Im akuellen SPIEGEL (also von letzter Woche, morgen kommt ja der neue) spricht Richard David Precht über die Risiken der Digitalisierung. Die Arbeitswelt werde sich radikal verändern, ein Großteil der „normalen“ Jobs wegfallen. Klingt jetzt altbekannt, aber er unterstreicht seine These mit neueren, differenzierten Erklärungsansätzen. Allerdings sieht der Philosoph nicht nur schwarz, sondern malt auch ein mögliches, positives Szenario: Sollten die Maschinen nämlich wirklich irgendwann alle Jobs machen, könnte die Industrie, die an den Maschinen verdient, effektiv Lobbyarbeit für das bedingungslose Grundeinkommen machen (bei Siemens scheint das jetzt schon zu sein, wusste ich gar nicht), die Politik würde es dann vielleicht umsetzen, so dass die Menschen irgendwann in naher Zukunft in ein Zeitalter übergehen, in dem sie nur Tätigkeiten verrichten, die ihnen sinnvoll erscheinen. Bin dabei!
Die Digitalisierung hat aus der „Welt“ keine andere gemacht. Aber aus dem Umgang mit ihr, vor allem für unsere Kinder. Es ist daher wichtig, in Familien nicht den Kontakt zueinander zu verlieren. Das war allerdings schon immer so. Nur, dass die analogen Parallelwelten, in die sich Kinder und Jugendliche früher flücheten, nicht solche „Irrgärten“ waren wie die virtuellen heute. Auf der anderen Seite standen einem suchenden, jungen Menschen eigentlich schon immer traditionell zwei „Fluchthelfer“ zur Seite: Content und Drogen.
Ich glaube, Mediennutzung muss von Eltern genauso vorgelebt werden wie alles andere auch. Und was Dauer und Umfang angeht, hilft, wie immer, ein Blick auf Aristoteles Mesotes-Lehre, wo es, verkürzt gesagt, um das „gesunde Mittelmaß“ geht. Wobei digitale Abstinenz vielleicht keinen wirklichen Mangel darstellt. Aber es macht ja auch Spaß, die neuen Möglichkeiten zu nutzen. Bloggen oder Bildbearbeitung (siehe oben). Und gestern Abend bin ich nach dem Trommeln nach Hause gefahren und habe im Radio byte fm gehört. Da liefen zwei Spitzensongs hintereinander. Der Moderator nannte die Künstler und die Titel zum Schluss auch, doch ich konnte sie mir nicht merken. Eben habe ich plötzlich wieder daran gedacht, bei byte fm auf der Homepage die playlist von gestern Abend angeklickt und den Song gleich bei Spotify nochmal angehört. Hier ist er. Super!
Den zweiten Song verrate ich Euch bim nächsten Mal.
Der April … von strahlend blau auf fahl und grau in zwei Tagen.
War am Sonntag mit meinem jüngsten Sohn beim Fußball. Am Rande des Spiels hat eine Mutter ein wunderschönes Foto von den Jungs gemacht, wie sie alle gemütlich und lässig auf der Rasentribüne in der Sonne liegen und miteinander Spaß haben. Eine tolle Momentaufnahme, bei deren Betrachtung die Jungs in 30 Jahren womöglich feuchte Augen bekommen. Es sieht, von außen betrachtet, einfach nach einem unbeschwerten, guten Leben aus.
Ich erinnere mich an diese Zeit und weiß, dass sich trotzdem jeder Einzelne von ihnen Sorgen macht. Weil er sich zu klein findet für sein Alter, oder zu groß, zu langsam, zu schwach, zu hässlich oder zu doof. Weil ihn kein Mädchen beachtet oder er sich von seinen Eltern oder der ganzen Welt unverstanden fühlt.
Quo vadis, Schwester? Mit Achtzehn.
Die meisten Menschen sorgen sich in jeder Lebensphase. Wenn man älter wird und schon ein paar echte (also: objektiv betrachtet) Rückschläge weggesteckt hat, verändert sich die persönliche Definition von Sorge. Und von Glück. Vielleicht. Manche Menschen fühlen sich ein Leben lang zu klein oder zu groß, oder wären gerne ein berühmter Schriftsteller, anstatt zu erkennen, dass sie unterm Strich glücklich sein müssten, weil sie zum Beispiel nicht schwerkrank sind. Aber diesen Unterschied zu erkennen, ist nicht immer leicht. Glück ist, meines Erachtens, kein Dauerzustand. Glück sind kleine Momente, die manchmal kürzer oder länger andauern, genauso wie Trauer oder Angst. Doch auch die gehören zum Leben dazu, weil man sonst kein Maß für die glücklichen Momente hätte. Deswegen bin ich ein großer Freund des Begriffes „Zufriedenheit“. Weil der, wenn sich Freude und Leid, Glück und Schicksalsschläge die Waage halten, in unseren Breitengraden mit der Mittelsilbe „frieden“ sich zumindest für mich als sehr passend erweist.
