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Am Sonntagabend lief die zweite Folge der Terra X Reihe „Abenteuer Freiheit“ im ZDF. Es war die Folge, für die ich maßgeblich verantwortlich war. Alles gut gelaufen: Super-Quote, 15,3% (das entspricht ca. 3,5 Millionen Zuschauer, der Film war in den Top10 der meistgesehenen Sendungen des Tages), ein großer, begleitender Artikel auf SPON und insgesamt sehr gutes Feedback – bis auf die üblichen Facebook-Nörgler, die meckern, Offroader zerstörten die Natur. Aber ich kann diese kritischen Stimmen sogar verstehen, auch wenn ich weiß, dass gerade die Protagonisten dieser Folge, Jonas & Ellen, eher Umwelt-Schützer sind. Egal.

Die nächsten Projekte warten schon, trotzdem bleibt ein bisschen Zeit, sich mal kurz zu sammeln und ein bisschen quer zu denken. Habe mir gestern eine alte Dokumentation über Alexander Kluge angeschaut. Würde gerne eine Doku über ihn zu seinem 90. Geburtstag machen, seine „Schöpfungsgeschichte“ ist wirklich interessant. Er ist ja eigentlich ein gelernter Jurist (das verbindet ihn im Übrigen mit Ferdinand von Schirach), dann der Einfluss von Adorno, der ihm angeblich sagte, er solle lieber Filme machen, Bücher müsse nach Proust niemand mehr schreiben. Es war eine spannende Zeit in den Sechzigern, als der neue, deutsche Film entstand. Der Einfluss, den Godard hatte. Als die jungen Regisseure erkannten, dass Spielfilme nicht immer wie in Hollywood produziert werden mussten, sondern auch guerillamäßig funktionieren und trotzdem erfolgreich sein konnten. Die erste Schauspielerin, die mit Kluge arbeitete, war seine Schwester Alexandra. Kein Scherz. Für „Abschied von gestern“ hagelte es Preise, auch für sie, aber sie hörte nach diesem ersten Film gleich wieder auf mit der Schauspielerei und wurde lieber Ärztin (wie ihr Vater). Nebengeschichte. Dann der Kollektivfilm „Deutschland im Herbst“, später Kluges Kooperationen mit Helge Schneider. Habermas sagt in dieser Doku (von Angelika Wittlich) über Kluge, er sei der „unzynischste Mensch“, und das sehe ich auch so, ohne es beurteilen zu können. Habe nur einmal mit ihm telefoniert. Aber er erscheint immer so höflich, wahrscheinlich ist er es auch. Habermas sagte allerdings auch, Kluge sei als junger Mann noch etwas neurotisch gewesen, der Erfolg seines Schaffens habe ihn natürlich auch als Mensch ruhiger und sicherer gemacht. Dazu passt dieses wunderbare Foto von Kluge und Adorno, was im Film kurz auftaucht …

Kluger Adorno

Habe vor ein paar Tagen dieses wunderbare Video gefunden. Also, ja, ich glaube, Roger Waters ist – anders als Kluge – auch gerne mal edgy oder unbequem, aber dieser Song ist schon toll und seine (dessen?) Neu-Interpretation ebenfalls. Bitte checkt mal meine Lieblingsstelle bei 01:58, Waters abschätziger Blick nach der Zeile: Mother, should I trust the Government?

Politik ist gerade kein leichtes Thema, wenn man nach Amerika oder Weißrussland schaut. Und da sind wir noch nicht einmal bei den „normalen“ wirtschaftlichen Krisen, die sich coronabedingt gerade mehr oder weniger überall abspielen. Die Schauspielerin Sharon Stone hat vor ein paar Tagen ihre Landsleute dazu aufgerufen, bei der nächsten Wahl Frauen zu wählen, weil alle Länder, die mit Corona einigermaßen klarkommen, von Frauen geführt würden. Ich habe ihre These nicht überprüft, aber mein Gefühl sagt mir auch, wir können uns glücklich schätzen, unter diesen Bedingungen in diesem Land zu leben.

Hoffen wir, dass das so bleibt.

In spiration

Es fällt schwer, in diesen Tagen über schöne Dinge zu schreiben. Weil so viele schreckliche Dinge passieren, die uns fassungslos machen. Die Explosion in Beirut, die die Zutaten und das Wesen einer Bombe in sich vereinte, dazu die globale Dauerkrise, aus der erst jetzt oder immer noch und immer mal wieder heraussickert, wer alles betroffen ist und Hilfe benötigt.

