Tolles aus der Tube – der große Dezember

Stimmt. Weihnachten naht, und die Erdmöbel gehen wie jedes Jahr wieder auf Tour, wie immer mit einem neuen Winterwunderweihnachtslied im Gepäck: Der große Dezember.

Ich habe den Song eben zum ersten Mal gehört – einfach schön. Musik UND Text. Ich kenne die Jungs ja tatsächlich ganz gut, sogar noch aus Zeiten, in denen sie in anderen Bands gespielt und noch nicht in Köln gelebt haben. Ekki Maas habe ich vor Ewigkeiten mal für meine Magisterarbeit interviewt. Ging um die (Un-)Konventionalität ästhetischer Kommunikation, verstehe ich selber nicht mehr. Mit Wolfgang bin ich zur Schule gegangen. Er hat damals für meine Jugendstil-Buch-Beilagen-CD einen Song produziert – und mich auf ein paar musikalischen Lesungen am E-Piano begleitet. Und mit der ganzen Band hab ich mal für arte gedreht. Schön war das alles. Ich frage mich gerade, ob sie mir irgendwann mal erzählt haben, warum sie damals geschlossen nach Köln gegangen sind und nicht z.B. nach Hamburg oder Berlin. Köln muss man ja wollen. Berlin allerdings auch. Über Hamburg hingegen lässt sich nicht streiten ;-)

Und nun sind sie auf Tour. Es muss ziemlich ätzend sein, jetzt wieder die Diskussionen um neue Corona-Maßnahmen zu verfolgen, wenn man im Bus sitzt, auf dem Weg zum Gig. Und noch zwanzig weitere Konzerte vor sich hat, von denen man nun hofft, dass sie auch stattfinden. Ich wünsche den Erdmöbeln (und allen anderen Künstlern und Kulturschaffenden) jedenfalls, dass nicht alles wieder komplett heruntergefahren wird. Obwohl ich andererseits auch möchte, dass wir diesen Shit endlich in den Griff kriegen.

Meine kluge Frau hat mir vor ein paar Wochen schon diesen Penny-Werbespot gezeigt, in dem der jugendliche Sohn seine Mutter fragt, was sie sich zu Weihnachten wünscht, und sie antwortet, sie wünsche ihm, dass er sich nachts aus dem Haus schleicht, Party macht, keinen Bock auf Schule hat, durchhängt, ein Mädchen kennen lernt und dass dieses Mädchen ihm das Herz bricht … Sie wünscht ihm eben ein ganz normales Leben. Und sie befürchtet, dass ihm in dieser Phase des Lebens gerade ganz viele Erfahrungen fehlen, die ein Mensch in seinem Alter machen sollte, um sich als „normaler“ Mensch zu entwickeln. Da ist natürlich etwas dran.

Bitte nicht falsch verstehen, was jetzt kommt; ich möchte, um Himmels Willen, Corona nicht mit einem Krieg vergleichen (auch wenn sich jetzt die Bundeswehr kümmert), aber letztens habe ich gedacht, wenn wir das Ganze niemals in den Griff bekommen sollten, dann wird der Ausnahmezustand eben der Normalzustand. Und dann werden wir lernen müssen, auch damit zu leben. Und es wird Spuren hinterlassen. Das merkt man ja jetzt schon. Womöglich sind wir schon auf der Schwelle dorthin!? Vielleicht werden wir dann irgendwann alle leichtsinniger. Ich meine nicht, dass man sich nicht impfen lässt, dafür gibt es keinen Grund. Leichtsinniger im Allgemeinen. Was Abstand angeht, soziale Kontakte, Umarmungen. Wie jemand, der in einer Region, in der man ständig mit Luftangriffen oder Heckenschützen rechnen muss, irgendwann eben doch einfach mal ungedeckt über die Straße läuft, weil er es einfach leid ist, immer und überall aufpassen zu müssen. Auf der anderen Seite ist ja auch nicht so schwer, ein paar neue Hygieneregeln dauerhaft zu übernehmen. So, wie man in den 80ern gelernt hat, dass man (eigentlich) immer Kondome benutzen sollte … ach, ich weiß es doch auch nicht.

Was kann man von einem Menschen erwarten? In einer globalen Gesellschaft, die sich vor allem über Leistung, Effektivität und Funktionalität definiert? Wieviel Widerstandskraft? Wieviel Individualität? Und wie schafft man es, anders zu denken, ohne ein „Querdenker“ zu werden? Schräg zu sein und sich trotzdem gerade zu machen, wenn es sein muss? Gegen den Strom zu schwimmen, um so den Fluss in die richtige Richtung umzuleiten?

02. Dezember 2021 von Gerrit
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Er schöpft.

Aus dem Vollen!