Werde ich jemals Schriftsteller? Mit Anfang Zwanzig.Wahnsinn. Erstes Buch ist raus. Mit Ende Zwanzig.Schriftsteller sein wollen und plötzlich ins Grübeln kommen, ob man „Kartusche“ mit oder ohne „r“ schreibt. Heute.
Natürlich bin ich von Geburt an privilegiert. Es gibt Millionen, vielleicht sogar Milliarden Menschen, die beinahe ausschließlich schlechte Erfahrungen machen und kaum noch glückliche Momente erleben. Habe eben mit meiner Kollegin über einen Artikel aus dem aktuellen SPIEGEL gesprochen, der uns sehr berührt hat, über den iranischen Flüchtling in Berlin, der dort drogensüchtig wurde und sich deswegen nun prostituiert. Und wie der von den Freiern erzählt und von den Dingen, die er für Geld für die macht, bzw. an sich machen lässt. Und meine Kollegin und ich fragten uns: Wie kann das sein, dass 50-jährge Familienväter zu einem jungen Mann gehen, der Heroin nimmt und von anderen Freiern mit Filzläusen berichtet? Wie groß muss sozusagen der Trieb sein? Und da fiel mir ein, dass ich vor ungefähr 15 Jahren im Rahmen einer Recherche bei der AIDS-Beratungsstelle in Altona war und mir die Sozialarbeiterin dort erzählte, die „abhängige Cracknutte“ (ihre Worte aus der Perspektive der Männer) hätte die meisten Freier – weil es da nicht nur um das Ausleben eines Sexual-Triebes geht, sondern vielmehr um die Ausübung und das Gefühl von Macht. Anders gesagt: Die Befriedigung des Mannes erfolgt in dem Moment nicht nur körperlich, sondern den eigentlichen „Kick“ bezieht er aus dem Gefühl absoluter Macht und dem Wissen, dass er von dem anderen (in dessen/deren Notsituation) im Prinzip ALLES verlangen kann. Und diese Art von Männern führen häufig genug eine bürgerliche Parallelexistenz, wo sie genau diese „dunkle Seite“ eben nicht ausleben können. Das ist alles nicht schön, aber nicht ungewöhnlich. Und besagt einiges über die männliche Psyche.
Hatte ein sehr erfolgreiches, aber natürlich viel zu kurzes Arbeitswochenende mit Sebastian von den Alphabeten. Wir waren in einer Art Landgasthaus in der Nähe von Wacken, haben neue Bilderwitze kreiert und weitere Podcast-Folgen produziert. Kann es kaum erwarten, dass dieses tolle Projekt endlich an den Start geht.
In einer der kleinen Pausen waren wir im Ort Wacken, der ja wirklich unter dem Einfluss dieses Festivals steht. Da gab es auch so einen Metal-Mittelalter-Rollenspiel-Laden mit Kostümen und Schwertern, zum Teil mit Kunstblut verziert. Nicht mein Ding, aber beeindruckend. Allerdings achtet man offenbar darauf, dass die psychosoziale Balance im Ort stimmt:
Herzstück und Engel (der Alphabeten) – und ein paar Zeitschriften …
Nebenbei erzählte mir Sebastian, dass die Firma für die er letztes Jahr viel gearbeitet hat, einen ECHO gewonnen hat, für dieses Beatsteaks/Deichkind-Video „L auf der Stirn“. Ich erwähne das deswegen, weil es eine schöne Überleitung zu einem unschönen Thema ist, nämlich der Frage: Was darf Kunst? Oder versteckt sich vielmehr manchmal dämlicher, geschmackloser Content unter dem Deckmantel der „künstlerischen Freiheit“? Ich würde mich normalerweise gar nicht so intensiv mit diesem Genre beschäftigen, aber 1) glaube ich, dass meine Söhne sowas hören, und 2) würde mir dann vielleicht einmal dasselbe passieren, was jetzt Jens Balzer passiert ist, der in der ECHO-Jury saß und erst im Nachhinein realisierte, wer da eigentlich für was ausgezeichnet wurde.
