Afrika 1

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Schätzungsweise 30°, strahlender Sonnenschein, und das mitten im November. Waren die letzten Tage im Busch. Aber wirklich. Kein Handyempfang, dafür viel erlebt. Fühlte mich zwischendurch wie Hemingway, auch wenn ich weniger Alkohol getrunken und auf unseren Safaris ausschließlich Fotos geschossen habe. Wir waren in einem Zeltcamp am Rande des Krüger Nationalparks. Ohne Zaun. Die Elefanten kamen bis zu den Duschen, auf der Suche nach frischem Wasser. Wir haben einen Leoparden gesehen, keine 300 Meter vom Camp entfernt. Vor drei Tagen sprang abends ein Löwenweibchen auf die Terrasse, während wir beim Essen waren. Mir ist fast das Herz stehengeblieben. Uns allen. Zum Glück hat sich das Tier genauso erschrocken wie wir, hat sich in derselben Sekunde mit einem komischen Quieken umgedreht und ist – Zack – wieder zurück über die Mauer gesprungen. Krass, keine fünf Meter von uns entfernt. Hab mich aber im Laufe der Tage daran gewöhnt. Sogar geschlafen, auch wenn nachts direkt neben dem Zelt eine Hyäne aufheulte. Nachts durfte niemand alleine durchs Camp laufen, nur in Begleitung, obwohl keine der drei Männer da eine Waffe trug. „My mind is my Weapon“, hat Anthony, unser Fahrer, gesagt. Und es war absolut glaubwürdig.

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Was mir besonders aufgefallen ist: Jede Tour (morgens und abends) dauerte vier Stunden, das gleicht von der Fahrzeit her einer Strecke von Münster bis zur dänischen Grenze. Hier kommt es einem kürzer vor. Ist eben keine Autobahn, sondern der Busch. Wir mussten echt die Augen offenhalten. Auch das Camp war offen. Vor ein paar Tagen spazierte ein Löwenweibchen hinter den (allerdings massiven) Zelten entlang, kurz darauf das nach ihr suchende Männchen.

Interessant, mal wirklich für ein paar Tage keinen Handyempfang zu haben. Hab es total genossen. Heute das erste Mal online, sind jetzt in Graskop, einem Touristenort, ein schönes Gegenprogramm zu unserem Wildlife-Abenteuer der letzten Tage. Klassisches Sightseeing gemacht: Blyde River Canyon, God‘s Window usw. Habe sogar ein paar einheimische Mädchen neben uns zum Lachen gebracht, als ich an dem Aussichtspunkt God‘s Window plötzlich auf Englisch die Frage in den Raum stellte: „So where is this God now?“

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Dabei hätte ich allen Grund, zumindest an göttliches Geschick zu glauben. Tolle Reise, tolle Freundin, tolle Zeit. Bin sehr dankbar. Das Wetter ist natürlich auch super, hier beginnt ja langsam der Sommer. Habe in den letzten Tagen so viel Farbe bekommen, dass mein blaues Auge vom letzten Sonntag kaum mehr auffällt. Und was den Hemingway angeht: Habe es tatsächlich auch geschafft, an zwei Abenden mal durch meine Aufzeichnungen zu gehen. Bin ganz zufrieden. Ein Ziel ist allerdings noch nicht in Sicht. Anders als auf unserer Reise. Morgen: Swaziland.

Auf und davon

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Bin ich noch grün oder schon ein bisschen gelb?

Letzter Tag vor der Abreise nach Südafrika. Gestern und vorgestern noch die üblichen Dinge erledigt: professionellen Mückenschutz besorgt, ausländisches Geld und so lustige Kleinigkeiten wie neue Dichtungen im Baumarkt gekauft (zweimal, wohlgemerkt) und den Abfluss unter der Spüle in der Küche repariert (zweimal, wohlgemerkt), damit mein Ziehsohn während unserer Abwesenheit keinen Schiffbruch erleidet.

