München

Wieder on the road. Bin gerade im Hotel angekommen, direkt am Hbf. Hab früher oft in München gedreht, aber hier war ich noch nie.

Ich freu mich immer über diese Begrüßungen via TV, keine Ahnung, warum, bin ich total empfänglich für. Der ganze Tag war aber auch nicht so schlecht. Fing damit an, dass sich der Autor Jürgen Schmieder heute bei mir meldete und spontan den frei gewordenen Interview-Spot morgen übernahm – genial. Hätte sonst irgendwelche Vox-Pops machen müssen. Schmieder hat 40 Tage lang nicht gelogen und darüber ein lesenswertes Buch geschrieben – deswegen ist er ein Experte für unsere Lügen-Doku.

Der Flug war auch gut. Keine nervigen Leute, im Gegenteil, Hamburg – München, da wimmelt es nur so von hübschen Menschen (ausgenommen mir), ehrlich, das ist als hätten die „genetisch Bevorteilten“ (Harald Schmidt) die Arche Noah erklommen, um auf einem anderen Planeten eine neue Art zu zeugen. War aber ganz froh, dass wir doch bloß nach München flogen. So kurz vor der Landung bin ich immer wieder geflasht davon, wie zivilisiert wir sind. Also nicht genug damit, dass wir fliegen können, nein, auch dass jede beschissene Straße Laternen hat, das ist doch verrückt, was für eine Logistik …

Als ich dann nach der Landung auf die Uhr schaute, wurde ich plötzlich ganz mellow, weil ich seit langem mal wieder die Uhr trug, die mir mein Vater vor 20 Jahren weiter vererbt hat (also, ohne zu sterben, aber immerhin), das war irgendein Weihnachten. Er selbst hatte sie mal bei der Fernsehlotterie gewonnen, was spackig klingt, aber die Uhr für mich noch viel wertvoller macht. Das fiel mir auch heute wieder ein, hab sie gleich abgemacht und umgedreht; wenn man auf das Bild klickt und genau hinguckt, kann man es auf dem Rücken der Uhr lesen: Fernseh-Lotterie …

 

München ist cool. Hätte fast noch Lust, mir ein kleines Kino zu suchen oder eine alte Pinte. Muss aber morgen auch fit sein. Hab mir stattdessen erstmal eine Wanne eingelassen. Nebenbei blogge ich – hab mir, wie man sieht, einen kleinen Arbeitsplatz im Zimmer eingerichtet. Das Abendessen besteht aus einem Fertigsalat, Sonnenblumenkern-Brötchen und einer Dose Löwenbräu (falls es nicht reicht, gibt´s zur Not immer noch die Minibar).

Auf Bayern 3 läuft eine gemütliche Castingshow, moderiert von Nina Eichinger. Die hat vor 6 Jahren mal ein Praktikum bei uns gemacht und saß ein paar Wochen bei mir im Büro. Ein ganz nettes Mädchen. Null Allüren. Hat (nicht nur, aber auch) immer ganz leckeren Tee gemacht. Den Rest hat sie mir sogar dagelassen, musste ich Jahre später wegwerfen …

Berufswal

Mist. Wegen Sandy sitzt meine Interviewpartnerin für Samstag immer noch in New York fest und wird es vermutlich nicht schaffen. Nervig. Leider kann man die Dame auch nicht ersetzen. Das ist das blöde an diesen langen Filmen; dass dir auf dem letzten Ende immer noch irgendwas passieren kann. Das kann man als normaler Mensch schwer nachvollziehen. Das verfolgt einen bis in den Schlaf. Klar, ein Herz transplantiert man auch nicht mal so eben oder baut ein Atomkraftwerk. Ja, es gibt schon Jobs, die man, wenn man nach Hause kommt, nicht wie einen Mantel an die Garderobe hängt. Die schleift man den ganzen Abend hinter sich her.

Ich musste da heute ein paar Mal dran denken, weil ich gestern von meinem Vater schrieb, tagsüber im Finanzamt und nach Feierabend Hobby-Schäfer (jetzt baut er Eisenbahnen). Meine Mutter war ihr Leben lang Krankenschwester. Warum ist mir diese „Verwirklichung“ plötzlich so wichtig? Warum sind meine Eltern scheinbar problemlos mit 30 Urlaubstagen ausgekommen? Steigere ich mich in eine „Das Leben ist so kurz und wertvoll“-Hysterie hinein? Obwohl – der Bestseller-Autor Manfred Lütz sagte in dem Interview, das Timo mit ihm für unseren Lügen-Film gemacht hat, etwas ganz Ähnliches. Nicht neu, auch so ein bisschen „Alles fließt …“, aber ich fand es trotzdem ganz passend, zumal der Lütz ja auch kein totaler Medienpessimist ist.