Offensichtlich hat ihn das so beschäftigt, dass er prompt einen Kommentar für die taz verfasst hat, den ich hier auszugsweise zitiere, weil ich die Debatte auch wichtig finde:
„Um es gleich zu gestehen: Ich war selbst in der Jury und habe zwar nicht für Kollegah und Farid Bang gestimmt, aber mich über ihre Nominierung auch nicht weiter empört, das war eine Nachlässigkeit. Offen gesagt, hatte ich einfach keine Lust, mir den klanglichen Ausstoß der beiden von vorne bis hinten durchzuhören, sonst wäre mir auch aufgefallen, was nach der Bekanntgabe der Nominierungen zum Thema wurde. In dem Song „0815“ rappt Farid Bang nämlich: „Deutschen Rap höre ich zum Einschlafen / Denn er hat mehr Windowshopper als ein Eiswagen, ah / Und wegen mir sind sie beim Auftritt bewaffnet / Mein Körper definierter als von Auschwitzinsassen“, das heißt, er hat so wenig Fett auf den Rippen wie sonst nur jemand aus dem KZ. In anderen Songs schwelgen die beiden in heiteren Gewaltfantasien, sie wollen Menschen, die ihnen nicht passen, mit einem „Sprengstoffgürtel“ massakrieren oder mit einem Lkw, „als wärst du auf dem Weihnachtsmarkt“, oder mit einem Attentat „wie bei Charlie Hebdo“; oder anders gesagt: Sie finden alle Arten von Gewalttaten toll, bei denen Christen und Juden ums Leben kommen. Warum wird so etwas zum „Album des Jahres“ nominiert? […] Ihr Album wurde seit Dezember 200.000-mal verkauft und über 30 Millionen Mal gestreamt, ohne dass es irgendeine nennenswerte Debatte über antisemitische oder sonst wie reaktionäre Textzeilen gegeben hätte. […] Wozu das führt, kann man zum Beispiel auf Berliner Schulhöfen studieren, wo die Zahl der antisemitischen Vorfälle steigt.“
(Quelle: taz vom 14.04.2018)
Ich erinnere mich an einen Einkauf mit meinem Kumpel Christian bei Elpi, dem heißesten Plattenladen in Münster. Oder war es Jörgs CD-Forum? Egal, jedenfalls habe ich als damals 14-Jähriger (und ich sah jünger aus) erst mein Herz und dann die Ärzte-Scheibe „Die Ärzte“ in die Hand genommen und möglichst unbeteiligt zur Kasse getragen, wo sie die junge Dame damals noch unbeteiligter und ohne aufzublicken abkassierte. Christian hätte sich fast noch verplappert, weil die Platte damals Stücke enthielt, die in der Zwischenzeit auf dem Index gelandet waren. Ich konnte ihm gerade noch vors Schienbein treten. Draußen vor dem Laden haben wir dann vor lauter Erleichterung einen Lachanfall bekommen. Ja, vielleicht waren da zwei, drei Nummern (noch) nichts für unsere roten Ohren, aber gegen das Zeug, was bestimmte „Künstler“ so von sich geben, erscheint mir das heute total harmlos. „Ich könnte sie auch ideal in dieser Stellung f….“ (Sweet Gwendoline) klingt doch irgendwie anders als „Dein Chick ist ’ne Broke-Ass-Bitch, denn ich fick‘ sie, bis ihr Steißbein bricht.“ Oder sehe ich das zu verkniffen? Bin ich jetzt wie meine Eltern?
Lest mehr taz!
Und ich werde wieder mehr und kritischer Hip-Hop hören …
Weil ich versuche, ein moderner Mann zu sein …, nein, Moment, weil ich ein moderner Mann bin, versuche ich ab und an, abends für alle zu kochen. Gestern gab es Putengeschnetzeltes. Soße aus der Tüte, Geschmack … naja … und natürlich viel zu viel. Hab die Reste mit zur Arbeit genommen, weil ich kein Essen wegwerfe. Und ausgerechnet heute gab es Wiener Schnitzel, also nicht „Wiener Art“, sondern richtig, vom Kalb. Luxusproblem, ich weiß, aber immerhin. Bin standhaft geblieben.
Habe ich nicht gestern geschrieben, im Moment laufe hier bei der Arbeit alles ganz ruhig und reibungslos? Dann bin ich vielleicht die Ausnahme, die die Regel bestätigt. Denn laut einer aktuellen Umfrage der pronova BKK fühlen sich neun von zehn Deutsche von ihrer Arbeit gestresst. Und immerhin sechs von zehn Befragten klagen gelegentlich über typische Burnout-Symptome wie anhaltende Erschöpfung, innere Anspannung und Rückenschmerzen.
Passend dazu fiel mir gestern das SPIEGEL-Sonderheft über Karl Marx in die Hände, in dem ich abends auf der Terrasse gleich noch ein wenig blätterte. Marx Begriff der Entfremdung meint ja, grob gesagt: Der Arbeiter kann sich weder mit dem Produkt noch mit der Produktionsweise seiner Arbeit identifizieren. Er verkommt vom schöpferischen Wesen zur rohen Arbeitskraft, die nach Marktgesetzen, die er nicht beeinflussen kann, wiederum selbst wie eine Ware (unter Wert) entlohnt wird.
