeinschaft angeklagt, weil letztes Jahr so viele Kinder Opfer von Kriegsgeschehen geworden sind. So gesehen, leben wir im Himmel. Manchmal wünsche ich mir göttliche Kräfte. Und göttliche Weisheit. Das eine ohne das andere reicht vermutlich nicht aus, um für dauerhaften Frieden zu sorgen.

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Liebe Leute,

Super Schwarzwald-Tatort gestern. Tolle Schauspieler, tolle Story, toll montiert. Man musste ein bisschen aufpassen, aber das kann ja manchmal nix schaden. Gehe da (ausnahmsweise) mit meinen Spiegel Online-Kollegen, die ihm 8 von 10 Punkten gegeben haben. Kritik der BILD: Muss man nicht sehen – nee, muss man nicht. Man muss sich auch nicht für Kunst, gutes Essen, einen geistreichen Kommentar oder überhaupt für die schönen Dinge des Lebens interessieren. Es macht das Leben nur manchmal … schöner.

Haben vor ein paar Abenden mit dem fast 18-Jährigen, der bei uns wohnt, einen Filmabend veranstaltet. Auf dem Programm: Lucky Number Slevin. Ich liebe diesen Film, super Mischung aus Kunst und Kalkül, wobei ich glaube, dass der damals in Deutschland gar nicht groß im Kino lief. Keine Ahnung, warum, meines Erachtens kann man den Film in einer Reihe mit Pulp Fiction oder Die üblichen Verdächtigen gucken. Jedenfalls war ich ganz angetan davon, wie angetan mein Ziehsohn von dem Film war. Es ist ja immer die Frage, was man den jungen Menschen mit auf den Weg geben kann. Ein Film, der hängen bleibt, ist auf jeden Fall allemal besser als halbherzige Belehrungen, die zum einen Ohr rein und zum anderen wieder rausgehen.

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Habe beim Aufräumen ein altes Büchlein gefunden, das bei mir als 4 oder 5-Jähriger am Adventskalender hing. Hab es in die Hand genommen, aufgeblättert und schon nach den ersten beiden Seiten fiel mir plötzlich die ganze Geschichte wieder ein, mit dem ungeschickten Engel, dem das Gebäck vom Blech rutscht, usw. Wäre ich ein bisschen älter, würde ich jetzt schreiben: Solche Bücher werden heute gar nicht mehr produziert. Mama und Papa, falls ihr das lest, ich hab Euch lieb. Und an alle anderen: zum Jahreswechsel mal ein altes Kinderbuch hervorholen und übelst geil  melancholisch draufkommen. Wie eine Motorwäsche fürs Herz! Noch ein paar kluge Tipps (Würg! Ächz! Stöhn!)?

Mein Hamburger Lieblingsradiosender 917xfm hat natürlich auch eine App. Die spielen da ganz coole Weihnachtsmusik. Also, JETZT GERADE!

Und: In der aktuellen 11Freunde ist ein Interview mit dem ehemaligen Bayern-Spieler Jupp Kapellmann (heute: Arzt, damals schon Spitzname „Die Apotheke“). Die zwei Anmerkungen, die er zu Uli Hoeneß fallen lässt, sind aufschlussreicher als alle Features über den Bayern-Manager der letzten 10 Jahre. Super Zeitschrift für Fußballfans, die nicht auch BILD-Leser sind!

Ansonsten? Zum Abschluss, am Heiligen Abend, wie immer mein kleines Weihnachtsgedicht. Für nächstes Jahr versuche ich mal, ein neues zu schreiben …

Die heil´ge Nacht weilt ungeduldig vor den Toren,
doch in der Stadt hebt niemand recht den Blick,
gehetzt, stets auf der Suche nach dem großen Kick,
brüllt abgewandt ein Lärm aus tauben Stöpselohren. 

Zuhause fällt ein jedermann ins Winterbett,
und über 100 Jahre alte Läden jammern
über zum Bersten vollgefüllte Kammern,
denn Buntes treibt sich bloß im Internet.

Kalter. Atem. Zug – in Lichtgeschwindigkeit durch kleine Bäume,
die jung anscheinend, immergrün und gut,
behutsam wandeln, die uns allen anverleibte Wut
in lang vergessene, feine Träume. 

