Glück

Glücksritter

Glücksritter

Glück ist der Freund, von dem man nicht wusste, dass es ihn gab. Der stille Teilhaber im Hintergrund. Oder die schrille Alte. Die gute Frage, die einem nie einfällt. Ein versäumtes Gespräch. Glück ist unterbelichtet. Es wird einem erst im Unglück bewusst. So, wie man Gesundheit nur im Wissen um Krankheit schätzen lernt. Randnotiz: Gegen-Liebe hingegen ist das einzige Gefühl, nach dem man sich a priori namentlich sehnt.

Glück

Eines Tages wird unser Kater sterben,
und ich werde heulen.
Eines Tages wird unser Gaul sterben,
und ich werde heulen.
Eines Tages werden meine Eltern sterben,
und ich werde heulen.

Unterschiedlich lang,
unterschiedlich laut.

Vielleicht werden
mein Haus davonschwimmen
oder meine Felle
die Jungs für ihr Vaterland kämpfen müssen
oder ihr Vater für die Jungs.
Vielleicht wird
mich eine Krankheit umbringen
oder mein Job
oder meine Sorge
um meine Liebste.

Aber bis dahin
bin ich der,
der verschont geblieben ist;
der Glück gehabt hat.

Versteh das endlich,
Du dämlicher Hund.

16. März 2022 von Gerrit
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Höltigbaum-Hits Vol. 4

so dumm sein
wie weißes Papier

(Element of Crime)

Wie??? Nicht Höltigbaum????

Wie??? Nicht Höltigbaum????

Tja, kann man in Zeiten wie diesen einen Blogeintrag verfassen, ohne über den Krieg zu schreiben? Eigentlich nicht. Oder sollte man es gerade deswegen (auch)? Wäre ich radikaler Konstruktivist, könnte ich sagen, wenn ich den Krieg ausblende, indem ich nicht über ihn schreibe, könnte er am Ende womöglich gar nicht passiert sein. Dann wäre ich aber zugleich auch ein inhumaner Zyniker, der das Leid eines ganzen Volkes (vielleicht der ganzen Welt) ausblenden bzw. sogar leugnen würde.

Ich versuche mal, eine Brücke zu schlagen. In den letzten Monaten – also, eigentlich seit Corona – fahre ich ja ab und an mit dem Rad ins Naturschutzgebiet bei uns in der Nähe. Höre Musik, trinke ein Feierabendbier, manchmal arbeite ich da auch noch, mache Notizen, telefoniere, schreibe Mails. In jedem Falle komme ich dort auf andere Gedanken. Auf bessere, um genau zu sein.

Über die Monate haben sich ein paar Songs herauskristallisiert, die ich neu- oder wiederentdeckt habe. Zu einigen fällt mir eine Geschichte ein, die ich dann mit euch teile.

Heute geht es um „Weißes Papier“ von Element of Crime.

Der Song erschien im Januar 1993 (in dem Jahr habe ich Abitur gemacht) auf der gleichnamigen Platte, die für die Band Element of Crime im Grunde auch der große Durchbruch war.
In der zweiten Strophe dieses Songs heißt es:

Auch werd‘ ich in Zukunft ein Anderer sein,
Als der, den du in mir sahst.
Die Hose die du mir gehäkelt hast
Werf‘ ich in den Container der Heilsarmee rein.

Ich ess‘ auf dem Fußboden, aus der Hand
Seh‘ mir jeden Trickfilm im Fernseh’n an.
Alles was du nicht magst, lobe ich mir.
Ich werd einfach so rein,
Und so dumm sein, wie weißes Papier.

Es geht hier um das alte Motiv des verlassenen (oder verlassenden?) Mannes, der sich nach der Beziehung in die Transformation flüchtet. Er mutiert in das Gegenteil dessen, was er meint, seiner EX gewesen zu sein und kultiviert plötzlich Handlungen, Eigenarten und Rituale, von denen er glaubt, dass diese die EX zur Weißglut gebracht hätten: keine Essmanieren, Trickfilme, Undank usw. Er meint, sie damit verletzen zu können. Oder sich über sie zu erheben. Es ihr heimzuzahlen.

Nun zu meiner Randnotiz: Im selben Jahr erscheint in Münster eine CD von dem zwar stadt-, aber ansonsten relativ unbekannten Künstler Axel Schulz (der sich später Axel Schulß nannte). Auf dieser Platte wiederum gibt es einen Song, der diesen Gedanken des ins Gegenteil mutierenden EX-Liebhabers weiterführt:

Ich liebe diesen Song von Axel Schulß. Tolle Komposition, sehr cleverer Text. Ich liebe ihn auch wegen der Band, die ihn eingespielt hat. Der Trommler ist mein alter Schlagzeuglehrer Ben Bönniger, die anderen beiden, Ekki und Wolfgang, sind jetzt feste Mitglieder der Kölner Band Erdmöbel. Jedenfalls habe ich mir anlässlich dieses Blogs nochmal genau angeschaut, wann die Songs erschienen sind. Manchmal entdeckt man dabei ja die merkwürdigsten Sachen. Ehrlich gesagt, habe ich mir insgeheim gewünscht, „Weißes Papier“ sei deutlich später erschienen; dass der große Sven Regener womöglich bei dem unbekannten und viel zu früh verstorbenen Münsteraner Künstler Axel Schulß „geklaut“ hätte, also im Prinzip so eine Gary-Moore-Still-got-the-blues-Geschichte (he got the blues). Vermutlich war es wohl eher andersherum, aber die Frage kläre ich mal, wenn ich das nächste Mal auf die Erdmöbel treffe. Außerdem, was soll´s? Es sind zwei sehr unterschiedliche Songs, auf ihre Art gleich wunderbar.

