Die Story der Geschichte

Hab immer noch Urlaub. Weil ich letztes Jahr so viel gearbeitet habe. Wollte eigentlich die Zeit nutzen und ein neues Buchprojekt beginnen. Oder zumindest schon mal definieren. Tue mich leider ein bisschen schwer damit. Immerhin kann ich jetzt wieder am Rechner arbeiten. Kurz nachdem mein Akkuschrauber den Geist aufgegeben hatte, folgte nämlich prompt das Netzteil meines Laptops. Der hat zwar auch schon einige Jahre auf dem Buckel, war aber trotzdem lästiger als gedacht.

Da ich nicht schreiben konnte, hab ich zumindest gelesen: „Schundroman“ von Bodo Kirchhoff. Mein absoluter Lieblingssatz steht auf Seite 282 und lautet wie folgt: „Nur Schwachköpfe wollen auf der letzten Seite erfahren, wer der Mörder ist. Vernünftige Menschen fragen sich, wer wen am Ende lieben könnte.“

War schön, mal wieder ein cooles Buch zu lesen. Hab dabei allerdings auch mit Schrecken festgestellt, wie viele Bücher hier noch herumliegen, die ich nur halb, an- oder noch gar nicht gelesen habe. Erfüllt mich mit einem schlechten Gewissen. Heute schoss mir der Gedanke durch den Kopf, dass es vielleicht besser sei, alle Bücher zu verschenken und nur noch ein einziges zu besitzen, das man immer und immer wieder lesen kann, bis man zumindest dieses eine richtig und vollständig erschlossen hat (Ist das nicht so ähnlich in der „Schachnovelle“?).

Hab mir aber immerhin sogleich ein zweites, dickes Buch vorgenommen: „Geister“ von Nathan Hill. Hat mir Sebastian von den Alphabeten zum Geburtstag geschenkt. Gefällt mir gut; interessant, dass es genau wie „Schundroman“ (und im Übrigen auch meine beiden Romane „Jugendstil“ und „Kunststoff“) ein Roman übers Schreiben ist, also Literatur über Literatur, davon bin ich ja immer schon ein großer Freund gewesen.

Beim Lesen ist mir aber noch etwas aufgefallen: dass das Schreiben, solange es nicht wirklich das Schreiben an einem Buch ist, sondern z.B. „nur“ eine Arbeitsnotiz oder ein Blog-Eintrag, gewissermaßen immer nur ein „zweitklassiges“ Schreiben ist. Eine Art Gymnastik, an der Grenze zur Ausrede. Vielleicht nicht für Euch, die ihr das hier lest, jedoch für mich. Ein Schriftsteller ohne das passende Buchprojekt ist wie ein Kämpfer ohne Gegner. Er kann zwar trainieren, aber das Resultat der Leistung stellt keinen echten Wert dar. Oder eben nur einen zweitrangigen.

Mitunter treibt diese Verlegenheit darüber sehr seltsame Blüten. Habe gestern auf der Fensterbank in der Küche eine … ja … Landschaft geschaffen, so eine Mischung aus Kinderfoto-Album, Pop-Art-Installation und Waldorfschulen-Jahreszeitentisch. Kenne die Story der Geschichte zwar noch nicht im Detail, aber die Szenerie steht. Viel Spaß beim Draufklicken und Entdecken:

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Zwischen (all) den Jahren

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Weihnachten. Zeit für Besinnung, vor allem für die Rück-Besinnung auf die wesentlichen Dinge: Liebe, Familie, Freunde, Natur. Oder anders formuliert: Wenn man mit einem Isländer an der Leine durch die Wälder Schleswig-Holsteins streift, merkt man erst, wie grotesk und abstrakt manche Dinge im abgelaufenen Arbeitsjahr eigentlich waren. Nicht sinnlos, aber zumindest über den Begriff der Relevanz ließe sich im Einzelfall trefflich streiten.

Ansonsten dreht sich, im Angesicht der eigenen Söhne, die rasend älter werden (aber man selbst doch schneller), viel um Erinnerungen an die eigene Kindheit, und was davon nachhält. Was war für mich wichtig? Was hat sich als gut erwiesen? Was kann ich weitergeben?