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War ja in den letzten Jahren wirklich viel unterwegs, aber natürlich sind vier Wochen, privat und gemeinsam mit seiner Lebensgefährtin (ein Wort, das immer, wenn ich es schreibe, viel schöner und wichtiger wirkt, als wenn man es nüchtern oder unbedacht ausspricht) unterwegs, etwas ganz Anderes als alleine auf Drehreise nach Moskau. Genieße das sehr, die Reisevorbereitungen zu treffen, ohne den üblichen Produktionsstress zu verspüren. Sich einfach nur auf die Zeit zu zweit zu freuen und lediglich darauf zu achten, sich nicht noch kurz vor dem Abflug bei irgendwem einen Infekt einzufangen.

Wir werden Südafrika mit dem Auto erkunden. Das wird sicher nicht nur spannend, sondern auch beruhigend. Freue mich auf große Naturbilder, überwältigende Panoramen, die die eigene Existenz wieder ins richtige Verhältnis setzen. Dass man am Ende merkt, wie unbedeutend man eigentlich für den Lauf der Dinge ist.

Hab mich ein bisschen eingestimmt, körperlich und geistig, mit einem schönen Spaziergang unter der Woche im Höltigbaum, einem ehemaligen Truppenübungsplatz, das nun unter Naturschutz steht. Aus dem richtigen Blickwinkel auch schon ein bisschen Steppe …

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Hatte neben Trink- auch ein bisschen geistiges Wasser an Bord: „Das hier ist Wasser“, von David Foster Wallace, eine berühmte Rede, die Wallace mal vor Uni-Absolventen gehalten hat, in der es letztlich darum geht, wie ein studierter Mensch sein (an der Uni ausgebildetes) Denken im Alltag einsetzen kann, um glücklicher und zufriedener zu leben.

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Bemerkenswert ist das natürlich vor allem vor dem Hintergrund, dass David Foster Wallace bekanntermaßen selbst unter Depressionen litt und sich am Ende das Leben nahm. Er schrieb also eine wichtige Anleitung für ein zufriedeneres Leben, war aber gleichzeitig nicht in der Lage, sie so auf sein eigenes Leben anzuwenden, dass es ihn vor dem Schlimmsten bewahrt hätte. Er reflektiert das in seiner Rede – drei Jahre vor seinem eigenen Selbstmord – übrigens auf gespenstische Art und Weise: „Es ist keineswegs Zufall, dass Erwachsene, die mit Schusswaffen Selbstmord begehen, sich fast immer in den Kopf schießen.“ Die Handlungsmaxime, die Wallace den Studenten nahelegt, sieht im Prinzip vor, bewusst Herr seines Denkens zu bleiben und sich in die Lage zu versetzen, selbst zu entscheiden, wie man über was nachdenkt. Für den Alltag konstruiert er ganz schöne, simple Beispiele, die mir bekannt vorkamen. Dass man sich, zum Beispiel, nicht über den rücksichtslosen SUV-Fahrer ärgern soll, der einem gerade den Weg abschneidet, sondern vielmehr auch die Möglichkeit in Betracht ziehen, dass der in diesem Moment so schnell wie möglich sein krankes Kind ins Krankenhaus bringen will.

Die Idee dahinter ist, dass man seine, wie Wallace es nennt, „Standardeinstellung“ zu überwinden lernt, weil man sonst auf Dauer nur das Schlechte sieht und die Umwelt entsprechend negativ wahrnimmt. Und das ist in der Tat ein Ansatz, den ich selber für mich schon erkannt habe und – auch wenn es schwerfällt – ab und an umzusetzen schaffe: an der Supermarktkasse, bei der Arbeit, auf dem Amt … es gibt immer Erklärungen für menschliches Verhalten. Anders gesagt: Die wenigsten Menschen kommen auf die Welt mit dem Ziel, sich von Tag eins an wie ein Arschloch aufzuführen.