„So dumm sein, wie weißes Papier“. Ich stolpere immer über dieses Bild, das Sven Regener da gemalt hat. Weil es doch eigentlich nichts gibt, was mehr Potential hat, als ein weißes Papier. Als ein unbeschriebenes Blatt. Ein Neugeborenes ist ja nicht dumm, sondern, im Gegenteil, es hat alle Anlagen, alles zu lernen und zu wissen. Insofern ist es höchstens ungebildet oder unerfahren, aber nicht per se dumm. Ahnungslos vielleicht. Und jetzt zur Brücke; denn das wäre ich in Zeiten wie diesen nämlich auch gerne manchmal: Ahnungslos und unerfahren, wie ein weißes Papier, auf dem sich keine Zeile findet, über Kriege.
Aber wo kämen wir da hin?

Letzte Frage: Was ist der Unterschied zwischen einem unbeschriebenen Blatt und einem ungehobelten Klotz?

08. März 2022 von Gerrit
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Die Welle bricht

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Besuchen Sie Europa, solange es noch steht. Heute: Sieseby

 

Besuchen Sie Europa, solange es noch steht.
Geier Sturzflug

Sind ein paar Tage raus, in so ein modernes Ferienresort, mit ganz vielen neuen Häuschen am Wasser, denen ganz viele Einheimische aus ganz vielen Gründen mit ganz viel Unbehagen begegnen. Aber wenn man erst mal drin ist, sieht die Welt, von außen betrachtet, schon ganz anders aus: Wasser, wohin man blickt, schlicht, aber schick eingerichtet, mit Kamin, Sprudelwanne und Infrarot-Sauna. Und dann denkt man, … hm … die Ostsee … ob er hier vor der Schleimündung auch bald U-Boote parkt? Nur als Manöver, versteht sich. Und auf dem Weg kurz Lettland einkassiert?

Habe Urlaub genommen, um meinen Eltern im Garten zu helfen. Regensicherer Unterstand für das neue Holz bauen, Holz hacken. Hab dann ein paar Nächte drangehängt und meine Frau eingepackt. Oder andersherum.

Zwei Tage lang habe ich mit meinem Vater den Akkuschrauber, den Brennholz-Spalter und die Sägen zum Schwitzen gebracht, hervorragende Ablenkung. Aber abends muss man sich hüten. Man darf die Nacht nicht zu sich nach Hause einladen. Dann liegt man in der Wanne und macht sich Gedanken über die Unterlagen für den Steuerberater, den verschobenen Zahnarzttermin und – immerzu – die Arbeit. Aber nur, weil man Angst hat, die wirklich wichtigen Dinge an sich heran zu lassen. Und dann denkt man eben doch, alles egal, weil da wieder einer der wenigen Männer, die es können, machen, was sie wollen, weil sie es können. Oder weil sie offenbar nicht anders können. Weil – das schreibe ich gewissermaßen als Chronist – dieser Krieg in Europa alle fassungslos macht, die Welt verändert und wie eine Wolke über allem schwebt, und man alle Kraft aufbringen muss (vor allem unbewusst), die richtige Balance zu finden zwischen Information und Verdrängung.

Im Grunde war Corona schon ein guter Anlass, nochmal alle Schalter auf Null zu stellen. Gemeinsam mit seinem Lebensmenschen zu überlegen, was man mit dem Leben anfangen möchte. Jetzt noch der Krieg obendrauf, der uns natürlich gefühlt näher geht als die meisten anderen Krisenherde, weil wir die Suppe, die der russische Präsident da köchelt, am Ende der Fresskette mit auslöffeln werden. Selbst, wenn nichts mehr da ist. Wobei wir noch alle Gliedmaßen haben und leben werden. Deswegen ist das natürlich ein Luxusproblem, hier und jetzt überhaupt über verschiedene Szenarien und Handlungsalternativen zu verfügen, die nicht aus Angst, Verzweiflung oder Flucht resultieren. Ich weiß das sehr wohl.

beckergrab

Waren heute in Sieseby, am Grab von Jurek Becker, der die letzten sieben Jahre seines Lebens hier oben an der Schlei verbracht hat. Wir standen vor seinem Haus, also, es ist wohl nicht sein Haus, und es sieht vermutlich auch nicht mehr so aus wie damals, scheint komplett sarniert. Es steht eine Tafel davor, und man kann die Nachbarn fragen, wenn man es besuchen möchte. Nicht richtig schön, aber mit Blick aufs Wasser. Und man ahnt, dass er hier schöne letzte Jahre hatte, bis sein Herz nicht mehr wollte. Jurek Becker, übrigens auch ein Schriftsteller, der viel fürs Fernsehen gemacht hat. So wie ich. Allerdings hatte Becker zuvor einen Riesenhit bei Suhrkamp gelandet. Später hat er Drehbücher für die Anwaltserie „Liebling Kreuzberg“ geschrieben. Und Postkarten, das war eine Spezialität von ihm. Suhrkamp hat sogar ein Buch daraus gemacht: Postkarten vom Becker


Wenn ich wüsste, dass morgen die Welt unterginge, würde ich heute noch mein Apfelbäumchen pflanzen.
Wohl (nicht) von Luther, aber Mut machend.

Es ist schwer, einen klaren Kopf zu bewahren. Weil jeder unpolitische Gedanke gerade irrelevant erscheint. Aber weil es auch existentiell sein kann, sich angesichts der politischen Lage, die einen eigentlich zum Handeln zwingt, auf andere Gedanken zu bringen.

