Berlin (dpa) – Fast jeder dritte Alleinstehende in Deutschland ist von Armut bedroht. Nach den jüngsten Zahlen des europäischen Statistikamts Eurostat waren dies 2016 32,9 Prozent der Alleinstehenden.
Passend zum Valentinstag diese Agenturmeldung von gestern. Ja, man sollte nicht bei seinem ungeliebten Partner bleiben, nur weil man sich davor fürchtet, danach alleine zu sein. Aber wenn man einen Partner hat und den/die auch noch mag, ist das ein großes Geschenk. Oder Familie und Freunde, die einem in der Not zur Seite stehen und den Rücken stärken. Oder den Magen füllen. Oder das Bett richten.
Heute Morgen auf den paar Metern von der U-Bahn zum Büro einmal inne gehalten. Dachte: Tolle Luft, tolles Licht, tolle Stimmung, toller Tag, während sich zwanzig Meter weiter ein Obdachloser den Arsch abfror.
Ich kann nicht die Welt retten. Aber ich kann dazu beitragen, die Welt um mich herum (für einen Moment) zu einem besseren Ort zu machen. Und sei es allein dadurch, dass ich offen und freundlich bin.
Habe gestern fürs Schweizer Fernsehen zum Thema Lebenshaltung in Moskau recherchiert und weiß, dass da die Schere „arm-reich“ immer krasser auseinanderklafft. Aber dass es die Politik auch hierzulande offenbar nicht schafft, dass sich niemand um Wohnung und Essen Sorgen machen muss, finde ich erschütternd. Und es macht mich gleichzeitig demütig und dankbar. Habe meiner Freundin Karten für Joan as Police Woman geschenkt. Kleines Glück für eine große Liebe.
Ansonsten? Habe ich mich gestern Abend noch mit Sebastian von den Alphabeten getroffen, um unsere Strategie für 2018 festzulegen. Immer gut, wenn sich Arbeit nicht nach Arbeit anfühlt, sondern sprichwörtlich zum Lachen ist:
Fußball ist wieder ausgefallen. Ausgefallener Sport, den ich da mache. Haha. Also, just another lazy Sunday. Musste dann aber doch ein bisschen raus an die frische Luft und bin einfach mal wieder nach Ahrensburg gefahren.
Message für den Trottel?
Ein bisschen im Schlosspark herumgelaufen und danach auf eine Tasse Kaffee und ein Stück Himbeer-Eierlikör-Torte in so ein Antik-Café, gegenüber vom Schloss. Das war nicht nur sehr nett, sondern auch ein bisschen gespenstisch, denn der letzte freie Platz war ein gemütlicher Sessel im hinteren Bereich mit einem kleinen Beistelltisch und darauf – als einzige Lektüre – ein GeoWissen-Heft von 2012 mit dem Titel:
Und das, wo meine Freundin und ich aktuell sehr viel über Auszeiten, neue Perspektiven und den möglichen (natürlich gemeinsamen) Rest unseres Lebens sprechen. Zufall? Habe darin auch ein paar interessante Artikel gelesen, die mich allerdings eher bestätigt als wachgerüttelt haben. Tut aber auch mal ganz gut, in seinen Ansichten und Handlungsentwürfen bestätigt zu werden.
Es wurde natürlich aber auch noch mal beschrieben, dass Männer in der Regel in der so genannten midlife-crisis krassere Sachen machen, um ihr Leben zu ändern (Job kündigen, jüngere Freundin, Familie verlassen etc.), als Frauen, weil Frauen kommunikativer sind und sich früher Hilfe holen, während Männer die Themen so lange in sich hineinfressen, bis sie platzen. Aus genau demselben Grund begehen Männer übrigens auch viel, viel häufiger Amok-Taten. Hochinteressant.
Zuhause ist mir dann noch ein Artikel in der taz von Freitag untergekommen, über so ein neues digitales Bürger-Bewertungssystem in China. Demnach sollen die Chinesen an öffentlichen Plätzen in Zukunft noch stärker überwacht werden und – das ist das eigentlich Beängstigende – deren Handlungen gehen dann in ein soziales Bewertungssystem ein. Im Prinzip so: Jemand, der seinen Müll in den Eimer schmeißt und nicht bei Rot über die Ampel geht, kann Pluspunkte sammeln und bekommt am Ende eher eine Wohnung, einen Kredit oder Ausbildungsplatz als der soziale Sünder. Und falls es mir keiner glaubt:
Kauft mehr taz!
Das finde ich, ehrlich gesagt, so krass, dass mir die Worte fehlen. Übrigens auch ein super Stoff für ein Drehbuch. Oder gibt es das schon?