Herman van Veen hat das übrigens schon vor langer Zeit in ein Lied gepackt, und es könnte gut sein, dass mir das als kleiner Junge mal bei meiner Tante begegnet und seitdem hängengeblieben ist:

Damit würde ich für heute mal den Bogen zu dem ersten Foto oben spannen: Glück und Zufriedenheit sind ein hohes Gut. Nicht immer kann man die Faktoren beeinflussen, und manchmal steht man fassungslos vor den Trümmern seiner Seele. Und eine Depression ist eine Depression. Aber wer generell die Vorstellungskraft nicht mehr dafür aufbringen kann, dass etwas nicht auch ganz anders und vielleicht sogar gut sein kann, hat schon verloren. Der guckt plötzlich in den Spiegel und merkt, dass er schon ein bisschen gelb ist und gleich womöglich den Halt verliert und zu Boden segelt – und das ganze Grünsein gar nicht genießen konnte, weil er so in seiner „Standardeinstellung“ gefangen war.

 

Angie macht Schluss

Wir schreiben den 30. Oktober 2018, ein historisches Datum, und die taz spricht mir mal wieder aus dem Herzen:

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Das glaube ich auch, dass wir uns noch nach ihr sehnen werden. Aber ja, Fakt ist, die CDU-Wähler wandern ab, leider eben auch zur AfD, und der Trend muss gestoppt werden. Irgendwie. Wie das gelingen soll? Keine Ahnung. Es ist ein bisschen so wie beim Fußball. Nur relevanter. Die Trainerin erreicht ihre Mannschaft nicht mehr. Also uns, das Volk. Und ja, ich hätte mir in den letzten Monaten auch mehr Präsenz von ihr gewünscht. Mehr Kampfgeist. Mehr Klarheit. Einfach mal diesen tumben „Merkel muss weg!“-Brüllern über den Mund fahren. Aber das ist eben auch die Folge eines komplexen, politischen und medialen „Miss-Bildungs“-Prozesses, der von den Volksparteien nie richtig erkannt worden ist. Oder, noch schlimmer, ernst genommen.

Ich bin ja überhaupt kein CDU-Wähler, nie gewesen. Undenkbar. Aber Politik ist immer eine Frage der Alternativen, und in zehn Jahren werden wir feststellen, was eigentlich jetzt schon klar ist: Dass unsere kleine, nette Bundesrepublik ihre Unschuld verloren hat – und mit Merkel die letzte einigermaßen „normale“ Akteurin auf der Bühne dieses supercrazy Impro-Hauptstadt-Welt-Theaters.

Zwar nicht historisch, aber gleichermaßen wichtig ist der heutige Tag auch für mich persönlich. Ich verbringe nämlich heute den letzten Tag im Büro und starte morgen meine kleine, dreimonatige Auszeit. Den ganzen November werde ich mit meiner wunderbaren Freundin, die mir überhaupt erst den entscheidenden Schubs gegeben hat, reisen. Danach horche ich mal in mich hinein, ob da womöglich eine neue Buch-Idee schlummert.

Im Momente habe ich wieder soviel mit anderen Autoren und Autorinnen zu tun, dass ich darüber nachdenke, es mit dem Schreiben noch einmal ernsthaft zu versuchen. Ich höre von engagierten Literatur-Agenturen, lese im SPIEGEL mit Interesse die Dörte Hansen-Story, und gestern hatten der Alphabeten-Kollege Stuertz und ich Lucy Fricke zu Besuch, die uns für eine weitere Podcast-Folge Rede und Antwort stand.

Sie erzählte u.a., dass ihr erstes Buch damals ziemlich „gefloppt“ sei: 800(!) verkaufte Exemplare und zwei Rezensionen. Ich glaube, dass sogar ich mit meinem Debüt „Jugendstil“ erfolgreicher war. Obwohl es mit Minimal Trash Art nur ein kleiner Verlag war. Damals meldeten sich ja auch renommierte Verlage bei mir, aber ich konnte – mit Vollzeit-Job und Familie nebenher – nicht schnell genug was Neues nachliefern. Mal sehen, vielleicht reichen die drei Monate ja, um zumindest eine neue Idee zu skizzieren …

Aber ich habe mir geschworen, aus dieser Vorfreude kein Monster werden zu lassen. Das Leben ist kurz und wertvoll. Es kann morgen vorbei sein. Oder nächste Woche. Und es ist ein wahres Wunder. Das übersieht man nur gerne mal, wenn man an einem Novembermorgen über die B75 zur Arbeit fährt. Dass sich die Menschen darin so eingerichtet haben, dafür kann das Leben nichts. Es ist nur eine lächerliche Erscheinungsweise dessen – die mitunter, wenn die Liebe siegt, erahnen lässt, zu was der Mensch fähig ist, wenn er Herz und Geist in beide Hände nimmt und über den Tellerrand hinausschaut.