Die Welle bricht

Die Welle bricht
und erschleicht sich ein Geständnis
irgendwo über mir
vertraut jemand seinem
Gegenüber
macht jemand das Licht
aus
sich heraus
ein bisschen heller
wie ein blindes Glas, in das man
einfach Wasser
hineinlaufen lassen kann

und die Zeit
wiederholt sich
in ihrem Vergehen zu vergehen

Die Welle bricht
sie hat etwas Schlechtes
zu sich genommen

25. Februar 2022 von Gerrit
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Wort. Schöpfung.

Bin heute geboostert worden. Gute Sache, schreckliches Wort. Muss Anfang Januar auf Dienstreise, deswegen bin ich in der Firma – gewissermaßen auf eigenes Risiko – früher als empfohlen aufgefrischt worden, meine 2. Impfung ist nämlich erst vier Monate her. Aber der Arzt meinte ganz richtig, in England würden sie schon nach drei Monaten boostern, also habe er da keine Bedenken. Und ich muss sagen, ich lebe lieber mit dem Risiko einer verstärkten Impfreaktion als nicht-beboostert mit hunderten anderen Passagieren aus aller Welt auf zwei Langstreckenflüge zu gehen.

Die Impfung ist ein Riesenthema gerade. Leute radikalisieren sich. Bereits Radikale schnuppern Morgenluft. Ätzend. Als Promi schafft man es – mit einer gewissen Vorgeschichte – mit der Aussage, ob man sich impfen lässt oder nicht, auf die Titelseiten. Wahnsinn.

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Bin jetzt ein bisschen schlapp, aber nicht unzufrieden. War ein anstrengendes Jahr, aber vieles ist auch ganz gut gelaufen. Die Kinder machen Freude, haben sich hier am Wochenende die Klinke in die Hand gegeben. Sogar mit Kekse gebacken. Kinder sind wichtig, auch wenn sie, sobald sie da sind, dein Leben prägen, ein Großteil deines Denkens und Fühlens einnehmen.

Habe eben in der 3SAT Mediathek „Peter Handke in Paris“ gesehen, von Georg Stefan Troller, hochinteressant, Form und Inhalt. Der Film zeigt Handke im (fürs Fernsehen zwangsläufig in Szene gesetzten) Alltag, mit seiner damals 6-jährigen Tochter Amina, die bei ihm wohnte. Und Handke sagt das auch, dass Kinder so real sind, und das ist es eben, du kannst dich als Vater nur in gewissem Maße dem Leben entziehen, jedenfalls nicht, wenn man es einigermaßen als Vater hinkriegen will. Und wahrscheinlich ist es die größte Leistung eines Erwachsenen, wenn er die eigenen Kinder nicht traumatisiert auf die Reise schickt, ins Leben „entlässt“ (auch ein lustiger Ausdruck, so als sei das Aufwachsen bei den Eltern eine Haftstrafe).

Der Film passte ganz gut in meine Zeit, da ich ja gerade wieder Djians „Verraten und Verkauft“ gelesen habe. Da geht es ja auch um das Dasein als Schriftsteller, wie Schriftsteller die Welt sehen und sich in ihr bewegen. Und das gilt ja für Künstler im Allgemeinen. Apropos, ich hab übrigens vor ein paar Tagen mal wieder Musik gemacht, und zwar „richtig“, d.h. nicht alleine (s. Foto). War super.

Mal sehen, was dabei herauskommt ...

Mal sehen, was dabei herauskommt …

Ich will das alles nicht immer überbewerten oder glorifizieren, aber ich denke, ich bin schon auch eher jemand, der ständig die Antennen aufstellt und nach Ausdrucksmöglichkeiten für das Unaussprechliche sucht. In Wort und Ton und Bild. Egal, jedenfalls wehrt sich Handke in dem Film von Troller auch gegen die (damals) vorherrschende Meinung, der Schriftsteller schreibe, um dem Leben zu entfliehen. Das Gegenteil sei doch der Fall, sagt er, niemand sei dem Leben so wehrlos ausgesetzt wie der Schriftsteller, weil ihm keine Abwehr-Systeme zur Verfügung stünden. Mein Lieblingssatz ist ja: Der Schriftsteller denkt immer das Drama. Ich weiß, ehrlich gesagt, nicht mal mehr, ob der von mir ist. Aber unabhängig davon, was man von Handke hält, und dass es viele (wirklich) emphatische Menschen gibt, die auch danach handeln, anstatt „nur“ darüber zu schreiben, und dass man zugleich natürlich trefflich darüber streiten kann, was per definitionem ein vergleichsweise „schweres Leben“ ist, weiß ich doch, was Handke meint. Gestern Abend habe ich an der Tankstelle einen Mann angesprochen, der vergeblich versuchte, so eine moderne Luftsäule zu bedienen, die gleichzeitig auch als Staubsauger fungiert. Auch möglich, dass ihm ein Euro fehlte. Ich sah, dass er seine Familie dabei hatte. Eine Frau, zwei Kinder, die etwas beunruhigt schienen. Ich fragte, ob er Luft brauche, aber er verstand mich kaum, entgegnete, er lerne gerade Deutsch, komme aus Polen, sie wollten nach Hause.

Ich nickte, warf einen Euro ein, stellte die Bar-Zahl ein, von der ich dachte, sie könne passen und kniete mich vor den platten Reifen. Da kam er schon um die Ecke hockte sich neben mich und erzählte, im Reifen stecke ein Nagel. Ich nickte wieder, schaute hoch und bemerkte seinen Sohn, der mich mit großen Augen ansah. Er trug eine Pudelmütze mit Bommel. Ich lächelte ihn an. Ich pumpte, bis das Gerät piepte. Der Mann sagte mehrfach „Danke“, ich sagte, schon gut und wünschte ihm gute Fahrt. Also ich zuhause war, erzählte ich meiner Frau die kleine Episode. Dass mir diese Familie leid tat, vor allem der Vater, weil Väter in solchen Situationen immer verantwortlich sind. Weil Kinder immer erwarten, dass Väter Probleme dieser Art lösen. Und als ich das so erzählte, kamen mir fast die Tränen. Ist doch verrückt, oder?