So stehen und sinnen wir in tiefgefror´ner Nacht.
In seel´ger Wonne schlafen schon die Kinder.
Wir denken nach – und warten wie ein reuevoller Sünder 
auf Zeichen des´, das über uns und alle Zeiten wacht. 

Und für einen Bruchteil spüren wir die starke Kraft.
Mit einem Schlag ummantelt uns die lang ersehnte Ruhe.
Als läge lebenslang in einer fest verschlossenen Truhe,
der Geist, der ausgehaucht die größten Dinge schafft.

B-Sinnlich

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Alle schlafen noch oder sind schon unterwegs. Ich nutze die kurze Zwischenzeit für ein paar Gedanken. Besinnlich werden, ihr wisst schon.

Bin vorgestern 45 Jahre alt geworden. War gar nicht so schlimm, abends waren wir im kleinen Kreis essen. Mit am Tisch: alle drei Kinder, die nun bald schon Männer sind.

Ich habe keine Angst vorm Älterwerden. Ich wünsche mir aber – wie alle anderen auch – manchmal, dass die Zeit nicht so schnell vergehen würde. Egal, wie gut man sie nutzt. Habe auch nach 15 Jahren im Job im Grunde immer noch das Gefühl, noch gar nicht richtig angefangen zu haben, mit dem, was ich am besten kann und am liebsten tue. Obwohl ich meinen Job wirklich mag, darum geht es nicht. Es geht um „Erfüllung“. Wobei da natürlich viele Faktoren eine Rolle spielen.

Man kann auch nicht immer kreativ sein. Man muss auch mal im Unterhemd auf dem Sofa liegen, Fußball gucken und Bier aus Dosen trinken.

In diesem Moment, da ich diese Zeilen schreibe, läuft auf RTL bereits die zweite Weihnachtsschnulze. Das ist auf der einen Seite kaum zu ertragen, auf der anderen irgendwie auch nett. Allein über die Ambivalenz von Weihnachtsstimmung könnte man Bibliotheken füllen.

Bei meinem Arbeitgeber brennt der Baum, weil ein junger Kollege unsauber gearbeitet und gelogen hat. Das ist krass. Genauso krass ist, wie nun alle anderen Medienhäuser darauf eingehen und abrechnen. Und genauso krass ist, wie unabsehbar und besorgniserregend die möglichen, allgemeinen Folgen dieses persönlichen Fehlverhaltens sind.

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Krass – Helene Fischer und Florian Silbereisen haben sich getrennt

 

Mir ist auf der Suche nach Weihnachtsgeschenken nochmal aufgefallen, wieviele Ratgeber und Lebenshilfe-Bücher gerade in den Bestsellerlisten stehe. Aber wie lebt man sein Leben richtig?

Ich glaube mit 45 Jahren sagen zu können, dass es nichts bringt, immer nur über die Rahmenbedingungen zu jammern, wenn man mit sich selbst gut auskommen möchte.

Es spricht nichts dagegen, sich ab und zu ehrlich zu fragen, wie man wohl auf andere wirkt oder das Leben anderer beeinflusst. Und ggf. an sich zu arbeiten, ohne sich untreu zu werden. Nicht weil man allen gefallen oder um jeden Preis Erfolg muss, sondern weil es nicht schaden kann, ein bisschen Licht ins Dunkel zu tragen. Weil es auch glücklich macht, andere glücklich zu machen.

 

Bloody Merry

Upps, hab´ ich nach dem letzten Mal eigentlich den Grill sauber gemacht?
Upps, hab´ ich nach dem letzten Mal eigentlich den Grill sauber gemacht?

Jaja, der Weihnachtsgruß … kommt ja schon. Von Herzen sogar. Dafür komme ich zu nix. Ernsthaft. Also, zumindest nicht (so richtig) zu den Dingen, für die ich mir eigentlich jetzt Zeit nehmen wollte: die Kunst. Naja, ein bisschen was passiert da schon nebenher, aber … es war vermutlich auch ein bisschen blauäugig von mir zu glauben, man könne sich im Dezember – und speziell in der Vorweihnachtszeit – zuhause wie im Kloster zurückziehen.