Unfertige Gedanken ohne abschließende These: Marx bezog sich unter dem Einfluss seiner Zeit auf den Fabrikarbeiter. Was aber, wenn sich heute in scheinbar kreativen Bereichen (Medien, Kultur, Werbung) die Produktionsverhältnisse so unter den Gesetzen des Marktes verschärft haben, dass auch hier die Menschen das Gefühl entwickeln, Texte, Konzepte oder Filme eher „am Fließband“ zu produzieren, in immer engeren Zeiträumen, mit immer kleineren Budgets? Und womöglich gilt das auch für Lehrer, die Tag für Tag, gewissermaßen „am Fließband“ dieselben, komplexen, sozialen Probleme lösen müssen?
Andersherum gefragt: Was müsste gewährleistet sein, damit sich neun von zehn Deutsche nicht mehr von ihrer Arbeit gestresst fühlen? Ich werde mal darüber nachdenken.
Eben noch Eiseskälte und Stürme. Und plötzlich ist der Frühling da. Und jeder Tag erpicht darauf, das Tempo zu erhöhen und zugleich in Erinnerung zu bleiben.
Versuche hier mal in Kürze das Wichtigste festzuhalten:
Tschick gemacht
Es gab zwischendurch die Konfirmation meines jüngsten Sohnes zu feiern. Ich habe ihm aus diesem Anlass einen langen Brief geschrieben, tatsächlich über mehrere Abende verteilt, über die verschiedenen Religionen, Fundamentalismus und dass man nichts falsch machen kann, wenn man sich von Jesus das Konzept der Liebe und Barmherzigkeit abguckt. Und dass Religion den Geist trainiert, so wie man als Fußballer den linken Fuß trainieren kann, und schloss dann mit dem legendären, aber hier väterlich gemeinten Schlachtruf: You never walk alone – woraufhin mein Sohn nach der heimlichen Lektüre hinter verschlossener Tür, wieder aus seinem Zimmer kam, sich artig bedankte und sagte: Papa, es heißt You´ll never walk alone …
Schön, oder?
Liebe. Ganz einfach. Meine Freundin hat mir dieses Foto aus Schweden geschickt, vorletztes Wochenende, als das Eis noch dick und der Schnee noch weiß war.
Aber was passiert, wenn man nie Liebe erfährt? Oder das zumindest glaubt?! Dann spinnt man, wenn bestimmte Persönlichkeitsmerkmale zusammenkommen, womöglich irgendwann Rachepläne. Immer mehr, immer krasser, bis diese so ungeheuerlich groß sind, dass man sie in die Tat umsetzt und – wie unlängst in Münster geschehen – mit einem großen Auto Menschen totfährt.
Ich habe ja in Münster studiert und hätte in dieser Stadt so eine Tat zuletzt verortet. Auf der anderen Seite habe ich ja gerade eine Doku über die Motive von terroristischen bzw. amokaffinen Einzeltätern verfasst. Und auch wenn es für die Opfer keinen Unterschied macht: Es sind, selbst, wenn sich die Erscheinungsweisen dieser Taten zusehends ähneln, dann eben doch nicht immer religiöse Fanatiker, sondern häufig genug einfach Männer, die sich zeitlebens missverstanden und gemobbt gefühlt haben. Und die leben überall.
Interessante Berichterstattung dazu mal wieder in der BILD:
Eine Terror-Doppelseite, aber irgendwie … merkwürdig: Fiktives Monster links (der Junge aus dem Tatort gestern – war der gut), echtes Monster rechts (Münster). Frage mich, ob das so nebeneinander gut gestaltet ist? Frage mich auch, ob die BILD-Zeitung der Amokgeschichte nicht zuviel Platz einräumt. Schließlich weiß man, dass genau das Nachahmungstäter anspricht, selbst wenn der Täter nicht glorifiziert wird. Eigentlich gibt es sogar die Pressempfehlung, nicht den Tatort zu zeigen. Dieser Empfehlung sind andere Tageszeitungen auch gefolgt …
Apropos Nachahmungstäter – es klingt vielleicht vermessen und egozentrisch, wenn man meint, man hätte irgendwie Einfluss auf alle Geschehnisse in der Welt, aber ich hoffe inständig, der Amoktäter von Münster hat sich NICHT meine Doku zum Vorbild genommen, die vor kurzem lief. Es ist ja erwiesen, das auch so ein Film Auslöser einer Tat sein kann, und dieses ganze `Rache´, `Schuld sind die anderen´ und `Ich hatte nie Sex´ wurde bei mir ja auch nochmal von A-Z durchdekliniert, bis hin zu der schrecklichen „Mode“, einen Lieferwagen zur Mordwaffe umzufunktionieren. Man kann so ein Thema so seriös wie möglich versuchen zu behandeln, Identifikationspotenzial schafft man damit immer.