Design: Christoph Niemann, Screenshot by me!
Design: Christoph Niemann, Screenshot by me!

Vielleicht muss man gerade deswegen über schöne Dinge sprechen. Damit die Verzweiflung nicht die Oberhand gewinnt. Schaue gerade zu Recherchezwecken auf Netflix die Designserie Abstract. Schon die erste Folge Christoph Niemann hat mich echt begeistert. Tolles Format, das dem Kunst-Gegenstand tatsächlich auch formal gerecht wird, das ist ja gerade bei dieser Art Dokus absolut nicht selbstverständlich. Aber wie die Arbeit des Künstlers hier Teil des Screen-Designs wird, bzw. wie der Künstler immer wieder „ins Bild“ läuft, das macht echt Spaß. Also, ja, es hat auch Eskapismus-Potential, aber das war mit den schönen Künsten in Wahrheit ja nie anders. Wahrscheinlich gibt es sie überhaupt deswegen.

Mich inspirieren solche Dokus jedenfalls. Ich möchte dann, frei nach Beuys, selbst gleich zum Künstler werden, irgendwas verunstalten, was Kleines, Buntes, Wildes. Und man muss bei allem Kulturpessimismus betonen, dass Netflix eben auch solche Formate entwickelt.

Ich parke mein Gefühl
für Dich
an dem alten Treffpunkt
unserer Seelen

in der Suppe
ein grünes H
auf gelbem Grund

aus demselben Grund

komm und hol es Dir
ab und zu
die Tür
der Motor
dreht endlos Pirouetten

die Schlaglöcher
auf dem Weg dahin
sind nichts
außer

Schikane

Anders gesagt

Wenn die dicke taz vom Wochenende am Montag immer noch hier im Büro herumliegt, lese ich sie gerne in der Mittagspause, weil da so schön viele weiche und abseitigere Themen verhandelt werden. Und selbst, wenn man es nicht schafft, alle Artikel zu lesen, gibt einem der Überblick das gute Gefühl, tatsächlich eine Art Überblick zu behalten.

Wir kriegen in Deutschland die Kinderarmut nicht in den Griff.
In Hamburg protestieren Prostituierte dafür, wieder ihrer Arbeit nachgehen zu dürfen; ihr Claim: Der Staat fickt uns, aber er zahlt nicht!
Die Uni-Hildesheim bietet ab kommendem Semester ein Studium der „Digitalen Sozialwissenschaften“ an.
Deutsche Bauern entwickeln Strategien gegen die Dürre.
In New York können ein Viertel(!) der Menschen ihre Miete nicht mehr voll bezahlen.
Deutsche Häftlinge sind gesundheitlich unterversorgt.
Es gibt Kulturgeografen!?

Ich glaube, es ist der Mix aus großen und kleinen Themen, der mich in der Waage hält. Oder, anders gesagt: Dürre und Kinderarmut sind für mich emotional überhaupt erst zu verarbeiten, wenn ich weiß, dass sich in London eine Aktivistin für die Rechte hyperandrogener SportlerInnen einsetzt.

Mir graut jetzt schon davor, wenn es die taz bald nicht mehr in Papierform gibt. Wenn ich Geld hätte, würde ich als Sponsor eintreten. Habe am Freitagabend auf dem Nachhauseweg ein ganz interessantes Stück im Deutschlandfunk gehört, über die Zukunft der Medien: deutschlandfunk (Ihr müsst in der oberen Leiste über die Mediathek, 31.07., 19:15, Auf den Punkt)

Das Problem ist ja, dass die Leute sich seit Jahren schwertun, für journalistische Medienangebote zu bezahlen. Oder, andersherum, die Medien sich schwertun, ein funktionierendes Bezahlsystem vor allem für ihre digitalen Angebote im Netz zu etablieren. Weil da natürlich auch ganz viel (Mist) umsonst angeboten wird. Das ist ein Problem für Medienhäuser, die nach wie vor versuchen, sorgfältig, professionell und nach journalistischen Maßstäben zu arbeiten. Denn dieses System fußte bislang auf Werbeeinnahmen, und es kollabiert, sobald die Werbeeinnahmen wegbrechen. In einer Demokratie sind journalistische Unabhängigkeit und Meinungsvielfalt zwar nicht überlebenswichtig, aber durchaus systemrelevant. Deswegen kann das Medien-Problem schnell zu einem gesellschaftlichen Problem werden. Wie aber kann eine Lösung aussehen? Lutz Hachmeister meinte in diesem Zusammenhang, er könne sich vorstellen, dass bald wieder Mäzene ganz gezielt bestimmte Medien finanziell unterstützen, um sie zu bewahren. Ähnlich wie in der Kunst, also, hat es in der Geschichte übrigens schon gegeben. Blöd nur, wenn diese reichen Menschen nicht an Demokratie interessiert, sondern selber Machtmenschen sind.

