Privat
Besitz
Dinge
Geschehen
Rede
Verbot
Geschweige
Denn schreiben
Schwarz vor Augen
Und dann das …
Anstrengend, aber spannend, das war mein Arbeitstag. Habe ein sehr interessantes Interview mit Hans-Hermann Tiedje über die Lüge geführt. Der Mann geizt nicht mit Anekdoten aus seinem bewegten Leben, das ist natürlich super. Die ganzen Hochstapler wie Postel oder Harksen, die kennt der alle persönlich. Glaube aber auch, dass unsere Filme für ihn ein gutes Format darstellen, um über die alten Geschichten zu plaudern.
Gian-Philip hat mal wieder voll überzeugt. Er hat nicht nur die 100%-ehrliche Wahlkampfrede überzeugend rübergebracht (das Kamera-Team meinte, sie würden ihn wählen), sondern ist danach noch auf Stimmenfang gegangen und hat sich auch „maskiert“ – also gewissermaßen als das stets getarnte Individuum im sozialen Rollenspiel unserer Gesellschaft …
Klar, in Berlin muss man sich schon ein halbes, blutendes Schwein über den Kopf ziehen, um Reaktionen hervorzurufen, doch ein bisschen was war schon dabei.
Bin ziemlich müde. Schlaft gut,
Gerrit
Wusste ich es doch: Mit mir kann man Pferde stehlen … na ja, zumindest sich welche anschauen.
So, wie es aussieht, ist meine bezaubernde Freundin demnächst stolze Besitzerin eines Island-Pferdes. Sie liebäugelt ja schon seit längerem damit, doch seit unserem Island-Trip im Juli (ausführlicher Bericht folgt, wenn ich es endlich einmal schaffe, die ganzen gesammelten Film- und Foto-Schnipsel zu sortieren) denkt sie an nichts anderes. Also sind wir heute kurz entschlossen zu einer sehr netten Züchterin nach Celle gefahren und haben bei schönster Septembersonne einen Ausritt gemacht. Ich freilich bloß auf einem Drahtesel …
Jedenfalls hat sie sich in diesen nussnougatbraunen Wallach verguckt. Und jetzt ratet mal, wie der heißt? Taelandi, „der Verführerische“. Ob sie ihn auch so süß gefunden hätte, wenn er Herbert hieße? Oder Rotzlöffel?
Aber mir gefiel er auch. Auf dem Rückweg waren wir ganz beseelt und von der ganzen Natur und der frischen Luft so hungrig, dass wir in diesen malerischen Landgasthof eingekehrt sind.
Ich sage nur: Gänseleber und Wildgulasch. Mit Rotkohl. Herrlich. Habe mich bei der Gelegenheit gefragt, ob meine Kinder jemals Rotkohl gegessen haben!? Man muss echt Sorge dafür tragen, dass bestimmte Dinge nicht einfach aussterben.
So, morgen geht es in den Wahlkampf! 100% ehrlich, wohlgemerkt.
Gerrit
Herrje, habe den ganzen Tag versucht, für Montag eine 100%-ehrliche Wahlkampf-Rede zu schreiben. Gar nicht so einfach. Was muss da rein? Dass man keine falschen Versprechungen macht? Dass man nur in die Politik geht, um danach einen fetten Job in der freien Wirtschaft abzugrasen? Oder auch so vorbeugende Geständnisse, nach dem Motto: Ja, ich hatte Sex mit unserem Kindermädchen. Oder: Ja, meine Familie und ich sind mit dem Dienstwagen in den Urlaub gefahren. Hm, …
Obwohl, stimmt gar nicht. Ich war auch noch bei Conrad und hab mich von so einem lustigen, ein bisschen „nerdigen“, aber total netten und cleveren Typen in Sachen MIDI-Equipment beraten lassen. Meine Freundin hat Bauklötze gestaunt, worüber sich zwei große Kinder so unterhalten können: SM 58, Interface, MIDI In, Line Out, triggern, Sample etc. Übrigens, es ist ja kaum zu glauben, für wie wenig Kohle man mittlerweile sein eigenes, kleines Studio einrichten kann. Kein Wunder, dass jeder Hans und Franz meint, die Welt mit irgendwelchen Songs beglücken zu müssen. Aber ich bin ja keinen Deut besser …
Immerhin – morgen kommen 25 Sekunden Musik von mir im Fernsehen, und zwar im Trailer vom „Hafencowboy“, diesem 3-Teiler mit Gunter Gabriel. Habe in meinem Archiv dazu noch ein passendes Foto gefunden: Die „Klingel“ auf seinem Hausboot für Besucher (kein Scherz!) …

Ja, der Gunter ist schon lustig. Guckt doch mal rein, wenn Ihr Zeit habt, 13:15, NDR!