Merkwürdigerweise hatte ich am Wochenende noch eine weitere, ganz ähnliche Situation, wo ich dachte: Die haben meinen Film gesehen! Lese gerade mit wachsender Begeisterung ein kleines Büchlein, „Die Herzlichkeit der Vernunft“ (wäre auch ein gutes Buch zur Konfirmation gewesen) von Alexander Kluge und Ferdinand von Schirach, in dem diese beiden klugen Männer in einem Kapitel erst über Kleist und dann über „das Böse“ sprechen. Und da merkte ich beim Lesen der „Stoffsammlung“, über die sie sich da kurz austauschen (Unterweger, Fritzl, Gust), dass die offenbar auf den Film zurückgehen, den meine Freundin und ich damals für Spiegel TV gemacht haben, und der dann später in Kooperation mit Kluge als DVD erschien. Alexander Kluge hatte damals eine zweite DVD mit eigenen Werken beigesteuert und von Schirach das Vorwort dazu geschrieben, insofern müssten beide unseren Film eigentlich gut kennen. Ich habe auf jeden Fall größte Hochachtung vor diesen beiden „Geistern“, und der Gedanke, dass die zwei sich punktuell mit Inhalten auseinandergesetzt haben, für die ich (wenn auch mit den üblichen produktionstechnischen Kompromissen) mit verantwortlich war, fühlt sich gut an, auch wenn er aus dem „Bösen“ resultiert.
Ansonsten? Ist es hier im Büro geradezu (nicht: gerade zu) friedlich. Die Chefs alle auf der Messe in Cannes, ich über dem Text der letzten Folge „Abenteuer Moskau“ für den SRF, alles still und leise vor sich hin. Am Wochenende geht es mit Sebastian von den Alphabeten in Klausur. Wir schneiden eine weitere Podcast-Folge, sodass wir damit bald an den Start gehen können. Nächste Woche treffen wir uns dann vom Verlag minimaltrashart mit der Autorin Dagrun Hintze, um mit ihr über die Publikation ihrer Gedichte zu sprechen. Schöne Aussichten sind das. Unten im Atrium beginnt gleich eine Veranstaltung mit Markus Feldenkirchen. Ja, Bücher wie seines wirbeln mehr Staub auf, aber diesbezüglich weiß ich meine Selbstbestimmtheit und das Schaffen im Verborgenen auch zu schätzen.
Und? Blasenpflaster bringen Erleichterung. Hätte ich so nicht für möglich gehalten.
Diesen kleinen, charmanten Bilderwitz schickte heute mein Fußball- und Arbeitskollege Olaf als Ostergruß herum. Meine Antwort: Ich weiß, wer es war: Der Hasenmäher! Ja, nicht von mir, ich weiß. Aber soooooo lustig sind wir hier bei der Arbeit.
Ansonsten? Läuft´s bei mir. Hab alle vier Folgen über die Schweizer in Moskau fertig gemacht, bin sehr zufrieden mit dem Prozess. Material war alles da, ich war gut vorbereitet und hab eigentlich relativ schnell und zielführend die Geschichten montiert.
Es sind überhaupt ganz kreative Tage gerade. Hatte meine erste Lektoratsrunde mit den Jungs von minimaltrashart für den Gedichtband von Dagrun Hintze, den wir dieses Jahr veröffentlichen wollen. Demnächst sprechen wir mit ihr über ihre Texte, und ich sitze dann mal auf der anderen Seite des Tisches, nicht als Autor. Parallel ein weiteres Interview für unseren Alphabeten-Podcast aufgenommen, der jetzt wirklich endlich bald an den Start gehen soll. Spannend.
Wobei ich dieses ganze Digital-Thema gerade auch ein bisschen doof finde, klar, wegen Facebook und diesem ganzen Datenwahnsinn, und weil ich auch manchmal denke, dass wir unsere Selbstbestimmung als menschliche Rasse soeben abgegeben haben. Und zwar nicht an die Maschinen, das ginge ja noch, die könnte man vielleicht abschalten, sondern an etwas viel Größeres, Unsichtbares, das wächst und zunimmt und trotzdem im wahrsten Sinne unfassbar bleibt.
Ich meine, es ist nur ein kleines Beispiel, aber ich wollte eben kurz das Wetter für morgen checken, weil für uns ein Nachholspiel angesetzt ist. Bei wetter.de Dort stand, es wird ziemlich windig und schmuddelig. Und da sind natürlich auch Anzeigen geschaltet. Thematisch. Aber nicht für Regenschirme oder Wärmedämmung, sondern noch viel bekoppter: Für Bücher, deren Titel das Wort „Sturm“ enthält.
What the f…? Meine kluge Freundin hat von einem ehemaligen Google-Mitarbeiter erzählt, der jetzt missionarisch Love & Peace verbreitet, weil er Angst hat, dass die ganzen Algorithmen sonst nur Hass und Wut als Input haben und sich dementsprechend negativ und destruktiv selbst verstärken, was dann wieder auf uns zurückfällt usw. Ein Teufelskreis. Ich habe es aber auch nicht ganz verstanden. Zum Glück.
