Erst hat es nur ein bisschen geschneit, aber dann …
Obwohl ich gestern der Beerdigung meiner Oma nicht beiwohnen konnte, war mein Arbeitstag auf der anderen Seite mal wieder einer von der Sorte, wo das, was man sieht und erlebt, den Druck vergessen lässt.
Hab vormittags noch mit dem Designer Patrick auf der Architektenmesse gedreht, was cool war, und anschließend noch die anderen drei Protagonisten getroffen. Ich meine, wer weiß schon, wie ein Uhrmacher in Manhattan arbeitet? Oder wie die Credit Suisse von innen aussieht? Hab alles zu Fuß und per Subway gemacht (während meine Oma zeitgleich zu Grabe gelassen wurde).
Hatte sogar Zeit für einen Mini-Stop in der Public Library. Hingesetzt, Schnauze gehalten, eingeatmet, Notizen gemacht. Taschenkontrolle am Ausgang. Klar, hier sind Bücher Schätze. Toller Ort. Da würde ich gerne mal eine Lesung machen. Aber dafür müsste man wahrscheinlich ein Universalbuch schreiben, irgendwas Cleveres, keine Ahnung, eine Psychogeschichte über Jesus und Mohammed, wo es nur um Liebe und das große Ganze geht und sich am Ende herausstellt, dass beide eine und dieselbe Person sind. Aber dann steht man bestimmt gleich auf irgendeiner Todesliste. Na ja, zumindest die Beerdigung würde ich nicht verpassen.
Meine Oma wird heute beerdigt, und ich bin nicht da. Immerhin fährt meine Freundin für uns hin, sie ist schon auf dem Weg in die norddeutsche Tiefebene …
Klar, wäre jetzt gerne bei ihr. Aus 1000 Gründen. Stattdessen beginnt für mich gleich der Arbeitstag. Moderne Welten. Und überhaupt kein Land in Sicht vor dem „Country Inn“ in Long Island City.
Hier ist es halb Fünf morgens, kann nicht mehr schlafen, vielleicht jetzt doch die Zeitumstellung. Hab schon kurz mit meiner Freundin telefoniert, immerhin. Der erste Drehtag war gut. Der Protagonist, Patrick Weder, ein angesagter Holzdesigner, ist ein sehr netter, interessanter Typ. Haben ihn bei den Vorbereitungen für eine Messe begleitet. War hektisch, aber ich bin gleich bisschen herumgekommen. Das war nett. Möchte, glaube ich, trotzdem nicht hier leben, zumindest nicht für immer. Gestern fegte ein fieser Wind durch die Stadt und hat den ganzen Müll herumgewirbelt. Dafür bin ich dann doch zu sehr Landei. Aber wenn man sie portionsweise konsumiert, ist die Stadt schon sehr inspirierend. Sind gestern an dem Studio vorbeigefahren, wo sie Birdman gedreht haben – WOW!
Nachdem ich mir mein Abendessen gestern in der Tankstelle nebenan geholt habe (mein Feierabendbier wurde tatsächlich in einer dieser braunen Papiertüten verpackt oder, besser gesagt, versteckt – filmreif), sah das Frühstück heute Morgen leider auch nicht viel besser aus.
Ungesunder Kram auf Einmalgeschirr. Dabei trägt das Hotel ein „Country“ im Namen. Doch so ist das, und am Ende schmelzen dann eben die Gletscher. Aber der Kaffee war lecker, Instant-Kaffee trinken wir zuhause ja auch frühmorgens in der Woche, insofern kein Problem.
Jetzt warte ich auf den Kameramann, gleich geht es zum ersten Dreh, mit einem Schweizer Holzdesigner, klang am Telefon sehr nett. Bin trotzdem konzentriert, so ist der Job. Noch einen Kaffee, ein Blick auf die Skyline (der Ausblick ist super, hab das Zimmer bestimmt bekommen, weil ich 2 Wochen hier bin – oder vom Fernsehen), auf dem Schreibtisch wacht Cees Nooteboom und gibt meiner Mission einen literarischen Anstrich, alles ist Erzählung. Ich bin Dichter. Dichter dran.
Vermute, ich bin da. DA-her geht’s nicht. Hotel ist ein bisschen oll, aber ok. Wünschte, ich könnte dasselbe über die Gletscherpfütze sagen, die wir heute überflogen haben. Dieses schmelzende Eis, in Kombination mit dem ganzen Schrott aus der kleinen Entertainment-Unit an der Nackenstütze des Vordermannes … eine üble Kombination.
Meine Oma ist tot. Vorgestern Nacht ist sie gestorben. Das ist traurig. Und ich kann nicht auf die Beerdigung, weil ich im Ausland bin. Eigentlich dürfte ein Job nicht so wichtig sein, aber ich kriege es jetzt nicht mehr verschoben. Das ist schlimm, aber so ist das Leben manchmal. Und der Tod.
Wir haben trotzdem Abschied genommen, auf unsere Art, meine Freundin, die drei Jungs und ich, ganz oben auf dem Berg, ganz nah am Himmel. War die Idee meines jüngsten Sohnes, auf „Mema“ (so nennen sie ihre Ur-Oma) anzustoßen. Das war stilvoll, aber ich hätte es auch gerne im Beisein der anderen gemacht. Wir sind ganz viele Kinder, Enkel und Urenkel, die Trauerfeier wird herzzerreißend werden.