Sehe gerade, ich nähere mich meinem 1000. Beitrag. Sehe auch, der letzte Beitrag ist schon eine Weile her. Vielleicht ist zuviel passiert …

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Ich fange mal hinten an: Minimal Trash Art, der kleine, feine Verlag aus Hamburg, bei dem ich ein bisschen mitmischen darf, hatte letzte Woche Grund zu feiern: die Premierenlesung von Dagrun Hintzes neuem Gedichtband „ACHTEN LAUFEN“ im Nachtasyl. Der Untertitel des Buches lautet: Krisenpoesie. Dieser Gattungsbegriff wurzelt natürlich in der Zeit des Lockdowns, in der viele der wunderbaren Texte, die sich jetzt im Buch finden, entstanden. Noch vor ein paar Wochen dachte ich, oje, Dagruns Buch ist völlig überholt, wenn es erscheint, und Corona dann ein alter Hut. Aber nein, Corona ist kein alter Hut, sondern vielmehr ein Neopren-Anzug, der sich dem Menschen in immer neuer Form über den Körper zwängt. Wir hätten die Veranstaltung beinahe absagen müssen, haben sie dann aber durchgezogen (2G plus – die Relativitätstheorie des 21. Jahrhunderts), und es war auch ein toller Abend. Aber völlig unbeschwert lief das nicht ab, es war ein bisschen wie an Deck der sinkenden Titanic, wo bis zum bitteren Ende die Kapelle spielt. Und noch Tage später hoffte man, dass die Warn-App nicht anschlägt.

Es ist alles schwer zu glauben. Und schwer zu ertragen. Dass wir es immer noch nicht geschafft haben. Dass es kein Ende nimmt, mit diesem blind wütenden Kack-Virus an Bord. Impfdurchbruch. Klingt wie Blinddarmdurchbruch. Dammbruch. Oder einfach nur wie Bruch mit der Welt. Ich merke, dass diese Nebengeräusche mir zunehmend in den Ohren klingeln. Dass das alles meine Arbeit erschwert, meine Regeneration verhindert. Unterweger steckt mir immer noch in den Knochen, und man muss gleich zum nächsten Projekt humpeln.

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War vor drei Wochen fürs Schweizer Fernsehen in Katar, eine Woche lang, nur, um Vorgespräche zu führen. War natürlich sehr spannend, aber auch aufreibend. Gesundheits-App hier, PCR-Test da. Man kann sich gar nicht um die eigentlichen Dinge kümmern. Und immer, wenn man denkt, jetzt geht es los, passiert irgendwas Neues. Wahnsinn.

Ich betone das immer: Ich weiß, den meisten anderen Menschen geht es, objektiv betrachtet, viel schlechter als mir. Ich habe großes Glück in meinem Leben gehabt. Mit meiner Frau, den Kindern, meiner Familie. Haben letzte Woche bei meiner Mutter im Garten mit vereinten Kräften eine alte Ulme gefällt. Fällen müssen. Das war schade um den Baum, aber stark als Familienerlebnis.

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Und trotzdem fällt es einem schwer, das Positive so für sich immer in angemessener Weise herauszuheben. Ständig grübelt man, wie schnell die Zeit vergeht. Im Moment trifft mich das immer frühmorgens im Bett, das Gefühl vermischt sich auch mit meinen Träumen. Dann bin ich wieder klein, meine Eltern wieder jung. Obwohl ich eigentlich kein Problem mit dem Älterwerden habe. Oder meine Kinder sind wieder ganz klein. Ständig muss ich im Traum eines meiner Kinder retten. Ist doch verrückt.

Aber, klar, je älter man wird, desto mehr Dinge fallen einem ein, die man in seinem Leben eigentlich hatte machen wollen. Anders machen. Dass man eigentlich von der Kunst leben wollte, an die Uni gehen, nochmal Gitarre lernen, Musik machen. So gesehen, ist mein Job, das Filmemachen, ja fast noch der bestmögliche Kompromiss. Sehr viele Songs, die ich bei Unterweger benutzt habe, entstammen z.B. der Feder meines alten Freundes Stephan „Gudze“ Hinz. Das hat Spaß gemacht, mit ihm darüber zu sprechen und die Songs zu kompilieren. Über diesen Trailer freue ich mich noch in zwanzig Jahren:

Und trotzdem ist das eben doch sehr fremdbestimmt. Und es kostet Zeit. Und das nervt mich. Und es nervt mich, dass es mich nervt. Weil ich für meine Liebsten gerne immer und jederzeit der lustige, starke verlässliche Fels in der Brandung wäre.

Manchmal wünschte ich, ich wäre bewusst leichtfertiger im Umgang mit der Zeit. Es gibt ja Menschen, die reißen das Arbeitsleben so ab. Ohne großen Leidensdruck. Andere ändern natürlich einfach was, aber auch nicht alle verbessern damit ihre Situation. Und einige haben ihren Traumjob gefunden und sind auch noch erfolgreich mit dem, was sie tun. Aber ich möchte kein neidischer Mensch sein, wirklich nicht.

Also, was tun? Sich beruhigen, Kerzen an, Tee kochen, und dem Himmel danken, dass man in Frieden lebt und ein Dach über dem Kopf hat. Einfach mal die Fresse halten, ja, ist ja so. Es zu schätzen wissen, dass man in einer Demokratie lebt. Auch wenn sich darin immer mehr Idioten und Idiotinnen tummeln (oder sich zu Wort melden. Wobei sie sich ja nicht melden, sondern einfach reinbrüllen).