Der graue Rest ist: Suppe!

Der Tag nach einem schönen Abend …

… ist meist noch besser.

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Gestern Abend eine wunderschöne Release-Party im Aalhaus gefeiert. Es waren viele Leute da, nette Stimmung, unsere Autorin Dagrun hat gut gelesen, Michael Weins und ich waren als Moderatoren jetzt auch kein totaler Reinfall, und wir haben auch eine ganze Menge Bücher verkauft.

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Meine Freundin war da mit zwei netten Kolleginnen, eine Kollegin von mir war da, hab ich mich sehr gefreut, Kollege Stuertz mit seiner (noch) besseren Hälfte, alles in allem also ein Abend, der einem den Glauben an das Gute vielleicht nicht … zurückgibt, weil er ist ja da, aber doch zumindest ein bisschen in die Glut pustet.

Kleiner Nachtrag: Ich habe vor ein paar Tagen (s. Blog vom 22. Oktober) ja total begeistert von dieser Band Haiti erzählt, die sich nicht googeln lässt, und dass ich das soooo cool fand, dass man die nicht findet. Hab ich Kollege Stuertz erzählt, und er so: Hai-y-ti mit „Y“ in der Mitte, Hamburger Rapperin. Hab sie sofort gefunden – und gleich ein wenig das Interesse verloren …

Trotzdem, wer möchte: Haiyti Monacco

Guter Track um ins Wochenende zu gehen!

Tage wie diese …

werden grauer und nasser und das Wetter schlecht wie die Welt an sich. Dennoch gibt es viele Lichtblicke, wenn man die Augen öffnet und das Herz.

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Foto: Tara Wolff Photography

Kollege Stuertz und ich haben am Dienstagabend eine weitere Folge unseres – hoffentlich wirklich bald auf Sendung gehenden Podcasts – vorproduziert. „Gästin“ war die wunderbare Dagrun Hintze, deren Gedichte ich mit den Jungs von Minimal Trash Art soeben auf die Welt gebracht habe.

Heute Abend um 19:30 Uhr ist Release-Party im Aalhaus. Wer also in Hamburg weilt, viel von Poesie und etwas auf sich hält, sollte da sein.

Jagd auf den goldenen Oktober

Ein Mann stolpert über kluge Sätze und bricht sich einen ab.

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Oktober, Oktober, wo nimmst Du das her?

Habe eben das Interview gelesen, das mein Kollege Takis Würger vor ein paar Wochen mit der „Archipel“-Autorin Inger-Maria Mahlke geführt hat, und dabei diesen Satz gefunden:

Als Mahlke vor einem Cortado sitzt, sagt sie, das Seltsame im Leben sei doch, dass es unmöglich sei, »Strg + S« zu drücken, die Kombination, die auf der Computertastatur der Kurzbefehl fürs Speichern ist. Momente lassen sich nicht festhalten, die Liebe nicht, Beziehungen nicht.

Ich denke das häufig, wenn ich im Schnitt sitze und da relativ regelmäßig „Strg + Z“ benutze, weil ich einen Fehler rückgängig machen muss. Ehrlich gesagt, glaube ich, dass einem diese Kombination im Leben noch mehr helfen würde als „Strg + S“. Andererseits habe ich selber irgendwo mal gesagt, dass man nicht aus Fehlern lernen kann, wenn man keine macht. Hmmm, … aber würde sich Glück immer glücklich anfühlen, wenn man es in dem einen glücklichen Moment als „Glück“ abspeichern würde?

Eben in der taz eine Rezension des neuen Peter Licht-Albums gelesen. Erster Vers auf der Platte:

Erst wenn der letzte Chips gegessen ist, werdet ihr sehen, dass man Chips nicht essen kann.

Herrlich doppeldeutig.