Stattdessen tausend andere Dinge: Zahnarzt (einmal im Jahr, wie immer auf den letzten Drücker), Werkstatt (Warum gerade jetzt?), schon wieder Urlaubsplanung fürs nächste Jahr, obwohl man gerade erst zurückgekommen ist, ja, alles nicht so schlimm und nötig, so ist das Leben, dann eben im Januar irgendwie nochmal in Klausur.

Jetzt sitze ich wieder hier und zerbreche mir den Kopf wegen der Geschenke (geht nicht leichter, wenn man Zeit hat, sich darüber Gedanken zu machen). Vor allem für den Nachwuchs, wobei die einem ja klipp und klar sagen, was sie sich wünschen. Also, was sie bitte zu bekommen wünschen. Das Problem, wenn man dann anfängt nachzudenken, anstatt einfach nur zu gehorchen, ist, dass man sich eingehender mit den Söhnen beschäftigt: Was waren denn nochmal seine Interessen? Hmm, … wie war das denn früher? Und prompt hängt man über Fotoalben und wischt sich eine Träne aus dem Augenwinkel. Herrlich!

Und inspirierend: 

Den Schuhen, die man
Dir morgens kauft,
bist Du abends
schon entwachsen.
Drehst dich einmal
um die Achse,
während der, sichständig
um Dich drehend,

knöchrig, allzu bald,
ergraute Haare rauft.
Hast mich gekostet,

Nerven, Geld und so
manche nie
geschriebene Texte,
die wie Heckenschützen
lauern, dauern nun,
verworfen in die Tonne
vor den Gummistiefelpfützen,
darin voll Wonne,
Dein gekreischtes Lachen
mich zum wahren Menschen
fast verhexte.

Allen Lesern dieses Blogs von Herzen ein besinnliches Weihnachtsfest!

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Unser Afrika-Abenteuer neigt sich dem Ende zu. Zeit für letzte Gedanken.

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Wir haben ein paar wunderschöne Orte gesehen, meistens toll gegessen, interessante Menschen kennen gelernt und einen supersüßen Hund (Chewy).

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Erlebnisse, an die wir uns jetzt schon gerne erinnern, als wären sie bereits lange her. Pflügen abends durch Unmengen von Bildern, in hellster Vorfreude auf das entstehende Fotobuch.

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Apropos Freude – die Lebensfreude der Einheimischen hat uns umgehauen, zuletzt am Samstag, an den Stränden von Camps Bay, aber auch an den Straßen, die bunt zusammengewürfelten Bautrupps aus Facharbeitern, Hilfskräften und Frauen, die rote Warnflaggen schwenken, aber auch mit anpacken, ja, es sind häufig nur Drive by-Beobachtungen, aber erste Eindrücke sind ja nicht immer falsch. Wir sind aber auch häufig angebettelt worden, von schwarzen Kindern und weißen Crystal Meth-Süchtigen, und uns ist einmal mehr klar geworden, dass es uns gut geht. Beneidenswert gut.

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Reisen sollte staatlich verordnet werden, weil man bestimmte Dinge dann besser versteht. Wir haben die Gefängniszelle von Nelson Mandela gesehen. 18 Jahre lang war er inhaftiert, weil er gegen Unterdrückung und für seine Ideale gekämpft hat, bewaffnet, anders als Gandhi, der, was mir gar nicht so bewusst war, aus ganz ähnlichen Motiven siebzig Jahre vorher ebenfalls zunächst in Südafrika politisch aktiv war.

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Mandela war am Ende seiner Haftzeit ein anderer Mensch. Er hat für Versöhnung geworben, weil er geahnt hat, dass die Zukunft seines geliebten Landes in Gefahr ist, wenn er Rache schwört. Obwohl er allen Grund dazu gehabt hätte.