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Sich bewusst dem Schönen in der Welt öffnen, auch wenn es ein weiterer Link in die Vergangenheit ist: Habe wieder mal einen alten Djian-Roman zur Hand genommen, stand bei meiner Mutter im Regal: „Verraten und verkauft“. Wegen dieses Buches habe ich angefangen zu schreiben. Es hat mich damals konkret zu meinem zweiten Roman „Kunststoff“ inspiriert. Der geniale Dichter usw. … Mein Erik ist im Grunde Henris Schoß entsprungen; wenn ich diese literaturwissenschaftliche Anekdote irgendwann mal in einer Fußnote lesen sollte, spendiere ich ein Bier. Oder, noch besser, einen Grog.

Es wird kälter draußen. Also, wendet Euch nach innen. Schaut aus Euch heraus und findet zurück zu dem Anderen in Euch, der ihr immer sein wolltet.

Ob es Dir gefällt oder nicht: Du bist es schon.

29. November 2021 von Gerrit
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Spitze, Ericus!

Das war es dann wohl ...

Das war es dann wohl …

Hatte gestern offiziell meinen letzten Tag im Spiegel-Gebäude an der Ericusspitze. Spiegel TV zieht ja nach Tonndorf, auf das Gelände von Studio Hamburg. Hab auch zwei Fotos gepostet, und eine (nette) Kollegin vom Spiegel fragte daraufhin ganz ahnungslos, wo es denn hingehe!? Und das war dann doch ein bisschen symptomatisch, dass diese ganzen wirtschaftlichen Maßnahmen, die das Haus (aus Controller-Sicht bestimmt zurecht) seit Jahren ergreift, so lange an den MitarbeiterInnen vorbeirauschen, bis sie selbst betroffen sind.

Bin dann gestern Abend ein letztes Mal nach der Arbeit durch den Baakenhafen gelaufen und dabei echt ein bisschen rammdösig geworden. Weil ich in den letzten Jahren eben schon das Gefühl hatte, dass nicht nur Heft und Online zusammenwachsen, sondern auch TV und der Rest. Und das lag nicht nur an unserer netten Freitags-Fußballtruppe, sondern auch an kleinen Aktivitäten und Ideen, die mich mit den anderen Abteilungen immer wieder zusammengebracht haben. Ich habe auch an einigen Workshops teilgenommen, die sich mit der Zukunft des Hauses beschäftigt haben. Dass diese offene Kultur jetzt weiterhin so leicht möglich sein soll, erscheint mir momentan – aber das ist meine persönliche Meinung – unwahrscheinlich. Zumindest für mich.

Global betrachtet, gibt es natürlich schlimmere Schicksale. Auch individuell betrachtet. War gestern mit einem sehr netten Kollegen aus eben jener Fußballtruppe zum Mittagessen verabredet. Er erzählte mir, er könne nicht mehr spielen: Knorpelschaden im Knie. Das sei natürlich wahnsinnig frustrierend, aber er versuche, es sich schönzureden, nach dem Motto: Endlich Schluss mit dem Geholze und Gemecker auf dem Platz etc. Um ihn etwas aufzumuntern, hab ich ihm erzählt, dass ich in den ersten drei Saisonspielen zwei(!) Elfmeter verschossen habe, und wir deswegen statt mit sechs nur mit einem Punkt dastünden, konnte er total nachvollziehen. Ehrlich, diese beiden Elfmeter … es ist verrückt. Rational weiß ich, es ist nur ein Spiel, ein Hobby, völlig belanglos, aber in mir brodelt dieses Gefühl von Totalversagen. Ich hatte schlaflose Nächte deswegen. Mein Kollege wusste genau, was ich meine: der Nimbus des Unbesiegbaren … genau. Ich war ja jahrelang so sicher vom Punkt. Als ob ich eine Superkraft verloren hätte.

Aber klar, unterm Strich ist es unwichtig. Gesundheit ist wichtig. Und Humor. Und Liebe. Mein jüngster Sohn ist 18 geworden. Und gab einen Tag nach seinem Geburtstag sein Debut in der 2. Herrenmannschaft seines Jugendvereins. Das war einigermaßen bewegend, weil auf der Tribüne auch einige Leute standen, die ihn kannten und ihm zuriefen und Glück wünschten …

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Meine Frau und ich haben – wie bei den beiden Älteren – wieder ein großes Fotobuch gemacht. Ist toll geworden. Wir hatten dieses Jahr u.a. mit dem Unterweger-Projekt ja wahrlich genug zu tun, aber beim Zusammenstellen der Fotos für das Geschenk unseres Sohnes dachte ich immer wieder, das ist eigentlich jetzt das wichtigste Projekt des Jahres. Es macht einen aber natürlich auch nachdenklich, wenn man sieht, wie 18 (vermeintlich) lange Jahre auf 100 Seiten zusammenschmelzen. Leider habe ich jetzt beim Aufräumen noch eine Festplatte mit alten Handyfotos gefunden. Überlege schon, noch ein zweites Buch zu machen …

Der Unterweger-Zweiteiler ist übrigens fertig. Ich teile es mal, wenn es was zu teilen gibt. Hab mit meiner Frau – wie bei unserer Doku über das Böse vor 10 Jahren – wieder auf die Schnelle noch ein paar Themenbilder nachdrehen müssen: Handschellen anlegen, durch den Wald jagen und mit der Stahlrute erschlagen. Ist super geworden, auch wenn uns das gebückte Laufen diesmal mehr angestrengt hat als vor 10 Jahren. Das Lustige ist: Die Handschellen hatte Spiegel TV noch im Fundus …

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Ansonsten? Habe ich mir, wie immer, den neuen Djian blind bestellt und sofort durchgesuchtet. Ich liebe seine Art zu schreiben. Man weiß immer, was man bekommt, aber es handelt sich trotzdem immer um eine (neue) Variante des Bewährten.