Gut, zum Mäzen wird es bei mir in diesem Leben vermutlich nicht mehr reichen. Im Gegenteil, ich bräuchte ja eigentlich selbst ein Schreibstipendium. Vielleicht unterstütze ich aber den Suhrkamp-Verlag und kaufe mir Siegfried Unselds „Reiseberichte“. Klingt spannend.

Ansonsten? War ich am Wochenende zu einem kleinen, coronasicheren Geburtstagskaffee bei meiner Mutter. Weil aktuell die B205 gesperrt ist, fahre ich jedesmal anders, um von der A21 rüber zur A7 zu kommen. Das ist ganz schön, weil ich ja ohnehin jemand bin, der gerne mal links und rechts vom Wege abkommt. Hab diesmal einen Stopp auf der Klosterinsel Bordesholm gemacht. Bereits in meinem Debütroman Jugendstil ist ja die Rede vom „Bordesholmer Altar“, im Schleswiger Dom, und ich wollte immer schon mal gucken, was es mit diesem Örtchen eigentlich auf sich hat. War jedenfalls ganz beschaulich. Gucke ich mit meiner Frau bestimmt nochmal in Ruhe an.

Vielleicht liegt es daran, dass ich in den letzten Jahren so viel im Ausland war, aber die Aussicht, in nächster Zeit Urlaub im Harz, am Westensee oder im Schwarzwald zu machen, empfinde ich nicht als sonderlich düster.

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Front, Mann

So, Freitagnachmittag, kurz nach 18hundert: Die Alphabeten haben zwar keinen lustigen Bilderwitz geteilt, aber der eine Alphabet hat immerhin eine arbeitsreiche Woche erfolgreich hinter sich gebracht (der andere wahrscheinlich auch, zumindest hatte er am Mittwoch eine schöne Lesung mit seinem tollen Buch in der Lesesaal-Buchhandlung).

Jedenfalls steht die große, 3-teilige Terra X-Reihe „Abenteuer Freiheit“, an der ich in den letzten Monaten (mit)gearbeitet habe, kurz vor der Ausstrahlung (Folge 1, 09. August, 19:30, ZDF), vor einem Millionenpublikum. Hach! Dafür habe ich diese Woche noch diverse Kleinigkeiten (Online-Clips, Footage, Text) abgearbeitet.

Gerade eben habe ich die Instagram-Clips für Folge 1 und 2 nach Mainz geschickt, die gehen nächste Woche online. Ist ja ein Wahnsinn, wie lange man sich mit einem Clip beschäftigen kann, der nicht einmal eine Minute lang ist! Aber alle sind superhappy. Da kann man ruhig mal kurz das Fenster öffnen, die letzte Sonne hereinbitten und die Füße hochlegen. Bin ja alleine im Büro. Und ich muss an dieser Stelle auch mal schreiben – weil ich mich ja oft geriere, wie ein verhinderter Schriftsteller im falschen Leben – dass ich an diesen Tagen immer merke, mit was für tollen KollegInnen ich hier an einem Strang ziehe.

In solchen Momenten, wenn der große Druck das erste Mal kurz abfällt, höre ich immer gerne ein bisschen Gute-Laune-Musik, zumal heute der kleine „Feier-Abend“ zugleich auch das Wochenende einläutet. Und ich bin ja, wie gesagt, alleine im Büro.

Eines meiner absoluten Videos ist das hier. Schon etwas älter, aber ich liebe es. War mit meinem alten Freund Michael auch vor ein paar Jahren hier im Mojo Club auf dem Konzert – Hammer! Die Band ist gut, der Song auch, aber der Sänger … wirklich eine Granate. Ty Taylor, auch schon ein cooler Name. Der kann singen, tanzen, hat Style – wie der bei 2 Minuten ins Publikum läuft, sich da zwischen den Reihen easy auf den Stuhl stellt und die Leute vor ihm schmachtend, innerlich auf die Knie fallen, DAS ist echt arschcool.