Der Gefängnisbesuch auf Robben Island war wirklich ein eindringliches Erlebnis. Angefangen von der Überfahrt mit dem Schiff, bis hin zu den intensiven Schilderungen der Guides. Im Zellentrakt hat ein ehemaliger Gefangener von der Zeit der Apartheid und der Inhaftierungen erzählt. Bei den Folterungen ließ er die Details aus, weil, wie er es formulierte, „jemand, der vergewaltigt wurde, Probleme hat, über seine Vergewaltigung zu sprechen“. Lediglich an einer Stelle sprach er von Stromkabeln an den Hoden, was in der Kürze reichte, um zu verstehen, dass man diese Grausamkeiten nicht verstehen kann. Nicht, dass Folter irgendwann gerechtfertigt wäre, aber nochmal fürs Verständnis: Es ging ja damals nicht darum, dass man von einem Erpresser eine Aussage erzwingen wollte, wo das entführte Kind ist, sondern man hatte diesen jungen Mann gefoltert, weil er als Student für die Gleichberechtigung von Schwarzen gekämpft hat. Der Horror und die Anstrengungen dieses Lebens steckten in jeder Zeile seines Vortrags. Zwischendurch fragte ihn einer aus unserer Gruppe, warum er diesen Job mache, hier, an diesem Ort, der ihn an all das Schreckliche erinnere. Er antwortete, weil er sonst arbeitslos wäre.

Apartheid ist einfach ein schwieriges Thema. Eines, das bis heute zurecht die „Psyche“ der schwarzen Bevölkerung prägt. Das auch immer mitgedacht werden muss, um aktuelle Entwicklungen zu verstehen. Es ist ja nicht so, dass jetzt alles gut ist. Die Townships gibt es immer noch, und die reichen Weißen mit ihren großen – wie Festungen gesicherte – Häuser ebenso. Und das beeinflusst natürlich die Sichtweise. Und auch wenn Enteignungen weißer Farmen oder vermeintlich übertrieben hohe Quoten, was den Arbeitsmarkt betrifft, (keine Ausländer mehr, dafür vermehrt schwarzes Führungspersonal etc.) womöglich zunächst auch zu strukturellen Problemen führt, bspw. in der Landwirtschaft, kann ich diese neue Anti-Weiße-Haltung, die hier und da und zum Teil sehr aggressiv deutlich wird, zwar nicht gutheißen, aber ein Stück weit nachvollziehen. Diese Entwicklungen sind eben nicht (nur) rational zu erklären. Hier hat der weiße Mann keinen Wind gesät, sondern er war jahrzehntelang der Sturm selbst. Und es wird spannend sein zu sehen, in welche Richtung sich Südafrika in den nächsten zwanzig Jahren entwickeln wird.

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Ansonsten? Bin ich sogar ein bisschen zum Arbeiten gekommen und ganz zufrieden. Bücher und Literatur werden mich immer begleiten. In der schönen Hafenstadt mit dem leicht bekloppten Namen Hermanus waren wir im Hemingway Bookshop, ein Laden, in dem allein man eine Woche Urlaub machen könnte (wenn man zwischendurch immer mal wieder an die frische Luft geht). Ich habe dort ein Buch gekauft: Genius, für knapp 3 Euro. Eine tolle Kompilation vom Observer, die sich nicht zu ernst nimmt, und in der es darum geht, was einen Genius ausmacht, aber auch welche Persönlichkeiten „geniale“ Züge hatten, und wie die historisch zusammenhängen. Hochinteressant.

Das Buch eröffnet mit einem A-Z of genius. Unter X findet sich der Begriff Xerostomia – Dry Mouth. Intellectuals near a breakthrough can often forget to drink! Habe daraus geschlossen, dass ich in den letzten vier Wochen zwar vorangekommen bin, der „Durchbruch“ aber offenbar noch auf sich warten lässt.

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Ich weiß, ich wollte eigentlich mehr über St. Lucia schreiben, aber wir haben wenig Internet unterwegs, und es passiert andererseits soviel … man kann da auf jeden Fall Hippos sehen, wenn man Glück hat. Und viele Affen, das ist cool. Mehr muss man aber über St. Lucia nicht wissen.

Ansonsten? Sind wir oft auch nur für eine Nacht irgendwo, denken, hier müssten wir länger bleiben, und denken denselben Gedanken am nächsten Abend am nächsten Ort. Man muss aufpassen, dass aus der Reise keine Nächstes-Mal-Reise wird, nach dem Motto, beim nächsten Mal machen wir es soundso. Die Dinge, die man zum ersten Mal betrachtet, so betrachten, als müsste man sie für alle Zeiten im Gedächtnis behalten. Das ist die Kunst, wenn man reist …

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Habe mich vor ein paar Tagen morgens vor so einem Kosmetikspiegel rasiert – und fast einen Schock bekommen. Wie alt sieht man in diesen Dingern aus? Da erkennt man ja plötzlich jede Falte, jedes graue Haar. Wie halten Frauen das aus? In Amerika hat es bestimmt schon Versuche gegeben, die Hersteller solcher Spiegel zu verklagen!