Hab dem Jüngsten einen Comic-Band geschenkt, der mir damals, als ich in seinem Alter war, viel Freude und Spannung bereitet hat: Percy Pickwick. Konnte dann auch nicht umhin, abends selber mal drin zu blättern. Hab mich gleich festgelesen und war total überrascht, wie gegenwärtig einzelne Bilder noch waren.

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Dieses zum Beispiel, das war damals meine absolute Lieblingsgeschichte. Da bekommt Percy ein Serum gespritzt und anschließend davon Wahnvorstellungen. Meinem Sohn gefiel die Geschichte auch. Bin ganz froh, dass manche Inhalte die normale Haltbarkeitsdauer überleben.

Apropos: Wollte dann noch ein weiteres Comic-Regal bauen (die Sammlung wächst) und musste feststellen, dass mein alter Akkuschrauber aus dem Baumarkt den Geist aufgegeben hat. Nach fast 20 Jahren. Das finde ich dann doch erstaunlich, in Zeiten, in denen die meisten Geräte schlapp machen, sobald die Garantie abgelaufen ist. Und bei aller Natur-Romantik muss ich zugeben, dass mich der Tod dieser kleinen Maschine ein bisschen traurig macht.

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Die ist mit mir wirklich durch dick und dünn gegangen, war bei allen handwerklichen Aktivitäten stets wie ein verlängerter Arm, tja, und es ist eigentlich auch bezeichnend, dass, streng genommen, nicht der Schrauber abgeraucht ist, sondern das Ladegerät. Ist das dann ein Herzinfarkt?

 

 

Das ist 2016

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Eigentlich wollte ich gerade darüber schreiben, dass ich heute im Grunde eine gute Mischung hatte aus Pferdestall ausmisten (Körper) und Gedichte publizieren im neuen Whatever-Magazin der Hamburger Werbejungs von Rocket&Wink (Geist) – da kommen gerade über Facebook, SPIEGEL online & Co. Meldungen von einem Anschlag in Berlin, und man hat mit einem Mal gar keine Lust mehr IRGENDWAS zu schreiben, weil alles im Moment dann doch irgendwie nur belanglos ist. Jammerschade. Obwohl, vielleicht passt einer der Texte gar nicht so schlecht, wie überhaupt Kunst nicht unterschätzt sein sollte, diese kleinen, fantastischen Leuchtraketen im Dauerfeuer der Wirklichkeit.

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Inklusion Hamburg

Ich weiß, ich hatte angekündigt, dass es in diesen Tagen möglicherweise schon einen ersten Literatur-Podcast von den Alphabeten geben könnte – hat leider nicht geklappt. Zuviel Vorweihnachtsstress. Jobtechnisch. Hätte aber immerhin eine weitere Strophe für das Gedicht gehabt, das ich letztes Mal angefangen habe …

Du lallst mir ins Ohr:
Ich liebe dich
Aber das ist doch wieder nur so’n Gefühl
Von Dir
Aus gesehen, bist du im Recht
mir wird schlecht

Kann ich vielleicht an Bosse verkaufen. Oder Thees Uhlmann. Oder wie heißt diese neue, hippe Band, die gestern im Uebel&Gefährlich gespielt hat? – Isolation Berlin.

Immerhin haben wir, wie jeden Freitag, einen neuen Bilderwitz gemacht:

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Hoffentlich könnt ihr darüber schmunzeln, ist zwar ein bisschen „schwarzer Humor“, aber, glaubt mir, ich bin voller Mitgefühl für die Welt, und man kann nicht den ganzen Tag lang an allem verzweifeln. Die Hölle in Syrien, Europa gegen Afrika, fakenews bei facebook, Naddel bei Zwegat, die Liste ist lang und facettenreich und wird hinten raus auch nicht viel besser.

Also: Lacht und bringt andere zum Lachen!

Lü-Rick

In unseren turbulenten Zeiten ist es ja schwierig, sich zwischendurch auf andere Gedanken zu bringen. Sich inspirieren zu lassen. Jetzt am Wochenende ist mir das ganz gut gelungen, und es war ganz einfach.