Also, hier, habe ich eben noch gelesen:

„Dieses Buch (Bluff, Anm.: GJA) soll Menschen ermutigen, dass sie zwar einerseits in diesen Kunstwelten leben müssen, unvermeidlich, aber dass sie wenigstens zeitweilig mal rauskommen. Dass man mal in den Wald geht für eine halbe Stunde und nicht mit einem Buch Mein Wald gehört mir – oder seiner Frau nur zu erzählen, dass man durch den Wald gegangen ist. Sondern diese unwiederholbare halbe Stunde des Lebens zu riechen, zu schmecken, zu erleben. Und sich klar zu machen: Das ist unwiederholbar, ich kann das nicht mehr wiederholen. Morgen mache ich das in einer anderen Atmosphäre und übermorgen lebe ich vielleicht gar nicht mehr. Das heißt, wirklich im Bewusstsein der Unwiederholbarkeit jedes Moments existenzielle Momente des Lebens wirklich wahrzunehmen und sie wichtiger zu finden, als das, was man in diesen Kunstwelten, in künstlichen Rollen so treibt.“

Vielleicht sollte ich wieder nach Island … muss demnächst mal unsere Videos durchgucken.

 

 

 

Der (P)fer(d)führerische

Taelandi durfe heute – nach 4 Tagen Wurmkur-Quarantäne – zum ersten Mal zu seiner neuen Herde. Ich war leider nicht dabei, aber nachdem unsicher war, wie er von den neuen Kollegen aufgenommen würde, schickte mir meine Freundin eben Beweisfotos: Alles gut gelaufen. Klar, Taelandi heißt ja auch: „Der Verführerische …“

 

Je mehr ich mit diesem Pferdekram in Berührung komme, desto größer wird meine Lust, aufs Land zu ziehen. Mein Vater hatte ja mal Schafe. Kein Scherz. Obwohl (oder gerade weil?) er eigentlich in der Finanzdirektion am Schreibtisch arbeitet. Er kommt ja auch vom Bauernhof, doch das war, glaube ich, für die Kinder nicht nur die reine Freude. Hat meine Oma zumindest bei meinem letzten Besuch erzählt, überraschend selbstkritisch, aber, klar, das war damals auch Kinderarbeit. Und was die Tierhaltung angeht – ich erinnere mich noch, als alle Schafe meines Vaters Lippengrind hatten, und wir die immer einpinseln mussten. Kranke Tiere sind wie kranke Kleinkinder. Die können ja auch nicht sagen, wo es ihnen wehtut. Schrecklich!

Also nichts romantisieren,
Gerrit

Hampel, Mann!

Heute wieder im Büro. Und gleich das Gefühl: Die Welt dreht sich im Moment wieder so schnell. An solchen Tagen darf man keine Zeitung lesen, also nicht mal das Titelblatt im Vorbeigehen. Politiker verdienen nebenher Millionen, andere versenken sie in sinnlosen Projekten – und Sandy wütet wie eine betrogene Sizilianerin.

War heute nachmittag mit den Jungs schwimmen, das hat mich wieder eingepegelt. Der Große malt gerade ein Buch über Fische, das er seinem Urgroßvater zu Weihnachten schenken will, schließlich hat der ihn damals zum ersten Mal mit zum Angeln genommen. Wenn ich sehe, mit welcher Innbrunst und mit wieviel Liebe dieser (manchmal schon vorpubertäre) Junge sich da diesem Geschenk widmet – da könnte ich vor Freude heulen.

Ich sage das deshalb, weil ich eben ein bisschen Two and a half Men geguckt habe und die ganze TV-Werbung überhaupt nicht mehr verstehe. Da geht es nur noch um dieses ganze X-Box und Playstation-Zeug. Ich hab mit 14 einen Sommer lang River Raid auf einem C 64 gespielt, das war es. Das ist jetzt 20 Jahre her. Was bringt die Zukunft? Oder ist gar nicht so viel passiert, wie ich denke?

Hab gerade mal geguckt. Wenn ich das richtig sehe, gibt es River Raid als Retro-Game fürs I-Phone – Wahnsinn!

Was ich sagen will: Ich hoffe, mein Sohn malt auch mit 18 noch Bilder. Im Auto hat er mir laut aus seinem Buch vorgelesen. Ich hoffe, er liest mit 18 noch Bücher. Ich hoffe, wir reden noch miteinander, wenn er 18 ist. Puh, gar nicht mehr so lange hin.