Ich habe ja vor Jahren mal in diversen Kung Fu-Schulen in Dengfeng gedreht und war damals schon relativ schockiert angesichts der Horden von Schulkindern, die wie kleine Kinderarmeen jeweils zu Hunderten morgens um 5 Uhr im Laufschritt Runde für Runde auf dem riesigen Schulhof absolvierten. Wenn man jetzt noch durch ein perfides Belohnungssystem im großen Stil künstlich „gute Bürger“ heranzüchtet, dann bin ich wirklich (nicht wirklich) gespannt auf das Ergebnis.
Bewegte Woche würde ich sagen. Montagmorgen: Weisheitszahn raus. War gar nicht so schlimm, bzw. mein Zahnarzt hat das gut gemacht. Er sagte, er wende eine neue Technik an, bei der man den Knochen zusammenpresse wie Styropor. Dankte dem Erfinder der lokalen Narkose.
Dienstagabend eine Veranstaltung bei uns im SPIEGEL. Hatte im Vorfeld gar nix mitbekommen, dann aber schnell meiner Freundin Bescheid gesagt, die nämlich ein großer, nein, ein kleiner (aber immerhin) Claus Kleber-Fan ist. Ging um das erste Jahr der Regierung unter Trump, und das war ganz interessant. Vor allem, was der zweite Experte, der Politikwissenschaftler Michael Werz, gesagt hat. Ein Aspekt ist bei mir hängengeblieben: Werz meinte, die ganze Fake news-Debatte, bzw. andersherum, die Tatsache, dass Trump die Medien immer als Lügenpresse bezeichne, führe langsam zu einer Erschütterung des kollektiven Vertrauens innerhalb der amerikanischen Gesellschaft, weil plötzlich jeder alles hinterfragt und auch wichtige, konstituierende Rituale (vom wichtigen Smalltalk bis hin z.B. zu Dating-Regeln) langsam ihre Fundamente verlieren. Das heißt, die sehr heterogene Gesellschaft verliert ihre sozialen und kommunikativen Schmierstoffe. Da wäre ich tatsächlich so nicht drauf gekommen.
Von Mittwoch auf Donnerstag wurde mein Schlaf technisch überwacht. Die Frage war: Habe ich Atemaussetzer, und, wenn ja, wie oft und wie lange? Das war vielleicht ätzend. Weil ambulant. Also zuhause, mit so einem tragbaren Messapparat, den ich mir vor die Brust schnallen musste (und die Stimme der Arzthelferin noch im Ohr: „Ganz normal hinlegen, wie immer“). Bin total verkabelt ins Bett gestiegen und fühlte mich echt plötzlich wie hundert. Die Auswertung hat allerdings ergeben, dass alles in Ordnung ist.
Donnerstag dann ein längeres, sehr gutes Gespräch mit meinem Chef. Fazit: Ich kann es mir zwar nicht leisten, werde aber wohl Ende des Jahres ein dreimonatiges Sabbatical einlegen. Bin ganz aufgeregt deswegen. Muss die Zeit natürlich gut nutzen, ohne mich unter Druck zu setzen. Puh, ob das klappt?
Abends dann noch kurz in die Trommelbude. Und da wurde es dann richtig bunt: Ich saß keine Viertelstunde hinter der Bude, da klopfte es an der Tür. Ich dachte schon, da wollte sich jemand beschweren, aber das Gegenteil war der Fall. Da standen zwei Typen vor der Tür, also, echte „Typen“, so Marke Motorradkneipe in Schleswig-Holstein, lachten verlegen und entschuldigten sich für den Überfall, um dann zu fragen, ob ich nicht bei ihnen einsteigen wolle, sie würden noch einen Trommler suchen. Nee, eigentlich noch besser: Ihr Trommler wäre jetzt der Sänger und deswegen bräuchten sie einen neuen Trommler. Ich war echt total gerührt, entgegnete aber, eigentlich würde ich im Moment nur so für mich trommeln, um wieder fit zu werden. Der eine von beiden, der sich als Manager entpuppte, wollte mir aber zumindest noch ne CD mitgeben. Also ging ich mit ihm zum Auto und … naja, es glaubt einem ja keiner, wenn man es nicht fotografiert …
Ein Manager als Bestatter? Leichenwagen als Tourbus? Oder was? Ich schwöre, andere Zeit, anderer Ort, andere Lebensphase – ich würde es versuchen.
Vielleicht.
Auf jeden Falle eine lustige Begebenheit, da spätabends in Billbrook auf einem Parkplatz im Industriegelände. Oder um mit des Gunter Gabriel zu sprechen (R.I.P.): Sowas passiert einem natürlich nicht, wenn man zuhause auf der Couch liegt. Und das ist allerdings wahr.