In diesem Sinne, keep on rockin´!

Kluges Gespräch …

… mit Ferdinand von Schirach, wieder als kleines, gebundenes Büchlein, wieder erschienen bei Luchterhand.

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Ein Gedankenaustausch. Der Anlass: die Corona-Krise. Vieles weiß man mittlerweile. Der Mehrwert des Buches besteht jedoch, vor allem, in den Anekdoten, Denkanstößen und kleinen Wissensinseln drumherum. Klug und sehr viel unterhaltsamer, als man vielleicht auf den ersten Blick befürchten könnte.

Die Überlegungen zum Wesen von Staatsautoritäten, zum Beispiel, oder zu dem alten Konflikt zwischen Kaiser und Kirche. Oder die kleine Ausführung im Zusammenhang mit dem erschütternden Erdbeben von 1755 in Lissabon; wie solche Naturkatastrophen auch die Aufklärung befeuerten. Goethe habe danach 50 Jahre später in Dichtung und Wahrheit geschrieben: „Die Güte Gottes war einigermaßen verdächtig geworden.“ Oder wie es Stendhal formulierte: „Die einzige Entschuldige Gottes ist, dass er nicht existiert“ – was wiederum wohl Nietzsche für den besten Atheistenwitz befand. Die Kompilation der Zitate und deren Einordnung, das sind Gedanken, die mich praktisch inspirieren.

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Die Welt ist komplex, die Wirklichkeit geprägt von einer undurchsichtigen Klarheit. Überall schreien einen die Probleme an. Und wenn man andere beobachtet oder ihnen zuhört, kommen einem mitunter Zweifel an der Halbwertszeit unserer Zivilisation. Mich beleben und beruhigen solche Bücher daher. Man wünscht sich, dass jeder Mensch so denken würde, weil die Welt dann besser wäre. Und dabei geht es nicht um Intelligenz, sondern um Menschlichkeit, im wahrsten und besten Sinne. Diese klugen Männer verfügen über einen großen Wissensschatz. Aber sie eröffnen ein Museum in geschriebener Form, um ihn mit uns auf eine verständliche Art zu teilen.

Hochzeit …

… ist ein interessantes Wort. Es bezeichnet – je nachdem, ob man das „o“ der ersten Silbe lang oder kurz betont – entweder den Höchststand einer Entwicklung (im Gegensatz zu einem Tiefpunkt oder einer Krise) oder eben ein Heiratsfest. Im Idealfall meint es mitunter beides auf einmal.

Ich habe geheiratet. Nein, wir haben geheiratet. Nach zwölf Jahren gemeinsamer Beziehung. Nicht aus steuerlichen Gründen, sondern um den nächsten Schritt zu gehen. Vielleicht, weil die Kinder jetzt groß sind. Weil sich die erste Aufregung des Lebens gelegt hat. Weil wir gemerkt haben, dass wir uns in dem ganzen Trubel zumindest auf uns verlassen können. Nicht auf uns selbst, sondern auf den anderen von uns. Weil wir bislang mit ein paar Schrammen davongekommen sind und die zweite Halbzeit jetzt offiziell als Team bestreiten wollen. Doppelt gemoppelt, hält besser. Weil es schöner ist, „meine Frau“ zu sagen. Mit Betonung auf „Frau“, nicht auf „meiner“, versteht sich. Weil man jetzt alt werden kann, ohne bekloppt zu werden. Aber auch, ohne sich gehen zu lassen. Weil man dem anderen jeden Tag aufs Neue zeigen möchte, dass er/sie einem viel bedeutet. Dass man den anderen nie mehr aus den Augen verlieren möchte. Dass nichts von alledem selbstverständlich ist. Dass es ein großes Glück bedeutet, keine Angst mehr vor der Zukunft haben zu müssen. Dass eine Partnerschaft eine runde Sache sein kann, auch wenn der andere ein paar Ecken und Kanten hat. Auch wenn nach einer Hochzeit nicht immer Hoooochzeit sein kann. Sich der Alltag aber stets nach Liebe anfühlt.

Auf uns, meine Liebe!

Hochzeit

Bücherkoje

Letzter Tag vor meinem Urlaub! Mit allem fertig geworden. ZDF ist sehr zufrieden mit unserer Off-Road-Doku, die als Reihe im August läuft – und ich muss sagen, ich auch. Das ist nicht immer der Fall, dass beide Seiten happy sind, insofern erwähne ich das mal.