13. Dezember 2021 von Gerrit
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Tolles aus der Tube – der große Dezember

Stimmt. Weihnachten naht, und die Erdmöbel gehen wie jedes Jahr wieder auf Tour, wie immer mit einem neuen Winterwunderweihnachtslied im Gepäck: Der große Dezember.

Ich habe den Song eben zum ersten Mal gehört – einfach schön. Musik UND Text. Ich kenne die Jungs ja tatsächlich ganz gut, sogar noch aus Zeiten, in denen sie in anderen Bands gespielt und noch nicht in Köln gelebt haben. Ekki Maas habe ich vor Ewigkeiten mal für meine Magisterarbeit interviewt. Ging um die (Un-)Konventionalität ästhetischer Kommunikation, verstehe ich selber nicht mehr. Mit Wolfgang bin ich zur Schule gegangen. Er hat damals für meine Jugendstil-Buch-Beilagen-CD einen Song produziert – und mich auf ein paar musikalischen Lesungen am E-Piano begleitet. Und mit der ganzen Band hab ich mal für arte gedreht. Schön war das alles. Ich frage mich gerade, ob sie mir irgendwann mal erzählt haben, warum sie damals geschlossen nach Köln gegangen sind und nicht z.B. nach Hamburg oder Berlin. Köln muss man ja wollen. Berlin allerdings auch. Über Hamburg hingegen lässt sich nicht streiten ;-)

Und nun sind sie auf Tour. Es muss ziemlich ätzend sein, jetzt wieder die Diskussionen um neue Corona-Maßnahmen zu verfolgen, wenn man im Bus sitzt, auf dem Weg zum Gig. Und noch zwanzig weitere Konzerte vor sich hat, von denen man nun hofft, dass sie auch stattfinden. Ich wünsche den Erdmöbeln (und allen anderen Künstlern und Kulturschaffenden) jedenfalls, dass nicht alles wieder komplett heruntergefahren wird. Obwohl ich andererseits auch möchte, dass wir diesen Shit endlich in den Griff kriegen.

Meine kluge Frau hat mir vor ein paar Wochen schon diesen Penny-Werbespot gezeigt, in dem der jugendliche Sohn seine Mutter fragt, was sie sich zu Weihnachten wünscht, und sie antwortet, sie wünsche ihm, dass er sich nachts aus dem Haus schleicht, Party macht, keinen Bock auf Schule hat, durchhängt, ein Mädchen kennen lernt und dass dieses Mädchen ihm das Herz bricht … Sie wünscht ihm eben ein ganz normales Leben. Und sie befürchtet, dass ihm in dieser Phase des Lebens gerade ganz viele Erfahrungen fehlen, die ein Mensch in seinem Alter machen sollte, um sich als „normaler“ Mensch zu entwickeln. Da ist natürlich etwas dran.

Bitte nicht falsch verstehen, was jetzt kommt; ich möchte, um Himmels Willen, Corona nicht mit einem Krieg vergleichen (auch wenn sich jetzt die Bundeswehr kümmert), aber letztens habe ich gedacht, wenn wir das Ganze niemals in den Griff bekommen sollten, dann wird der Ausnahmezustand eben der Normalzustand. Und dann werden wir lernen müssen, auch damit zu leben. Und es wird Spuren hinterlassen. Das merkt man ja jetzt schon. Womöglich sind wir schon auf der Schwelle dorthin!? Vielleicht werden wir dann irgendwann alle leichtsinniger. Ich meine nicht, dass man sich nicht impfen lässt, dafür gibt es keinen Grund. Leichtsinniger im Allgemeinen. Was Abstand angeht, soziale Kontakte, Umarmungen. Wie jemand, der in einer Region, in der man ständig mit Luftangriffen oder Heckenschützen rechnen muss, irgendwann eben doch einfach mal ungedeckt über die Straße läuft, weil er es einfach leid ist, immer und überall aufpassen zu müssen. Auf der anderen Seite ist ja auch nicht so schwer, ein paar neue Hygieneregeln dauerhaft zu übernehmen. So, wie man in den 80ern gelernt hat, dass man (eigentlich) immer Kondome benutzen sollte … ach, ich weiß es doch auch nicht.

Was kann man von einem Menschen erwarten? In einer globalen Gesellschaft, die sich vor allem über Leistung, Effektivität und Funktionalität definiert? Wieviel Widerstandskraft? Wieviel Individualität? Und wie schafft man es, anders zu denken, ohne ein „Querdenker“ zu werden? Schräg zu sein und sich trotzdem gerade zu machen, wenn es sein muss? Gegen den Strom zu schwimmen, um so den Fluss in die richtige Richtung umzuleiten?

02. Dezember 2021 von Gerrit
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Er schöpft.

Aus dem Vollen!

Sehe gerade, ich nähere mich meinem 1000. Beitrag. Sehe auch, der letzte Beitrag ist schon eine Weile her. Vielleicht ist zuviel passiert …

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Ich fange mal hinten an: Minimal Trash Art, der kleine, feine Verlag aus Hamburg, bei dem ich ein bisschen mitmischen darf, hatte letzte Woche Grund zu feiern: die Premierenlesung von Dagrun Hintzes neuem Gedichtband „ACHTEN LAUFEN“ im Nachtasyl. Der Untertitel des Buches lautet: Krisenpoesie. Dieser Gattungsbegriff wurzelt natürlich in der Zeit des Lockdowns, in der viele der wunderbaren Texte, die sich jetzt im Buch finden, entstanden. Noch vor ein paar Wochen dachte ich, oje, Dagruns Buch ist völlig überholt, wenn es erscheint, und Corona dann ein alter Hut. Aber nein, Corona ist kein alter Hut, sondern vielmehr ein Neopren-Anzug, der sich dem Menschen in immer neuer Form über den Körper zwängt. Wir hätten die Veranstaltung beinahe absagen müssen, haben sie dann aber durchgezogen (2G plus – die Relativitätstheorie des 21. Jahrhunderts), und es war auch ein toller Abend. Aber völlig unbeschwert lief das nicht ab, es war ein bisschen wie an Deck der sinkenden Titanic, wo bis zum bitteren Ende die Kapelle spielt. Und noch Tage später hoffte man, dass die Warn-App nicht anschlägt.