Sonntag. Schnee. Spielausfall. Also Joggen. Im Wald, im Matsch, herrlich. Zuhause ist mir aufgefallen, dass die Socken und die Mütze, die ich beim Laufen getragen habe, noch von meinem Opa stammen. Die sind zwanzig (die Socken) und dreißig (die Mütze) Jahre alt. Ist doch der Hammer in Zeiten, in denen Dinge in der Regel zwei Tage nach Ablauf der gesetzlichen Garantie ihren Geist aufgeben. Fernseher, Handyakkus, Ladekabel, ihr wisst, wovon ich spreche. Probleme mit der Zahnzusatzversicherung, die nicht zahlen will. Ist es richtig, dass PayPal nach einer Retoure den vom Händler zurücküberwiesenen Betrag auf einem PayPal-Konto parkt, statt auf meinem? Geld, das es nicht gibt, an einem Ort, den es nicht gibt!? Warum spielt sich so viel von dem, was meinen Alltag beeinflusst, außerhalb meines Gesichtsfeldes ab?
Ich behaupte nicht, dass früher alles besser war. Früher konnten mächtige Männer Frauen missbrauchen, ohne zur Rechenschaft gezogen zu werden. Heute können solche Systeme manchmal bröckeln. Früher hatten Tiere keine Lobby. Heute kommt irgendwann fast alles ans Tageslicht. Allerdings führt die Schnelllebigkeit der Themen auch dazu, dass sich die Säue sicher sein können, dass am nächsten Tag eine neue durchs Dorf getrieben wird.
Ansonsten? Bin ich in den letzten Tagen ganz gut mit den Schweizern in Moskau durchgekommen. War ein sehr konzentriertes, aber sehr entspanntes Arbeiten bei meinem Kumpel Sven. Manchmal kann ich gar nicht glauben, dass so ein „Filmchen“ so viele Familien ernährt. Bin fast ein bisschen wehmütig, dass es morgen wieder ins Büro geht. Vorher allerdings nochmal zum Zahnarzt. Ein Weisheitszahn muss raus. So fängt die Woche gut an. Am Mittwoch und Donnerstag dann zum Pneumologen, wegen meines Schnarchens, ja, Kinderkrankheiten sind das keine mehr.
Eben noch den Dortmund-Tatort geguckt. Hat mir gut gefallen, vor allem die zweite Hälfte. War alles in allem so ein bisschen eine Mischung aus 12 Monkeys und Schweigen der Lämmer, aber gut. Meine Freundin und ich hätten am Ende stundenlang weiter gucken können. Der Pathologe war ja heute plötzlich Knast-Arzt und ist mit dieser Folge offenbar aus der Serie ausgeschieden. Tod durch Tollwut. Ich frage mich, ob der Schauspieler raus wollte und die Autoren dann so eine krasse Geschichte gestrickt haben, oder ob der Schauspieler der Handlung gewissermaßen zum Opfer gefallen ist. Würde gerne mal ein Drehbuch Über das „Böse“ schreiben. Über die dunklen Untiefen des Menschen. Ich respektiere das sehr, wenn sich Menschen so kreative Geschichten ausdenken.
War aber selber auch nicht ganz untätig. Hab eine kleine Geschichte abgeschlossen, die ich dem Betreiber des Unperfekthauses in Essen versprochen hatte. Hab sie heute mit ein bisschen Distanz ein letztes Mal Korrektur gelesen und bin ganz zufrieden. In erster Linie vor allem auch deswegen, weil ich mal wieder ein literarisches Projekt abgeschlossen habe. Das bedeutet, dass das nächste kommen kann.
Und? Rolf Zacher ist gestorben. Schade. Mit 76. Eigentlich kein Alter heutzutage. Meine Freundin und ich haben uns fest vorgenommen, uns in Zukunft grundsätzlich weniger Sorgen zu machen.
Wir waren letztes Wochenende seit langem mal wieder bei IKEA. Habe in erster Linie einen quadratischen Bilderrahmen gesucht, die gab es leider nur in einer Größe. Marktlücke! Was mir aber aufgefallen ist, ist dass IKEA sein Wohnwelten-Konzept nochmal verfeinert hat und jetzt auch urbane „Patchwork“-Familien direkt anspricht, also im Prinzip Typen wie mich, die (wenn sie nicht das Glück haben, eine neue Liebe zu finden) mit wenig Geld und wenig Wohnraum Platz für ihre Kinder schaffen müssen, wenn die am Wochenende zum Übernachten kommen. Genial. Apropos Wohnraum: Die Mopo fordert in der heutigen Ausgabe mehr Sozialwohnungen in den Wohngegenden der Reichen. Finde ich auch. Und apropos Marktlücke: In letzter Zeit fallen mir öfter so vermeintlich „lustige“ Sprüche oder Slogans ein, die man auf T-Shirts drucken könnte. Heute z.B. dieser:
Das Geld liegt auf der Straße. Aber ich hab Rücken!