Mein Tipp des Monats!

Mein Tipp des Monats!

Kurios: Das Ende der Story hatte totale Ähnlichkeiten zu dem Fall Unterweger, kein Scherz, ich wäre vor Schreck fast aus dem Bett gerollt. Zufall? Wohl kaum, eher Gedankenübertragung … zapft der Typ seinen größten Fan etwa heimlich an? Ich würde gerne fließend Französisch sprechen und diesen Mann noch einmal sprechen, bevor es zu spät ist. Einen langen Spaziergang entlang der Atlantikküste und anschließend am Strand ein Lagerfeuer machen und dazu ein paar Bier zischen.

Bedeutende Männer neigen leider dazu, zu früh zu gehen, ohne sich anständig zu verabschieden. Charlie Watts, zum Beispiel, oder Jean-Paul Belmondo. Bei Belmondo war es wirklich krass. Ich kam vom Training, es war ein Mittwochabend, ich saß im Auto, fuhr langsam nach Hause und sehnte mich nach ein paar Tagen Urlaub. Ich dachte, ich würde gerne mal wieder eine lange Belmondo-Nacht einlegen: Der Greifer, Der Profi usw. Und dann kam ich nach Hause, meine Frau hatte die Tagesthemen angehalten, schaute mich an und sagte: Setz Dich, Belmondo ist tot. Was soll ich sagen? Den trockenen Augenwischer zahlt der blonde Wichser …

14. August
Konfirmation

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Mein Neffe und meine Nichte sind konfirmiert worden. Abgesehen davon, dass die „so schnell groß geworden“ sind (wie alle Kinder), war es ein wunderschönes Familienfest. Weil unsere Familie so groß und bunt war und im schönen Schleswiger Dom auch noch eine afrikanische Familie zu Gast, und weil die Jugendband gespielt hat, wie wir früher, und weil die Pastorin und der Pastor so modern und gut gelaunt waren. Die drei entscheidenden Fragen, die der Pastor den jungen Konfirmanden stellte, nämlich ob sie ihr Leben im Sinne Jesu Christi bestreiten wollen, d.h. sich selbst zu akzeptieren, den Anderen zu respektieren und andere Religionen zu tolerieren, hätte ich auch so aus vollem Herzen mit JA beantworten können. Als dann die Gemeinde aber im direkten Anschluss das Glaubensbekenntnis sprechen sollte, wurde mir wieder klar, wie schwer es für die Kirche ist, sich zu modernisieren. Und die Liturgie. Religion muss mit der Evolution mitwachsen. Es kann ja nicht sein, dass für uns dieselben Sprüche gelten wie vor 2000 Jahren …

12. August

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Zweite Impfung bekommen, bin ganz erleichtert. Meine Frau hatte mir einen Termin im Impfzentrum besorgt, durch Zufall bin ich an Moderna gekommen, soll ja auch schnell wirken und vergleichsweise gut schützen. Am besten war aber, dass die Moderna-Impfung im Zentrum fast einer VIP-Behandlung gleichkam. Keine Schlange, keine Wartezeit, sofort drangekommen, Glück muss man haben. Nach dem Skandal mit der Kochsalzlösung ist man ja ohnehin etwas unsicher, ob da überhaupt Impfstoff drin ist. Hatte aber an beiden Tagen leichte Symptome, insofern denke ich mal, das war schon richtiger Stoff.

18. September 2021 von Gerrit
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Heimarbeit und Gerrit-Leake

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Habe mir zuhause einen Schnittplatz eingerichtet, um parallel zu den gestalterischen Arbeiten meiner tollen Cutterin schon weiter O-Töne vorzusichten. So sparen wir ein bisschen Zeit, und Zeit ist ja auch immer Geld, gerade, wenn man ein Budget einhalten muss. Finde diese Aufgabenteilung aber nicht schlecht, weil es mich auch immer stresst, wenn mir die Cutterin gewissermaßen dabei zusehen muss, wie ich versuche, den O-Ton-Knoten in meinem Kopf zu lösen. So eine Geschichte kann man ja theoretisch auf tausend Arten und Weisen erzählen. Durch den Dschungel muss ich erstmal alleine. Und in Wahrheit ist es ja so, dass die Cutterin im zweiten Schritt auch immer noch mit draufguckt, ob das alles so Sinn macht, was ich mir da überlegt habe.

Allerdings stelle ich auch fest, dass ein Schnittplatz auf dem Küchentisch nur eine Notlösung sein kann, schließlich muss man ja auch irgendwo essen. Und die Küchentür als Pinnwand zu nutzen, hat zwar was „Start-Uppiges“, aber man möchte ja auch nicht immer, wenn man eine Tomate aus dem Korb holt, daran erinnert werden, dass ein narzisstischer Sadist dreizehn Frauen erschlagen und erdrosselt hat.