Es ist alles schwer zu glauben. Und schwer zu ertragen. Dass wir es immer noch nicht geschafft haben. Dass es kein Ende nimmt, mit diesem blind wütenden Kack-Virus an Bord. Impfdurchbruch. Klingt wie Blinddarmdurchbruch. Dammbruch. Oder einfach nur wie Bruch mit der Welt. Ich merke, dass diese Nebengeräusche mir zunehmend in den Ohren klingeln. Dass das alles meine Arbeit erschwert, meine Regeneration verhindert. Unterweger steckt mir immer noch in den Knochen, und man muss gleich zum nächsten Projekt humpeln.

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War vor drei Wochen fürs Schweizer Fernsehen in Katar, eine Woche lang, nur, um Vorgespräche zu führen. War natürlich sehr spannend, aber auch aufreibend. Gesundheits-App hier, PCR-Test da. Man kann sich gar nicht um die eigentlichen Dinge kümmern. Und immer, wenn man denkt, jetzt geht es los, passiert irgendwas Neues. Wahnsinn.

Ich betone das immer: Ich weiß, den meisten anderen Menschen geht es, objektiv betrachtet, viel schlechter als mir. Ich habe großes Glück in meinem Leben gehabt. Mit meiner Frau, den Kindern, meiner Familie. Haben letzte Woche bei meiner Mutter im Garten mit vereinten Kräften eine alte Ulme gefällt. Fällen müssen. Das war schade um den Baum, aber stark als Familienerlebnis.

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Und trotzdem fällt es einem schwer, das Positive so für sich immer in angemessener Weise herauszuheben. Ständig grübelt man, wie schnell die Zeit vergeht. Im Moment trifft mich das immer frühmorgens im Bett, das Gefühl vermischt sich auch mit meinen Träumen. Dann bin ich wieder klein, meine Eltern wieder jung. Obwohl ich eigentlich kein Problem mit dem Älterwerden habe. Oder meine Kinder sind wieder ganz klein. Ständig muss ich im Traum eines meiner Kinder retten. Ist doch verrückt.

Aber, klar, je älter man wird, desto mehr Dinge fallen einem ein, die man in seinem Leben eigentlich hatte machen wollen. Anders machen. Dass man eigentlich von der Kunst leben wollte, an die Uni gehen, nochmal Gitarre lernen, Musik machen. So gesehen, ist mein Job, das Filmemachen, ja fast noch der bestmögliche Kompromiss. Sehr viele Songs, die ich bei Unterweger benutzt habe, entstammen z.B. der Feder meines alten Freundes Stephan „Gudze“ Hinz. Das hat Spaß gemacht, mit ihm darüber zu sprechen und die Songs zu kompilieren. Über diesen Trailer freue ich mich noch in zwanzig Jahren:

Und trotzdem ist das eben doch sehr fremdbestimmt. Und es kostet Zeit. Und das nervt mich. Und es nervt mich, dass es mich nervt. Weil ich für meine Liebsten gerne immer und jederzeit der lustige, starke verlässliche Fels in der Brandung wäre.

Manchmal wünschte ich, ich wäre bewusst leichtfertiger im Umgang mit der Zeit. Es gibt ja Menschen, die reißen das Arbeitsleben so ab. Ohne großen Leidensdruck. Andere ändern natürlich einfach was, aber auch nicht alle verbessern damit ihre Situation. Und einige haben ihren Traumjob gefunden und sind auch noch erfolgreich mit dem, was sie tun. Aber ich möchte kein neidischer Mensch sein, wirklich nicht.

Also, was tun? Sich beruhigen, Kerzen an, Tee kochen, und dem Himmel danken, dass man in Frieden lebt und ein Dach über dem Kopf hat. Einfach mal die Fresse halten, ja, ist ja so. Es zu schätzen wissen, dass man in einer Demokratie lebt. Auch wenn sich darin immer mehr Idioten und Idiotinnen tummeln (oder sich zu Wort melden. Wobei sie sich ja nicht melden, sondern einfach reinbrüllen).

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Sich bewusst dem Schönen in der Welt öffnen, auch wenn es ein weiterer Link in die Vergangenheit ist: Habe wieder mal einen alten Djian-Roman zur Hand genommen, stand bei meiner Mutter im Regal: „Verraten und verkauft“. Wegen dieses Buches habe ich angefangen zu schreiben. Es hat mich damals konkret zu meinem zweiten Roman „Kunststoff“ inspiriert. Der geniale Dichter usw. … Mein Erik ist im Grunde Henris Schoß entsprungen; wenn ich diese literaturwissenschaftliche Anekdote irgendwann mal in einer Fußnote lesen sollte, spendiere ich ein Bier. Oder, noch besser, einen Grog.

Es wird kälter draußen. Also, wendet Euch nach innen. Schaut aus Euch heraus und findet zurück zu dem Anderen in Euch, der ihr immer sein wolltet.

Ob es Dir gefällt oder nicht: Du bist es schon.

29. November 2021 von Gerrit
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Spitze, Ericus!

Das war es dann wohl ...