Südafrika zeigt sich von seiner besten Seite. Sind hier vor ein paar Tagen sogar abends alleine zu Fuß vom Restaurant nach Hause gegangen, obwohl man das nicht soll. Nix passiert. Überhaupt empfinde ich die Menschen bislang als sehr hilfsbereit und freundlich. Wir sind auch in Swasiland in eine Polizeikontrolle geraten, und, ja, als uns der Officer seine Hand durchs Fenster streckte, dachte ich zunächst, er wolle Geld haben, wollte er aber gar nicht. Er wollte uns tatsächlich nur die Hand geben – und vielleicht checken, ob ich eine Waffe habe ;-)

Ein paar Tage später haben wir – auf der Suche nach einem Kaffee (Oh, Boy) – einen Zwischenstopp in einem kleinen Ort gemacht, der sehr geprägt war von einer riesigen Zuckerrohrfabrik, und als wir eine Einheimische nach einem Supermarkt fragten und sie nicht weiter wusste, weil sie selber fremd war, überholte uns ein junger Mann in so einem getunten Caddy, hielt neben uns und fragte, was los sei. Als wir sagten, wir wären auf der Suche nach einem Supermarkt, fuhr er persönlich vor, bis wir an dem Supermarkt angekommen waren. Es gab da allerdings auch keinen Kaffee.

Danach waren wir in so einer River Lodge, und das war auch interessant. Traumhafte Lage, direkt am Indischen Ozean, aber im Ganzen etwas aus der Zeit gefallen: kein WLAN (was toll ist), der Lack ein bisschen ab, auch bei den überwiegend älteren Gästen. Irgendwie filmisch, ja, im Grunde eine fiktive Location für eine entsprechende Story, irgendwas zwischen Dirty Dancing und Jurassic Park. Für die drei Nächte, die wir dort verbrachten, jedenfalls genau das Richtige. Nach der superanstrengenden Anfahrt (Schlaglöcher, Hunde, Ziegen, Einheimische, die wie die Verrückten fahren), die eher einer vierstündigen Fahrprüfung glich oder einem komplexen Computerspiel, bei dem man jede Sekunde hochkonzentriert sein muss, war ich ziemlich euphorisch, als ich oben auf der Terrasse vor der Bar dieses vergessenen Paradieses saß und dachte: Hier möchte ich nicht wieder weg. Zumindest nicht so schnell.

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Was übrigens auch an Bernhard, dem besten Bar- und Hansa-Pils-for-me-Keeper lag. Und als wir später, pünktlich um 19 Uhr, den Dinnerraum betraten und der wunderbare, halbindische Alleinunterhalter gerade Can´t help falling in love von Elvis spielte, unserem absoluten Lieblingsstück von Gunter Gabriels Wohnzimmerkonzerten, da wusste ich, jetzt sind wir angekommen.

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Habe in diesen Tagen in der Lodge ein bisschen gearbeitet und endlich auch The Film Club durchgelesen, und das ist ein bisschen lustig, weil ich eben von Dirty Dancing sprach, und es in dem Buch an einer Stelle auch um „guilty pleasures“ geht, also um Filme, die eigentlich Schrott, aber auf gewisse Weise trotzdem gut sind: Der Autor David Gilmour nennt Pretty Woman als Beispiel, und ich erzähle das deswegen, weil ich mir in dem Ferienpark, in dem es ja kein Internet gab, die ganze Zeit in Erinnerung zu rufen versuchte, wie die Ferienanlage hieß, in der Dirty Dancing spielt: Nicht Houseman, so heißt Babys Familie (keine Ahnung, warum ich das noch weiß), aber so ähnlich …

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Heute sind wir in dem Surferparadies Jeffreys Bay angekommen (s. Foto ganz oben), haben schon im sagenumwobenen Nina´s gegessen (wirklich empfehlenswert, haben gleich noch eine Pizza für heute Abend mitgenommen), und ich konnte es eben nachlesen: Das Ferienresort in Dirty Dancing gehört den Kellermans! Jetzt geht es mir besser.