Anbei ein passendes Gedicht:

Game over

gebrannte Songs
gebrannte Kinder

verbrannte Zunge
verbrannte Erde

Gedanken aus der 2. Reihe
so oder so

hältst Du mich
im Kopf nicht aus

Aus Zeit

Hatte heute morgen kurz das Gefühl, krank zu werden und habe mir Haus-Arbeit verordnet. Musste einmal durchatmen. Jetzt geht´s wieder. Den ganzen Tag noch mal in Ruhe die Interviews durchgeguckt. Das mit Désirée Nick habe ich heute eigentlich zum ersten Mal richtig gelesen (hat mein Co-Autor Timo geführt) und war ganz begeistert. Die kommt ja manchmal ein bisschen schrill, doch ich war echt angetan von dem Witz und der Cleverness. Das Problem ist, dass man die vielen guten Statements natürlich irgendwie bebildern muss. Deswegen mache ich mir schon die ganzen letzten Wochen Gedanken, welche Themenbilder man zur Lüge noch drehen kann, die auch noch ein bisschen überraschend sind. Not so easy …

Gian-Philip und Vera, die beiden Schauspieler, haben gestern als Paar klassische Alltagslügen umgesetzt, die wir dann später im Film mit Klartext untertiteln wollen. Hoffentlich funktioniert das. Das Regisseur spielen hat uns auf jeden Fall Spaß gemacht.

Vielleicht doch lieber Fiktion? Aber ein gutes Drehbuch schreibt man ja auch nicht zwischen Tür und Angel.

Bunter Teller

Was für ein anstrengendes, aber auch nettes Wochenende. 23:25 ist es jetzt, bin auf dem Rückweg von Berlin.

Das Konzert war ein Kracher, und ebenso das Wiedersehen mit meinen alten Jungs von der Band. Muss das mal in Ruhe schreiben, bin noch zu voll mit den ganzen Ereignissen, aber es war kein bisschen komisch, obwohl ich die jetzt 6 Jahre nicht gesehen habe.


Die Vorliebe für Led Zeppelin ist ja nicht neu, die gab es damals schon (bei mir übrigens auch), aber Pascal, der Sänger, hat das über die Jahrzehnte nahezu perfektioniert, Gitarre UND Gesang (gleichzeitig) ledzepmäßig rüberzubringen. Gestern gab es einen Moment, da hat er mit dem Bogen die Gitarre bespielt und plötzlich wurden die ganzen Altrocker im Publikum ganz dankbar, ein bisschen so wie ein Vater, der plötzlich einen Schritt auf seinen Sohn zugeht, weil der ihn zum ersten Mal richtig versteht. Das war ein sehr bewegender Moment.

 

Zugkraft

Zugkraft

Zug bekommen
an uns vorbei

der Nahverkehr
wo andere
Wagen

sitzt sie drin
für immer und weg

 

Bin auf dem Weg nach Berlin. Drehe da morgen, hatte aber zufällig mitbekommen, dass da heute Abend im Neu-Helgoland, einem Landhaus am Müggelsee, die alten Kameraden meiner Rockband Verdancy spielen, mit ihrer Led Zeppelin-Coverband. Der Bassist Alexander war mit 16, 17 mein bester Freund. Wir haben auch zusammen gekickt. Und uns jetzt seit 6 Jahren nicht gesehen. Das ist `ne Story.

Einen anderen guten Freund hätte ich heute gerne mitgenommen. Jan, der früher in Berlin wohnte und jetzt in Amerika lebt. Mit seiner netten Frau und seinem süßen Sohn, alles gut, aber das heute wäre unser Abend gewesen, verdammt.

Manchmal kommt mir das Leben vor wie ein Supermarkt, in dem die Regale immer leerer werden, doch die Preise immer höher. Zum Glück liegt meine Freundin noch in der Delikatessen-Abteilung. Heute ist ihr Pferd gekommen. War ganz süß. Als sie vor ein paar Tagen von der Scheidungsfolgevereinbarung erfuhr, hätte sie ihn fast wieder abbestellt. Ein GANZ leeres Regal.