Manchmal bin ich wirklich kurz davor, sämtliche Technik aus meinem Umfeld zu verbannen. Aber dann könnte ich das hier auch nicht schreiben. Habe heute immerhin ein Buch gekauft, ein Geschenk für meinen jüngsten Sohn, der am Wochenende konfirmiert wird: Fänger im Roggen. Hat sein großer Bruder damals auch bekommen, insofern wird es ihn nicht überraschen.
Blau – Farbe der Hoffnung. Oder war es grün?
Ich könnte mich jetzt seitenweise darüber auslassen, wie schnell die Zeit vergeht. Wie schnell die Kinder groß werden und man selber alt. Es würde nichts ändern. Ich bin froh zu leben, in diesem Leben. Am Wochenende gedenken wir eines Typen, der, so steht´s geschrieben, ein ziemliches Ding geschultert hat. Für seine Mitmenschen. Wir können uns zurücklehnen und uns auf den kleinsten gemeinsamen Nenner der Geschichte konzentrieren: Liebe! Vielleicht rettet es unseren Kindern das Leben!
Sind seit gestern aus dem Urlaub zurück. Waren in Österreich, Skifahren. Alles toll, bis auf die Tatsache, dass sich mein jüngster Sohn am zweiten Tag den Arm gebrochen hat. War deswegen anfangs ziemlich genervt, dann ziemlich beeindruckt, weil mein Sohn trotz der Behinderung seine gute Laune nicht verlor, und am Ende sogar ganz versöhnt, weil die Zeit im Krankenhaus und zu zweit in der Hütte, während der Rest auf der Piste war, auch intensiv war, bzw. auch eine Art „Alltag“, der mir unter der Woche normalerweise ja eher versagt bleibt.
Außerdem haben wir ihn ein paar Mal zum Essen mit auf die Alm genommen. Das ist ja immer wieder ein Erlebnis, weil einen – trotz aller Routine der Wirte mit den Touristen – immer noch das Gefühl beschleicht, dass z. B. Goethe auf seinen Reisen durch die Alpen auch nicht anders pausiert hat.
Und diese Schneemassen sind natürlich beeindruckend. Allerdings nicht so beeindruckend, wie die kleinen Tannen und Büsche, die monatelang darunter begraben sind, und es Dank ihres Durchhaltevermögens trotzdem schaffen, im Frühling immer wiederaufzuerstehen. Das rührt mein Herz.
Hab mich auch erholt. Bisschen geschrieben. Viel gelesen, u.a. „Ansichten eines Clowns“, ein Weihnachtsgeschenk meines Ziehsohnes. Kannte es, ehrlich gesagt, noch nicht. Ich habe als junger Mann mal „Das Brot der frühen Jahre“ gelesen, das war es aber dann auch schon mit Böll.
Bin jedenfalls begeistert. Habe sogar zwischenzeitlich „Menschenfleisch“ von Marcel Beyer zur Seite gelegt. Finde das zwar auch gut, aber m. E. leiden Geschichten ein bisschen darunter, wenn die Story hinter dem formalen Ansatz beinahe verschwindet, egal wie künstlerisch wertvoll dieser auch sein mag. Bin da womöglich aber auch etwas schlichter gestrickt.
Bölls Text ist so einer, bei dem man fast vergisst, wie alt der schon ist, weil er immer noch modern klingt. Zwei Beispiele gefällig?
„Ich glaube, es gibt niemanden auf der Welt, der einen Clown versteht, nicht einmal ein Clown versteht den anderen, da ist immer Neid oder Missgunst im Spiel.“
Und:
„Ein Künstler ist wie eine Frau, die gar nicht anders kann als lieben, und die auf jeden hergelaufenen Esel hereinfällt.“
(aus: Heinrich Böll, „Ansichten eines Clowns“, dtv-Sonderausgabe 2017)
Diese Sätze waren damals neu und sind heute immer noch so gut wie neu. Wenn ich solche Texte lese, beschleicht mich manchmal der Gedanke, dass ich nicht mutig genug bin. Als Autor. Und damit auch als Mensch. Oder Mann. Dass ich nicht alles riskieren. Dass ich eigentlich alles und jeden verlassen müsste, um noch einmal den großen Wurf zu wagen. Aber wäre das nicht purer Selbstmord?
