Bild ende Künste

Die spinnen, die Mainzer ...
Die spinnen, die Mainzer …

Gestern beim ZDF gewesen, zur Abnahme des „Geheimen Paris“. Alles gut gelaufen. Der Film kam sehr gut an, bis auf ein paar Kleinigkeiten, die es immer gibt. Aber die Arbeit hat sich sehr gelohnt. Es war insgesamt ein sehr netter, konstruktiver Termin in Mainz, mit zwei kompetenten ZDF-Kollegen. Wir waren um 13h durch, danach bekam ich von dem betreuenden Redakteur sogar noch eine kleine Führung: Fernsehgarten, das Studio, in dem das Sportstudio aufgezeichnet wird, die Greenbox, wo Besucher Nachrichtensprecher spielen können, Kantine, der Mainzelmännchen-Shop, ich kam mir am Ende – als der Druck abgefallen war – vor wie einer der schwäbischen Touristen, die neben mir im Shop an der Kasse standen.

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Warum ich das erzähle? Weil ich gestern etwas gelernt habe … Mein Nebenmann im Flieger hatte die WELT dabei und kurz vor der Landung in Frankfurt fragte ich ihn, ob ich einen Blick in seine Zeitung werfen dürfe. Klar, kein Problem. (Nebenbei: dieser Mikrokosmos oder „Geheimclub“ von Business-Männern in meinem Alter, die alle nahezu uniform gekleidet (schlichte Hose, weißes Hemd, Unterschied nicht im Style, nur in der Qualität) frühmorgens nach Frankfurt, München oder Köln und abends wieder zurückfliegen … manchmal in denselben Fliegern, sich unmerklich zunickend, später am Abend mitunter bereits etwas derangiert, weil man nach dem erfolgreichen (oder erfolglosen) Geschäftstermin in der Fremde nichts Besseres zu tun hatte, als sich ab 16 Uhr mit Weißbier zu betäuben, den müsste man mal darstellen … egal, ich schweife ab). Jedenfalls war in der WELT ein kurzes Interview mit einem Glücksforscher abgedruckt, der seine persönliche „Glücksformel“ an drei Aspekten festmacht, wobei mir insbesondere der dritte sehr einleuchtet: Eudaimonie – Aristoteles hat diesen Begriff geprägt. Es geht, verkürzt gesagt, darum, aus seinem tugendhaften Handeln das Optimum herauszuholen, also, sein Potenzial als wirkender Mensch, im Hier und Jetzt, voll auszuschöpfen. Und nach der erfolgreichen Abnahme dieses Filmes, der mich zwischendurch nicht immer zu 100% gepackt, bzw. eher oft daran erinnert hat, dass ich viel lieber etwas Anderes machen würde (z.B. in Frankfurt auf der Buchmesse zu stehen und endlich als großartiger Schriftsteller entdeckt zu werden), und in den ich aber gerade in den letzten zwei Wochen soviel kreative Power gesteckt habe, bis ich am Ende selber das Gefühl hatte, wirklich für meinen Teil das Optimum aus dem Thema herausgeholt zu haben; und dass mich am Ende der Abnahme, die mir eben dies bestätigte, und ich draußen auf dem Parkplatz in der Sonne stand, ein wohliges Glücksgefühl durchströmte. Ich kann nur jedem raten, sich auf die Dinge zu besinnen, die ihm gelingen. Oder mal gelungen sind. Es geht manchmal eben auch darum, Projekte im richtigen Moment (und rechtzeitig) wirklich anzunehmen. Selbst, wenn es kein Roman des Jahrhunderts ist, sondern „nur“ ein kleiner Film fürs öffentlich-rechtliche Fernsehen.

