Andere Welten

Ich finde mich aktuell immer wieder sehr bewusst in anderen Welten wieder, damit meine ich Szenarien, die für mich wirklich sind, aber für Außenstehende, die aus einem anderen Kontext kommen, regelrecht „un-wirklich“ erscheinen müssen.

Es fing damit an, dass ich mich mit unserem ältesten Sohn auf ein Fischbrötchen am Hafen verabredet habe, machen wir manchmal, ist eine super Sache, unaufgeregt, aber nachhaltig – und immer schön, weil der Hafen einfach schön ist.

Jedenfalls wurden wir Zeugen einer der ersten Drohnen-Shows, mit denen Hamburg seine Olympia-Bewerbung flankiert: https://www.ndr.de/sport/mehr_sport/hamburg-wirbt-mit-drohnen-show-fuer-seine-olympia-kampagne,olympia-556.html

Und das war natürlich einerseits ziemlich schrill und auch ein bisschen beeindruckend, aber dann – und das lag auch an diesem wirklich etwas unheimlichen, dunklen Surren oder Summen, das diese kleinen Flugobjekte sogar über die jetzt auch nicht gerade stille Hafen-Atmo stülpen – auch sehr verstörend, weil ich dachte, wir bewundern hier gerade ein Phänomen, das zeitgleich und auch nicht Lichtjahre entfernt, Todesangst auslöst. Ich erinnerte mich an das SPIEGEL-Video von dem ukrainischen Kriegs-Folter-Opfer, dem ich meine Stimme geliehen habe, und dessen Schilderung von dieser ständigen Bedrohungslage durch mögliche Drohnen-Angriffe; und dass man immer nach oben schauen müsse, um rechtzeitig die Gefahr von oben zu erspähen …

Der zweite Moment ereignete sich ein paar Tage später. Der Ski-Urlaub ist ja mittlerweile der einzige richtige Familienurlaub, den wir uns leisten, und, ja, das wird von Jahr zu Jahr teurer, und wir überlegen immer sehr genau, ob das alles noch darstellbar ist, wie es im BWL-Sprech heißt.

Wir sind zum ersten Mal nach St. Kassian gefahren, das liegt in Südtirol, ein kleiner Ski-Ort, schon recht hoch gelegen, wo man wirklich, wenn man abends nach dem Skitag noch seine müden Beine zum kleinen Supermarkt (selbst der ist irgendwie „unwirklich schön“) schiebt, beim Anblick der flanierenden Menschen, von denen niemand ein existentielles Problem zu plagen scheint, das Gefühl bekommt, sich aus der Nachrichtenwelt herauskatapultiert zu haben. Am zweiten Urlaubstag meldeten die Medien den Angriff auf den Iran, der Sprit-Preis (das beschäftigt die Deutschen dann ja auch) kletterte in unserer Abwesenheit daheim auf Rekordniveau, und ich betrachtete mich in meiner teuren Ausrüstung in irgendeinem Fenster und habe mich dabei fast geschämt, weil ich so beschützt lebe.

Dieses Wochenende dann der dritte Moment, das Betreten der „anderen Welt“ in Form einer Zeitreise. Ich war mit meinem alten Freund Jan vom Verlag mta und seinem Kumpel Andre in Münster auf einem Konzert der Band EA80, vielleicht kennt sie jemand von Euch.

Ich kenne sie über Jan, auch schon seit vielen Jahren, allerdings bin ich jetzt keiner, der alle Songtitel kennt oder jede Strophe mitsingen kann. Aber ich war schon auf ein paar Konzerten von EA80 und feiere alles an dieser Combo: den Gestus, die Geschichte, die Typen und, vor allem, deren Energie auf der Bühne. Das ist für mich in jeder Hinsicht hochgradig inspirierend.

Nun ist es für mich sowieso immer eine Freude, nach Münster zu kommen, wo ich ja lange gelebt und studiert und immer noch viele gute Freunde habe. Münster ist zwar nicht riesig, aber trotzdem cool, clever, creative, klar, auch irgendwie cozy, ein Paradies für Studenten und Menschen, die in Ruhe ihren Lebensabend verbringen wollen (dazwischen sollte man vielleicht mal wegziehen); wo noch Masematte gesprochen wird und in guten Kneipen (wie der Grille) deswegen „Seegers“ auf der Klotür der Jungs steht (https://de.wikipedia.org/wiki/Masematte).

Aber jetzt am Freitag war es besonders emotional, weil das Konzert in der Sputnikhalle am Hawerkamp stattfand, wo ich wirklich das letzte Mal vor 30 Jahren war, als Student auf Rockparties zu Rage against the machine getanzt habe und morgens um Vier berauscht von der Musik und ein paar Drinks dachte, ich könnte in diesem Leben Berge versetzen. Und das Verrückte jetzt war: Ich hätte schwören können, es hat sich an dem Ort nichts verändert. Es sah alles genauso aus wie damals.

Und als wir „Alten“ kurz nach Mitternacht zurück in die Stadt gegangen sind, kamen uns die ganzen jungen Leute entgegengepilgert, für die die Partynacht jetzt erst losging. Und ich sah in die Gesichter der jungen Typen und erkannte in dem einen oder anderen mich selbst vor 30 Jahren. Das hat mich umgehauen.

Ich bin milde geworden, mit mir und meinem Dasein. Es war ja auch nicht alles federleicht im Laufe der Jahre, deswegen ist es gut, dass ich das ab und an mal aufgeschrieben habe, was so passiert, weil man das auch verdrängt, es gab ja wie bei jedem auch bei mir die eine oder andere Krise. Und nun blickt man zurück, fragt sich, wo die Zeit geblieben ist. Gerade hab ich wieder ein bisschen Rücken, wenn ich mich falsch bücke, und seltsame Schmerzen im Fuß, weswegen ich nicht zum Fußballtraining kann. Aber im Großen und Ganzen habe ich doch mehr als 50 Jahre hinter mir, die so geprägt sind von Glück und Liebe, Familie und Freundschaft und tausend interessanten Dingen, die man gemacht oder erlebt hat, dass ich es manchmal nicht glauben kann, in was für einer aufregend schönen Welt ich eigentlich älter geworden bin.

Es ist ein anderes Leben als das der meisten anderen. Und es ist den meisten anderen gegenüber nicht fair. Aber ich kann es nicht ändern. Ich kann es nur teilen. So gut ich eben kann.