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Es ist ja nicht das erste Mal, dass ich den Fall Unterweger bearbeite, und ich behaupte mal, dass ich mittlerweile ein kleiner Experte auf dem Gebiet bin. Deswegen freue ich mich immer über Gedanken oder Aussagen der „richtigen“ Experten, die meinen Blick oder meinen Horizont erweitern.

Dem Schriftsteller und Unterweger-Experten John Leake ist das diesmal gelungen. Der Aspekt wird es vermutlich gar nicht in den Film schaffen, weil es sich nur um eine Randnotiz handelt, aber Leake erklärt im Interview anhand des ersten Mordes an Marica Horvath in Salzburg 1973 – für den Unterweger zwar verdächtigt, aber nie verurteilt wurde -, warum er nicht nur sicher ist, dass es Unterweger war, der die junge Frau mit einer Krawatte gefesselt und lebendig in einen See geworfen hat, sondern auch, was Unterweger aus diesem Mord „gelernt“, bzw. warum er danach immer Kleidungsstücke der Opfer benutzt hat, um sie zu erdrosseln.

Hier der Ausschnitt aus unserem Transkriptions-Protokoll. Ich muss sagen, trint ist eine riesige Erleichterung, auch wenn die Software nicht alles „versteht“, und man manchmal raten muss, was gemeint ist, wie folgende, sehr lustige Stelle zeigt:

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Habe diese Leake-Antwort daher etwas editiert. Der Kollege Schenner, von dem anfangs die Rede ist, war übrigens ein Polizist aus Salzburg, der Unterweger bis zum Ende – selbst, als er schon in Rente war – gejagt hat. Davon wird in unserem Film die Rede sein …

 

Danke an den Kollegen Dennis Meyer, der das Interview geführt hat.

Danke an den Kollegen Dennis Meyer, der das Interview geführt hat.

07. August 2021 von Gerrit
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back no tormal: Kleingeister

Hallo!

Ich habe mal den Stecker gezogen. Den Stift fallen lassen – und vergessen aufzuheben. Mich etwas zurückgezogen. Durchgeatmet. Und festgestellt, dass die eigenen Gedanken so klein sind, dass sie in der Flut des Hochwassers untergehen. Dass da draußen die Herausforderungen für viele Menschen auf der ganzen Welt so groß und existentiell sind, dass es einem – wenn man das Glück hat, verschont zu bleiben – auf dem Hochsitz des Beobachters die Sprache verschlägt.

Das Leben ist kurz. So kurz, dass man sich über jeden Tag freuen sollte, an dem die Dinge einigermaßen in der Waage bleiben. Ich vergesse das manchmal. Beklage meine jämmerliche Existenz, den anstrengenden Job, die lästigen Pflichten des Erwachsenendaseins, ohne zu sehen, wieviel Glück ich erstens habe, und zweitens ja auch Dinge ändern könnte.

Aber wann fängt man damit an? Mit 50? Wenn die Kinder aus der Schule sind? Oder im ersten Job? Mit 60? Oder ist es schon zu spät? Wieviel Risiko geht man ein? Was braucht man wirklich, um in der Zukunft bzw. im Alter glücklich zu sein? Ich weiß es nicht. Ich habe lediglich eine Ahnung: vermutlich nicht viel von dem, worüber ich mir gemeinhin den Kopf zerbreche.

Immerhin erkenne ich mittlerweile auch Glücksmomente, wenn ich sie erlebe. Momente, die ich früher als selbstverständlich erachtet habe. Dafür muss man reifen. Wenn wir – wie in diesem Sommer nochmal – alle fünf gemeinsam in Schweden sind. Im See baden, zusammen Holz stapeln, streichen, schrauben, mähen, kicken oder grillen. Leichtbier trinken, ohne Schwermut. An der Hand der einzigen Frau erkennen, dass man die Kinder groß bekommen hat. Verantwortung an die großen Kinder abgeben können. Zusammen die einzige Frau an deren Geburtstag hochleben lassen. Wenn sich die großen Kinder über kleine Dinge freuen, als wären sie selbst wieder klein. Selbst wenn die Sprüche der großen Kinder derber und die Knochen kantiger geworden sind …

Sport ist halt doch eben immer auch ein bisschen Mord.

Sport ist halt doch eben immer auch ein bisschen Mord.

Bin jetzt seit einer Woche im Schnitt. Unterweger. Zu wenig Vorbereitung, wie immer. Und das nächste Projekt lauert schon. Da beneide ich freie, bildende Künstler, die erstmal drei Tage um einen Granitklotz herumschleichen können, bevor sie zum ersten Mal Hammer und Meißel heben. Ein Großteil der Dinge verliert seinen Reiz, weil man sie unter Zeitdruck erledigen muss, u.a. das Leben selbst.

Plan A bis Z

Plan A bis Z

Dafür dürfen wir nun immerhin wieder zu zweit in einem Raum sitzen, die Cutterin und ich. Natürlich getestet. Und mit Abstand. Und während ich rausgucke und um Regen bete, damit meine Blumen nicht verdursten, hat der Regen woanders und in anderer Form alles zerstört.

In der aktuellen 11FREUNDE, die ich wirklich schätze, ist ein tolles Stück über Rassismus im Fußball. Toll, weil es so eindrücklich ist. Weil es einen wütend macht und sensibel. Weil der Mensch ein Untier sein kann …

Sometimes I don't like us being on this planet ...