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Hab meinen Sohn am Samstag zum Fußball gefahren. Bis zum Anpfiff war noch eine gute Stunde Zeit, und es regnete kühl, also stellte sich mir die Frage, wie ich die Wartezeit sinnvoll überbrücken könnte. Und da erinnerte ich mich, dass ich immer schon mal ins Ernst-Barlach-Haus gehen wollte. Das hab ich dann gemacht, und es war super. Nicht nur Barlachs Skulpturen (musste ans Erwin Teichmann-Museum in Pomerode denken, wo wir mit Manuel Möglich gedreht haben), auch die aktuelle George Grosz-Ausstellung, bis hin zum Selbstbedienungscafé und dem kleinen Büchertisch, wo ich auch noch fündig geworden bin. Klar, man kann da auch mehr Zeit verbringen, aber so haute es genau hin, und ich war pünktlich zum Anpfiff wieder am Platz.

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Hab mir ein kleines Reclam-Büchlein mit Gedichten des Expressionismus gekauft – und gestern Abend sind mir prompt selbst mal wieder ein paar Zeilen gekommen …

Er schaltet das Licht ein,
es leuchtet, aber
es bleibt dunkel.
Irgendwo auf seinem Hals
muss ein Kopf sein.

Wenn alles klappt, starten „Die Alphabeten“ Mittwoch Abend ihren ersten Podcast. Zumindest machen wir mal einen erweiterten Soundcheck. Vielleicht hab ich bis dahin sogar eine zweite Strophe …

Schick-Saal

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Meine Stadt im Ausnahmezustand. OSZE-Konferenz. Seit Tagen überall Polizeipräsenz. Höchste Sicherheitsstufe. Bin gestern ausnahmsweise mal wieder mit der U-Bahn nach Hause gefahren. 10 Minuten Verspätung. Rappelvoller Waggon. Kaum Luft zum Atmen. Hab mich in dem Moment schon gefragt, was wäre, wenn nun jemand hier und jetzt eine Bombe hochgehen lässt. Man wäre chancenlos. Und dann musste ich an eine Dokumentation denken, die ich letztens morgens nebenher laufen ließ. Es ging um irgendeinen kleinen asiatischen Gebirgsstaat, keine Ahnung, jedenfalls sagte dort ein junger Mann, der für eine kanadische Firma im Goldabbau arbeitete, er spreche zuhause nicht über das Gold, weil er nicht wolle, dass seine Kinder später denselben Job machen, denn der Job sei ungesund, aber für ihn sei das nun okay, und wenn er denn dabei umkomme, sei das eben sein Schicksal. Und das sagte er so nüchtern und abgeklärt und irgendwie „groß“, dass mir echt die Spucke wegblieb.  In vollem Bewusstsein darüber, was er in seinem Leben schon gemacht hat, was er noch nicht gemacht hat, und was er hinterlassen würde. Grandios. Der Mann hatte offenkundig wenig Handlungsspielraum und sein Schicksal wirklich angenommen. Und dieser Gedanke, angesichts der ständigen Drohkulisse nicht verrückt zu werden, sondern dieser vielmehr eine gewisse geistige Größe entgegenzusetzen, hat mir sehr imponiert.

Autopilot

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War am Wochenende in Norddeutschland, bei meinem Onkel. Ölwechsel und neue Bremsbeläge. Ein Sohn war mit. Weil der sich für Hörspiele und Geschichte interessiert, haben wir auf der Fahrt CD statt Radio gehört: Alexander Kluge, Chronik der Gefühle. Fand er gar nicht schlecht.

Norddeutschland ist für mich wirklich immer eine Reise in die Vergangenheit. Ich komme da unheimlich zur Ruhe. Kenne alle Schauplätze, jeden Stein, jeden Baum. Auch wenn ich diesmal festgestellt habe, dass es auf dem Land immer mehr Leerstand gibt. Da verfallen gerade viele, wunderschöne, kleine Häuser.

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Familie ist so wichtig, gerade in Zeiten, in denen alles vernetzter, schneller und globaler wird. Und eine natürliche Umgebung. Einfach bei meinem Onkel in der Garage stehen und den Bremssattel mit der Drahtbürste bearbeiten. Oder mit der alten Kanne Öl nachfüllen und bloß darauf achten, dass man sich nicht verzählt. Herrlich. Und seinen Job kleinreden, den alle Verwandten glamourös finden, aber man selbst oft ein bisschen bekloppt.