Ich wollte aber ganz was Anderes erzählen. Hatte mir nämlich gestern für den Urlaub ein Buch bestellt, den neuen Roman von Philippe Djian, dem einzigen Autoren, dessen Neuerscheinungen ich unbesehen, und ohne zu hinterfragen, kaufe. So wie Platten von The Notwist. Gerade in diesen Tagen, in denen es bei den meisten Künstlern echt ans Eingemachte geht.

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Jedenfalls habe ich das Buch in der Bücherkoje bestellt, an der Jakobi-Kirche, einer Institution. Weil ich ja aber arbeiten muss, habe ich kurz nach Fünf mal im Internet geguckt, wie lange sie wohl geöffnet hat. Da stand: 18:30 Uhr. Mein Bauchgefühl sagte jedoch, ruf lieber vorher an. Nach drei Mal klingeln ging die Chefin ran, Frau Eikmeier, und meinte, oh, sie sei eigentlich schon auf dem Sprung. Ich sagte, nein, ich käme sofort, bräuchte 5 Minuten, und sie so, ja, gut, sie müsse aber kurz zur Post, wir könnten uns vor dem Laden treffen, und ich gleich losgehetzt, ehrlich gesagt, ein bisschen genervt, weil ich dachte, wieso haut die so früh ab, und bei der Post ist es bestimmt voll, und die kommt doch eh nicht wieder.

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Ein paar Minuten später stand ich bei ihr vor der Ladentür und sah den Zettel mit den geänderten Öffnungszeiten: bis 17(!) Uhr. Das heißt, als ich sie anrief, hatte sie eigentlich schon Feierabend! Und als ich mich gerade kräftig schämen wollte, kam sie um die Ecke und lachte und meinte, da hätte ich aber Glück gehabt, aber wäre doch schade, wenn ich im Urlaub nix zu lesen hätte.

Ja, liebe Leute, für gebrauchte Bücher ist das Netz nicht schlecht. Aber bestellt neue Bücher wirklich nur beim Händler …

Carmen

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Nee, Google, ernsthaft? Dann versuche ich es mal selbst …

*

Adam schaltete das Radio ein. Die Stille setzte ihm in unguten Momenten im selben Maße zu, wie er sie im Allgemeinen schätzte. Aber das Radio einzuschalten, barg immer ein kleines Risiko. Das Radio zerstört das Wesen, hatten Medienkritiker früh gemahnt, es sei ein Tummel-Feld von Weltgeräuschen, später verpestete Göbbels, dieser mickrige Zwerg, den Äther mit seiner Propaganda, aber gut, bei Adams Klassiksender hielt sich das Risiko vielleicht in Grenzen.

Er hatte Glück, gerade spielten sie L’amour est un oiseau rebelle, die Arie aus der Oper Carmen. Die Liebe ist ein wilder Vogel, ein bezaubernder Titel. Und so wahr. Adam mochte diese Liebesgeschichte, der Sergeant und das verrückte Mädchen aus der Zigarettenfabrik. Er, der die Ordnung schätzte, und sie, die alles in Unordnung brachte. Da prallten zwei Welten aufeinander, und es lag auf der Hand, warum sich Adam von dieser Geschichte so angezogen fühlte.

Adam drehte das Radio etwas lauter. Die Callas machte das schon gut. Vielleicht war sie nicht die beste Sängerin, aber sie war sicher die einzige. Und dann dieser aufschlussreiche Text: Drohen oder beten, nichts wird helfen, der eine spricht, der andere schweigt. Wenn du mich nicht liebst, liebe ich dich. Und wenn ich dich liebe, gib auf Dich acht. Gib auf Dich acht. Sie wiederholte es am Ende noch einmal, nein, sie schrie es regelrecht in den Himmel: Gib auf Dich acht! Wie hätte man anders über die ganze Schwere und Magie der Liebe singen wollen, als mit diesen Worten, eingeschlagen in dieser Melodie?

*

Eva und er hatten manchmal getanzt, immer zu diesem einen Lied von Audrey Hepburn aus dem Film Breakfast at Tiffany´s. In dem Film sitzt sie auf ihrem kleinen New Yorker Balkon und begleitet sich selbst auf der Gitarre, so herzzerreißend schön, dass man als Mann am liebsten in der Zeit reisen und sie aus ihrem Unglück retten wollte. Jedenfalls ließ sich darauf gut ein langsamer Walzer tanzen, so dass es sich nicht nur sicher anfühlte, sondern auch gekonnt aussah. Dieser Tanz war über die Jahre die einzige gemeinsame Bewegung gewesen, die sie auf Festen und Feiern verband. Ein formaler Akt, der es ihnen ermöglichte, ihre Beziehung, ihre Zweisamkeit regelmäßig vor Außenstehenden zu bezeugen.