Das war es dann wohl …

Hatte gestern offiziell meinen letzten Tag im Spiegel-Gebäude an der Ericusspitze. Spiegel TV zieht ja nach Tonndorf, auf das Gelände von Studio Hamburg. Hab auch zwei Fotos gepostet, und eine (nette) Kollegin vom Spiegel fragte daraufhin ganz ahnungslos, wo es denn hingehe!? Und das war dann doch ein bisschen symptomatisch, dass diese ganzen wirtschaftlichen Maßnahmen, die das Haus (aus Controller-Sicht bestimmt zurecht) seit Jahren ergreift, so lange an den MitarbeiterInnen vorbeirauschen, bis sie selbst betroffen sind.

Bin dann gestern Abend ein letztes Mal nach der Arbeit durch den Baakenhafen gelaufen und dabei echt ein bisschen rammdösig geworden. Weil ich in den letzten Jahren eben schon das Gefühl hatte, dass nicht nur Heft und Online zusammenwachsen, sondern auch TV und der Rest. Und das lag nicht nur an unserer netten Freitags-Fußballtruppe, sondern auch an kleinen Aktivitäten und Ideen, die mich mit den anderen Abteilungen immer wieder zusammengebracht haben. Ich habe auch an einigen Workshops teilgenommen, die sich mit der Zukunft des Hauses beschäftigt haben. Dass diese offene Kultur jetzt weiterhin so leicht möglich sein soll, erscheint mir momentan – aber das ist meine persönliche Meinung – unwahrscheinlich. Zumindest für mich.

Global betrachtet, gibt es natürlich schlimmere Schicksale. Auch individuell betrachtet. War gestern mit einem sehr netten Kollegen aus eben jener Fußballtruppe zum Mittagessen verabredet. Er erzählte mir, er könne nicht mehr spielen: Knorpelschaden im Knie. Das sei natürlich wahnsinnig frustrierend, aber er versuche, es sich schönzureden, nach dem Motto: Endlich Schluss mit dem Geholze und Gemecker auf dem Platz etc. Um ihn etwas aufzumuntern, hab ich ihm erzählt, dass ich in den ersten drei Saisonspielen zwei(!) Elfmeter verschossen habe, und wir deswegen statt mit sechs nur mit einem Punkt dastünden, konnte er total nachvollziehen. Ehrlich, diese beiden Elfmeter … es ist verrückt. Rational weiß ich, es ist nur ein Spiel, ein Hobby, völlig belanglos, aber in mir brodelt dieses Gefühl von Totalversagen. Ich hatte schlaflose Nächte deswegen. Mein Kollege wusste genau, was ich meine: der Nimbus des Unbesiegbaren … genau. Ich war ja jahrelang so sicher vom Punkt. Als ob ich eine Superkraft verloren hätte.

Aber klar, unterm Strich ist es unwichtig. Gesundheit ist wichtig. Und Humor. Und Liebe. Mein jüngster Sohn ist 18 geworden. Und gab einen Tag nach seinem Geburtstag sein Debut in der 2. Herrenmannschaft seines Jugendvereins. Das war einigermaßen bewegend, weil auf der Tribüne auch einige Leute standen, die ihn kannten und ihm zuriefen und Glück wünschten …

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Meine Frau und ich haben – wie bei den beiden Älteren – wieder ein großes Fotobuch gemacht. Ist toll geworden. Wir hatten dieses Jahr u.a. mit dem Unterweger-Projekt ja wahrlich genug zu tun, aber beim Zusammenstellen der Fotos für das Geschenk unseres Sohnes dachte ich immer wieder, das ist eigentlich jetzt das wichtigste Projekt des Jahres. Es macht einen aber natürlich auch nachdenklich, wenn man sieht, wie 18 (vermeintlich) lange Jahre auf 100 Seiten zusammenschmelzen. Leider habe ich jetzt beim Aufräumen noch eine Festplatte mit alten Handyfotos gefunden. Überlege schon, noch ein zweites Buch zu machen …

Der Unterweger-Zweiteiler ist übrigens fertig. Ich teile es mal, wenn es was zu teilen gibt. Hab mit meiner Frau – wie bei unserer Doku über das Böse vor 10 Jahren – wieder auf die Schnelle noch ein paar Themenbilder nachdrehen müssen: Handschellen anlegen, durch den Wald jagen und mit der Stahlrute erschlagen. Ist super geworden, auch wenn uns das gebückte Laufen diesmal mehr angestrengt hat als vor 10 Jahren. Das Lustige ist: Die Handschellen hatte Spiegel TV noch im Fundus …

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Ansonsten? Habe ich mir, wie immer, den neuen Djian blind bestellt und sofort durchgesuchtet. Ich liebe seine Art zu schreiben. Man weiß immer, was man bekommt, aber es handelt sich trotzdem immer um eine (neue) Variante des Bewährten.

Mein Tipp des Monats!

Mein Tipp des Monats!

Kurios: Das Ende der Story hatte totale Ähnlichkeiten zu dem Fall Unterweger, kein Scherz, ich wäre vor Schreck fast aus dem Bett gerollt. Zufall? Wohl kaum, eher Gedankenübertragung … zapft der Typ seinen größten Fan etwa heimlich an? Ich würde gerne fließend Französisch sprechen und diesen Mann noch einmal sprechen, bevor es zu spät ist. Einen langen Spaziergang entlang der Atlantikküste und anschließend am Strand ein Lagerfeuer machen und dazu ein paar Bier zischen.