Bierdeckelpoesie
Manchmal sind die Kreise, die sich schließen, oder die inhaltlichen Bögen, die sich über die Menschheit spannen, ja verrückt. Im Moment schneide ich wieder extern bei meinem Kumpel Sven. Gestern Abend lief ein Film, den er geschnitten hat, im NDR, über die St. Louis, ein Schiff, das 1939 deutsche Juden nach Kuba ins Exil bringen sollte, dort aber nicht an Land gehen durften und wieder zurückfahren mussten, obwohl einige der Fahrgäste sogar Verwandte auf Kuba hatten und die zum Teil schon wartend an der Kaimauer standen. Der Kapitän (ein Guter) fuhr daraufhin statt zurück nach Deutschland nach Florida, wo sie aber auch nicht einreisen durften. Schließlich brachte der Kapitän die Menschen nach Antwerpen, weil er da eine Art Einreisegenehmigung hatte. Von dort aus konnten die Juden in alle Welt reisen und neu anfangen. Eine unfassbare Episode deutscher Geschichte aus einer Zeit, von der kein Mensch möchte, dass sie sich wiederholt. Und heutzutage? Spricht ein EX-NPD-Mitglied als „Journalist“ auf einer Veranstaltung der AfD über die „Wahrheit der Medien“. Im Hamburger Rathaus. Zum Kotzen.
Fazit: Bislang immer mit einem blauen Auge davongekommen …
Die Verästelungen des Schicksals – ein kruder, stacheliger, mitunter blühender Strauch. Freud und Leid gehen wie siamesische Zwillinge durchs Leben, und nur der Zufall entscheidet, wer einen in diesem Augenblick an die Hand nimmt und mitreißt. Die Alten Herren von TSV EGB 08 erkämpfen einen Punkt im Abstiegskampf gegen Wellingsbüttel. Heute wird ihr langjähriger Mittelstürmer und Ersatztorwart viel zu früh beerdigt. Er hinterlässt einen Sohn im Alter meiner Söhne, unvorstellbar und doch Realität. Ontologisch. Kein neunmalkluger „Wirklichkeits-Konstruktivisten-Diskurs“ angebracht. Es geht ums „Sein“ und eben nicht mehr „Da-Sein“. Einfach nur traurig.
Hab mir vorgenommen, demnächst ab und an mal wieder kommentar- und zusammenhangslos ein paar kluge Sätze oder Gedanken zu teilen, die mir unterwegs so begegnen. Einen Satz habe ich heute Morgen im Auto auf einer der Kluge-CDs gehört:
Man muss nicht alles selber besitzen, was man genießt.
Zudem habe ich in einem taz-Interview mit dem Autoren Howard Jacobson vor ein paar Tagen folgende kluge Antwort gelesen:
Lest mehr taz! Lohnt sich immer!
Zur Info: Jacobson hat gerade den Roman „Pussy“ veröffentlicht, eine Trump-Satire, wobei eben die Frage ist, wie etwas Satire von etwas sein kann, was sich im Prinzip im normalen Leben schon selbst karikiert.
Übersetzt hat „Pussy“ übrigens Johann Christoph Maass, ehemaliger Trommler der H-Blockx, ein alter Bekannter von früher. Dieselbe Nachbarschaft, dieselbe Schule, derselbe Schlagzeuglehrer. So klein ist die Welt.
Kennt ihr diese Tage, an denen man morgens normal aufsteht und dann alles innerhalb kürzester Zeit in die falsche Richtung zu laufen scheint? Ich hatte heute einen solchen Tag – habe aber am Ende ganz gut die Kurve gekriegt. Und davon möchte ich kurz berichten …
Wenn ich recht darüber nachdenke, fing es eigentlich schon gestern Abend damit an, dass mir plötzlich heiß und kalt und schlagartig klar wurde, dass wir am 70. Geburtstag meiner Mutter im Urlaub sind. Dass ich also falsch geplant, bzw. den großen Geburtstag meiner lieben, alten Mutter bei der Planung völlig übersehen habe.
