Essen ist fertig

Essen ist fertig

Auf dem Rückweg nach Hamburg. Bin müde. Das Mehrgenerationen-Haus in Essen war mein erster Dreh für die Wohnen-Doku, und ich könnte schon wieder Urlaub gebrauchen. War alles interessant, aber ich merke doch, wie das schlaucht, wenn man zwei Tage mit der Kamera herumläuft und ständig grübelt, ob man alles hat, bzw. was noch fehlt. Die Leute waren nett, das ist ja schon die halbe Miete. Ein Haufen Medienleute haben da gearbeitet, die meisten frei, und das ist lustig, wie die dann immer sagen: `Oh, festangestellt bei Spiegel TV? Cool …´, und man selber wünscht sich eigentlich ein bisschen mehr Selbständigkeit. Warum sehnt sich der Mensch immer nach dem, was er nicht hat?

Hab mir im hauseigenen Flohmarkt noch ein paar alte Werner-Comics gekauft. Und eine alte Ärzte-Platte. Die „Ist das alles?“ mit der coolen Maxi-Version mit dem coolen Gitarren-Solo … jetzt, da ich drüber nachdenke, kommt mir plötzlich der Gedanke, dass ich die schon habe.

Der Kopf dieses Mehrgenerationen-Hauses, Reinhard Wiesemann, hat mich echt beeindruckt. Als Elektriker eine gute Idee gehabt, Studium abgebrochen, Geld gemacht. Und jetzt lebt er mit einer unglaublichen Lebenslust und Intensität einfach sein Leben. So, wie er es will. Total selbstbestimmt. Und bezieht doch ganz, ganz viele Menschen mit ein – Respekt!

Volle Fahrt

Ganz schön grau in Niedersachsen. Das Reisen ist ja schön, aber man wird rammdösig. Die Bewohner des Hauses haben so viel von „Familienersatz“ gesprochen … da trifft es sich gut, dass uns meine kleine große Schwester heute einen Besuch abstattet. Hoffentlich ist das Wetter in HH besser.

So, hab mir jetzt einen großen Kaffee (die Dame im Bistro hat extra noch was draufgeschüttet) und ein Croissant gegönnt. Kombi-Angebot. Jetzt noch einen Werner und fertig ist das Essen.

Mehr Generationen

Wow

Hoch über den Dächern von Essen. Hab heute den ersten Tag im GeKu-Haus gedreht, einem alternativen Mehrgenerationenhaus. Und obwohl ich das alles sehr spannend und die Menschen, die hier wohnen, sehr nett finde, stelle ich doch fest, dass ich mein Bett vermisse – und die Frau, die da neben mir liegt.

Hab gestern spät noch eine schöne Mail von einem alten Freund bekommen, in der er Bezug nahm auf meine Miller-Exkurse, wonach Theorie zwar reizvoll und wichtig, aber am Ende doch körperlos und in gewissem Maße eben auch nutzlos sei. Er teilt da mit mir die Liebe zu Djian und zum Anpacken-Können, und am Ende schrieb er, wie schade es sei, dass man sich so selten sehe und spreche, und es stimmt. Fuck neue Medien! Die Welt ist kein Dorf. Die Welt ist ein verfluchtes Labyrinth, und man kann von Glück sagen, wenn man sich zweimal im Jahr irgendwo über den Weg läuft.

Arbeite ja nebenher immer noch etwas halbherzig an Songtexten für die Musik zum Buch. Gestern im Zug sind mir zwei schöne Zeilen eingefallen – für einen Song, in dem jemand ganz alleine ist:

ich führe selbst Gespräche
mit mir selbst
doch ich kann mich
kaum versteh´n

Wände

Hab mich gestern am ersten Tag im Büro prompt erkältet. Scheiß Klimaanlage. Jetzt sitze ich zuhause und organisiere die nächsten Wochen. Werde ziemlich viel unterwegs sein. Hab an der U-Bahn auf dem Nachhauseweg noch eine lustige Schmiererei gesehen. Dort machen gerade Riesenplakate „Vorzeitige Ejakulation“ zur Volkskrankheit – und da hat jemand was dazu gemalt. Hatte allerdings natürlich auch gleich meinen Vater im Ohr (`Narrenhände beschmieren Tisch und Wände …´).


Und dann ist mir noch was aufgefallen. Henry Miller schreibt in seinen Briefen ständig von irgendwelchen Wandplänen, also so Inhalts- und Themensynopsen, mit deren Hilfe er seine komplexen Gedanken ordnet (er hat ja auch aus ALLEM ein Buch oder zumindest einen Essay gemacht), und gestern saß ich so im Büro und da fiel mein Blick auf meinen Wandplan (s. u., Draufklicken) zu meiner Lügen-Doku, die im Frühjahr lief. Cool, hab ich gedacht, wie Miller. Gewöhne mir gerade an, täglich ein paar Notizen und Gedanken zu sammeln, und zwar mit dieser Sprachaufnahmen-Funktion des Handys. Die versteht zwar manches falsch, aber man kann es sich als Email schicken und so in der Text-Verarbeitung eine Art Tagebuch führen. Miller hat ja neben seinen Notizen und Briefen auch viel in Bibliotheken recherchiert und Bilder gemacht – ich glaube, wenn der damals so ein Smartphone gehabt hätte, der wäre durchgedreht.

 

Anais-enhaufen

Erster ganzer Tag wieder hier und zugleich letzter Urlaubstag. Erster Gedanke: Lotto spielen. Zweiter Gedanke: Bringt auch nix.

Hab seit unserer Ankunft beide Terrassen auf Vordermann gebracht (sogar ein paar neue Blumen gepflanzt) und Turnschuhe gewaschen. War danach ganz zufrieden, aber auch ziemlich groggy. Lag dann eben zur Entspannung noch eine halbe Stunde im Freibad und sah so an mir herunter und dachte, jawoll, das sind die Hände, der Bauch und die Beine eines fast 40-jährigen. Nicht falsch verstehen, es war ein wohlwollendes, fast liebevolles Gefühl, und ich musste an diesen Song von Baz Luhrmann denken, in dem es heißt: Achte auf deinen Körper, er ist das großartigste Werkzeug, das Du hast – und es stimmt. Und, wie gesagt, ich wurde plötzlich ganz weich, weil ich mit einem Mal meinen Körper spürte; mit dem ich als Junge über 10 Jahre lang Leistungssport gemacht habe, mit dem ich bestimmt 10 (eigene) Umzüge gestemmt habe, die Kinder getragen, in Schweden noch die Hänge gemäht, mit den Jungs gekickt und alleine den verfluchten Bootsmotor geschleppt habe. Und dass der mich nicht im Stich lässt, ehrlich, das ist doch großartig.

Komme wohl auch darauf, weil ich noch Henry Millers Briefe lese und immer daran denken muss, dass der schon über 40 war, als endlich „Wendekreis des Krebses“ erschien. Habe heute ein paar Briefe aus der Zeit gelesen, in der sich die Veröffentlichung mehrmals verschiebt, und Miller ganz nervös wird und auch trotzig. Das ging mir nahe.

Anais (mit 2 i-Tüpfelchen) Nin war übrigens zeitweise in London und sollte da u. a. Millers Texte ein wenig unter die Leute bringen. Kann man sich heute im Social Media-Zeitalter gar nicht mehr vorstellen. Wobei ich glaube, dass es heute im Grunde immer noch so funktioniert. Nicht der Kommunikationsweg ist wichtig, sondern dass man einen Opinion Leader erreicht …

Egal, während ich also im Freibad über Miller und meinen Körper sinnierte, krabbelten 2 Ameisen auf mein Handtuch. Ich pustete sie weg und sah leider erst im Moment, dass die eine Ameise die andere trug, weil die sich nämlich nicht mehr bewegte (Anais & Henry?), und da habe ich mich geschämt und geärgert, dass ich diese kleine, heroische Helfer-Ameise wegpustet und mir außerdem das Spektakel nicht länger angeschaut habe.

Abreise

Schweden – bzw. das Wetter in Schweden – zeigt sich am Abreisetag von seiner besten Seite. Weiß nicht, ob man das toll oder scheiße finden soll. 2 Wochen waren mal wieder viel zu kurz. Macht schon Sinn, dass manche Länder von Juni bis September Ferien haben. Wir klotzen und klotzen. Und wofür?

Gestern noch eine Ausfahrt mit meinem großen Sohn gemacht. Nur wir beide, das Boot und der See. War ziemlich windig und die Wellen gingen ordentlich, aber es war trotzdem klasse. Ein klitzekleines Vater-Sohn-Abenteuer. Ersetzt 50 Seiten Erziehungsbuch.

Und mir ist noch ein lustiger Satz bei Miller aufgefallen, der eigentlich alles auf den Punkt bringt. Ich wundere mich, wie man in seinem bzw. meinem Alter (so alt war er ja damals zu der Zeit der Briefe, die ich gerade lese) noch so wissbegierig sein kann. So scharf auf Input. Ich meine, das bin ich auch noch irgendwie, aber anders. Er liest und liest und synthetisiert tausend Theorien. Ich hingegen hab das Gefühl, ich könnte im Grunde alles in einem Satz sagen. Also ich habe diesen Satz noch nicht, aber er liegt mir auf der Zunge …

Steck-Rüben

Keine Ahnung, warum, vielleicht liegt es an dem neuen Cowboy-Unterschlupf, den sich die Jungs hier im Wald gebaut haben, auf jeden Fall entwerfen meine Söhne gerade wie wild Steckbriefe.

Mein großer Sohn hat einen mit dem Computer angefertigt, und ich bin ziemlich baff, weil ich an diesem Programm immer total verzweifle. Er hat sich da richtig reingefuchst. Ich musste an ein Interview denken, das ich mal mit dem Komponisten Serge Weber für meine Abschlussarbeit geführt habe, wo der mir erzählte, er habe sich damals diesen ersten großen Synthesizer von Korg, glaube ich, gekauft und so ausgereizt, dass ihn Korg danach angerufen hätte, wie denn diese Sounds zustande gekommen wären …

Denke ohnehin wieder viel an mein Studium, weil in Miller in seinen Briefen immer so viel zitiert und verweist, dass man sich wieder gänzlich unbelesen und uninteressiert fühlt. Auf der anderen Seite merke ich aber auch, dass mich Theorie tatsächlich nicht mehr so richtig interessiert, weil sie das „Leid“ – so wie es die Buddhisten ja als alltäglich annehmen – nicht verhindert, im Gegenteil. Also: ja, man braucht eine geistige Haltung, aber wer nicht mehr in der Lage ist, die Fender-Konstruktion am Steg auszubessern (gestern) und die Zündkerze am Rasenmäher zu säubern (heute), wird sich mittelfristig in Luft auflösen. Da halte ich es auch lieber mit Djian als mit Miller.

Mein kleiner Sohn hat sich übrigens statt Computer aufs Zeichnen verlegt und dabei gleich noch einen „Steckbrief“ von mir angefertigt. Immerhin, ich bin doppelt so viel wert wie Joe Dalton

Tolle Hechte

Wow. Mein großer Sohn hat seinen ersten Hecht gefangen. Und einen Barsch obendrein. Haben wir gestern Abend gegessen – de luxe. Das ist auch klasse zu beobachten, was das mit ihm gemacht hat. Ich bilde mir ein, dass er jetzt viel aufrechter geht, im Ernst, wie ein junger Ritter, der seinen ersten Drachen besiegt hat, na ja, fast jedenfalls. Auf jeden Fall eine tolle Etappe auf seinem Weg.

Das Lustige ist, dass wir gerade parallel abends als (Schön-)Schreibübung (Hat mein Vater früher auch mit mir gemacht, hab ich gehasst, heute bin ich ganz dankbar.) eine Geschichte über „Hermann, den Hecht“ entwickeln, der keine Freunde hat, weil ihn natürlich alle anderen Fische fürchten, also alle, bis auf einen: Rudolf, das Rotauge …

P.S.: Liebe Diebe – der „Plot“ ist hiermit patentiert.

 

Der alte Mann und der See

Henry Miller fasziniert mich immer mehr. Unsere Terrasse sieht mit dem ganzen Angelzeugs abends zwar mehr nach Hemingway aus, aber ansonsten kann ich diesem besessenen, belesenen Anti-Freak ganz gut folgen. Spannend finde ich, wie Miller bei jedem Brief immer gleich das Publikations-Potenzial mitdenkt. Anais Nin soll dann Briefe aufbewahren oder kopieren oder wieder mitbringen, weil er irgendeinen Gedanken darin nochmals in irgendeinem anderen Text verwursten will.

An dem Tag als er beschreibt, wie er den Vertrag für „Wendekreis des Krebses“ (Habe ich als Zivi gelesen. Mein erstes war allerdings „Wendekreis des Steinbocks“, und wer hatte es im Regal? – Meine unterschätzte Mutter …) unterschreibt, ist er sich nicht zu blöde im letzten P.S. Anais Nin darauf hinzuweisen, dies sei so ein Brief, der später mal viel Geld wert sei. Na ja, er formuliert es natürlich galanter, aber der Sinn bleibt der gleiche:

Aber, klar, verständlich ist das schon. Jemand, der jahrzehntelang denkt, er habe es (womöglich) in sich, sieht sich regelrecht als „geheilt“, wenn plötzlich jemand aus dem Literaturbetrieb auf ihn zukommt und sagt: „Ich glaube an Dein Buch“. Das ist ganz rührend, wie Miller diese Erleichterung beschreibt, nämlich nun schwarz auf weiß den Beweis zu haben, dass er und sein schaffendes ICH stärker waren als die (Selbst-)Zweifel und vor allem die widrigen Umstände.

Ich musste an mein Lektorat mit Jan-Uwe denken, der seiner Freundin die letzte (von uns gemeinsam überarbeitete Version) mit den Worten übergab: „Freu Dich, Du darfst jetzt ein gutes Buch lesen.“ – Kann natürlich auch sein, dass er damit meinte, wir hätten noch ganz schön viel dran geschliffen, aber gefreut habe ich mich trotzdem.

Made in Schweden

Mir fiel eben der Spruch auf dem Maden-Töpfchen auf, das die Jungs im hiesigen Husqvarna (Angelbedarf, Motorsägen, Aufsitzmäher, Waffen) als Köder gekauft haben – jeden Morgen sitzen sie, wenn wir aufstehen, bereits seit einer Stunde auf den Felsen am See und angeln; und ich dachte zunächst: „Ha respekt för svaga isar“ hieße soviel wie „Respektiere auch die schwachen Geschöpfe“, also die Maden, aber eigentlich heißt es nur, man solle (beim Eisangeln) auf dünnes Eis achten …
Schade. Das andere hätte dem Macho-Gehabe eine gesunde Portion Buddhismus hinzugefügt.

Alte Schweden-Happen

Erster Fangerfolg – ein kleiner Barsch. War immerhin ein warmes Häppchen für jeden. Und obwohl meine Freundin echt talentiert ist, war das Ausnehmen schwerer als das Fangen …

Mein kleiner Sohn schreibt abends immer fleißig Tagebuch. Gestern war es allerdings schon so spät, dass ich mich genötigt sah, ihn zu fragen, ob er nicht schon vor dem Abendessen damit anfangen könne. Da antwortete er ganz entrüstet: „Aber nein, da gibt es doch noch was zu erleben.“

Lese ganz begeistert in den Briefen Henry Millers. Bin gerade in der Zeit im Januar 1932, wo er in Dijon eine Stelle als Englischlehrer annimmt – aus moralischer Verpflichtung einem Freund gegenüber, der ihm die Stelle besorgt hat. Und nun sitzt er da, in dieser Anstalt, saukalt, keine Bezahlung, kein Kaffee, nur Idioten, Frau in Amerika, Anais Nin in der Schweiz, und er kurz vorm Durchdrehen. Und über einen Satz bin ich echt gestolpert – der ist mir in der Art auch schon auf so manchem Dreh durch den Kopf gegangen (draufklicken):

Kein Wunder, dass Miller so besessen war. Schließlich war der schon Ü-40, als es bei ihm richtig abging. Hab das Gefühl, mich könnte die gleiche Panik befallen, wenn ich mit 53 meinen ersten Kinofilm mache. Obwohl, vielleicht bin ich auch jemand, dem dieser eine Film reicht, vorausgesetzt, er ist gut. So, wie mir im Prinzip Jugendstil gereicht hat. Oder die Tatsache, meine Doktorarbeit publiziert zu haben. Allerdings besteht auch die leise Gefahr, alt zu werden mit dem Empfinden, jedes einzelne Werk wäre nicht angemessen wahrgenommen worden … da hilft nur eines. Wenn es soweit ist, mit nordischer Beruhigungs-Idylle betäuben!