Also, morgen kleine Einzelheiten vom Led Zeppelin-Konzert und dem Wiedersehen mit besten Freunden …

 

Blumenmann

Ist jetzt richtig kalt draußen. So kalt, dass ich unsere Gräser und die Feige reingeholt habe. Und eine ganz tolle Agave, die ich vor 5 oder 6 Jahren mal meiner Mutter abschwatzen konnte. Bei uns zu Hause stand auch so ein Ding im Garten, als ich klein war. Ein Riesenviech. So weit sind wir noch nicht, finde sie aber trotzdem bildschön. Die Fußbodenheizung wird sich gut um sie kümmern. Frage mich bloß, ob sie einen größeren Topf braucht …

Lese nebenbei immer in dem Trash-Buch. Hier eine kleine Praline, die zum Thema passt:

Der Blumenfreund

Narzissen sind zum Küssen
Rosen zum Liebkosen
Orchideen, um sie wiederzusehen
Kakteen zum Anlehnen
Chrysanthemen, um sie zu nehmen
Tulpen, um ihn überzustulpen
Ich schenke ihr Wicken

Und noch was:

Das Jodel-Diplom

Dödel du die,
ich dödel die andere

I like.

Schlaft gut,
Gerrit

 

Schneckenpost

Bin heute zu echter Trash-Literatur gekommen. Anlässlich des Todestages von Roger Trash hat die Familie einen Sammelband erstellt, mit allen Texten. Da ich auf der JOVEL-Party ja nicht dabei sein konnte, hab ich 2 Exemplare bester Rock`n´Roll-Poesie per Post bestellt. Heute sind sie angekommen. Endlich. Nach 12 Tagen. Hatte schon eine Vermissten-Aktion im Spiegel gestartet und bin Rogers EX-Freundin, die das alles organisiert, glaube ich, mächtig auf die Nerven gegangen. Zum Glück klärt sich manchmal alles auf.

Komischerweise erzählte mir unser Chef der Postabteilung, dass sie momentan auch ganz viel Ärger mit Zustellungen hätten. Und als i-Tüpfelchen widmete dem Thema heute dann auch noch die MOPO ihre Titelseite.

Danach war ich umso glücklicher, dass alles da war. Ich meine, wenn man weiß, es dauert lange, ist es ja halb so schlimm, nur diese Ungewissheit … Wie war das wohl früher, als es nur Pferde und Postkutschen gab? Ging da mehr Post verloren oder weniger?

Die Bücher selbst sind übrigens sehr schlicht gehalten. Kleine Schrift, kopiert und geklebt, passt stilistisch aber gut zu Rogers Texten. Auch die ganzen Rechtschreib- und Trennfehler sind nicht weglektoriert. Sehr authentisch. Und immer noch toll. Vielleicht bringt Zweitausendeins das ja irgendwann noch mal groß raus. Habe heute im Büro ein bisschen drin gelesen. Wurde ganz blöd im Kopf, weil ich an unsere gemeinsame Zeit unterwegs denken musste. Viele der szenischen Beobachtungen kamen mir doch sehr bekannt vor. Und, ehrlich gesagt, haben mich die Loser-Geschichten und Einsamer-Wolf-Beschreibungen ein bisschen aufgebaut. Es geht immer weiter. Immer weiter.

Passend dazu ein alter Song von Trash, den ich auch noch mit ihm live gespielt habe. Er heißt: Pechvogel.

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Ach, Roger …

Blätterwald

Manche Leute sind ja echt clever. Florian Illies, zum Beispiel, oder Matthias Matussek, der gerade clever über Illies cleveres, neues Buch im Spiegel geschrieben hat. Letzterer (Matussek) trägt diesen rosa Schal, mit dem er u. a. in seinem aktuellen Video-Blog zu sehen ist (Thema: Istanbul – hatten wir doch gerade vor 2 Tagen), übrigens auch hier im Hause. Bin ihm nämlich vor kurzem im Aufzug begegnet, da fiel mir das auf, aber das nur am Rande. Vielleicht war er da aber auch gerade auf dem Weg zu seinem Video-Dreh …

Das, was er über das Illies Buch geschrieben hat, macht neugierig, spontan dachte ich allerdings, da versucht jemand auf den Vermessung der Welt-Zug aufzuspringen, wegen der Verarbeitung historischer Persönlichkeiten undsoweiter, keine Ahnung, werde es mir, glaube ich, von meiner Mutter zu Weihnachten schenken lassen. Dass Illies als Kurator (Kunsthändler? Galerist? Was ist er eigentlich?) nebenbei trotzdem (oder deshalb?) die Zeit findet zu schreiben, ist respektabel.

In der taz holt Silke Burmester gerade zu einem neuen Paukenschlag aus. Nach der wunderbaren Bruni-Serie hat sie jetzt das Tagebuch von Martin Walser gefunden. Nicht nur lustig, sondern auch sehr literarisch. Hoffentlich wird das auch eine Serie.