Gestern Abend habe ich meinen jüngsten Sohn wieder nach Hause gefahren. Auf dem Rückweg mache ich dann meistens kurz Halt an einer Tankstelle und sauge das Auto einmal durch. Das ist so ein Ritual geworden am Ende der Woche und zu Beginn einer neuen, ich muss nach diesem „Wegbringen“ auch immer einmal kurz durchatmen und mich zerstreuen. Dabei hilft: Auto saugen. Jedenfalls höre ich dabei immer Radio, im Stadtgebiet vorzugsweise 91,7 xfm und gestern um 19:07 (man achte auf die Ziffern: 9-1-7) spielten die von der Band Haiti das Lied „Monacco“. Nicht weltbewegend, aber es hat mir irgendwie gute Laune gemacht, keine Ahnung. Und dann dachte ich, dass die Welt voll ist mit interessanten Gedanken, und jetzt denke ich, dass viele Künstler, die interessante Gedanken hegen und formulieren, wie z. B. Inger-Maria Mahlke, damit bislang nie das große Geld verdient haben, während andere Leute mit einer Menge Mist eine Menge Kohle machen, und viele, bei denen das eben nicht so ist, sich aber auch nicht davon abbringen lassen. Mutig.

Ich wäre manchmal gerne mutiger. Vielleicht muss ich aber auch nur geduldiger werden.

Nachtrag: Hab gerade versucht, den Song von gestern Abend wiederzufinden. Steht auf der Homepage aber nicht in der Playlist. Und man kann den Song nicht googeln. Wenn man Haiti und Band und Monaco eingibt, findet man alles, nur den Song nicht.

Irgendwie … großartig.

Wurst

In diesen Tagen ist es mal wieder ein wenig schwierig, Bayern-Fan zu sein. Nicht wegen der sportlichen Situation, sondern wegen der öffentlichen Auftritte der Vereinsführung. Gehen die mir auf die Nerven, ehrlich. Ohne Worte!

Ist mir ohnehin gerade alles wieder viel zu laut überall. Dieser Krach. Überall Gemecker. Gemotze. Geschrei.

Hatte heute das große Glück, erneut rüber in die Deichstraße gehen zu müssen, am Wasser entlang, durch die frühherbstliche Sonne. Da sind mir auf dem Weg zwei Aufkleber ins Auge gefallen, danach ging es mir gleich besser.

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Ja, man muss in diesen Zeiten leise Töne anstimmen. Öfter mal zuhören, statt mit um die Wette zu brüllen. Einfach mal die Klappe halten. Oder, wenn man sie aufmacht, Liebe predigen. Und seinen Kindern vorleben.

 

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Aua! Hab gestern Abend beim Training von meinem Kapitän im Zweikampf einen schönen Pferdekuss kassiert. War sicher keine Absicht, aber schon ein bisschen lustig, weil ausgerechnet er und ich in den letzten Spielen ein paar Mal aneinandergerasselt sind.

Er ist jemand, der auf dem Platz die Kollegen coacht, aber leider auch schnell kritisiert, wenn man mal etwas Riskantes versucht. Und da ich jemand bin, der gerne etwas versucht (und mit solchen Aktionen häufig auch schon zählbaren Erfolg erzielt hat), werde ich von ihm häufig kritisiert, was mich mitunter auf die Palme bringt.

Ich hab ihn nach dem letzten Spiel mal zur Seite genommen und versucht, ihm meine Spielweise zu erklären, hatte aber das Gefühl, er versteht meinen Punkt gar nicht.

Nun lese ich gerade mit Hochgenuss das aktuelle 11 Freunde Sonderheft über „Die Zehn“ – Magier und Denker des Spiels und bin dabei über eine Antwort der rumänischen Legende Gheorghe Hagi gestolpert:

Quelle: 11 Freunde Sonderheft, Die Zehn, S. 25, Lesetipp!
Quelle: 11 Freunde Sonderheft, Die Zehn, S. 25, Lesetipp!

