Maennaer

Frostige Zeiten in der Speicherstadt. Wer einen Job hat, macht ihn, so gut es geht. Versuche momentan zu texten, gar nicht so einfach, einen klaren Kopf zu bewahren – die Kälte hilft.

Ansonsten sehnt man irgendwie den Frühling herbei. Die wichtigen Themen sind so groß, dass man sich winzig vorkommt, selbst wenn man sich so groß wie möglich macht.

Wer in seiner Nussschale durch den täglich tosenden Orkan des Lebens schippert, muss sich kleine Inseln suchen, auf denen er sich mal kurz und unbeobachtet aufs Ohr legen kann.

Ich hab da so eine, da darf niemand hin, also zumindest nicht jeder. Sicherer als Fort Knox, lustiger als ein Loriot-Film und ekeliger als das Dschungelcamp …

Ansonsten: der Nachwuchsfootballer Manti Te´o spielt für eine tote Freundin, die er nur aus dem Internet kannte und die es, wie sich herausstellte, wohl nie gegeben hat. Das würde ich allerdings auch dem einen oder anderen deutschen Jungnationalspieler zutrauen.

Und: Heino covert Rocksongs und die ganzen harten Jungs regen sich auf. Was sagt Heino (sinngemäß)? Jahrelang haben sich alle über meine Sachen lustig gemacht. Jetzt bin ich mal dran. Finde ich irgendwie gut. Seine „Junge“-Version (Die Ärzte) irgendwie auch.

Ha-Zen

Meine Freundin hat mir heute ein Foto vom Einkaufen gemailt:

Sind die eigentlich bekloppt? Ist denn jetzt schon Ostern?

Und worüber schreiben die Feuilletons? Das neue Tocotronic-Album und das Dschungelcamp. Mein Kollege hat mir heute einen Süddeutsche-Artikel aus der letzten Woche weitergeleitet, wo es im Prinzip darum geht, dass wir so hipstermäßig durch die Ironie-Brille gucken und meinen, ein Format wie das Dschungelcamp auf einer zweiten, reflektierteren Ebene zu verfolgen als die vermeintliche „Unterschicht“, die ja BESTIMMT auch die vertrackten Wort-Witze der genialen Gagschreiber nicht schnallen; dabei glotzen wir im Grunde auch nur auf Fionas Rippen und Iris Titten. Tja, ich würde es so formulieren: Auch durch den Remix schimmert der Roughmix.

Aber es ist in der Tat bemerkenswert, wie sich die Schreiber die eine oder andere Spitze leisten, weil sei wissen, dass die Leute NICHT abschalten, also wie sie gewissermaßen ihre Gags mit Madencocktails subventionieren …

Ansonsten? Eine gefeuerte Redakteurin der Westfälischen Rundschau bloggt über das Ende ihrer Zeitung. Hmmm, … womöglich ist es mein Schicksal, dass ich immer einen Schritt hinterher hinke. Ein paar der Zeilen, die gerade aus dem neuen Tocotronic-Album zitiert werden, stehen (fast) wortwörtlich seit Jahren in meinem Notizbuch. Kein Scheiß! Hoffentlich reicht es zumindest posthum zu Ruhm, dann haben wenigstens meine Kinder was davon …

Therapy

Lange geschlafen. Auf die verschneite Terrasse gegangen und Eiswolken in die Luft gehaucht. Kaninchen Pete ans Herz gedrückt. Zum Pferd gefahren. Pferd ans Herz gedrückt. Wieder nach Hause gefahren und gemütlich Kaffee getrunken. Freundin ans Herz gedrückt. Tierischer Sonntag. Dadurch wieder menschlicher geworden.

 

Zu-Satz-Informationen

Heute Abend kommt nochmal meine Shaolin-Dokumentation über Julian. Hab versucht, ihn anzurufen, aber keinen erreicht. Hoffe, es geht ihm gut. Gucke gerade den Vorfilm, Bulletproof Monk, und muss an unseren China-Trip denken. Die Besuche in den verschiedenen Schulen, das frühe Aufstehen, das harte Training – und unseren Dolmetscher Mr. Wei. Und am Ende Julians Unzufriedenheit, wenig über den geistigen Pfad erfahren zu haben.

Trotzdem waren unsere Gespräche – auch abseits der Interviews für den Film – tiefgründig. Warum ich das erzähle? Weil ich offenbar das Glück oder auch ein Talent dafür habe, Menschen zu begegnen, die mich im Hier und Jetzt inspirieren.

Donnerstag Abend kam mein alter Freund Tobias extra raus nach Eberswalde. Er macht seit ein, zwei Jahren Online-PR im Entwicklungsministerium, hat Latein und Philosophie studiert (glaube ich) und auch promoviert. Im Ruhrgebiet, wo wir uns kennengelernt haben, lasen wir uns abends gegenseitig Philippe Djian vor, das ist 10 Jahre her. Vorgestern sprachen wir zu später Stunde über den Plan, mich mal als Videojournalist auf eine Reise des Ministers mitzunehmen. Wir hatten schon ein paar Bier intus, und ich redete mich ein bisschen in Rage, nach dem Motto, er soll sich mal meinen Shaolin-Film angucken und es dürfe natürlich kein Werbefilm für den Minister werden etc. Als ich am nächsten Morgen zur Uni ging, hatte er mir schon zwei Termine gemailt.