Apropos öffentlich-rechtliches Fernsehen – Herr, bitte mach´, dass es immer ARTE geben wird. Ich meine das ernst, wer weiß, wer hier bald an der Macht ist … Jedenfalls gucke ich ARTE zwar nicht immer, bzw. ich gucke auch DMAX oder Sky, aber wenn ich nur ARTE hätte, wäre es kein großes Problem. Gestern Abend kam eine (inhaltlich und formal) atemberaubende Doku über Alice Cooper. Wie die Band nach einer „Andersartigkeit“ gesucht hat (heute würde man sagen: USP), schließlich diese Kunstfigur „Alice Cooper“ entstand und der Sänger irgendwann dachte, ER wäre wirklich „Alice Cooper“. Riesenerfolg, Trennung der Band, erst Alkoholsucht, Entzug, später Kokain und Co. Und aus dieser harten Drogenzeit zeigten sie so krasses Archivmaterial, dass ich fast auf der Couch entsetzt aufgeschrien hätte, im Ernst. Unfassbar … eigentlich müsste man das seinen Kindern zeigen. Bessere Prävention gibt es nicht, ich schwöre.

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Noch ein Wort zum Thema Alkohol. So gesehen, schlage ich mich ganz wacker. Ja, vielleicht muss ich den kreativen Wahnsinn, der mich oft beschleicht, die Ideen und Geschichten, die alle herauswollen, in Kombination mit den alltäglichen Sorgen, die uns alle plagen, an manchen Abenden mit einem oder zwei Bier etwas in den Griff kriegen. Aber wenn ich mich selbst als Künstler ernst nehme und verstehe, bzw. verstehen will, mit allen Ups und Downs, die solche Menschen oft auszeichnen, muss ich sagen, dass ich mich im Großen und Ganzen gut unter Kontrolle habe. Dass ich gut funktioniere, als Partner, Vater, Sohn, Bruder, Freund, Arbeitnehmer und Bürger. Ja, als Mensch. Ehrlich gesagt, so gut, dass ich manchmal vor Rührung heulen könnte. Wobei das sicher auch daran liegt, dass ich Menschen um mich herum habe, denen ich etwas bedeute, und für die es sich lohnt zu funktionieren.

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Nicht zu vergessen, die Tiere.

Hin und (Rück)weg

Bin gerade auf der Zielgeraden für mein ZDF-History Stück über das Geheime Paris. Sehr kleinteilig, sehr viel zu bedenken, die Materialauswahl und -dokumentaion, das sind zahllose Entscheidungen, die man da treffen muss, in der Hoffnung, allen Fragen und Anmerkungen, die in der Abnahme in Mainz auftreten können, schon zuvorzukommen.

Dementsprechend kühlen Kopf bewahren!

Ich kann in diesen arbeitsreichen Tagen leider immer schlecht abschalten, hab auch das Gefühl, ich kann mir die Zeit nicht nehmen, um zwischendurch mal zu bloggen. Und abends bin ich immer viel zu erschöpft.

Was gut ist: Schneide mal wieder extern, in der Deichstraße bei Flemming Postproduktion. Abgesehen davon, dass es da sehr nett und ruhig ist, genieße ich den Fußweg von der SPIEGEL-Tiefgarage morgens dorthin und abends wieder zurück. Bei dem Wetter zur Zeit hat das fast etwas von einem Sonntagsspaziergang.

Hin
Hin
... und zurück
… und zurück

Jetzt arbeitet mein Cutter gerade an der Animation einiger sehr künstlerischer Illustrationen, die Michael Meissner extra für den Film angefertigt hat – bin ganz begeistert. Zeit für mich, mal kurz durchzuatmen.

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Denn es gibt ja viel zu berichten: Der Gedichtband „Einvernehmlicher Sex“ von Dagrun Hintze ist fertig, den Minimal Trash Art in diesen Tagen herausbringt. War ja diesmal ein Teil des Verlagsteams, unheimlich spannend, mal auf der anderen Seite zu stehen. Der Titel war mein Vorschlag, die Reihenfolge der Texte auch – und ich habe ein kleines Video erstellt, das Dagrun und ihre Texte dem interessierten Leser ein bisschen näher bringen soll. Viel Spaß beim Gucken.

Dagrun Hintze from anders-blog on Vimeo.