Dieses ungute Gefühl der Scham kam heute Morgen nach der ersten Tasse Kaffee wieder hoch und vertiefte sich auf dem Weg zur Tiefgarage. Ein schräger Blick gen Himmel. Wollt ihr mich verkohlen? Dicke Schneeflocken fallen herab, ein dünner weiß-brauner Schmierfilm auf der Straße, der örtliche Straßenverkehr sogleich wieder kurz vor dem Kollaps. Ich – dadurch leicht verspätet und sogleich wieder in Hetze – auf dem Weg zum Zahnarzt, eigentlich nur um mein Bonusheft abzugeben und die weitere Behandlung zu besprechen. Stattdessen Röntgen und die laute Überlegung, vielleicht doch gleich noch den Zahn daneben mitzumachen und aus der Krone lieber eine Brücke zu machen. Ach ja, und der Weisheitszahn muss auf jeden Fall raus. Den Termin können wir jetzt gleich machen. Das andere kann ich mir überlegen!!
Auf dem Weg zur Arbeit gedrosseltes Tempo, vor mir ärgern sich dicke Schlitten auf Sommerreifen. Einziger Lichtblick: Mein heißer Kaffee, so schlau war ich gerade noch, beim Bäcker reinzuspringen, dazu die Alexander Kluge-CD im Player, „Chronik der Gefühle“, was für eine hochintelligente Sammlung. Höre Anekdoten aus der Geschichte, denke an mein Studium, meine Arbeit über die Volsunga-Saga und deren Einfluss auf Wagners „Ring“, Minuten später Kluges Gedanken über die Wälsungen, hatte ich völlig vergessen, dass er das Thema auch beackert hat. Vermisse die Kopfarbeit.
Manchmal.
Sehr.
Vermisse jedenfalls nicht den Planungsstress. Die Absprachen, die man treffen muss, das Sortieren der Zeiten mit den Kindern. Das ist so, aber nicht natürlich. Nervkram. Und wie bringe ich es meiner Mutter bei, dass sie ihren 70. womöglich ohne uns feiern muss? Zerreißen müsste man sich können, um zur selben Zeit an verschiedenen Orten zu sein. Am Wochenende bahnt sich gleich das nächste Problem an: Spiel des Jüngsten gegen das große Sankt Pauli, ich, der Alte, zeitgleich ein wichtiges Nachholspiel, das zugleich auch ein Abschiedsspiel ist.
Und das ist der Moment, wo sich alles dreht: Denke an den Grund für das Abschiedsspiel. Einer unserer Mannschaftskameraden ist gestorben, Krebs, keine 50 Jahre alt ist der geworden, einfach nur zum Heulen. Am Sonntag spielen wir mit Trauerflor und legen vor Spielbeginn eine Schweigeminute ein. Das Leben ist kostbar, und was ist schon eine Brücke gegen eine Chemo-Therapie – die dann noch nicht einmal greift!?
War ein anderer Mensch, als ich ins Büro kam, glaube ich, nett und kollegial. Aufgeräumt. Habe meiner Mutter meinen Planungs-Fauxpas gebeichtet und mit ihr vielleicht schon eine Lösung ausgetüftelt. Habe ihr gesagt, dass ich ihr es jetzt beichten MUSS und nicht erst zwei Wochen vor dem Geburtstag, weil mich die Gedanken wirklich plagen.
Weil die Reue echt ist.
Ist sie.
Habe das Gefühl, dass ich 2018 anders angehen werde. Direkter kommunizieren, weniger Umschweife machen. Mir vergegenwärtigen, wie kostbar Zeit ist. Auf meinen Körper achten. Aber mich auch nicht verrückt machen. Öfter die einfachen Dinge genießen. Gute Freunde treffen. Meine Freundin öfter neu erobern.
Mehr lustig sein. Und selber noch mehr lachen. Oder zumindest öfter Schmunzeln, anstatt mich aufzuregen. Heute hat es am Ende noch geklappt. Kann ich nur empfehlen.
Juhu! Mit Extra-Lob von der Prüferin. „Sieht der gut aus!“ Sie meinte den Elch, nicht den Ochsen, der ihn fährt …
Bin vor ein paar Tagen 44 Jahre alt geworden. Ich glaube, ich habe das letztes Jahr schon so gesagt, aber dieses Jahr ist es wirklich so: Die Hälfte ist rum. Wenn es gut läuft.
Habe zum Jahresende das übliche Programm organisiert: Zahnarzt, Kontrolle und Reinigung, dann TÜV (alle zwei Jahre) und Hausarzt, großes Blutbild, checken, ob das Cholesterin-Mittel bei mir anschlägt und auch sonst alles noch funktioniert. Das sind immer so zwei, drei ganz entscheidende Termine am Ende des Jahres, bei denen man sich im Prinzip immer das gleiche Urteil wünscht: dass man sich gut gekümmert hat. Um seine Zähne, sein Auto, seinen Körper. Das Ergebnis: 2:1 gewonnen. Auto und Körper sind intakt, aber zum Zahnarzt muss ich im Januar nochmal.