Gerrit
Zurück in Hamburg. Schön, wieder zuhause zu sein, auch wenn die Tage im Knast, wie erwartet, sehr lehrreich waren. Ich glaube, die Haupterkenntnis liegt darin, dass jeder Mensch, egal, was er getan hat, immer noch ein Minimum an Respekt verdient. Sonst funktioniert das alles nicht. Dafür sind die einzelnen Geschichten auch zu kompliziert. Oder andersherum, wenn man z. B. als Journalist meint, sich alles holen oder über alles hinwegsetzen zu können, steigt man die Leiter schon hinab.
Als ich meine Freundin in den Arm genommen hab, fühlte ich mich wirklich wie ein frisch Entlassener oder wie ein Soldat, der im Ausland war. Ich weiß, das klingt behämmert, ist aber so. Unbeschreiblich, einfach auf die Terrasse gehen zu können, ohne dass Gitter die Sicht versperren, ja, zu machen, was man will. Freiheit – man muss wirklich wieder lernen, ihr das hässliche Tuch herunter zu reißen, unter dem sie sich im täglichen Trubel versteckt. Oder hängt das Tuch über uns?
Und gleich die nächste Produktion vor der Brust. Am Montag drehe ich wieder in Berlin für die Dokumentation über die Lüge mit einem alten, sehr vielseitigen Freund von mir. Er wird als Politiker eine 100%-ehrliche Wahlkampfrede halten. Mal gucken, wie das wirkt. Ob man so einen Politiker wählen würde? Oder wollen wir belogen werden?
Unsere Grafik hat dafür auf die Schnelle extra ein Plakat und Flyer entworfen, die wir an Passanten verteilen werden, ein bisschen guerillamäßig, aber vielleicht wird es ja lustig. Also, wer am Montag gegen 14:30 zwischen Brandenburger Tor und Reichstag unterwegs ist, muss sich vorsehen, sonst hat er prompt ein Mikro unter der Nase …

Hatte eben im Supermarkt zum ersten Mal Orientierungsprobleme, im Sinne von: Bin ich noch drin? Nach gerade mal 3(!) Tagen – lächerlich.
Joe Bausch hat uns heute sein Revier gezeigt, u. a. ein paar Betriebe, wo alte Starkstromkabel recycelt werden, einen Wohnbereich für die Sozialverträglicheren, die neben der Teeküche auch das Privileg der besseren Aussicht genießen, den Sportplatz, über den lange Stahlseile gespannt sind, damit da keine Hubschrauber landen können, um irgendwelchen Schwerverbrechern zur Flucht zu verhelfen, alles sehr spannend. Aber eben auch ein supersensibles Konstrukt.
Als Filmemacher wünscht man sich natürlich immer Bilder mit vielen Menschen, ein bisschen Action, aber eigentlich sollte man da gar nicht so viel Aufhebens machen. Es ist wirklich eine Gratwanderung, einen Hochsicherheitsknast zu zeigen, ohne dass da ein Zoo oder Zirkus draus wird. Man muss ja nicht nur die Bediensteten respektieren, sondern auch die Rechte der Häftlinge, egal, was die verbrochen haben. Die müssen ja, wenn sie wieder rauskommen, trotzdem in dieser Welt klar kommen. Wenn sie wieder rauskommen …
Bausch hat heute einen krassen Satz gesagt. Mir war schon vorher aufgefallen, dass einige Häftlinge ihre Zellenfenster mit Tüchern oder Flaggen verhängen, aber ich hatte keine Ahnung, warum. Das liegt daran, dass gerade diejenigen in den höheren Stockwerken den Blick nach draußen in die Freiheit nicht ertragen. Dann doch lieber den offenen Vollzug im Hotel-Knast. Da kann man wenigstens zum Fußball gucken in die Kneipe gehen.
Als akustisches Gegengewicht zum schweren Knastalltag eine alte MIDI-Skizze von mir:
Unterwegs
Nach dem zweiten Bier aus der Minibar ist mir schlecht. Nicht wegen der Preise, vor Hunger. Schokolade? Könnte mir noch was aus der Küche bestellen – oder Bilder von Tiffanys Busen aufs Handy. Die Welt steht mir offen.