Und, wie immer, wenn es beruflich zur Sache geht, gehen die Gedanken mit einem durch: Wie lange macht man das noch? Ist der Stress gesund? Nimmt das ein paar Mal im Jahr in Kauf, weil der Job toll ist? Doch nochmal ein Drehbuch schreiben? Aber woher die Zeit nehmen? Und dann werden die Kinder noch so schnell groß … es hilft dann immer, ein bisschen zu reden. Mit anderen Menschen, zum Beispiel, weil man dann merkt, dass andere Menschen ähnliche Gedanken wälzen. Ich hatte mir eigentlich vorgenommen, dieses Jahr etwas entspannter, mit weniger Terminstress zu begehen, muss allerdings feststellen, dass 2018 nochmal Fahrt aufgenommen hat.
Das werde ich im neuen Jahr von Neuem versuchen, besser zu machen. Stress eher positiv zu verspüren und in Energie umzusetzen. Mehr Achtsamkeit zu üben, und Dinge, die eigentlich Spaß machen sollen (Fußball, Familie, Kunst) auch mit Freude zu erleben.
Meine große Schwester ist mit ihren Kindern in Süddeutschland und hat ein Foto meiner Nichte geschickt, das eigentlich alles aussagt. Hab es in Stein gemeißelt, um es nicht zu vergessen:

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Geh heim

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Gerade wieder drei Tage für das geheime Paris unterwegs gewesen. Glück gehabt mit dem Wetter, gestern strahlender Sonnenschein, heute am Abreisetag grau und verregnet. Das muss man schon mal zu schätzen wissen. Ansonsten habe ich eigentlich eine ganz gute Balance gefunden zwischen Drehstress und „den-Moment-erkennen“. Haben auch diesmal wieder interessante Sachen erlebt. Waren zum Beispiel im Keller des Luxushotels Les Bains, wo in den Achtzigern wilde Partys gefeiert wurden. Jeder Promi, der in der Stadt war, wollte dort hin.

copyright: ZDF/Paul Pflüger
copyright: ZDF/Paul Pflüger

Unser Interviewpartner war der damalige Haus- und Hoffotograf: Foc Kan, ein interessanter Mann, der wirklich aus dem Nähkästchen geplaudert und damals schon von Leuten wie Mick Jagger oder David Bowie auf Augenhöhe Schnappschüsse angefertigt hat, die bis heute grandios sind. Es muss eine wilde Zeit gewesen sein damals, von der wir im Film hoffentlich ein bisschen erzählen können.

Waren gestern auch noch mal auf dem Eiffelturm, um das geheime Apartment des Erbauers in der Turmspitze abzufilmen, zumindest von außen. Bis heute darf da keiner hinein. Nicht mal französisches Fernsehen. Die Pressefrau hat für uns am Ende leider doch keine Ausnahme gemacht, uns aber als Bonus ermöglicht, über Treppen für die Turmarbeiter etwas abseits der Touristenpfade in die Turmspitze zu filmen, und das war wirklich ein Erlebnis. Da wusste man bei jedem Schritt auf den schmalen Gittertreppen in 200 m Höhe, dass darüber vor einem noch nicht sehr viele Menschen gegangen sind. Dafür liebe ich meinen Job, abgesehen davon, dass da natürlich auch gute Bilder von dieser gigantischen Konstruktion entstanden sind.

Auch in schwindelerregender Höhe mit ruhiger Hand: Paul Pflüger
Auch in schwindelerregender Höhe mit ruhiger Hand: Paul Pflüger

 

Mir war bis vor kurzem nicht klar, dass dieser Turm laut des damaligen Vertrages eigentlich nach ein paar Jahren wieder hätte abgerissen werden sollen. Wenn man in dieser riesigen Stahlkonstruktion drinsteht, ist das umso unvorstellbarer. Zum Glück sind die Abrisspläne wieder eingestampft worden. Aktuell ziehen die gerade eine kugelsichere Glaswand um den Turm, als Schutz vor terroristischen Anschlägen. Aber, im Ernst, wie will man so einen Koloss aus dem Visier nehmen? Der Gedanke ging mir schon durch den Kopf, als ich da oben im Gestänge rumgelaufen bin.

Künstliche Intelligenz

Lustig. Die Auto-Korrektur macht aus Enzensberger "Entenschnabel" - ist das künstliche Intelligenz?
Lustig. Die Auto-Korrektur macht aus Enzensberger „Entenschnabel“ – ist das künstliche Intelligenz?