In diese Tage fiel die Nachricht, dass Nico Rosberg zurückgetreten sei. Im heute-Journal lief eine schöne MAZ dazu. Am Ende dachte man, ja, der wollte es seinem Vater einmal zeigen – und basta. Ein Philosoph äußerte sich in dem Beitrag noch dahingehend, dass uns allen diese Art der „Gelassenheit“ gut zu Gesicht stehen würde. Nicht immer „mehr“ wollen. Ich kann das auch nachvollziehen. Es gibt kleine Erfolge und große. Es gibt Leistungen, die man nicht mehr toppen muss. Klingt bescheuert und vielleicht vermessen, aber als ich 2003 beinahe zeitgleich einen Roman und meine Doktorarbeit veröffentlicht habe, dachte ich auch: Was soll noch kommen? Ich konnte mich – im Gegensatz zu Rosberg – damals nur noch nicht zur Ruhe setzen. Letztlich hat das natürlich auch was mit den persönlichen Charaktereigenschaften zu tun. Reicht mir die Besteigung eines Achttausenders – oder müssen es dann alle sein? Reicht mir ein Weltmeistertitel – oder bin ich dann erst richtig angefixt? Ich halte Rosbergs Verhalten für sehr gesund und `normal´. Und wahrscheinlich ist genau das auch der Grund, warum ihm die ständigen Auseinandersetzungen mit seinem Teamkollegen so an die Nieren gegangen sind.

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Klar, die modernen Errungenschaften und Entwicklungen bieten auch Vorteile. Aber die Balance muss stimmen. Manchmal möchte ich mich mit meiner Freundin einfach auf einer einsamen Insel verkriechen und den Stecker ziehen. Die Welt dreht sich scheinbar immer schneller. Aber am Wochenende habe ich gemerkt, dass sich manches eben auch (noch) nicht geändert hat: Die Reduktion aufs Wesentliche, wenn man zu dritt durch ein abgelegenes Waldstück läuft. Das tolle Gefühl, durch trockene Herbstlaub-Berge zu schreiten. Das Rascheln in den Ohren. Oder die Vorfreude auf warmen Tee, wenn man am kalten See auf Hechtbisse wartet …

Im richtigen Film …

Schneide diese Woche außer Haus, die Schnitträume in der Firma sind überbelegt. Meine Chefin hatte mir die Tatsache, dass ich raus muss, als „schlechte Nachricht“ angekündigt, aber ich empfinde das eigentlich eher als schöne Abwechslung. Bin immer noch in der Speicherstadt, aber weiter Richtung Landungsbrücken auf der anderen Seite des Wassers. Parke daher jeden Morgen meinen Elch beim Spiegel und gehe dann zu Fuß in die andere Firma. Die letzten 200 Meter sehen aus wie eine Miniatur-Ausgabe der Brooklyn-Bridge – und der Blick aus dem Schnittraum wie eine Kulisse aus einem Thomas Mann Film.

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Ich glaube, wenn ich etwas zu sagen hätte, bzw. die Chance, etwas Grundlegendes zu verändern, würde ich eine Arbeitswelt schaffen, in der jeder, der möchte, öfter mal rotieren könnte: andere Tätigkeit, anderer Ort, andere Kollegen. Nicht so, dass es fahrig und kopflos wird, es können ja auch artverwandte Jobs sein. Einfach raus aus der Routine!

Gestern Abend lief im NDR eine Dokumentation über ein paar ehemalige DDR-Bürger, die als junge Menschen gegen das System aufbegehrt haben und später trotzdem (oder deswegen?) ihren Weg gegangen sind. Einer hatte ein Punk-Label, ein anderer ein frisiertes Motorrad, eine Modedesignerin war dabei, ein Künstler, ganz interessante Menschen, aber auch ästhetisch fand ich den Film klasse. Hab auf jeden Fall beim Gucken gedacht, dass man sich das gar nicht vorstellen kann, wie das als junger, anders denkender Mensch in der DDR gewesen sein muss. Und wie mutig die zum Teil gewesen sind. Und dass ich eigentlich einen ziemlich tollen Job habe …

Stichworte

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Nach meinen ersten Gehversuchen bei Facebook heute mal wieder ein paar längere Gedanken zur Situation. Es ist ein bisschen viel auf einmal vielleicht, zudem ungeordnet, Stichworte.