*
Ich hasse diese Feierabende in Hotelzimmern. Das sind die Momente, in denen ich die Menschen, die ich liebe, am meisten vermisse. Tagsüber verdrängt man das gut bei der ganzen Anspannung, aber abends wird es dunkel. Das ist, als würde plötzlich eine ganz andere Chemie durch den Körper fließen.
Im Fernsehen läuft eine Doku über Hochsee-Fischer. Drei vernarbte Kerle reden darüber, wie sehr sie ihre Kinder vermissen. Ich bin also nicht allein – und frage mich ernsthaft, wie die Väter das drüben im Knast aushalten.
Also, schlaft gut,
Gerrit
Der erste Drehtag mit Joe Bausch ist zu Ende – ein langer, aber guter Arbeitstag. Wir haben nach der Sprechstunde in Hamm (da waren schon ein paar interessante Leute dabei) eine kurze Begehung in Werl gemacht und danach noch eine Krimi-Lesung gedreht, auf der Bausch mit Nina George eine Story im Duett gelesen hat. Das war sehr nett. Bausch war ein bisschen baff, als ich ihm sagte, ich würde Nina aus Hamburg kennen, weil wir mal zusammen junge Leute aus Wilhelmsburg bei einem Schreibworkshop gecoacht haben. Tja, die Welt ist klein …
Nina fragte, ob ich was Neues schreibe, und da musste ich gestehen, dass ja schon lange was Neues fertig ist, sich aber die Veröffentlichung hinzieht. Was das bedeutet, können wirklich nur Leute nachvollziehen, die sich mit dem Schreiben und Veröffentlichen von Geschichten auskennen.
Na ja, jetzt geht das hier erstmal raus …
Schlaft gut, ich muss morgen auch früh raus,
Gerrit
Letzter Abend in Freiheit – ab morgen drehe ich eine Woche mit dem Schauspieler und Gefängnisarzt Joe Bausch in Werl, einem Hochsicherheitsknast. War da schon mal vor 3 Jahren. Viel wird sich nicht verändert haben, außer dass Bausch jetzt ein Bestseller-Autor ist und im letzten halben Jahr vermutlich täglich über seinen Job im Knast geredet hat …, tja, … aber auf der anderen Seite ein Superbeispiel dafür, dass man nur lange genug durchhalten muss, bis sich der große Erfolg einstellt. Von der Tatort-Nebenrolle auf die Spiegel-Bestsellerliste – Respekt!
Gebe für den Knast immerhin diese herrliche Terrasse auf, wenn auch nur für eine Woche. Vermutlich kann man sich das gar nicht vorstellen, wie das ist, wirklich den allerletzten Tag zu verbringen, bevor man einwandert. Klar, die Familie noch mal um sich scharen, den Kindern gute Ratschläge geben („Macht es besser als ich …“), ein letztes Mal die Frau vögeln …
Die Woche wird mich viel lehren. Ich werde danach viele kleine Dinge besser zu schätzen wissen. So ähnlich wie damals nach dem Zivildienst in der Krebsklinik. Ob krank, Knast oder irgendwie noch unterwegs – eine Frage eint uns alle: Was habe ich aus meinem Leben gemacht?
Meine Freundin (ja, wenigstens das hätte ich nicht besser hinkriegen können) und ich haben im Küchenfenster so eine „Landschaft“ aus Steinen, Holz, Scherben, kleinem Strandgut, einem Kaktus etc., ein bisschen wie so ein Waldorf-Jahreszeitentisch, nur ohne Filz. Da habe ich mit meinen alten Playmobil-Figuren meine anstehende Dienstreise nachgestellt. Ich, der Handlungsreisende, besuche Bausch, die Exekutive (Anmerkung: Der Sheriff ist von 1974, mit dem dürfen nicht mal meine Glücksbringer spielen).
Ein Nachsatz aus gegebenem Anlass. Ich meinte gestern mit der Schlussbemerkung nicht, dass Meditation an sich nichts bringt, im Gegenteil, es ist nur die schwierigste unter den geistigen Übungen und für viele eine zu große Herausforderung. Deswegen finde ich es gut, dass Kinder-Yoga an manchen Schulen mittlerweile zum Programm gehört. Und, wer weiß, vielleicht bewahrt das den einen oder anderen jungen Menschen am Ende sogar vor dem Knast!? Es ist schließlich ein großer Luxus, da freiwillig hinzugehen.
In diesem Sinne,
Gerrit