Und plötzlich war mir alles klar. Das Problem ist: Ich bin bei uns im Team zwar formal ein Sechser und mag die Rolle auch, aber mental – und was den eigenen Anspruch angeht – ein Zehner. Also, nicht falsch verstehen, das Zitat ist natürlich sehr hochgegriffen. Ich bin nicht Hagi, und mein Spiel ist nicht spielentscheidend, aber was das Spielgefühl betrifft, hat es Hagi genau so formuliert, wie ich es meinem Käpt´n (den ich übrigens menschlich sehr schätze, er hat mir das Buch The Film Club geliehen, s. www.anders-blog.de/?p=6003) deutlich machen wollte: Dass ich weiß, was ich tue, und nicht möchte, dass mir jemand in mein Spiel reinredet. Was nicht heißt, dass ich nicht kritikfähig bin, oder mich nicht selbst am meisten über einen missglückten Pass ärgere. Aber wenn man auf dem letzten Ende versucht, meine Spielweise zu ändern, bleibt die Spielfreude auf der Strecke.

Klar, das Problem ist, wenn man sich als „Zehner“ versteht, muss man das natürlich auch beweisen. In jedem Spiel aufs Neue. Und wenn man nicht fit ist und seinen eigenen Ansprüchen hinterherhinkt, kann man diese Ansprüche auch schlecht stellen. Aber ab und an blitzt es eben auf, ja, vielleicht nicht oft genug. Oder nicht verlässlich genug. Aber gestern Abend im Trainingsspiel war es wieder so weit. Zwei lange Pässe, die nicht ankamen, aber kurz darauf ein für alle überraschender Torschuss fast von der Eckfahne – Tor!

Verrückt.
Verrückt auch, dass mich das so beschäftigt.

 

Making of

So geht der Tag gut los!
So geht der Tag gut los!

Heute Morgen auf dem Weg zur Arbeit. Toll. Alle haben zum Himmel geschaut und Fotos vom Regenbogen gemacht. Seltsam, offenbar wissen alle, was schön ist, warum sind wir dann oft so gemein zueinander?

Checkliste sagt: fast fertig.
Checkliste sagt: fast fertig.

Bin heute vielleicht den letzten Tag im Schnitt. Werde den filmreifen Ausblick aus dem Fenster genießen …

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Apropos „filmreif“ – lese gerade The Film Club von David Gilmour (nein, nicht der Gitarrist). Das Buch hat mir ein Kollege aus meiner Fußballmannschaft empfohlen, nachdem ich ihm erzählt habe, dass ich meinem Sohn zum 16. Geburtstag fünf Filme, ab 16, geschenkt habe, unter der Voraussetzung, dass er sie mit mir gemeinsam schauen muss.

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Pausenlektüre

In Film Club geht es genau darum, nur anders, also weitreichender. Ein Vater nimmt seinen Sohn auf dessen Wunsch hin von der Schule und sagt: Du kannst bei mir essen und wohnen, ohne etwas dafür zu tun. Einzige Bedingung: Du guckst gemeinsam mit mir drei Filme pro Woche. Klar, dieses Filme schauen und darüber reden, wird dann zur Ersatz-Bildung. Gefällt mir gut. Abgesehen davon, dass es immer lustig ist, über Väter und Söhne und deren Erziehungskämpfe zu LESEN, während man gerade in real life ganz ähnliche Themen beackern muss, fällt mir zudem auf, wie viele großartige Filme ich noch nicht kenne. Muss mir Duell bestellen, das Regiedebüt von Steven Spielberg, am besten die Edition mit dem Making Of. Das kann manchmal Horizonte erweitern. Ich hatte das mal vor Jahren mit einer Musik-Doku über The Notwist, bzw. über die Entstehung ihres Albums Neon Golden. Ein Film, den ich, nebenbei bemerkt, gerne selbst gemacht hätte. So, wie Harald Schmidt angeblich gerne Soloalbum geschrieben hätte.