Letzte Woche sorgte eine Meldung für Aufruhr, wonach Jugendliche nicht mehr zwischen Werbung und Nachricht unterscheiden können. Ich würde mal behaupten, das geht nicht nur Jugendlichen so, sondern auch vielen erwachsenen Frauen, die die (gesponserten und unmerklich als Anzeige getarnten) Beauty-Seiten in der BUNTE durchblättern.

Im Mittelalter brüllte ein Mann auf dem Marktplatz die Neuigkeiten aus dem Umland. Briefe waren monatelang unterwegs. Damals konnten sich die Menschen keine richtige Meinung bilden, weil sie zu wenig Informationen hatten, vor allem die Landbevölkerung. Die hatte nur ihre Erfahrungen und ihren Glauben.

Die Erfindung des Buchdrucks war deswegen ein Meilenstein (auch wenn Kritiker damals genau wie heute fragen, ob das schon der Anfang vom Ende war). Auch dass in den folgenden Jahrhunderten immer mehr Menschen lesen und schreiben lernten. Dass es irgendwann sogar Medien gab, die die Bevölkerung informierten – mit all den Problemen, die es bei massenmedialer Berichterstattung immer schon gab.

In den letzten 50 Jahren haben sich diesbezüglich ein paar Begriffe etabliert, die versuchen, unser Zeitalter oder unsere Gesellschaftsform zu beschreiben: Kommunikationszeitalter, Informationszeitalter, Mediengesellschaft oder  Wissensgesellschaft. Ich denke, die letzten Monate haben gezeigt, dass wir – was den Einzelnen und seinen individuellen Wissensstand betrifft – weit von einer „Wissensgesellschaft“ entfernt sind (abgesehen davon, dass echtes Wissen immer noch Macht bedeutet). Dass andererseits zu viele, schlecht oder unzureichend kommentierte Informationen die Menschen genauso weit von einem Wahrheits-Bild wegführen wie wenig oder keine Informationen.

Die BILD(!)-Zeitung postuliert das seit Jahren: Bild dir eine Meinung. Sprich: Lies unsere Zeitung – das reicht. Nein, das reicht eben nicht. Das wusste man aber auch immer schon, sogar die Leser der BILD. Aber heute? Selbst ich kann nicht auf Anhieb jede Quelle einschätzen – und ich bin „Journalist“. Wie soll das ein 15-Jähriger können?

Die Politik hat es versäumt, neben der technologischen Entwicklung der Medien auch die Medienpädagogik weiterzudenken, dabei gab es früh genug warnende Stimmen. Und die klassischen Medien haben es versäumt, ein sicheres Netz zu den jungen Lesern und Hörern zu knüpfen. Jetzt müssen sie zusehen, wie sich Meinungen verselbständigen. Und zwar meistens die Meinungen, die am krassesten sind. Oder am grellsten verpackt. Oder von Popstars verkündet.

Ironischerweise sind wir damit der mittelalterlichen Landbevölkerung wieder ziemlich ähnlich geworden. Ich meine, die Bundeswehr wirbt mit einer Doku-Soap bei Youtube für Nachwuchs. Das sagt ja eigentlich alles.

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Wir sind vielleicht besser informiert denn je. Aber was wissen wir wirklich? Insofern ist es auch kein Wunder, dass der Glaube verschiedentlich wieder so einen hohen Stellenwert einnimmt.

Jetzt sind Medien und Politiker ratlos. Wie konnte die Welt so aus den Fugen geraten? Ja, das kommt davon, wenn man auch Geisterfahrer und Leute ohne Führerschein mit einem Panzer auf die Datenautobahn lässt.

Eigentlich muss es heißen: Bilde dir eine eigene Meinung. Oder noch besser: Informiere dich so, dass du dir ein eigenes Urteil erlauben kannst, welches der Summe, nein, der Schnittmenge der subjektiven Wirklichkeiten so nah wie möglich kommt.

Ich mache noch eine andere Beobachtung: Dass dieses allgemeine, ungute Gefühl, das nun überall herrscht, selbst schon wieder ein Katalysator für neue Meinungen geworden ist. Dass – wiederum auf einer Marketingebene – an einem guten Gefühl gebastelt wird. EDEKA hat wieder einen Weihnachtsspot gemacht: Wir sollen Zeit verschenken. ALDI hat vorher proklamiert: Weil einfach einfach einfach ist. Das ist alles gut gemacht und für zynische Soziologen ganz amüsant, wie die Kreativen, angesichts des globalen Chaos, alle gerade emotional zusammenrücken. Aber wie nachhaltig ist das? Ist ja nur Werbung …

Das Leben ist wirklich schön

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Jeder geht im Leben durch Höhen und Tiefen. Und wenn es nicht ab und an die Tiefen gäbe, wüsste man die Höhen auch nicht mehr zu schätzen.