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Am letzten Abend war die River Lodge übrigens komplett ohne Strom, bestimmt für zwei Stunden, was im Prinzip nicht schlimm gewesen wäre, aber es ging gerade auf den Abend zu und draußen regnete und stürmte es. Küche und Bar wurden zwar über einen Generator betrieben, aber da die Ursache für den Stromausfall zunächst unklar war, und die nächste Stadt eineinhalb Stunden entfernt ist, rechneten wir mit dem Schlimmsten. Ich hatte auch diesbezüglich sogleich wieder den richtigen Film parat: From Dusk Till Dawn. Wir alle kennen den Moment, wenn überraschende Winzigkeiten, merkwürdige Wendungen und klitzekleine Ausdrücke im Gesicht eines eben noch „normalen“ Menschen dazu führen, dass einem plötzlich die Haare zu Berge stehen, die Fantasie mit einem durchgeht und man sich plötzlich fragt, ob die Rentner-Reisegruppe nur „untot“ aussieht, weil sie den Tagesmarsch zum Wasserfall gebucht hat oder weil sie … naja … womöglich zur Nacht hin mutiert. Ein vergleichsweise junges Paar aus Hamburg – super Gelegenheit, die Kühltruhe aufzufüllen. Ich dachte an meinen Sohn, der immer davon spricht, sich später einen PickUp zu kaufen („bestes Auto für eine Zombie-Apokalypse“), weil man von der Ladefläche aus mit dem MG auf die herannahenden Kreaturen schießen kann. Aber wir mit unserem scheißmodernen Nissan? Vielleicht können wir die Zombies mit der Klimaanlage einfrieren? Oder mit dem Eco-Modus beeindrucken? Oder dem seelenlosen Design zu Tode langweilen?

Nein, ich mache nur Spaß, es war ein total netter Abend, Strom war irgendwann wieder da, und meine Freundin und ich haben noch gescrabbelt. Habe zum ersten Mal in meinem Leben das Wort „EBAY“ gelegt und dafür 30 Punkte kassiert. Und mir ist auch unser Mietwagen schon ein bisschen ans Herz gewachsen, weil wir doch schon ein paar kribbelige Situationen unterwegs mit ihm überstanden haben. Auch ohne Ladefläche …

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Unsere große Reise geht weiter. Nach Swasiland nun St. Lucia, ein sehr schöner, wenn auch touristischer Ort. Aber davon später mehr.

Swasiland war jedenfalls unfassbar interessant. Zunächst hat es mich allerdings auch ein bisschen nachdenklich gemacht. Fast traurig. Wir sind auf sehr abenteuerlichem Wege von Südafrika nach Swasiland gekommen, über den Grenzübergang Josefsdal und dann weiter über Pigg´s Peak.

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Als Abenteuer zu empfehlen. Bis Pigg´s Peak  geht es allerdings knapp 20 Kilometer über krasseste Geröll- und Steinstraßen. Zum Glück hatten wir unseren Four-wheel drive, sonst wäre es echt eng geworden. Bin da zum Teil Schrittgeschwindigkeit gefahren, weil wir uns sonst alles aufgerissen hätten. Als wir dann von oben in Richtung Mbabane, der Hauptstadt, gefahren sind, haben wir uns natürlich über das Land unterhalten: die hohe AIDS-Rate von über 20 %, die offiziell verschwiegen wird, die hohe Arbeitslosigkeit von über 50 % – und dann ist da ja noch dieser, positiv ausgedrückt, extravagante König, der zwar auf riesigen Plakaten für den Fortschritt wirbt, aber faktisch nichts dafür tut. Und auf der Straße unzählige Menschen, denen man den täglichen Überlebenskampf ansieht.