Dann denke ich, dass ich politischer sein müsste. Dass ich eine Haltung entwickeln müsste, z.B. so wie Böll gegen die katholische Kirche. Dass man sich die AfD vornehmen müsste, die es im Moment in Hamburg leider schafft, regelmäßig Veranstaltungen im Rathaus zu machen, sodass die Innenstadt ununterbrochen mit AfD-Plakaten vollgekleistert ist. Das ist auf eine perfide Art genial. Aber wie heißt es in Celans „Todesfuge“: Der Tod ist ein Meister aus Deutschland. Ich würde sagen: Das perfekte Böse ist eben auch Made in Germany.
Also: Politischer werden. Eine Haltung entwickeln. Mir ist im Urlaub mal aufgefallen, wie viel Müll wir als Familie in 10 Tagen produzieren. Vor allem Plastikmüll. Das würde ich gerne ändern. Habe gestern morgen prompt Wurst und Käse an der Frische-Theke gekauft – und ungefähr das Doppelte bezahlt, aber gut, das wird sich einspielen. Interessanterweise gab es gerade eine Umfrage in Hamburg, und sehr viele Bürger sind von diesen Plastikverpackungen genervt. Und eine ehemalige Kollegin war diese Woche genau zu diesem Thema Studiogast bei „Hart aber fair“. Zufall? Wohl kaum. Es ist aber auch schwer zu begreifen, warum so viel Plastik produziert wird, anstatt die Ressourcen zu schonen, oder mit alternativen Materialien und politischen Richtlinien im großen Stil eine Wende anzustreben. Andererseits hat diese Notwendigkeit zur Innovation in der Automobilindustrie ja auch nichts bewirkt. Weil die Industrie schummelt. Überlege in dieser Sekunde, dass man eigentlich mal ein fundiertes Sachbuch über Lobbyismus schreiben sollte.
Und gerade jetzt macht mich meine Freundin auf den „mysteriösen“ Plastikmüll in der Schlei aufmerksam. Manchmal kann man gar nicht so viel fressen, wie man kotzen möchte.
Was nicht heißt, dass ich nicht erkenne, was alles gut läuft. Dass wir z. B. auf der langen Autobahnfahrt hin und zurück in keinen Unfall verwickelt waren. Auf dem Rückweg standen wir auf den letzten Kilometern noch mal im Stau, weil es gekracht hatte. Direkt neben mir am Straßenrand eines dieser riesigen Warnplakate, darauf ein großes Frauengesicht, das weint. Darunter nur ein Wort:
Abstand.
Das ist, glaube ich, etwas sehr Menschliches, dass wir wider besseren Wissens, objektiv betrachtet, schlechte Entscheidungen treffen. Warnungen ignorieren. Es hat aber auch was Kühnes.
Fahler als fahl – Erdmöbel-Fans wissen, wovon ich spreche.
Der Winter ist zurück. Wahnsinn. Ende Februar und Schnee in Hamburg. Der Verkehr natürlich wieder kurz vor dem Kollaps, weil das hier im Norden kein Autofahrer gewohnt ist.
Wir haben heute die ersten beiden Folgen der „Schweizer in Moskau“ für das SRF vertont, bin sehr zufrieden mit dem Ergebnis. Gibt wohl keinen Filmpreis, aber dem großen Schweizer Fernsehpublikum wird es gefallen, und auch das ist dann am Ende eine kreative Leistung.
Hab die letzte Stunde für ein bisschen Zeitung lesen und Online-Recherche genutzt und dabei u. a. gesehen, dass die Erdmöbel eine neue Platte heraus gebracht haben. Der Song („Erschlagt die Armen“), den sie damals bei den Dreharbeiten für meine arte-Doku über „Köln von unten“ in ihrem Keller-Proberaum gespielt haben, hat es auch aufs Album geschafft. Toll.
Habe aus Interesse ein paar Rezensionen gelesen, u. a. auch die auf der SPEX-Seite. Da war am Rand Werbung fürs aktuelle Heft geschaltet, und ich dachte für eine Sekunde: WOW! Ekki ist sogar auf dem Titelcover des Heftes … Wieso das denn? … Ach, nee, Moment, das ist David Byrne.
Auf jeden Fall schön und beruhigend, dass die Band mal wieder im Frühjahr auf Tour geht, und nicht bloß zur Weihnachtszeit (Ich werde versuchen, es in die Fabrik zu schaffen, allerdings sind wir kurz vorher bei Joan as a Police Woman). Und dass sie es immer wieder schaffen, die etwas anderen Frauen für ihre Duette zu gewinnen, beweist nur ihre Qualität.
Das Leben ist reich an Facetten. Dieser Satz wird noch netter, wenn man weiß, was der Begriff „Facette“ ursprünglich bedeutet. War mir gar nicht so klar, wollte eigentlich nur checken, ob man das Wort mit einem oder zwei „c“ schreibt.
Fühle mich nach einem Wochenende mit Fulltime-Kinder-Fahrdienst etwas matschig. Hab sprichwörtlich die Nase voll und das Gefühl, dass mich die Grippe, die alte Hexe, jetzt doch erwischt hat. Nervig, weil es erstens viel zu tun gibt, und ich mir, zweitens, ein bisschen eingebildet habe, ich sei immun.