Steven Spielberg, der den Film als 21-Jähriger gemacht hat, soll (so steht es in Film Club) mal gesagt haben, dass er diesen Film alle 2-3 Jahre guckt, um nochmal zu verstehen, wie er ihn damals gemacht hat. Das klingt erstmal doof, ich kenne das aber auch. Ich gucke mir ab und an die Joe Bausch-Reportage an, die ich mal für SAT 1 gemacht habe, weil das ein schwieriger Dreh (im Knast) war und der erste Film, den ich fast komplett selbst geschnitten habe. Das heißt nicht, dass man sich auf der Vergangenheit ausruhen soll, im Gegenteil. Deswegen mein Tipp an dieser Stelle: Wer sich in einer Phase befindet, in der ihn (oder sie) gerade kein Projekt so richtig begeistert, der möge sich doch einmal wieder ältere Projekte vor Augen führen, auf die er bis heute stolz ist. Wo er/sie glaubt, Grenzen übertreten und sein/ihr Potenzial voll ausgeschöpft zu haben (Aristoteles). Das kann ein Foto sein, für das man auf einen Berg geklettert ist oder unter eine Ruine, oder für das man lange auf den perfekten Augenblick gewartet hat. Das kann sogar eine gelungene Beziehung sein oder nur ein kurzer zwischenmenschlicher „Blitz“. Alexander Kluge hat mir während der Arbeit an einer gemeinsamen DVD über „das Böse“ mal am Telefon gesagt, dass er mich „im Guten“ auf dem Zettel hätte. Also, sinngemäß, ich weiß den genauen Wortlaut nicht mehr. Wir hatten leider auch noch nie ein persönliches Treffen, aber diese Worte, die ungefragt kamen, von jemandem, der Projekte mit Helge Schneider und Ferdinand von Schirach forciert, die kann man sich in kalten Zeiten schon mal zu Herzen nehmen.

Ich denke das sogar manchmal, wenn ich vor dem Hochbett meiner (mittlerweile eigentlich zu groß gewordenen) Söhne stehe, das ich damals mit einem wunderbaren Freund zusammen selbst entworfen und gebaut habe; dass das mit das Sinnvollste, Wichtigste und Beste ist, was ich je erschaffen habe … aber über die Bedeutung des Handwerkens gehe ich demnächst an anderer Stelle ein ;-)

Life hucks

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Oh, Gott, unsere Terrasse ist verwanzt …

Die Themen Glück, Sinn und Stress (s. die letzten Blog-Einträge) sind natürlich von jeher Themen, die die Menschen beschäftigen. Ich möchte mich in diesem Blog auch nicht als neuer Guru oder „Super-Mann“ aufschwingen, der alles im Griff hat, aber ich denke, jetzt, da zwei meiner Söhne kurz davor sind, den Schritt in die Volljährigkeit zu gehen, werde ich ab und an mal Gedanken teilen, die sich darum drehen, wie man das Leben im Guten und in seinem Sinne erleben kann.

Der SPIEGEL hat auch gerade ein Sonderheft zum Stressvermeidung gemacht, ganz interessant, aber die meisten Ratschläge sind ja auch kein Hexenwerk oder etwas völlig Neuartiges. Trotzdem ist es manchmal gut, externen Input zuzulassen. Hatte selber vor ein paar Jahren mal ein paar Sitzungen bei einem Coach, die mein Handeln sehr beeinflusst haben.

Heute was Einfaches: Gartenarbeit wird immer heraufbeschworen, als Super-Tool, um zu entspannen und Stress abzubauen. Kann ich nur bestätigen. Aber was, wenn ich keinen Garten habe? Kein Problem. Heute habe ich z.B. große Freude daraus gezogen, einen alten Schnittblumenstrauß, der für die Wohnung nicht mehr taugt, ein weiteres Mal auszudünnen, zu beschneiden und draußen in einer Outdoor-Vase einen neuen Platz zu geben. Schön, oder?

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Gleich daneben: eine dieser kleinen Miniatur-Landschaften, die ich manchmal gestalte. Mit Mini-Blumen, hier noch mit einem Ableger einer Tanne, kleinen Figürchen, Steinen, die wir im Urlaub gesammelt haben.

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Will sagen: Man benötigt für kreative Garten-Arbeit keinen Garten, im Gegenteil. Man hat auf natürliche Weise Spaß, ohne lästiges Rasenmähen. Auch nicht zu verachten. Das Glas ist oft halbvoll. Es sei denn, man hat es ausgetrunken.

Allen einen schönen Wochenanfang!