Urlaub im Kolonialstil, jaja, nächstes Mal alternativer ...
Urlaub im Kolonialstil, jaja, nächstes Mal alternativer …

Als dann in der ersten Nacht im Hotel, das uns im Übrigen auch nochmal vor Augen führte, wie privilegiert wir „weißen Wessis“ eigentlich sind, neben unserem Zimmer die ganze Zeit ein eingesperrter Hund heulte, habe ich mir doch wieder den Kopf darüber zerbrochen, warum die Lebensbedingungen auf der ganzen Welt so unterschiedlich und ungerecht sind. Nicht, dass bei uns alles toll und woanders alles schlecht wäre, im Gegenteil. Die Art und Weise, wie der Tag in Afrika (gezwungenermaßen) im Hier und Jetzt begonnen und nicht nur von dem Gedanken befeuert wird, wie man noch sicherer und (erfolg)reicher werden kann, ist, so gesehen, sehr inspirierend und stünde uns auch durchaus gut zu Gesicht. Aber natürlich tippe ich diese Sätze in dieser Sekunde in mein Macbook und habe gerade meine amtliche Malaria-Prophylaxe genommen, mit einer Mahlzeit, die zu keiner Sekunde in Frage gestellt war.

thebagshop yebogallery

Glücklicherweise haben wir am nächsten Tag ein paar Orte besucht, die so schön waren, dass man sie – von außen betrachtet – beinahe als paradiesisch bezeichnen könnte: House of Fire, den Candle-Market und besonders die Yebo-Galerie. Ich pflege ja schon seit einigen Jahren die Angewohnheit, von meinen Reisen für kleines Geld kleine Gemälde mitzubringen, falls meine Freundin und ich es endlich mal schaffen, unser Resthof-Museumscafé auf die Beine zu stellen. Deswegen sind Besuche in lokalen Galerien immer gut. Auch diesmal bin ich wieder fündig geworden:

irregular

Die junge Galerie-Managerin erklärte die zumeist düsteren und sehr realistischen Arbeiten der einheimischen Nachwuchskünstler damit, dass man im Volk eben immer noch nicht laut die Missstände ansprechen dürfe. Im weiteren Verlauf des sehr netten Gespräches sagte sie, ein richtiges Umdenken in Bezug auf Missbrauch, Vergewaltigung und Arbeitslosigkeit etc. käme eben erst auch dann in Gang, wenn das Volk seinen eigenen Führer wählen dürfe. Und das war ganz lustig, weil ich dann entgegnete, bei uns wäre Kunst natürlich auch immer eine Reaktion auf politische, gesellschaftliche und soziale Missstände. Und wir dürften zwar alle laut unsere Meinung sagen, aber das produziere in der jüngsten Vergangenheit eben auch sehr viel Hass und Lügen und Hetzereien, weil niemand da ist, der dieses negative und anonyme Gebrüll so aufbereitet, dass es die Demokratie nicht gefährdet. Und die Tatsache, dass man in Europa wählen dürfe, führe im Moment in vielen Ländern leider zu einem allgemeinen Rechtsruck. Also Wahl- und Meinungsfreiheit sind zwar per se gut, aber immer auch abhängig von den Bürgern eines Landes im Einzelnen und zusammengenommen.

medusin

Ansonsten ist jeder Gang um die Ecke ein Erlebnis, auch wenn in Afrika heute vieles moderner und westlicher ist als noch vor 20 Jahren. Aber manchmal findet man z.B. im Supermarkt eben auch alltägliche Dinge, die es so nur hier gibt (s. Foto oben), und das ist toll, weil es andererseits natürlich auch viele Produkte gibt, die wir von zuhause kennen, z. B. Coca-Cola oder Nivea. Doch auch, was diese „global player“ betrifft, habe ich in diesen Tagen eine interessante Beobachtung gemacht: Es gibt nämlich Firmen, die ebenfalls weltweit tätig sind, von denen man das aber gar nicht so weiß, weil sie gesichtslos sind, bzw. so indifferent, was ihr Produkt-Portfolio betrifft: Jedenfalls stand ich im Bad und wollte mir gerade meine Ohrstöpsel, die ich immer dabei habe, reintun, wegen des heulenden Hundes (s.o.), als mir der Hersteller ins Auge fiel: 3M.

oropax

Lustig, dachte ich, die machen doch auch dieses breite, braune Scotch-Klebeband, mit dem meine Großeltern früher immer ihre Geburtstagspakete verklebt haben. Und haben die nicht früher auch Disketten produziert? Jedenfalls gingen wir am nächsten Morgen zum Frühstück, und auf der ersten Treppenstufe zum Garten klebte so ein Reflektor, damit man im Dunklen nicht hinfällt, und wer stand als Hersteller darauf? Richtig:

3M2

Verrückt, oder? Nicht!?