Habe immerhin eine kleine Wartezeit zwischen zwei Fahrdiensten nutzen können, um mir in einem Antiquariat in Altona zwei tolle Bücher zu kaufen: „Das Menschenfleisch“ von Marcel Beyer und einen Nachlass-Roman des viel zu früh verstorbenen Jörg Fauser: „Die Tournee“.
Habe gestern bei bestem Wetter mit dem Fauser angefangen (und dabei verkühlt?). Die Geschichte spielt in den Achtzigern und u. a. auch in Berlin, von der Stimmung daher auf den ersten Seiten ein wenig wie „Apollokalypse“ von Gerhard Falkner, aber das mochte ich ja auch. Nur prosaischer. Ich bin ja schon seit „Rohstoff“ ein Fauser-Sympathisant und auch gestern sprangen mir gleich ein paar Sätze entgegen, darunter eine wunderbare Passage über eine bestimmte Volkspartei, die so aktuell ist, dass ich hätte schreien können – wenn der Kater dann nicht vor Schreck vom Tisch gefallen wäre:
Film und Fernsehen war nicht seine Welt, er las lieber und ging gern zum Boxen, und da war es wie mit der alten SPD: es gab keine guten Bücher mehr und es gab keine guten Boxer in Deutschland. Sie müssen erst wieder richtig Kohldampf schieben, dachte er, dann gibt es wieder gute Bücher und gute Boxer, und dann geht es auch der Partei wieder besser – und er hörte den Chor: Wissen wir, es muss gelingen. Mit uns zieht die neue Zeit …
Stark. Ich frage mich allerdings auch, ob das stimmt, mit dem Kohldampf. Und ob das auch im übertragenen Sinne gemeint sein kann. Der Mensch lebt schließlich nicht vom Brot allein …
Ansonsten?
Könnte man jauchzend in die Hände klatschen, weil Marco Reus wieder Tore schießt wie kein anderer hierzulande.
Könnte man ein bisschen bewundernd reagieren, angesichts der sehr kreativen und besonderen „Tatort“-Episode, die da gestern Abend in die deutschen Wohnzimmer geflimmert ist.
Könnte man krank werden, wenn man hört, was sich die Politiker auf der Sicherheitskonferenz so alles an den Kopf werfen. Und sich daraufhin ärgern, Kinder in die Welt gesetzt zu haben, wenn man nicht in derselben Sekunde wüsste, dass genau diese der Absurdität des Lebens einen vernünftigen Sinn geben (also, wenn sie denn schon mal da sind).
Am selben Tag, an dem mein Mutterhaus mit folgendem Cover herausgeht, habe ich für mich eine neue Lieblingslektüre identifiziert, für die Ohren, versteht sich, und für den Moment. Es ist eine der CDs aus Alexander Kluges Hörspiel-Reihe „Chronik der Gefühle“, von der ich erst kürzlich berichtete.
Diese eine CD trägt passenderweise den Titel: Wie kann ich mich schützen? Und sie ist eine wunderbare Kompilation von formulierten Gedanken und Gefühlen, die kurzweiliger und einleuchtender nicht sein könnten. Das Stück Nummer 14 widmet sich der Vernunft, und daraus möchte ich hier eingangs des Wochenendes einige dieser Gedanken streuen:
Die Vernunft ist schon eine Errungenschaft. Die ist so etwas wie ein Gemeinwesen, das aus dem Kopf entstand. So wie die Athene, die Göttin, aus dem Kopfe des Zeus entstand. Und die muss erst am Oberschenkel des Gottes lange ausgetragen werden. Aber sie kommt aus keinem Mutterschoß. Das heißt, die Vernunft kommt nicht aus der Kinderzeit und hat deswegen ein Fundament weniger. … Ich kann ihr nicht so vertrauen, wie ich dem Ohr vertraue, dem, was die Mutter gesagt hat; den Geschichten, die man als Kind erfahren hat. Und so gibt es also in den Gefühlen ein Unterscheidungsvermögen, und das ist sicherer als das der Vernunft. Und das Herz hat einen Verstand, den der Verstand selbst nicht versteht, sagt Pascal, und da ist etwas Wahres dran. Ich brauche also die Vernunft, die gesättigt ist, mit dem Unterscheidungsvermögen des Gefühls. … Und Gefühle sind nicht sentimental. … Ich liebe Dich. Ich hasse Dich. Das sind Unterschiede. Die kann ich messen. Mit keinem Thermometer, aber mit meinem Gefühl. … Gefühl ist sehr sachlich.
Ansonsten? Deniz Yücel ist endlich aus türkischer Haft entlassen worden!
Sehr vernünftig.