Gestern habe ich mich nach erfolgreichem Seminar-Abschluss dann noch mit meinem Freund Jakob in Berlin getroffen. Wir kennen uns noch nicht so lange. Er stammt aus einer Hamburger Verlegerfamilie und hat sich selbst auch der Literatur verschrieben.

Jedenfalls stelle ich fest – und damit schließt sich mein geistiger Pfad für heute -, dass ich bei den paar Freundschaften, die ich in den letzten Jahren pflege, stets das Gefühl habe, weniger zu wissen als der andere. Wobei ich ja auch immer in Fettnäpfchen tappe. Hab gestern z. B. die Suhrkamp-Frau, die da gerade mit dem Barlach im Clinch liegt, irrtümlich als Tochter von Unseld abgetan. Da hat mir Jakob erstmal erklärt, dass sie ja die Witwe ist (was ich eigentlich auch wusste) und ursprünglich mal der Unseld-Sohn den Verlag übernehmen sollte, was, wenn Jakob, der ja selbst einen Verlagschef zum Vater hat, das erzählt, natürlich mit einem bestimmten Unterton daher kommt. Und er verfügt natürlich auch noch über jede Menge Zusatz-Informationen.

Vielleicht sind das die besten Freundschaften. Sich gefordert zu fühlen, ohne im Wettstreit zu liegen. Zu lernen, ohne sich belehrt zu fühlen. Sich zu entspannen, sich sicher zu fühlen und trotzdem das Gefühl zu haben, dass das Miteinander einen selbst als Individuum weiterbringt.

Im Osten was Neues

Wollte eben nach meinem ersten Uni-Tag ein paar Kleinigkeiten zum Abendessen besorgen (morgen und Freitag gehe ich wohl abends aus, da muss ich mich heute beschränken) und hab an der Kasse diese 5 kleinen Flaschen gefunden, also IN der Packung, Haha, nee, Spaß beiseite, 5 Sorten Puhdys-Schnaps, inklusive CD. Cool, oder?

Bin ein bisschen platt, heute war Theorie, Themen- und Gruppenfindung, damit wir morgen drehen können. Hab versucht, meinen Studenten in der Kürze der Zeit einen kleinen Überblick zu geben über die Grundzüge der Kommunikation, Konstruktivismus, Wirkungsforschung, worauf es bei einem Imagefilm ankommt (wir haben uns ein paar angeschaut, u. a. als krasse Beispiele einen von einem NPD-Politiker und dem amerikanischen Waffenverband, das war schon spannend und relativ unfassbar, das mal genauer zu analysieren) und über die Grundbegriffe im Bereich Kamera & Schnitt. Ganz schöner Batzen, aber die Studenten haben sich wacker geschlagen. Morgen gehen wir mit 4 Gruppen drehen und abends besucht mich mein alter Freund Tobias. Ein kluger Kopf. Mal sehen, was der zu sagen hat.

Hab gerade mal ein bisschen recherchiert. Die Puhdys-Schnäpse gibt´s schon ein Jahr, hab ich aber natürlich nicht mitgekriegt, und jetzt kommt der Hammer – wer hat die Jungs angeblich auf die Packung gepinselt? – Ja, mein alter Bekannter Arno Funke, der Dschungel-Dagobert … the world is so small.

Do-Zen-T

Mein Verleger von minimaltrashart hat heute einen Zeitplan geschickt, den wir einhalten müssen, damit mein Buch wirklich im August erscheint. Das wäre dann 10 Jahre nach meinem Debüt. In Worten: ZEHN!

Jetzt bin ich erstmal auf dem Weg nach Eberswalde. Werde da an der FH ein Seminar zum Thema Mediengestaltung abhalten. Hab ich schon ein paar Mal gemacht, ist immer ganz nett, vor allem für die theoriegeplagten Studenten. Wir recherchieren, drehen und schneiden einen PR-Film, und ich plaudere ein bisschen aus dem Nähkästchen. Ganz praktisch. Am Ende sehe ich dann auch immer klarer, wie alles funktioniert: Erst, wenn man jemandem etwas verständlich erklären kann, hat man es auch selbst verstanden. Das ist wie damals in unserem Mathe-LK-Lernkreis (Ja, ich bin in gewisser Hinsicht ein Nerd!). Hab trotzdem jedes Jahr das Gefühl, ich hätte mich besser auf das Seminar vorbereiten können.

Ein bisschen Geld gibt´s auch. Das ist auch ganz gut, meine Freundin hat Anwaltskosten vorgestreckt. Und die Angelegenheit ist noch nicht mal am Ende … manchmal frage ich mich, wie ich so ruhig bleiben kann.