Eines Abends, letztes Weihnachten, also ziemlich genau vor einem Jahr, sagte Eva ihm genau dies; dass dieser Tanz für sie eine beinahe konstituierende Funktion habe. Und dass sie viel zu selten tanzten. Adam hatte daraufhin geschwiegen und sogleich seine innere Verzweiflung gespürt, weil er ahnte, dass dies ein Moment war, in dem er hätte tätig werden müssen. Ihre Bemerkung war ja keine einfache Bemerkung, sondern ein Hilfeschrei, so viel hatte er im Laufe der Jahre kapiert. Also was jetzt? Das Internet war ausgefallen, und anders als die anderen Überlebensmittel – Eingemachtes, Klopapier, Medikamente, Nudeln, Äpfel usw. – hatte er dieses Lied nicht vorrätig. Doch nun sehnte sich Eva plötzlich nach diesem Ritual. Keine Ahnung, wie lange er tatenlos dagesessen hatte, bis sie schließlich den ersten Schritt machte, den ersten Tanz-Schritt, sie übernahm gewissermaßen die Führung, und Adam musste schmunzeln, er erinnerte sich genau, so sehr amüsierte ihn die Vieldeutigkeit der Sprache, was sich wiederum als hilfreich erwies, denn Eva, ihre Fingerspitzen bereits in seiner Hand, verstand diesen Hauch eines Lächelns, das sein Mund umspielte, als Zustimmung, wenn nicht sogar als Aufmunterung, ja, als klares Signal, hier und jetzt den Tanz zu versuchen, ohne die Hilfestellung der Musik, ohne die tragenden Säulen des Dreiviertel-Taktes, einfach nur Auge in Auge, ein riskantes Wagnis, ein … ein … aber es ging nicht. Schon nach wenigen Sekunden verendeten sie mitten in der Bewegung, halbwegs verkehrt, scheu und verletzt, wie ein Vogel mit einem gebrochenen Flügel.

L’amour est un oiseau rebelle, que nul ne peut apprivoiser. Vielleicht konnte man den rebellischen Vogel zähmen, dachte Adam, aber er ließ sich nicht beherrschen. Schon gar nicht ein ganzes Leben lang. Wenn man ihn einsperrte und hoffte, dass er sich an einen gewöhnte, wuchsen ihm riesige Schwingen und Klauen und ein Schnabel, so lang und scharf wie ein Säbel.

(S)Elfi from the past

Manchmal ist das Internet ja schon schön, vor allem, wenn man mit Menschen kommuniziert, die weit weg sind, einem aber dennoch nahestehen.

Hatten heute in unserem Familien-Chat diese nette Situation, dass meine Mutter ein Tortenrezept – Rhabarbertorte mit Baisergitter (letzteres musste ich erstmal googeln, ob das überhaupt ein richtiges Wort ist) – postete, mit einem Hinweis, sie habe das vor Urzeiten von einer Nachbarin bekommen, als wir noch Kinder waren: Frau Stracke. Ob wir die noch kennen würden!? Und ich so: Klar, die Hunde hießen Trixi und Elfi, keine Ahnung, wo das im ersten Moment herkam. Und meine große Schwester war ziemlich erstaunt, weil das stimmte, aber als ich dann darüber nachdachte, fiel mir auch ein, warum ich mir die beiden Hundenamen bis heute so gut merken kann. Ist vielleicht nicht zu meinem Vorteil, aber ich war jung und stehe dazu …

elfi

Und da schließt sich der Kreis, weil Aksel Dogan mich letztens bei FB herausforderte, die 10 wichtigsten Platten meines Lebens zu nennen. Und natürlich nennt man da Metallica oder The Notwist oder Rage against the Machine, aber vielleicht hat auch diese Single entscheidend zu meiner Entwicklung beigetragen, wer weiß? Ich schäme mich auf jeden Fall nicht zu sagen: Ich war mit 6 mal sehr kurzzeitig in ein Foto von Elfi Graf verknallt. Hier, der Vollständigkeit halber: