Geheimnis, Brief!

Alter Schwede. See im Rücken. Lese Henry Millers Briefe an Anais (mit 2 „i-Tüttelchen“) Nin. Wobei, heute habe ich mich erstmal durch die Einleitung des Herausgebers gekämpft. War aber ganz lehr- und aufschlussreich. Man denkt von diesen berühmten Autoren ja immer, dass das alles ein einziger Triumphzug war, dabei ist häufig das Gegenteil der Fall. Macht mit, ehrlich gesagt, Mut. Im Übrigen denke ich jedes Jahr, es wäre doch spannend, eine oder mehrere, vernünftige Brief-Korrespondenzen zu etablieren. Irgendwas mit Substanz. Stattdessen Millionen Kurznachrichten und Emails, eine dämlicher und belangloser als die andere.

Bier heißt auf schwedisch übrigens öl – finde ich für mich ganz passend. Schmierstoff, eben. Lustiger Aufdruck hier auf den Dosen: På jobbet? Avstå Alkohol – Bei der Arbeit? Hände weg vom Alkohol. Gilt nicht für Schriftsteller und solche, die es werden wollen …

Ready, Mate!

Geschafft. Lektorat beendet, jetzt kommt die Kür. Hut ab vor meinem „Man“ Jan-Uwe von mta, auf 299 Seiten circa doppelt so viele Anmerkungen und jede einzelne war berechtigt. Also, ich bin sehr zufrieden, er angeblich auch – was will man mehr?

Überlege jetzt allerdings, ob ich – wie bei Jugendstil – doch wieder eine CD zum Buch mache, mit Musik und gelesenen Passagen. Mal schauen. Jetzt geht es morgen erstmal für zweieinhalb Wochen mit allen, die mir lieb sind, nach Schweden. Die Glücksbringer freuen sich auch schon ganz dolle – auf das Buffet auf der Fähre. Haben wir diesmal dazu gebucht, spart man sich das Stullen schmieren und Gemüse schnibbeln.

Bin ganz erleichtert, dass ich die letzten Wochen und Monate so gut durchgehalten habe. Die Lüge, Bausch, das Buch, alles keine leichten Projekte. Und ich stehe immer noch aufrecht. Heute Abend allerdings nicht mehr lange. An meinem letzten Tag im Büro ist mir übrigens direkt vor der Ericusspitze ein „Plakat“ ins Auge gefallen. Ich sage nur: Oh, it´s (all so not) fresh …

Zwischen fazit und mehr …

Auf der Jugendstil-CD ist ein „Fazit“. Studentengeschwafel, ja, trotzdem musste ich jetzt wieder daran denken. War mit den Glücksbringern am Wochenende bei meiner kleinen Schwester, der Tierärztin, auf dem Land. Meine große Schwester war auch da, mit ihren Kindern. Hab mit meiner kleinen Schwester – sehr zur Freude meiner Söhne – gerauft wie in alten Zeiten. Aber erstaunt waren sie dann doch, als ihnen beide Schwestern versicherten, dass wir uns NIE gestritten haben (mir haben sie das ja nicht geglaubt). Ja, alle Kinder haben hoffentlich an diesem Wochenende einiges mitbekommen.

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Das Leben ist zyklisch – dieser Gedanke hat mich zur Jugendstil-Zeit sehr geprägt. War mir damals gar nicht so sicher, ob das stimmt. Aber jetzt gibt es zwei neue Beweise: Mein kleiner Sohn ist nämlich ganz angefasst, weil sein Lieblingsstürmer vielleicht wechselt (Zitat: „Gomez flüchtet“). Und da fiel mir ein, wie schwer ich das damals genommen habe, als Kalle Rummenigge nach Italien ging.

Außerdem musste ich am Wochenende daran denken, wie mein Vater damals in Spanien für alle Kinder beim Eismann „Brauner Bär“ kaufte und alle diesen Nougat-Kern total ekelig fanden. Mir tat mein Vater damals leid, aber jetzt war ich der Papa, und das ist irgendwie tröstlich, dass so etwas jedem passieren kann. Ich hatte nämlich so ein paar fiese Western-Flips gekauft für einen Kinder-Kino-Abend (Dschungelbuch) – und die mochte auch niemand (Zitat meine kleine Nichte: „Ich mag sie ein kleines bisschen …“). Musste natürlich lachen. Nächstes Mal gibt´s wieder Popcorn. Selbst gemacht, versteht sich.

Ansonsten? Heute Abend wieder Lektorat. Vorletzte Sitzung …

narzisstisch? – No

Der weiße Islandmoos ist ganz freundlich. Er legt sich ins Zeug und quer durch die Luft (man muss genau hinsehen) und tut so, als sei er die Blüte der Narzissen, die die besten Tage längst hinter sich haben. Bin ganz gerührt.

Während ganze Städte in Deutschland ertrinken, herrscht hier totaler Frieden. Bin ein bisschen erschöpft von den Recherchetagen im Büro und dann abends noch mit Jan-Uwe mein Manuskript lektorieren. Auf der anderen Seite sitze ich hier und jetzt bei angenehmen 20 Grad und Sonne und warte lediglich darauf, dass die Mittagsstunde vorbei ist, um noch zwei Schrauben in den Kaninchenstall zu jagen.

Hab in dem Umsonst-Buch von Enzensberger ein wunderschönes Gedicht gefunden. Es heißt middle class blues und ist aus den frühen 60ern, aber dabei so prägnant und zeitlos – der perfekte Text zu dieser Situation, hier und jetzt in der klimatisierten Hitze:

wir können nicht klagen.
wir haben zu tun.
wir sind satt.
wir essen.
(…)
wir haben nichts zu verheimlichen.
wir haben nichts zu versäumen.
wir haben nichts zu sagen.
wir haben.

die uhr ist aufgezogen.
die verhältnisse sind geordnet.
die teller sind abgespült.
der letzte autobus fährt vorbei.

er ist leer.

wir können nicht klagen.

worauf warten wir noch?

Was für ein kluger Kopf. Anfang der 60er, da gab es Persil, neue Küchen, neue Autos, Weihnachtsgeld, die Avon-Beraterin – wer da Gedichte schrieb, die sich nicht reimten, kam gleich schon wieder auf den Steckbrief. Würde mich manchmal gerne eine Woche bei diesen letzten alten kritischen Denkern einquartieren und einfach reden. Über alles.

So, Mittagsstunde vorbei. Wo ist der Akkuschrauber?

Bücher, Wurm

In Altona hat jemand an der Bushaltestelle eine Kiste mit Büchern hingestellt: zu verschenken. Hab zum Glück reingeguckt und zugeschlagen. Enzensberger, Strittmater, eine Kompilation mit Texten sozialistischer Politk und Literatur – und schließlich eine total coole (Schul-?)Ausgabe von Plenzdorfs „Die neuen Leiden des jungen W.“ Keine Ahnung, ob da jemand Abschied vom Linkssein gefeiert hat, ich bin jedenfalls ganz beseelt über den unverhofften Reichtum. Hab gleich angefangen, in dem Strittmater zu lesen, „Ole Bienkopp“, gehört (laut Fischer-Klappentext) zu den bedeutendsten Werken der DDR-Literatur und gilt als Muster des `sozialistischen Dorfromans´.

Zuhause angekommen, dann Drama: Eine der kleinen Meisen ist aus dem Nest gefallen. Hab mit dem Enzensberger eine Fliege gekillt und sie dem Meisenbaby mit der Pinzette hingehalten – da ist es panisch weggehüpft. Was jetzt? Ole Bienkopp hätte bestimmt Rat gewusst. Bin wegen der ganzen Wohnungs-Recherche gerade wieder akut empfänglich für alternative Konzepte auf dem Land. Obwohl wir hier ja auch sehr schön wohnen … Ach, was weiß ich denn. Oh, sehe gerade, der Typ heißt Strittmatter – mit 2 `t´. Strittmater hieß, glaube ich, der Seelsorger in der Krebsklinik, wo ich Zivildienst gemacht hab.