 

Tja, wie immer, … wenn man ein paar Tage nicht geschrieben hat, wird der Berg des Ungesagten, aber Mitgedachten so groß, dass man kaum dagegen angehen kann. Wie ein Berg Schmutzwäsche, der einem über den Kopf wächst.

Ich meine, die Lage ist ja auch nicht gerade entspannt. Im Gegenteil, die neuen Rechten haben sich zusammengeschlossen, sind aufmarschiert. Und der Rest steht da und kann es nicht glauben. Dabei ist es gar nicht so unglaublich. So sind Menschen. Zumindest die meisten. Neidisch, auf ihren Vorteil bedacht, unreflektiert, unempathisch, unfähig zur Abstraktion. Und man kann es ihnen – zumindest im Osten – nur teilweise vorwerfen. Nazi-Zeit nicht aufgearbeitet, von einer Diktatur in die andere, immer bevormundet, DDR auch nicht aufgearbeitet, sondern vom arroganten Westen wie eine Krankheit vom Tisch gefegt.

Alles nicht so leicht.

Habe zur Zeit neben dem Job zwei schöne Projekte: Zum Einen den Literatur-Podcast mit Sebastian von den Alphabeten (haben gestern Abend noch eine Folge fertig gemacht), zum Anderen bereiten wir gerade mit minimaltrashart die Veröffentlichung des Gedichtbandes von Dagrun Hintze vor. War am Wochenende bei Dagrun und ihrem Mann auf dem Land (Richtung Osten) und habe ein paar Aufnahmen für einen Buchtrailer gemacht. Tolle Menschen und Arbeit, die sich nicht nach Arbeit anfühlte, aber auf dem Weg dorthin durch die Dörfer habe ich echt leichte Depressionen bekommen. Überall Gaststätten, die „Deutsches Haus“ oder so heißen, Opel-Kombis, mit Babynamen auf der Heckscheibe – in altdeutscher Schrift.

Das Problem ist aktuell gut formuliert: Wer ist mehr? Ich bin mir nicht sicher. Meine Projekte werden daran nichts ändern.

Ansonsten? Trauer, weil es die taz vielleicht bald nicht mehr in ausgedruckter Form gibt, und Wut, weil die BILD erst hetzt und jetzt scheinheilig fragt, was aus unserem Land geworden ist. Eine Frechheit. Ein Verbrechen. Meines Erachtens machen Verbote und Tabuisierungen schon Sinn. Am Ende ist die Demokratie nämlich so gut, dass sie sich selbst zum Opfer fällt.

Wirt schafft

Trump sagt: Ohne mich verarmen alle.
What?

Ein Pegida-Demonstrant mit Deutschland-Hut löst bei einer Anti-Merkel-Demo in Dresden eine Polizeischikane gegen Journalisten aus. Später stellt sich heraus: Er arbeitet selbst beim sächsischen Landeskriminalamt.
Äh, …

Der Degrowth-Ansatz fragt, wie wir die Bedürfnisse der Mitglieder einer Gesellschaft befriedigt kriegen, ohne das großen, privat-kapitalistischen Unternehmen zu überlassen.
Gute Frage.

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Meine Kollegen essen anstandslos alten Kuchen.
Ja, warum auch nicht? Trotzdem gut.

 

Familienglück

Meine Mutter hat am Sonntag ihren 70. Geburtstag gefeiert. Mit Verwandten und allen Kindern, war sehr, sehr nett, sehr norddeutsch auch, ein bisschen wie früher, weil die nachfolgende Generation (also wir) sich ein bisschen Gedanken gemacht und ein kleines Theaterstück aufgeführt hat: Eine kurze, saukomische Gaga-Version von Aschenputtel. Dreimal dürft ihr raten, wer die gute Fee gespielt hat. Meine Söhne pendelten angesichts des Kostüms zwischen Abscheu und Verachtung, aber dann haben sie gemerkt, dass man als Kind/Mensch manchmal seine eigene Schmerzgrenze überschreiten muss, um einem anderen Menschen/seinen Eltern eine Freude zu machen.