Hab im Zug mit Interesse einen Artikel vom Wochenende aus der Süddeutschen gelesen über den Suhrkamp-Streit bzw. diesen Anteilsinhaber Hans Barlach, der statt auf die honorigen Autoren auf die nackten Zahlen schaut. Ich meine, mein Suhrkamp-Regal kann sich sehen lassen, da reiht sich ein Luhmann an den nächsten, aber dieser Barlach ist irgendwie … keine Ahnung, mir hat leider auch das Foto von ihm gefallen, da sieht er ein bisschen aus wie der junge Horst Buchholz mit einer Prise Kai Dieckmann. Obwohl ich sonst, weiß Gott, überhaupt nicht auf solche gegelten Controlling-Typen stehe. Im Gegenteil.

So, 22 Uhr, endlich im Hotel. Musste meinen Schlüssel aus einem Safe an der Straße holen, weil die Rezeption nicht besetzt war. Aber ich mag dieses Hotel. Bin schon zum 3. oder 4. Mal hier. Manchmal hat es was Beruhigendes, sich in einem frischen Hotelzimmer auszubreiten. Koffer ausbreiten, Kulturtasche auspacken, mache das immer mit viel Hingabe. In Würde vereinsamen, Schein-Tod eines Handlungsreisenden.

Eberswalde ist ja ein bisschen in Verruf geraten, wegen eines rechtsextremen Überfalls auf einen Angolaner 1990, der Mann erlag seinen Verletzungen. Aber das ist nicht das Einzige – in meiner ersten Dokumentation über das Böse erzählten wir auch die Geschichte von Erwin Hagedorn, einem Kindermörder, der 1972 in der damaligen DDR zum Tode verurteilt wurde. Das wurde vom Staat lange geheim gehalten, weil es im Arbeiter- und Bauernstaat natürlich keine Sexualstraftäter geben durfte …

Das ist der Bahnhof. Wenn ich mich recht erinnere, hat Hagedorn hier im Mitropa-Restaurant gearbeitet und mit Vorliebe lebende Fische aufgeschlitzt. Krasser Typ!

Jungle-Boogie

Gucke gerade Dschungelcamp, um zu sehen, wie sich mein alter Bekannter Arno Funke („Dagobert“) schlägt. Heute hat er über seinen Fast-Selbstmord gesprochen, der damals der ersten Erpressung voranging. Hoffe, er gibt nicht zuviel preis, sondern bleibt einfach cool. Er spricht genauso bedächtig wie damals bei mir im Interview, benutzt sogar die gleichen Formulierungen. Naja, er hat die Geschichte natürlich auch schon ein paar Mal erzählt. Da werden aus Ereignissen eben irgendwann Textbausteine. Dafür spricht die Mutter von der Katzenberger genauso wie ihre Tochter. Die Betonung, Wahnsinn.

Hab mich heute um alle 3 Jungs gekümmert. War sehr nett. Musste sie nur (zum wiederholten) mal daran erinnern, ihre Teller nach dem Essen abzuräumen. Hab gesagt, ich müsste die ganze Woche schuften, hätte außerdem schon den Kaninchenstall sauber gemacht und keine Lust, auch noch den ganzen Samstag die Arbeit für alle zu machen, und als alle dann grummelnd ihr Geschirr weggebracht hatten, fiel mir ein, dass meine Mutter (Nachtschwester auf der Intensivstation) vor ca. 30 Jahren mal genauso einen Ausbruch hatte, und zwar mit ziemlich exakt denselben Worten. Da musste ich dann doch ein bisschen über mich selber lachen.

Come back

Der Winter ist zurück. Fühlt sich gut an. Die Kälte fährt einem in die Glieder und rückt sie wieder zurecht. Als ich eben nach Hause kam, fiel plötzlich so ein Schneegraupelschauer vom Himmel. Hab versucht, das festzuhalten. Man muss natürlich gut hinschauen …

Schnee Fall from anders-blog on Vimeo.

Heute mit den letzten Änderungen der Lügen-Doku fertig geworden. Irgendwann hat man so lange daran herumgeschraubt, dass man gar kein Gefühl mehr für das „fertig“ hat. Kenne ich vom Schreiben. Richtig fertig sind diese Sachen erst, wenn sie im Fernsehen laufen oder als Buch im Regal stehen.

Ansonsten? Die Tochter von Klaus Kinski wirft ihrem toten Vater jahrelangen Missbrauch vor. Das macht vieles kaputt. Das macht ihn auch kaputter. Gestern wies welt.de richtigerweise daraufhin, dass Pädophilie in Kinskis Autobiografie ja auch Thema ist. In den 70ern wurde das noch anders bewertet, aber Kinskis Art wird ja bis heute nicht wirklich etwas entgegen gehalten. Weil man bei einem Schauspieler natürlich auch nie weiß, was Inszenierung und was Charakter ist. Erinnert ein bisschen an Unterweger: Je charismatischer der Täter, desto größer der blinde Fleck der Gesellschaft.

Und: Spiegel online meldet: Steinbrück jetzt schon unbeliebter als Westerwelle …