Geschwür – Geschworen – Geschwader

Zufälle?

Gestern Abend eine weitere, lange Lektoratssitzung bei minimaltrashart abgefeiert. Seltsam, was man – selbst nach dem 20. Mal Lesen – doch noch alles findet. Aber auch gut, mal ein paar Seiten am Stück wegzuschaffen und festzustellen, dass es (immer) besser wird. Habe aber auch festgestellt, dass man am Ende vor lauter Müdigkeit Ja und Amen zu allem sagt. Zum Glück rechtzeitig aufgehört.

Heute Morgen dann den Sohn meiner Freundin zum Bauernhof gefahren. Er verbrachte dort seinen „sozialen Tag“, d. h. arbeiten für einen guten Zweck. Der Bauer fragte ihn als Erstes, ob er schon mal Trecker gefahren sei. Die Bäuerin hieß übrigens Ingrid – genauso wie die Bäuerin aus meinem Buch. Zufall? Wohl kaum. Vor 2 Tagen stand ich an der Ampel und sah diesen Aufkleber:

Einer meiner Hauptprotagonisten heißt ja auch Erik und könnte phasenweise genauso ausgesehen haben – wie Erik Cohen. Kannte den gar nicht. Ein Rocker. Im Herbst auf Tour. Vielleicht gehe ich mal hin, kann doch alles kein Zufall sein …

Ansonsten? Ja, in Hamburg regnet es oft, aber immerhin verschwinden die Häuser nicht in den Fluten. Alles Wahnsinn …

Und? Stelle gerade fest, dass dies der 200. Artikel ist. Muss ich mir für Morgen etwas Besonderes einfallen lassen.

Die steril(isiert)e Gesellschaft

U-Bahn-Station. Ja, klar, man kann nicht überall rauchen (an der Tankstelle) und saufen (am Steuer), aber wo ist die Grenze? Was macht das System mit uns? Was lassen wir mit uns machen? Ab wann ist es zu spät, um etwas zu dagegen zu machen? In „Resistanbul“ (taz) versuchen mutige Menschen gerade, sich gegen einen mächtigen Staatschef zu wehren. Zu spät? Weil es einem lange gut ging? Weil es einen erst jetzt unmittelbar betrifft? Was ist der berühmte „Funke“? Was könnte das in Deutschland sein? Oder könnte das in Deutschland gar nichts mehr sein? Würden die Menschen, die in Frankfurt demonstrieren, auch in Istanbul auf die Straße gehen? Wofür würde ich Tränengas in Kauf nehmen? Wenn mir jemand meine Wohnung wegnimmt? Habe im Zuge meiner Recherchen für die neue Doku übers „Wohnen“ schon einige Horrorgeschichten gehört, über Makler, über Spekulanten, über die Schattenseiten der Gentrifizierung. Noch bin ich Beobachter der Opfer. Wenn ich selbst Opfer bin, gehe ich auf die Straße. Aber dann wird es zu spät gewesen sein. Bald werden unsere Städte Verbots-Stätten sein, in denen sich reiche Langeweiler gegenseitig auf Schultern klopfen und Nerven gehen. Letzte Chance für Kreative: regionale Land-Wirtschaft. Erste (erfolgreiche) Versuche gibt es schon.

Ansonsten? Ist Michael Ballack im neuen WM-Vorspann des DFB zu sehen – überraschend nach dem Abgang. Und die Kinder, die die Nationalspieler gestern Abend gegen die USA aufs Feld geführt haben, trugen statt der Trikots T-Shirts von McDonalds …

Und? Jaden Smith, der Sohn von Will Smith, soll gesagt haben, er interessiere sich nicht für Gleichaltrige, weil die nur Videogames im Kopf hätten. Armes Kind.