Mein Hausarzt ist ganz anders als andere. Nimmt sich Zeit, ist entspannt, und ich bin ihm immer noch treu, obwohl ich jetzt schon seit ein paar Jahren nicht mehr in Altona wohne, sondern immer aus Rahlstedt komme. Ist ihm diesmal auch aufgefallen, er war ganz gerührt. Jedenfalls hat er mich gefragt, wie es mir geht, und es klang nicht wie eine Floskel, und kurz darauf wusste ich auch, warum, weil ich ihm nämlich vor geraumer Zeit offenbar mal erzählt habe, dass ich nicht glücklich sei. Ehrlich, stand so schwarz auf weiß in seinem Computer, und er zeigte darauf und sagte, dass sei doch so schade, wenn man nicht glücklich sei, weil das Leben doch toll sei, aber er sagte es nicht doof, sondern so, dass man dachte: Ja, das ist wirklich schade. Warum war das so? Ich weiß, dass mein Eintrag damals mit dem Job zu tun hatte und den Kindern, die mir die meiste Zeit fehlen, aber im Wesentlichen lag es, glaube ich, an meiner Einstellung, bzw. an meiner Unfähigkeit zu erkennen, wie reich mein Leben eigentlich ist. Und vielleicht ein bisschen auch an meiner Angst, meinen Job in meinem Sinne umzugestalten.
Und jetzt kommt die Duplizität der Ereignisse, denn meine Mutter hat mir zum Geburtstag „Der Zahir“ von Paolo Coelho geschenkt, ein Buch, das ich mir normalerweise selber nie gekauft hätte, hab es dann aber aus Langeweile angefangen und relativ zügig weitergelesen. Gar nicht so sehr, weil es mich vom Hocker gehauen hat, obwohl es mir nicht schlecht gefällt, sondern eher, weil die literarischen Erörterungen der Sinnfragen, genauer: die Dialoge über die Unzufriedenheit zwischen dem Erzähler und seiner (EX-)Frau Esther aktuell bei mir auf offene Ohren stoßen. Da sagt Esther an einer Stelle (Seite 108 der Diogenes-Taschenbuchausgabe) wörtlich: „… ich habe gesehen, daß im Krieg, so paradox es klingen mag, die Menschen glücklich sind. Die Welt hat für sie einen Sinn. (…) Sie sind fähig, grenzenlos zu lieben, denn sie haben nichts mehr zu verlieren. Ein tödlich verletzter Soldat bittet die Ärzte nie: `Rettet mich doch!´Seine letzten Worte sind meistens: `Sagen Sie meinem Sohn und meiner Frau, daß ich sie liebe.´“ Ich würde es anders formulieren. Niemand ist im Krieg glücklich (außer vielleicht sadistischen Diktatoren). Aber in existentiellen Situationen erkennen wir den Wert des Lebens. Das kann Krieg sein, aber z.B auch eine schwere Krankheit. Ich erinnere mich, dass ich während meines Zivildienstes auf einer ontologischen Station durch den täglichen Kontakt mit Krebskranken sehr demütig geworden bin und erkannt habe, was für einen hohen Wert Gesundheit darstellt. Diese Ansicht habe ich mir auch im Grunde bis heute bewahrt. Und dennoch ist mein Ziel für 2018, die Tage wieder verstärkt so zu erleben, als wäre jeder neue Tag vielleicht der letzte, und dabei das große Ganze nicht aus den Augen zu lassen.
Also: Das Loch im Zahn ist kein Problem, sondern der ganze Rest ein Geschenk; dass Menschen an meinem Geburtstag an mich denken, dass meine Kinder Humor haben und mir meine Freundin meine Schwächen verzeiht. Dass ich in meinem Leben selbst Impulse setzen kann. Dass ich einen Ausflug ins Alte Land machen und irgendwo an der Elbe Pommes essen kann, um im Anschluss nach Stade ins Kunsthaus zu fahren und mitten in der Thorsten-Brinkmann-Ausstellung zu erkennen, dass in der Kunst alles möglich ist.
Vor allem Lebensfreude. Dass ich mich mit dem, was ich tue, mache, sage und denke, selbst regulieren kann – ohne Hilfsmittel, wie z.B. der Chill Pill (kein Scherz, war ne Werbung in der BUNTEN, in Kombi mit einem „Artikel“ über Stress, Content Marketing der schlimmsten Art, egal, ich schweife ab …).