Sometimes I don’t like us being on this planet …

Ich wünsche mir manchmal, dass ich es hinbekäme, die Dinge anders zu betrachten. Größer zu denken. Mich selbst von meinem Hochsitz aus zu beobachten und mir von oben „einzutrichtern“, endlich damit aufzuhören, kostbare Lebenszeit zu verschwenden, weil man sich vielleicht Sorgen macht oder neidisch auf andere guckt. Endlich diese „Kleingeister“ zu vertreiben, die einem ständig im Kopf herumspuken.

Auf rbb kam vor ein paar Tagen ein Doku über eine U-Bahn-Linie in Berlin. Ich glaube, die U6. An jeder Station wurde eine kleine Geschichte erzählt. Ganz ruhig. Ich musste daran denken, wie ich in der Anfangszeit bei Spiegel TV immer meinen Freund Jan besucht habe, wenn ich in Berlin gedreht habe. Und dass ich immer versucht habe, Themen oder Experten in Berlin zu drehen, um ihn zu sehen. Um zu sprechen. Oder zu schweigen. Die forensische Psychiaterin Nahlah Saimeh hat mir erst kürzlich im Interview gesagt, eine „echte“ Beziehung erkenne man auch daran, dass man mit seinem Partner/seiner Partnerin gemeinsam schweigen könne. Das war mir jetzt nicht neu, der Umkehrschluss aber schon, weil sie mir im selben Atemzug erklärte, dass sich Jack Unterweger und seine damalige Verlobte ständig mit Kosenamen ansprachen (Schatzi-Hasi-Mausi-Schatzi-usw.), weil ein Psychopath (Unterweger, nicht die Verlobte) unfähig ist, „echte“ Gefühle zu zeigen, und man in einer solchen Verbindung z.B. durch das inflationäre Benutzen der Kosenamen versucht, diese Beziehung irgendwie zu „materialisieren“. Allerdings war sich Frau Saimeh nicht sicher, ob man das so im Fernsehen sagen sollte, weil sie befürchtete, vielen „normalen“ Menschen damit vor den Kopf zu stoßen, die das eben auch tun. Womöglich aus ganz ähnlichen Gründen.

Und dann denke ich, dass ich immer ein paar gute Freunde hatte, die mich davor bewahrt haben, „kleingeistig“ zu sein. Die mich angespornt haben; korrigiert, ermuntert, aufgemuntert, ermutigt, mich auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt oder einfach sein gelassen haben. Wohl dem, der ein paar „Großgeister“ zum Freund hat.

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Ich kann mit meiner Frau jedenfalls sehr gut schweigen. Stimmt’s Schatzilein?

31. Juli 2021 von Gerrit
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Mal was festhalten …

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25. Juni 2021 von Gerrit
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Zeit! Zeugen!

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Samstag, 17 Uhr, Salzburg. Liege auf dem Behandlungsstuhl des zahnärztlichen Notdienstes. Habe mir einen Backenzahn aus der Krone gebrochen. Leiste mir eine Keramikfüllung für 180 Euro, weil die Alternativen alternativlos sind: Amalgam oder provisorisch. Die Zahnärztin ist schnell und kompetent, ihre Aufmerksamkeit liegt in dieser Sekunde allerdings eher bei meinem Job. SPIEGEL TV? Was ich hier in Salzburg machen würde!? Sie nimmt mir die sechs Tamponaden aus dem Mund, damit ich antworten kann: Unterweger! Der Serienmörder? Der war doch in Wien – die Wienerwaldmorde, oder? Ich bin überrascht, wie gut sie sich auskennt. Sie sei ein Fan von Medical Detectives, ich verstehe. Ja, sage ich, vier Morde in Wien, aber mutmaßlich auch zwei in Graz, drei in L.A. und einer in Salzburg, für den er nie verurteilt wurde …

Eine gebürtige Jugoslawin, Marica Horvath, war damals das Opfer, am 01. April 1973. Die Frau wurde geschlagen, missbraucht, gefesselt und geknebelt. Die Nase ließ der Täter aber grausamerweise frei. Sie lebte also noch, als er sie, wehrlos, wie sie war, in den Salzsachsee warf. Eine äußerst hässliche Geschichte. Ein pensionierter Kommissar, August Schenner, versuchte damals, Jack Unterweger auch diese Schandtat nachzuweisen, jahrzehntelang vergeblich, im Gegenteil, als er 1983 neue Beweise fand und Unterweger in Haft (wo er für einen anderen Mord saß) erneut befragte, genoss dieser schon so viel Unterstützung auf dem Weg zu seiner vorzeitigen Entlassung, dass der alte Mann gegen Wände lief.