Bedeutende Männer neigen leider dazu, zu früh zu gehen, ohne sich anständig zu verabschieden. Charlie Watts, zum Beispiel, oder Jean-Paul Belmondo. Bei Belmondo war es wirklich krass. Ich kam vom Training, es war ein Mittwochabend, ich saß im Auto, fuhr langsam nach Hause und sehnte mich nach ein paar Tagen Urlaub. Ich dachte, ich würde gerne mal wieder eine lange Belmondo-Nacht einlegen: Der Greifer, Der Profi usw. Und dann kam ich nach Hause, meine Frau hatte die Tagesthemen angehalten, schaute mich an und sagte: Setz Dich, Belmondo ist tot. Was soll ich sagen? Den trockenen Augenwischer zahlt der blonde Wichser …

14. August
Konfirmation

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Mein Neffe und meine Nichte sind konfirmiert worden. Abgesehen davon, dass die „so schnell groß geworden“ sind (wie alle Kinder), war es ein wunderschönes Familienfest. Weil unsere Familie so groß und bunt war und im schönen Schleswiger Dom auch noch eine afrikanische Familie zu Gast, und weil die Jugendband gespielt hat, wie wir früher, und weil die Pastorin und der Pastor so modern und gut gelaunt waren. Die drei entscheidenden Fragen, die der Pastor den jungen Konfirmanden stellte, nämlich ob sie ihr Leben im Sinne Jesu Christi bestreiten wollen, d.h. sich selbst zu akzeptieren, den Anderen zu respektieren und andere Religionen zu tolerieren, hätte ich auch so aus vollem Herzen mit JA beantworten können. Als dann die Gemeinde aber im direkten Anschluss das Glaubensbekenntnis sprechen sollte, wurde mir wieder klar, wie schwer es für die Kirche ist, sich zu modernisieren. Und die Liturgie. Religion muss mit der Evolution mitwachsen. Es kann ja nicht sein, dass für uns dieselben Sprüche gelten wie vor 2000 Jahren …

12. August

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Zweite Impfung bekommen, bin ganz erleichtert. Meine Frau hatte mir einen Termin im Impfzentrum besorgt, durch Zufall bin ich an Moderna gekommen, soll ja auch schnell wirken und vergleichsweise gut schützen. Am besten war aber, dass die Moderna-Impfung im Zentrum fast einer VIP-Behandlung gleichkam. Keine Schlange, keine Wartezeit, sofort drangekommen, Glück muss man haben. Nach dem Skandal mit der Kochsalzlösung ist man ja ohnehin etwas unsicher, ob da überhaupt Impfstoff drin ist. Hatte aber an beiden Tagen leichte Symptome, insofern denke ich mal, das war schon richtiger Stoff.

18. September 2021 von Gerrit
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Heimarbeit und Gerrit-Leake

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Habe mir zuhause einen Schnittplatz eingerichtet, um parallel zu den gestalterischen Arbeiten meiner tollen Cutterin schon weiter O-Töne vorzusichten. So sparen wir ein bisschen Zeit, und Zeit ist ja auch immer Geld, gerade, wenn man ein Budget einhalten muss. Finde diese Aufgabenteilung aber nicht schlecht, weil es mich auch immer stresst, wenn mir die Cutterin gewissermaßen dabei zusehen muss, wie ich versuche, den O-Ton-Knoten in meinem Kopf zu lösen. So eine Geschichte kann man ja theoretisch auf tausend Arten und Weisen erzählen. Durch den Dschungel muss ich erstmal alleine. Und in Wahrheit ist es ja so, dass die Cutterin im zweiten Schritt auch immer noch mit draufguckt, ob das alles so Sinn macht, was ich mir da überlegt habe.

Allerdings stelle ich auch fest, dass ein Schnittplatz auf dem Küchentisch nur eine Notlösung sein kann, schließlich muss man ja auch irgendwo essen. Und die Küchentür als Pinnwand zu nutzen, hat zwar was „Start-Uppiges“, aber man möchte ja auch nicht immer, wenn man eine Tomate aus dem Korb holt, daran erinnert werden, dass ein narzisstischer Sadist dreizehn Frauen erschlagen und erdrosselt hat.

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Es ist ja nicht das erste Mal, dass ich den Fall Unterweger bearbeite, und ich behaupte mal, dass ich mittlerweile ein kleiner Experte auf dem Gebiet bin. Deswegen freue ich mich immer über Gedanken oder Aussagen der „richtigen“ Experten, die meinen Blick oder meinen Horizont erweitern.

Dem Schriftsteller und Unterweger-Experten John Leake ist das diesmal gelungen. Der Aspekt wird es vermutlich gar nicht in den Film schaffen, weil es sich nur um eine Randnotiz handelt, aber Leake erklärt im Interview anhand des ersten Mordes an Marica Horvath in Salzburg 1973 – für den Unterweger zwar verdächtigt, aber nie verurteilt wurde -, warum er nicht nur sicher ist, dass es Unterweger war, der die junge Frau mit einer Krawatte gefesselt und lebendig in einen See geworfen hat, sondern auch, was Unterweger aus diesem Mord „gelernt“, bzw. warum er danach immer Kleidungsstücke der Opfer benutzt hat, um sie zu erdrosseln.

Hier der Ausschnitt aus unserem Transkriptions-Protokoll. Ich muss sagen, trint ist eine riesige Erleichterung, auch wenn die Software nicht alles „versteht“, und man manchmal raten muss, was gemeint ist, wie folgende, sehr lustige Stelle zeigt:

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Habe diese Leake-Antwort daher etwas editiert. Der Kollege Schenner, von dem anfangs die Rede ist, war übrigens ein Polizist aus Salzburg, der Unterweger bis zum Ende – selbst, als er schon in Rente war – gejagt hat. Davon wird in unserem Film die Rede sein …

 

Danke an den Kollegen Dennis Meyer, der das Interview geführt hat.

Danke an den Kollegen Dennis Meyer, der das Interview geführt hat.

07. August 2021 von Gerrit
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back no tormal: Kleingeister

Hallo!

Ich habe mal den Stecker gezogen. Den Stift fallen lassen – und vergessen aufzuheben. Mich etwas zurückgezogen. Durchgeatmet. Und festgestellt, dass die eigenen Gedanken so klein sind, dass sie in der Flut des Hochwassers untergehen. Dass da draußen die Herausforderungen für viele Menschen auf der ganzen Welt so groß und existentiell sind, dass es einem – wenn man das Glück hat, verschont zu bleiben – auf dem Hochsitz des Beobachters die Sprache verschlägt.