Niemand nimmt mich willkürlich fest, höchstens in den Arm, aber nicht auf den Arm, und das ist mehr, als ein Mann vom Leben erwarten kann. Heute Nachmittag saß ich auf unserer Terrasse, und da fiel mein Blick auf meinen kleinen Tannenbaum. Hab ihn vor Jahren als ca. 10 cm kleinen Ableger aus Schweden heim geschmuggelt. Wie der überlebt, sich klimatisiert und seine Zweige Jahr für Jahr mutiger ausgestreckt hat – das rührt mein Herz.
Die letzten Arbeitstage vor dem wohlverdienten Weihnachtsurlaub fühlen sich gar nicht so richtig nach Arbeit an. Schneide außer Haus, bei meinem netten, kompetenten Kollegen Sven. Haben uns die ersten beiden Moskau-Folgen fürs Schweizer Fernsehen vorgenommen. Alles läuft, alles ruhig, alles gut. Hab diesmal wieder ein bisschen vorgeschnitten, und ich muss sagen, es hat echt was gebracht. Sind zügig unterwegs. So bleibt mehr Zeit, um Übergänge zu bauen, mal mit der Reihenfolge zu spielen und Dinge auszuprobieren, auf die man sonst lieber von vornherein verzichtet.
Und während andernorts der Welt das leichte Leben schwer gemacht wird, kehre ich ein bisschen vor meiner Haustür, bzw. in mich. War am Freitag im FRISE auf der Vernissage einer Freundin, was an sich schon gut und richtig war, und habe mich dort zudem noch mit einem sehr alten Künstler-Freund verabredet, den ich seit Jahren nicht gesehen habe, der aber ein wichtiger und inspirierender Teil meiner späten Jugend war.
Hier ist was los …
Genau genommen – und jetzt lüfte ich ein für die Literaturwissenschaft weltbewegendes Geheimnis! – , diente mir die Freundschaft zu ihm in ihren Grundzügen (ich Poet, er Maler) als Idee für meinen ersten Roman „Jugendstil“, den ich mir daraufhin am Wochenende noch mal vorgenommen habe. Und da bin ich bereits auf den ersten Seiten über eine Passage gestolpert, die mir heute so aktuell und zeitlos vorkommt, dass ich es kaum glaube konnte:
Gibt immer noch vereinzelte Exemplare bei ebay …
Dass wir jetzt wieder mit Antisemitismus zu kämpfen haben, scheint angesichts unserer Vergangenheit unfassbar, aber offenbar lernen Menschen nicht generationsübergreifend aus der Geschichte. Zumindest nicht über zwei Generationen hinaus. Ja, es gibt auch Dinge, die sich gebessert haben, z. B. (das Bewusstsein für) Umweltpolitik, aber man muss der jungen Bundesrepublik leider vorwerfen, dass sie es nicht geschafft hat, sich wirklich zu entnazifizieren. Da hat die Bildungspolitik versagt, trotz 68er-Bewegung und (Hoch-)Schulreform. Und wer sagt, das läge vor allem an Ostdeutschland, dem halte ich dagegen, dass aber genau darin das Politikversagen der letzten zwei Jahrzehnte liegt.
Ich meine, vielleicht ist es auch zuviel verlangt. Vielleicht werden sich die Menschen immer Feindbilder suchen (müssen), um mit ihrer eigenen Unzulänglichkeit klar zu kommen. Und wenn es nicht die Juden sind, sind es die Flüchtlinge.
Apropos Antisemitismus – ich war ja bei dem ehemaligen Stern-Redakteur und Hitler-Tagebuch-„Entdecker“ Gerd Heidemann im Archiv. Er hat mir jetzt die Freigabe für das Foto gegeben, das ich bei ihm gemacht habe (siehe anders blog vom 03.12.2017).
Habe allerdings mit mir gerungen, ob ich es wirklich veröffentlichen soll, da ich im Nachhinein festgestellt habe, dass er auch Medien wie region europa Interviews gibt, wo er in einer Reihe mit Frauke Petry und Thilo Sarrazin erscheint. Was ich sagen will: Mein Urteil darüber, inwieweit Heidemanns Interesse am Dritten Reich wirklich rein beruflich ist oder war (so, wie er es mir gegenüber geäußert hat), ist noch nicht abgeschlossen. Und ich sehe diesen Menschen, egal, wie bemerkenswert der Besuch in seinem Archiv war, durchaus kritisch.