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Dieser pensionierte Kommissar, August Schenner, hatte wesentlichen Anteil an der Überführung Unterwegers. Leider ist er 2007 verstorben. Es gibt nicht viele Bilder von ihm und nicht viele Menschen, die ihn noch kannten – ich habe einen gefunden: Siegfried Jaros, er kam damals als junger Polizist in Schenners Abteilung. Er hat uns in das geheime Archiv der Salzburger Polizei geführt und mir die ganze Geschichte nochmal erzählt …

Die Original-Kartei "Jack Unterweger"

Die Original-Kartei „Jack Unterweger“

06. Juni 2021 von Gerrit
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Unter weger

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beruflich in Wien
Jack Unterweger auf der Spur
Filme machen
für Streamingdienste
Sex and Crime
Zeugen befragen
von damals
mein Mädchen
hat sein Mädchen
gesprochen
crazy
wenn man es genau bedenkt
Geschichten erzählen
für Heute
nicht zu glauben
wie mondän Wien ist
auf dem Naschmarkt
ein einfaches Schwarzbrot gekauft
für 8,40 Euro
auf Dachterrassen
Freunde besucht
mit Vorsicht genießen
jeden Tag testen
ob man negativ ist
hoffen
dass man es bleibt
neidisch sein auf jeden
der geimpft ist
wo sind wir hingekommen
positiv denken
jeden Tag aufs Gedanken
Karussell springen
wie erzählt man
Geschichten
die man auf tausend und eine Art
erzählen kann
positiv denken
nicht zu glauben
dass Unterweger als resozialisiert galt
um dann in der wiedererlangter Freiheit
sich frei zu fühlen
Frauen zu strangulieren
mit einem speziellen Knoten
den er im Moment der Qual
lockerlassen
und wieder festziehen konnte
wieviel Sadismus ist menschlich
und wieviel Schuld
viele Schriftsteller haben sich für seine vorzeitige Entlassung ausgesprochen
viele von ihnen sagten hinterher
sie hätten gar nicht
so recht gewusst
wofür sie sich da eigentlich aussprechen
oder für wen
nicht zu glauben
wie schön Wien ist
wenn man keine Frau ist
die zu Unterweger
am falschen Tag
ins Auto steigt

23. Mai 2021 von Gerrit
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Junge Frau, zuhause sitzend, blaues Licht, rotes Mikrofon

So langsam reicht es mir auch, muss ich sagen. 2021 wird in die Geschichte eingehen als das Jahr, in dem man sich über einen Impftermin mehr gefreut hat als über einen kleinen Lottogewinn. Wir werden den herzlichen Umgang miteinander wieder üben müssen. Oder wir fallen uns kreuz und quer in die Arme, weil alle erleichtert sind, wenn es endlich überstanden ist.

Nun steht die dritte Welle an, warnen die Experten, und die könnte schlimmer werden als alles andere vorher. Die Ansteckungsgefahr ist so groß, dass alles, was man jetzt außerhalb seiner vier Wände in Angriff nimmt, generalstabsmäßig durchgeplant werden muss, um es mal etwas martialisch zu formulieren.

Wir versuchen daher wirklich, den Kontakt mit anderen Menschen aufs Minimum zu reduzieren, aber am Wochenende war ich dann doch mal wieder draußen, ausnahmsweise. Sebastian hatte ein Online-AutorInnen-Trinken organisiert, mit einer Überraschungsgästin, Alena Schröder, worüber wir uns so gefreut haben, dass wir das Gespräch mit ihr unbedingt für eine neue Podcast-Folge aufnehmen wollten. Und deswegen bin ich dann doch zu Sebastian und Tara ins Atelier gefahren, damit das auch mit der Technik klappt. Also haben Sebastian, Tara und ich vorher noch einen Schnelltest gemacht, uns auf verschiedene Räumen verteilt, gelüftet und zwischendurch Masken getragen. Alles nicht schlimm, aber man muss eben dran denken und sich auch dran halten.

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Unsere Podcast-Gästin, Alena Schröder, hat von zuhause aufgenommen, genauso wie die anderen Gäste quasi live zugeschaltet waren. Und auch wenn so eine Online-Party immer nur eine Notlösung sein kann, war es toll. Und das ist tatsächlich ein großes Glück in meinem Leben, dass Sebastian immer so interessante AutorInnen in mein Leben holt, denen ich dann auch persönlich Fragen stellen kann.

Um es kurz zu machen: Alena Schröder hat ein wunderbares Buch geschrieben, ich kann es nur empfehlen. Und es ist eigentlich noch interessanter, weil es darin auch um ihre eigene Familiengeschichte geht. Ich will gar nicht zu viel verraten. Der Titel kommt erst mal ein bisschen artifiziell daher: Junge Frau, am Fenster stehend, Abendlicht, blaues Kleid – klingt ein bisschen wie Alexander Kluge: Die Artisten in der Zirkuskuppel: ratlos! Bei Alena handelt es sich aber um den Namen eines verschwundenen Gemäldes.

Auch der erste Satz macht schon Spaß: „Bevor sich ihre Großmutter weiter mit dem Sterben beschäftigen konnte, musste Hannah die Sache mit der Jalousie erledigen.“

Oder der hier: „Sie hatten sich rausgeputzt, sich gegenseitig die Haare hochgesteckt und zu viel Rouge aufgetragen, hatten ihre beiden Begleiter schnell abgeschüttelt, die sich ohnehin lieber betrinken wollten, und lauschten nun der Kapelle, die Schlager spielte und von der es hieß, sie spiele auch Jazz, später vielleicht.“ Das ist sehr richtig und aus heutiger Sicht tatsächlich schwer vorstellbar, dass die jungen Menschen mal so den Jazz abgefeiert haben, als Party-Tanzmucke. Das hat mich auch immer so an „On the Road“ fasziniert, dem Roman von Jack Kerouac, in dem die beiden Hauptfiguren ja auch so von Jazz sprechen, als sei es etwas „Heiliges“. Für uns Anfang der 90er waren das vielleicht Grunge oder Crossover, aber Jazz war zu seiner Zeit wirklich neu. Ich fürchte allerdings, einige junge Menschen würden heutzutage dasselbe von deutschem Gangsta-Rap behaupten …