Das Leben ist kurz. So kurz, dass man sich über jeden Tag freuen sollte, an dem die Dinge einigermaßen in der Waage bleiben. Ich vergesse das manchmal. Beklage meine jämmerliche Existenz, den anstrengenden Job, die lästigen Pflichten des Erwachsenendaseins, ohne zu sehen, wieviel Glück ich erstens habe, und zweitens ja auch Dinge ändern könnte.

Aber wann fängt man damit an? Mit 50? Wenn die Kinder aus der Schule sind? Oder im ersten Job? Mit 60? Oder ist es schon zu spät? Wieviel Risiko geht man ein? Was braucht man wirklich, um in der Zukunft bzw. im Alter glücklich zu sein? Ich weiß es nicht. Ich habe lediglich eine Ahnung: vermutlich nicht viel von dem, worüber ich mir gemeinhin den Kopf zerbreche.

Immerhin erkenne ich mittlerweile auch Glücksmomente, wenn ich sie erlebe. Momente, die ich früher als selbstverständlich erachtet habe. Dafür muss man reifen. Wenn wir – wie in diesem Sommer nochmal – alle fünf gemeinsam in Schweden sind. Im See baden, zusammen Holz stapeln, streichen, schrauben, mähen, kicken oder grillen. Leichtbier trinken, ohne Schwermut. An der Hand der einzigen Frau erkennen, dass man die Kinder groß bekommen hat. Verantwortung an die großen Kinder abgeben können. Zusammen die einzige Frau an deren Geburtstag hochleben lassen. Wenn sich die großen Kinder über kleine Dinge freuen, als wären sie selbst wieder klein. Selbst wenn die Sprüche der großen Kinder derber und die Knochen kantiger geworden sind …

Sport ist halt doch eben immer auch ein bisschen Mord.

Sport ist halt doch eben immer auch ein bisschen Mord.

Bin jetzt seit einer Woche im Schnitt. Unterweger. Zu wenig Vorbereitung, wie immer. Und das nächste Projekt lauert schon. Da beneide ich freie, bildende Künstler, die erstmal drei Tage um einen Granitklotz herumschleichen können, bevor sie zum ersten Mal Hammer und Meißel heben. Ein Großteil der Dinge verliert seinen Reiz, weil man sie unter Zeitdruck erledigen muss, u.a. das Leben selbst.

Plan A bis Z

Plan A bis Z

Dafür dürfen wir nun immerhin wieder zu zweit in einem Raum sitzen, die Cutterin und ich. Natürlich getestet. Und mit Abstand. Und während ich rausgucke und um Regen bete, damit meine Blumen nicht verdursten, hat der Regen woanders und in anderer Form alles zerstört.

In der aktuellen 11FREUNDE, die ich wirklich schätze, ist ein tolles Stück über Rassismus im Fußball. Toll, weil es so eindrücklich ist. Weil es einen wütend macht und sensibel. Weil der Mensch ein Untier sein kann …

Sometimes I don't like us being on this planet ...

Sometimes I don’t like us being on this planet …

Ich wünsche mir manchmal, dass ich es hinbekäme, die Dinge anders zu betrachten. Größer zu denken. Mich selbst von meinem Hochsitz aus zu beobachten und mir von oben „einzutrichtern“, endlich damit aufzuhören, kostbare Lebenszeit zu verschwenden, weil man sich vielleicht Sorgen macht oder neidisch auf andere guckt. Endlich diese „Kleingeister“ zu vertreiben, die einem ständig im Kopf herumspuken.

Auf rbb kam vor ein paar Tagen ein Doku über eine U-Bahn-Linie in Berlin. Ich glaube, die U6. An jeder Station wurde eine kleine Geschichte erzählt. Ganz ruhig. Ich musste daran denken, wie ich in der Anfangszeit bei Spiegel TV immer meinen Freund Jan besucht habe, wenn ich in Berlin gedreht habe. Und dass ich immer versucht habe, Themen oder Experten in Berlin zu drehen, um ihn zu sehen. Um zu sprechen. Oder zu schweigen. Die forensische Psychiaterin Nahlah Saimeh hat mir erst kürzlich im Interview gesagt, eine „echte“ Beziehung erkenne man auch daran, dass man mit seinem Partner/seiner Partnerin gemeinsam schweigen könne. Das war mir jetzt nicht neu, der Umkehrschluss aber schon, weil sie mir im selben Atemzug erklärte, dass sich Jack Unterweger und seine damalige Verlobte ständig mit Kosenamen ansprachen (Schatzi-Hasi-Mausi-Schatzi-usw.), weil ein Psychopath (Unterweger, nicht die Verlobte) unfähig ist, „echte“ Gefühle zu zeigen, und man in einer solchen Verbindung z.B. durch das inflationäre Benutzen der Kosenamen versucht, diese Beziehung irgendwie zu „materialisieren“. Allerdings war sich Frau Saimeh nicht sicher, ob man das so im Fernsehen sagen sollte, weil sie befürchtete, vielen „normalen“ Menschen damit vor den Kopf zu stoßen, die das eben auch tun. Womöglich aus ganz ähnlichen Gründen.

Und dann denke ich, dass ich immer ein paar gute Freunde hatte, die mich davor bewahrt haben, „kleingeistig“ zu sein. Die mich angespornt haben; korrigiert, ermuntert, aufgemuntert, ermutigt, mich auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt oder einfach sein gelassen haben. Wohl dem, der ein paar „Großgeister“ zum Freund hat.

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Ich kann mit meiner Frau jedenfalls sehr gut schweigen. Stimmt’s Schatzilein?

31. Juli 2021 von Gerrit
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Mal was festhalten …

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25. Juni 2021 von Gerrit
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