So, erster freier Tag seit langem. Ohne Job, ohne Termine, ohne Druck. Herrlich. Genau richtig für einen ersten Advent. Die gute Nachricht ist: Ich habe die kleine Weihnachtslichterkette repariert. Die schlechte: Ich habe den ganzen Kram für den Adventskranz nicht gefunden. Maria und Josef hingen noch vom letzten Jahr über der Tür, ein bisschen peinlich, egal. Die Zeit rast eben nur so dahin, aber ich arbeite daran, dass sich das ändert (siehe unten).
Im Moment passieren da draußen wieder viele Dinge: kleine, große, langweilige, interessante, schöne, traurige, direkt vor der Haustür und ganz weit weg. Die heftigsten Ausschläge in beide Richtungen: Der Hund meiner Schwester ist gestorben. Das ist so traurig, dass mir die Worte fehlen. Und: Ich war diese Woche zu Gast im Privatarchiv des ehemaligen Stern-Reporters Gerd Heidemann, der mir erstens Auszüge aus seiner unfassbaren Sammlung gezeigt und erläutert hat, und mir zweitens noch einmal über Stunden die Geschichte der (von Konrad Kujau gefälschten) Hitler-Tagebücher erzählt hat, die er damals für den Stern „aufspüren“ sollte. Oder wollte. Von dieser Geschichte existieren ja bis heute viele Versionen. Die von Heidemann habe ich also noch mal persönlich serviert bekommen. Er hat mir unter anderem ein paar Einzelseiten von Kujau vorgelesen, auf denen sich „Hitler“ (also Kujau) mit der Endlösung beschäftigt, und das dann beim Lesen (angeblich haben diese Seiten erst zwei Leute außer mir gesehen) noch kommentiert, ich muss gestehen, es ist mir zunehmend schwerer gefallen, die journalistische Distanz zu wahren, so ambivalent, spannend, verrückt und natürlich zugleich inhaltlich-indiskutabel war das.
Mal unabhängig von allen juristischen und moralischen Bewertungen, war das, ehrlich gesagt, einer der interessantesten Termine seit langem. Und das Archiv einer der interessanten Orte überhaupt. Frage mich immer noch, wie man so eine Sammlung an Original-Dokumenten zusammentragen kann. Durfte ein Foto machen, musste ihm aber versprechen, es nicht zu veröffentlichen. Bemühe mich gerade um eine Freigabe.
Merke jedenfalls unterm Strich, dass der Plan, an meiner Einstellung zu arbeiten (s. Blog-Eintrag vom 20.11.), mehr oder weniger greift. Also, eher mehr. Schaffe es, einen Schritt zurückzutreten und mich auf die wesentlichen Dinge zu konzentrieren. Familie. Meine Beziehung. Meine Kinder. Mein Ich. Auch wenn man diesen zentralen Lebensthemen nie hundertprozentig gerecht wird. Weil man sich manchmal entscheiden muss. Weil manchmal immer jemand kurzzeitig auf der Strecke bleibt. Weil man sich nicht zerreißen kann.
Das ist das Wichtigste: Anzuerkennen, dass man sich nicht zerreißen kann und aus diesem Wissen heraus die beste Entscheidung zu treffen. Und dass man anderen nicht helfen kann, wenn man sich selbst vernachlässigt.
Was mir im Alltag ebenfalls hilft, ist die Erkenntnis, dass es besser ist, sich über das freuen, was man hat, als dem hinterher zu hecheln, was man (noch) nicht hat. Erstens macht es zufriedener, zweitens vergeht die Zeit nicht so schnell. Weil man sich mehr Zeit für das „Jetzt“ nimmt.
Durchblicken, statt fern sehen
Außerdem führt die neue Aufgeräumtheit dazu, dass man wieder offener für neue Themen wird. Habe gestern Abend eine Böll-Doku auf 3SAT gesehen, die mir sehr gefallen hat. Seine kritischen Gedanken über die Kirche, obwohl er selbst durchaus ein gläubiger Mann war. Die Frage, warum beide Kirchen den Nationalsozialismus zugelassen haben!? Die Flucht nach Irland, weil ihm in Köln das Leben zu anstrengend war. Ebenso die ständige Geldnot, bevor der Erfolg kam. Man weiß viel zu wenig über diese großen Denker, und ich kann nur hoffen, dass es Sender wie 3SAT immer geben wird.
War jedenfalls im Anschluss total wach in der Birne, im weiteren Verlauf auch ein bisschen berauscht von meinem Feierabendbier, was schließlich eine sehr energetische Mischung ergab. Hab wie wild Notizen gemacht – und muss jetzt mal bei Gelegenheit schauen, was davon wirklich wichtig ist. Also, nüchtern betrachtet. Ihr könnt ja schon mal anfangen …
Ein Blick
Einen Satz von Böll habe ich schon verifiziert: „Die Sprache kann der letzte Hort der Freiheit sein.“