Aber um nochmal auf das Buch von Alena Schröder zurückzukommen: Es verwebt zwei Zeitebenen, zum einen die Jahre zwischen dem ersten und dem zweiten Weltkrieg (und zwar so prägnant, dass man sich noch mal fragt, wie das damals alles möglich war – übrigens auch ein Grund, warum ich das Buch meinen Söhnen empfehlen werde) und zum anderen die Gegenwart. Und das geschieht sehr leicht und intensiv, und es wimmelt nur so von kleinen, gelungenen Ideen, Gedanken und Beschreibungen, die ich in der Kürze der Zeit mit der Autorin gar nicht alle besprechen konnte. Am besten, ihr lest es selbst.

Also, hoffen wir, dass Interviews und Treffen bald wieder real stattfinden können. Ich ziehe meinen Hut vor allen Menschen in sozialen Berufen. PflegerInnen, ErzieherInnen, KassiererInnen, vor allen Menschen, die nicht einfach sagen können: Nö, ich bleib zuhause. Und ganz persönlich kann ich nur sagen: Was für ein großes Glück, dass ich mich ab und an um diesen alten Isländer meiner Frau kümmern darf. Oder er sich um mich.

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Waren am Sonntag eine Stunde mit ihm spazieren. Ist wie Schwimmen mit Delphinen.

Bleibt gesund.

29. März 2021 von Gerrit
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(G)Unter (G)Eiern

Hab gestern mit meinem jüngsten Sohn Bundesliga geguckt. Nur am Rande: Robert Lewandowski!? Was für ein Wahnsinn: drei „Alu-Treffer“, einer krasser als der andere! Wären die alle drin gewesen, würde Gerd Müllers Rekord jetzt wirklich wackeln …

Jedenfalls erzählte mein Sohn während der Vorberichterstattung, er habe auf Netflix gerade „Das Hausboot“ gesehen, die kleine Serie über das alte Hausboot von Gunter Gabriel, das Olli Schulz und Fynn Kliemann gekauft und saniert haben. Ob wir das schon gesehen hätten!?

Natürlich haben meine Frau und ich das längst geschaut. Schließlich haben wir ja damals mit Gunter für den NDR die dreiteilige Serie „Der Hafencowboy“ realisiert – das rosa Hausboot war in der Zeit unser zweites Zuhause. Und ich muss sagen, wir wurden ein bisschen wehmütig, als es entkernt wurde, z.B. als das alte Trimm-Dich-Fahrrad im Container landete, auf dem er sich abstrampelte, als Amrei mit ihm und Gunters Personal Trainer Marios Winding gedreht hat (irgendwo muss auch noch eine alte Roger Trash-CD von mir über Bord gegangen sein, die ich Gunter mal als Inspiration geliehen hatte).

Am Anfang der ersten Folge zeigen sie sogar einen kleinen Ausschnitt aus unserer NDR-Serie, untermalt von einer kleinen Musikzeile, die Gunter damals beim Soundcheck(!) in der kleinen SPIEGEL TV-Sprecherkabine im Chilehaus eingesungen hat, als wir den von mir komponierten Trailersong „Der Hafencowboy“ aufgenommen haben. War eine richtige Rock and Roll-Aktion, mit ganz wenig Aufwand, zwei guten Mikrofonen, einem sehr guten Tonmann (Thorsten Rejzek) und einem „Produzenten“, der seine Hemmungen überwand und dem alten Schlagerschlachtschiff Gunter Gabriel Anweisungen gab, wie er das denn zu machen habe. Ich weiß, ich hab die Geschichte schon hundertmal erzählt, aber es sei mir verziehen, dass ich die alten Erinnerungen ab und an, wenn es einen Anlass gibt, mal wieder an die frische Luft lasse. Bin so froh, dass ich das damals alles aufgenommen habe. Glaubt einem ja sonst keiner:

The Gunter Recordings from anders-blog on Vimeo.

Zwei kleine Anmerkungen zum Schluss: Mein Münsteraner Musikerkollege Stephan „Gude“ Hinz und ich haben aus dem Jingle damals einen ganzen Song gemacht. Gunter war davon so begeistert, dass er ihn unbedingt auf seine nächste CD packen wollte. Ist dann nichts mehr draus geworden, aus tausend Gründen, u.a. wegen eines Treppensturzes, den er nicht überlebte. Vielleicht ist das die legendärere Geschichte, mich nervt es trotzdem ein bisschen. Hätte es gerne noch erlebt, wenn 10.000 Countryfans den Refrain mitsingen …

Und? Es ist übrigens auch kein Wunder, dass mein Sohn Spaß an der Netflix-Serie hatte, der Humor war ja infantil genug, an der Grenze zu … äh … grenzwertig. Aber wie drückte es schon mein Alphabeten-Kollege Sebastian aus:

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Den hättest Du vermutlich auch lustig gefunden. Ruhe in Frieden, Hafencowboy!

14. März 2021 von Gerrit
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