Unser Schutzengel war zu Memas Gedenken offenbar auch die paar Meter zum Gipfel herab geflattert, denn als es meinen großen Sohn etwas später auf der allerletzten Abfahrt von den Skiern haute, war er da und wog ihn in Watte – nix passiert.
Gestern Nacht sind wir heile und gesund wieder in Hamburg angekommen, nach 9 Stunden Fahrt im Auto. Ging tadellos, kein Stau, liebe Kinder und ich zuverlässig wie ein Autopilot. Alles nicht selbstverständlich, aber wir singen es ja auch immer, das Schutzengel-Lied.
Zum vollen Genuss mp3 (Play-Taste) und Elbtunnel-Video gleichzeitig starten:
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Wieder daheim. Elbtunnel Hamburg nach 9 Stunden im Auto. Bestes Gefühl ever from anders-blog on Vimeo.
Mein kleiner Sohn sagte heute, beim Skifahren würde man seine Probleme vergessen. Er meinte wohl eher „kindliche Nöte“, aber egal. Daraufhin bemerkte meine kluge Freundin, daran könne man sehen, dass diese „Probleme“ nur im Kopf und nicht wirklich DA seien. Versuche mir das zu Herzen zu nehmen und noch nicht zu sehr an meinen nächsten Job in Amerika zu denken. Gelingt einigermaßen. Hab gestern Abend, als schon alle schliefen, auf DMAX eine Reportage über Trucker im australischen Outback gesehen. Danach ging es mir irgendwie besser. Lustigerweise kamen wir auf dem Hinweg an diesem Schild vorbei. Wollte es eigentlich meiner Chefin mailen: Bin schon da.
Lese gerade die gesammelten Berlin-Notizen von Cees Nooteboom. Wundervoll. Man hat gleich Lust, wieder nach Berlin zu fahren. Und ist trotzdem gewarnt. Weil man nicht möchte, dass es nochmal so beschissen wird wie zu Zeiten der Mauer. Ich bin dafür ein bisschen zu jung, aber wie er diese Grenzkontrollen von West nach Ost beschreibt: gruselig. Und trotzdem denke ich, diese Art der Prosa-Chronik würde mir auch liegen. Hab im Moment Probleme, meine Projekte zu kanalisieren; im Ansatz viele gute Ideen, aber Schwierigkeiten, (mich) auf eine zu setzen.
Man kann überall Bögen ziehen. Über All. Skiurlaub zum Beispiel. Allein schon räumlich eine Enklave, weil nur der kleinste Teil der Bevölkerung die Zeit, die Mittel und auch die Lust verspürt, in die Berge zu fahren und halsbrecherisch die Pisten hinunter zu sausen. Aber wie wohltuend, wenn man es einmal gemacht hat. Die meisten, die es sich leisten können, kommen daher auch wieder (oder irgendwie leisten können, so wie ich). Jedenfalls spürt man diese mentale „geschlossene Gesellschaft“, diesen Begrüßungsblick untereinander, dieses kaum merkbare Nicken, eigentlich ein begrüßendes Ignorieren, für die Spießerseele in mir seltsam beruhigend, ähnlich wie das Gefühl beim Packen dieser komischen Dachbox am Abend unserer Abfahrt.
Viele Osteuropäer hier, Ungarn, Tschechen, dazu natürlich die unvermeidlichen Wikinger-Dänen und Seefahrer-Niederländer. Die Tschechen, scheint mir, müssen sich hier noch die Selbstverständlichkeit erarbeiten, die Einheimischen tun sich da schwer. So muss es gewesen sein, als die ersten Russen Kitzbühel unsicher gemacht haben, „unsicher“ vor allem aus der Sicht derjenigen, die „zuerst“ da waren. Ich finde es gut, dass hier die bescheidenen Tschechen sind und weiß, dass sie jetzt hier sein und mitfahren können, aufgrund der Ereignisse, die Nooteboom so fein beschreibt, Ende der Achtziger in Berlin, da wird einem die Größe bestimmter Ereignisse klar. Wie Ausläufer gigantischer, ewiger Lawinen rollen politische Entscheidungen bis heute über uns und vor uns und an uns vorbei.
Vatersein in einem Wort, nein, in einem Gedanken? Eine hustende Kinderbrust mit Erkältungsbalsam einreiben; das sich über ein klebendes Schlafanzugoberteil beklagende Kind, mit der Klage immer noch nicht am Ende, als es schon von den Mentholdämpfen überzeugt, endlich einschläft. Das ist Poesie.
Blauer Himmel, klare Luft, weißer Schnee, leckeres Essen, glückliche Kinder, Entspannung pur. In solchen Momenten wäre ich gerne der unnütze Erbe eines Großindustriellen. Der jüngste Sohn, der zwar weniger bekommt, aber auch weniger Verantwortung trägt. Der sein Geld in Stiftungen steckt, Stipendien oder eigene kleine Projekte, z. B. einen Gedichtband, den ich dann statt Grußkarten zu Weihnachten verschenke. Und die Leute werden sich trotzdem freuen, weil ein Scheck beiliegt als Lesezeichen …
Anblick erster Abend vor unserer Hütte. Zum Heulen schön.