War in den letzten Tagen – wie vermutlich die meisten von Euch – etwas „trumpisiert“, d.h. ich wusste, es geht mir, objektiv betrachtet, gut, fühlte mich innerlich jedoch wie einer, der mit verbundenen Augen, Händen und Füßen auf einer Bombe sitzt.

Es erstaunt mich immer wieder, wie fragil die menschliche Psyche in einer solchen Situation ist. Wie ein paar kleine Alltäglichkeiten, gepaart mit dieser allgemein-kippenden Stimmung, mit einem Mal zu einem unüberwindlichen Hindernis werden können. Und wie schnell sich diese Berge dann manchmal wieder von alleine abtragen.

So dachte ich am Sonntag wirklich, mein alter Elch wäre reif für den Schrott. Das hätte mich fast umgehauen. Materiell, aber vor allem emotional. Zum Glück half mir meine Schwester (am Sonntag, auf dem platten Land, wohlgemerkt), einen Schrauber zu finden, der sich das angucken wollte. Am Montag Nachmittag bekam ich einen Anruf aus dessen Werkstatt, und die erste Diagnose besätigte meine Vermutung: Neue Hinterachse. Kacke. In meiner ganzen Not habe ich meinen Vater angerufen, ehrlich, ich fühlte mich wieder wie ein kleiner Junge, dessen BMX-Rad einen Plattfuß hat. Und mein Vater war sofort zur Stelle, meinte, klar, kriegen wir hin, komm einfach mit dem Auto runter. Aber wie? Woher einen Trailer bekommen? Außerdem kommen die Kinder nächstes Wochenende … wiewiewie? Parallel rief der Typ aus der Werkstatt meine Schwester an und meinte, er könne das Auto so fahrbereit machen, dass ich damit heil und sicher zu meinem Vater käme. Das war schon mal cool. Trotzdem hab ich in der Nacht auf Dienstag kein Auge zu getan.

Gestern Morgen hat mich meine Freundin zur U-Bahn gefahren und mir Mut zugesprochen, dass alles gut werde, und es am Ende „nur eine Autoreparatur“ sei, was ja auch stimmt. Und plötzlich hab ich die Dinge wieder positiver gesehen. Freute mich darüber, dass meine Liebsten für mich da sind und mein Vater schon bei sich daheim an einer Lösung bastelte. Hab daraufhin einem Obdachlosen an der U-Bahn einen Kaffee spendiert und seiner Kollegin eine Hinz&Kunzt abgekauft. Klingt dämlich, aber mit einem Mal spürte ich wieder, Alter, es geht in diesem Leben hier nicht nur um dich.

Abends bin ich dann mit Bus und Bahn aufs Land gefahren, um mein Auto abzuholen. Auf dem Weg hab ich die Hinz&Kunzt gelesen, darin u.a. ein ganz tolles Interview mit Wolf Biermann und einer Reportage über ein paar Obdachlose und wie die sich jetzt auf den Winter vorbereiten. Und da bin ich ganz demütig geworden, und ich dachte, verdammt, sei doch nicht immer so ein ängstlicher, bescheuerter Idiot, der sich von einer Autoreparatur ins Bockshorn jagen lässt. Meine Laune wurde immer besser. Ich dachte, ey, der Vater von Wolf Biermann wurde in Auschwitz ermordet, deiner lebt noch und ist da für dich, das ist doch super. Und dann sammelte mich meine Schwester auf und grinste so komisch, und in der Werkstatt erzählte mir der Typ schließlich, dass sich der Schaden auf den zweiten Blick als viel harmloser herausgestellt hat. Nicht mal halb so schlimm, sondern sechstel oder sogar achtel so schlimm. Zufall?

Und jetzt setze ich mich gleich in die alte Karre und fahre zum Fußball, in dem Wissen, dass ich mich im Notfall auf meine Freundin und meine Familie verlassen kann – und es am Ende immer noch einen Schutzengel gibt, der den Pechvogel im Zweifel überholt.