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Aber dieses Familienglück, bzw. dieses Kümmern und Schaffen von schönen Momenten und unvergesslichen Erinnerungen für die Liebsten geht natürlich in beide Generationen. Habe heute in der BILD gelesen, dass die Stettin, einer der Museumsdampfer, die in Övelgönne liegen, letztes Jahr einen Crash mit einem Containerriesen hatte und nun nicht klar ist, was aus dem Dampfer wird. Das hat mein Herz gerührt. Weiß nicht, wie oft ich mit meinen Söhnen, als sie klein waren, im Rahmen eines Sonntagsspaziergangs das Schiff besichtigt habe. Bei Wind und Wetter. Und dabei immer so getan, als sei man auf hoher See. Für einen Kindergeburtstag des Jüngsten hab ich dort sogar mal einen Schatz versteckt. In Absprache mit einem der Ehrenamtlichen. Und dann kam die ganze Kindergeburtstags-Bande am nächsten Tag da aufs Schiff, mein Sohn mit meiner gebastelten Schatzkarte in der Hand (wobei ich natürlich so getan habe, als hätte ich mit der ganzen Sache nix zu tun … oje, hoffentlich liest er das jetzt nicht ;-), und der Alte erzählte eine astreine Geschichte, dass er als kleiner Junge mal etwas davon gehört hätte, kroch in den Maschinenraum und holte aus der letzten Ecke die verstaubte „Schatzkiste“, die ich ihm am Tag zuvor gebracht hatte. Da haben die Kids aber gestaunt. Und ich stand da im Hintergrund, mit Tränen der Rührung in den Augen. Damals wie heute. Hoffentlich findet sich ein reicher Spender für die Reparatur. Will doch noch mit meinen Enkeln auf den ollen Eisbrecher.

Nachtragend

zu gestern:

Manchmal kann eine Zeitung vom Vortag sehr erhellend sein. Habe in einer Frankfurter Rundschau einen schönen Text über Wolf Wondratschek gelesen, der gestern vor 75 Jahren geboren wurde. Und über den Impact, den dessen Lyrik auf die deutsche Literaturlandschaft hatte, was wiederum ganz gut zu meinem Blog-Eintrag von gestern passt.

Außerdem stand in der FR, dass die taz plant, zukünftig nur noch online zu erscheinen und die Printausgabe komplett einzustellen. Das ist in der Tat ein Schock. Und wegweisend. Ätzend. Aber nachvollziehbar. Obwohl ich mich innerlich dagegen sträube.

Sowas wird mir fehlen
Sowas wird mir fehlen

P.S.: Die Autokorrektur kennt „sträube“ nicht. Das darf doch alles nicht WAHR sein!

Quängelwesen

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Erster Tag heute wieder im Büro. Unser Patchwork – Familienurlaub in Schweden war wie immer toll. Obgleich die drei pubertierenden Söhne ab und an auch ein bisschen an den Nerven gezupft haben. Zugleich ist es aber auch faszinierend zu sehen, wie aus den kleinen Menschenwesen von damals eigenständige Persönlichkeiten werden, die sich natürlich auch in aller Liebe abgrenzen müssen. Welchen Krach sie dabei machen. Und wie sie auch noch mit 17 Lust haben, Stunden auf dem Bolzplatz oder mit der Angel in der Hand am See zu verbringen. Das ist wahres Glück. Für die Kinder, aber auch für die Eltern, das zu beobachten.

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Man könnte über dieses Patchwork-Kapitel ganze Bücher schreiben. Über die zum Teil unbewussten und ungewollten, inneren Turbulenzen, wenn man versucht, leibliche und nichtleibliche Kinder (Was macht das schon für einen Unterschied?) wirklich gleich zu behandeln. Und über die Konflikte, die sich daraus plötzlich zwischen den Erwachsenen entspannen, obwohl man sich doch sonst in vielen Dingen einig ist (zumindest in allem Wesentlichen). Weil man sich selbst eine schöne Zeit wünscht. Und dabei vielleicht die anderen aus den Augen verliert. Über die Challenge, groß und weise und wahrhaftig zu handeln, und das Scheitern darin. Darüber, in guter Balance emotional zu sein und rational, aber eben gerade nicht irrational, klein, engstirnig und doof. Ein Vorbild zu sein für alle. Allein darüber. Ein ganzes Regal voll.

Apropos: im Moment veröffentlicht jeder um mich herum ein Buch. Und alle haben Agenten. Ich merke, dass ich bei aller Freude für die Freunde, denen das gelingt, zugleich natürlich auch nachdenklich werde, warum ich es nicht schaffe, zielgerichteter an dem Ziel zu arbeiten, doch nochmal als Schriftsteller Fuß zu fassen. Habe heute, um frischen Mut zu fassen, eine alte Rezension aus der ZEIT gegoogelt, über mein Debütroman „Jugendstil“.

Die Werbung suggeriert Aktualität eines 15 Jahre alten Textes ...
Die Werbung suggeriert Aktualität eines 15 Jahre alten Textes …

Konrad Heidkamp hat damals nette Dinge über meinen Text geschrieben. Später rief daraufhin ja sogar Rowohlt Berlin an (der Verlagsleiter Gunnar Schmidt persönlich) und fragte, ob ich ein neues Projekt in Arbeit hätte. Hatte ich aber nicht. Jedenfalls nicht so richtig.

Merke, dass mich das an mir selber nervt, dass ich mich bei aller Freude für meine Kollegen stets gleichzeitig frage (besser: jammere), warum das Schicksal mich (noch) nicht mit formalem Erfolg bedacht hat. Wobei ich gar nicht sagen kann, wie ich den bemessen würde.

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Im Gegenteil, im Moment scheinen viele Kleinigkeiten gegen mich zu laufen. Wollte gestern an meinem letzten Urlaubstag mit meinem ältesten Sohn auf den Verkehrsübungsplatz fahren, aber 500 m vor der Ankunft hat das Auto den Geist aufgegeben: die Benzinpumpe. Das war schrecklich, weil ich mich natürlich auf ein schönes Vater-Sohn-Erlebnis gefreut hatte. Aber vielleicht ist das genau eine Art von Egoismus, die ich ablegen muss. Finde diese Eigenschaft regelrecht abstoßend. Unmenschlich. Und sie zahlt sich auch nicht aus. Gestern Abend hatte ich gerade alle Blumen gegossen, da fing es an zu regnen. Heute Morgen habe ich den Bus verpasst, der zu früh kam, und im Büro hat mich eine neue Praktikantin zum ersten Mal gefragt, ob sie mich duzen kann oder lieber siezen solle. Wobei ich darüber lachen kann. Das Älterwerden finde ich gar nicht so schlimm. Muss aber auch gelassener werden. Das Leben ist kurz. Erfreue Dich daran. Genieße jeden Augenblick. Hab das in der ersten Jahreshälfte eigentlich ganz gut hinbekommen. Ist sicher auch nur eine Phase, die ich ich selbst beenden kann. Aber eben nur, wenn ich wieder ein bisschen vorankomme. Künstlerisch, wohlgemerkt.

Freue mich zum Beispiel über den Gedichtband von Dagrun Hintze, den wir demnächst bei mta verlegen. Oder die weiteren Aktivitäten mit Sebastian und den Alphabeten.

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Habe mir auf der Fähre nach Göteborg für den Urlaub einen englischen Lyrikband gekauft: „The Sun and her flowers“ von Rupi Kaur, ein wunderschön gemachter Band. Ein kleines Kunstwerk. Mir gefallen am liebsten die Zwei- und Dreizeiler …

tell them I was the
warmest place you knew
and you turned me cold

Schön. Schlicht. Bekomme dann Lust, an meinen eigenen Sachen weiterzuarbeiten. Und das ist dann doch viel wert, oder nicht? Gute Gedichte sind wie Medizin. Apropos: Erich Kästners „Lyrische Hausapotheke“ ist nach wie vor der bestverkaufte Gedichtband in Deutschland jedes Jahr. Da muss doch mal was Neues kommen.

Kreise schließen

Ich habe ja gestern mit meinem alten Freund Jan und seiner Familie einen langen Waldspaziergang gemacht und erst heute – trotz eines heißen Vollbades gestern Abend – eine Zecke an meinem Körper entdeckt und entfernt. Habe sie sicherheitshalber fixiert, falls ich krank werde und man die Zecke posthum auf Giftstoffe untersuchen muss.

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Ist es wohl auch so eine linke Zecke?

Nein, so schlimm ist es nicht, wobei – ich finde ja nicht viele Dinge fies, aber Zecken gehören dazu. Definitiv. Scheint ohnehin gerade die Zeit für fieses Kleinvieh zu sein – in der Ostsee tummeln sich bestimmte Bakterien, weil das Wasser so warm ist. Die taz und die BILD haben darüber berichtet, jeder auf seine Art:

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Hab die Gegenüberstellung auch bei Facebook gepostet. Im Laufe des Tages entwickelte sich eine kleine Diskussion, ob der BILD-Tenor eher zum Schmunzeln sei, oder ob der Begriff „Killer-Bakterium“ nur ein weiteres Beispiel dafür ist, dass die BILD-Zeitung die Sachebene gerne mal verlässt, um Menschen bzw. die Wahrnehmung und Meinungsbildung von Menschen zu manipulieren.

Ich werde heute nicht über Özil sprechen, weil mein Sohn ein großer Fan ist und mich die Geschichte mit all ihren Facetten betrübt. Auch nicht über Erdogan. Und auch nicht über Typen wie Grindel oder Seehofer, weil das alles sofort hämmernde Kopfschmerzen nach sich ziehen würde.

Ich möchte bloß an uns alle appellieren, in diesen hitzigen Tagen kühlen Kopf zu bewahren – und ein warmes Herz. Und die Sachebene nicht zu verlassen. Kategorischer Imperativ als Leitkultur – fertig!

Manchmal ist das Leben ja kurios und zufällig lehrreich. Und wenn man so wie ich an Tagen wie diesen, an denen eine neue Rassismus-Debatte ausgerufen wird, altes Archiv-Material aus der Zeit der deutschen Besatzung in Paris während des Zweiten Weltkrieges sichtet, dann kann einem schon mal das Messer in der Hose aufgehen.

Zum Glück habe ich heute festgestellt, dass ich morgen schon Urlaub habe – und nicht, wie ich dachte, erst übermorgen (Das scheint ein Problem von mir zu werden. Vor zwei Jahren kam ich einen Tag zu früh aus dem Urlaub zurück! Wer macht das?). Jedenfalls entspannt das einiges. Und es gibt eine Randnotiz vom Sichten: ein lustiger, kleiner Buchstabendreher aus alter Zeit. Das hat dann beinahe wieder etwas Rühriges:

Recherche

 

Heimfahrt

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IC-Zugabteil. Besuch im Menschenzoo. Oder Aquarium. Von innen. Mein Gegenüber: ein junger – vermutlich – homosexueller Mann am Laptop. Er telefoniert etwas exaltiert mit einem Kollegen. Es geht um Kostenvoranschläge für irgendetwas – vermutlich – Kreatives. Denke, so, wie er die anderen Fahrgäste im Abteil taxiert, ist er vielleicht etwas versnobt, beim zweiten und dritten Hinsehen denke ich: was für ein gutaussehender junger Mann. Könnte mich beinahe in einen anderen jungen Mann hineinversetzen, der sich in diesen, mir gegenüber sitzenden verknallt.

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Komme gerade aus dem Ruhrgebiet. Finde es immer wieder verwunderlich, wieviele „Hausstrecken“ man im Laufe seines Lebens sammelt. Die S5 von Dortmund nach Witten bin ich hunderte Male gefahren. Diesmal allerdings bis Hagen. Ein alter Freund war zu Besuch, der jetzt in Amerika lebt, mit seiner tollen amerikanischen Frau und seinen drei tollen Kindern. Schade, dass wir uns so selten sehen. Dass könnte das einzig Gute an Trump werden. Dass er dafür sorgt, dass mein alter Freund da drüben die Zelte abbricht …

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Sogar an unserem alten Haus in Witten bin ich vorbeigekommen. Kommt mir heute vor wie ein anderes Leben. Es ist – bezogen auf das Alter der Kinder – die Lebensphase, die mein alter Freund jetzt durchlebt. Für mich im Grunde schwer vorstellbar.

Hagen bei meiner Ankunft, an einem frühen, gewitterschwangeren Sonntagabend, war überraschend abschreckend. Sehr viele Gestrandete. Berauschte. Alles unklar …

Gerade rollen wir Münster an. Freue mich auf zuhause, denke aber in dieser Sekunde, ich hätte auch meinem Vater Bescheid sagen und da noch eine Nacht pennen können. Oder meinem DJ-Kumpel Mike von der Tanzbande. Freue mich aber auch sehr auf zuhause. Mein Ziehsohn ist heute aus dem Urlaub wiedergekommen. Ist wohl ein gutes Zeichen, wenn man am Ende einer Reise froh ist, nach Hause zu kommen. Wenn man sich auf die Menschen freut, die da warten.

Es ist gerade ruhig geworden im Abteil, da setzt sich eine Kleinfamilie dazu. Mutter und zwei Kinder. Aus Afghanistan, auf dem Weg zum Vater in Hamburg. Ein anderer Fahrgast fragt sie aus. Ein Deutscher. Spielt mal den lustigen Onkel, mal den mahnenden. Ich finde ihn nur nervig. Frage mich, ob der nur nett ist oder pädophil!? Merke, dass ich langsam spinne. Dabei war ich gerade selbst mit lebhaften Kindern zusammen. Vielleicht deswegen. Sie sind so verwundbar.

Die Mutter hat sich ein schickes Top angezogen und verteilt Pommes und Hühnchen an die Kinder. Dann beginnt sie, sich die Finger zu lackieren. Das stinkt so dermaßen, dass ich versucht bin, etwas zu sagen. Sehe, dass es meinem Gegenüber ähnlich geht. Andererseits rührt mich der Gedanke, dass die Mutter zuhause nicht mehr dazu gekommen ist und sich einfach nur für ihren Mann in der Fremde schick machen will. Bin selber eineinhalb Jahre gependelt damals. Von Witten nach Hamburg. Krasse Zeit war das damals. Montagmorgens immer mit der ersten S-Bahn nach Dortmund und dann in den IC nach Hamburg, damit man pünktlich zur 10 Uhr Konferenz da war. Und wehe, der Scheißzug fuhr nicht.

Noch krasser als Hagen Hauptbahnhof an einem Sonntagnachmittag ist übrigens Dortmund Barop. Da scheint alles zu verfallen. Zumindest durchs Zugfenster. Bei Menschen würde man sagen: Boah, ist der alt geworden. Oder: Boah, sieht der krank aus.

Wenn man einen Oberbegriff für alles suchen müsste, wäre das vielleicht: Gefährdet. Oder: Hoffnungslos.

Ich klage die etablierten Parteien an, dass sie es versäumt haben, Hoffnung zu streuen. Stattdessen sind Ängste entstanden. Und Nöte.

In der taz vom Freitag ist ein wunderschönes Feature: Was mache ich, wenn sich plötzlich Leute aus meinem Umfeld als AFD-Wähler outen? Im Anschluss gibt es einen klugen 7-Punkte-Plan, wie man dann vorgeht: pragmatisch, menschlich, argumentativ, respektvoll, nicht von oben herab. 

Dem Artikel voran stehen drei fiktive Fallbeispiele von AFD-Wählern, die vorher sogar die Linkspartei gewählt haben. Absolut authentisch. Menschen, die selber nicht klarkommen und die AFD nur wählen, weil sie glauben, dass die „wirklich“ die Probleme angehen (anstatt in Wahrheit nur zur polemisieren).

Vielleicht muss man es anders formulieren: Ich klage die etablierten Parteien an, dass sie dem Land die Hoffnung entzogen haben, so wie man einer Pflanze Wasser entzieht. Und stattdessen Ängste gestreut. Man muss sein Volk nicht belügen. Man muss nur weitsichtig agieren und frühzeitig die richtigen Maßnahmen einleiten: Wohnen, Bildung, Arbeitsmarkt, Integration. Warum ist das so schwer?