Rechter Ausleger

 

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An demselben Tag, an dem die AfD über 20 Prozent in Mecklenburg-Vorpommern holt (und sogar Thema in den ausländischen Medien ist), habe ich in einem Tunnel unter einer Kathedrale gedreht, der im 2. Weltkrieg bzw. während der deutschen Besatzung als Bunker diente. Seltsamer Zufall. Wir brauchen eine Bildungsreform, sonst sehe ich schwarz. Oder braun.

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Diese neue Deutschtümelei geht mir total auf den Sack. Was ist denn „deutsch“? Wofür stehen wir denn? Hab hier in einem russischen Supermarkt eine Dose Holsten gefunden, also ein norddeutsches Seemannsbier – und welches Motiv ziert die russische Variante? Ein Lederhosen-Bayer. Ernsthaft?

Kommsun

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Zielgerade in Saint Petersburg. Die Tage sind anstrengend, aber abwechslungsreich. Haben gestern in einer der prunkvollen U-Bahn-Stationen gedreht, und am Tag davor in dem Atelier eines Mosaik-Künstlers, der für diese U-Bahn-Stationen die großen Mosaike fertigt. Ein hochinteressanter Mann – und die Werkstatt ein Knaller. Mein Kameramann wollte gar nicht mehr aufhören zu drehen.

Heute nochmal einen Tag Erholung, dann morgen und übermorgen Endspurt. Im Fernsehen kommt gleich Pippi Langstrumpf, bleibe bei meiner Astrid-Lindgren-Kur. Seelenmassage.

Dazu noch eine Randnotiz zum Thema künstliche Intelligenz: Hab eben die Daily Goal Challenge bei Score gespielt (Hotel-Langeweile). Das kurze Werbevideo im Anschluss zeigte einen russischen Spot. Klar, mein Handy zeigt an, dass ich in Russland bin. Aber das Produkt war ein Ice Age Spiel. Auch auf den russischen TV-Kanälen laufen viele synchronisierte Werbespots für Westprodukte. Völkerverständigung im globalisierten Kapitalismus. Was die Politik nicht schafft, schafft der Konsum. Anders gesagt: Wirklich frei ist nur der Markt. Das ist die Realität. Wenn es die denn noch gibt.

Kunst vs künstliche Intelligenz

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Die Nachricht stand heute bei meedia. Musste sehr an den Tatort vom Sonntag denken, in dem eine Analyse-Software die Kontrolle über ihre Entwickler gewinnt. Klasse Krimi, krass nah an der Realität. Hätte danach fast mein Handy zerschlagen, aber ich muss ja bloggen.

Gestern haben wir in der Eremitage gedreht. War wie immer etwas stressig, aber das, was ich so gesehen habe, war schier unglaublich: die Räume, die Kunstwerke, diese Pracht, Wahnsinn. Aber von Menschen gemacht.

Komme darauf, weil ich letztens mit meinem Sohn „I Robot“ gesehen habe, wo Will Smith zu dem Roboter sagt: „Ihr könnt keine Kunstwerke schaffen.“ Das würde ich unterschreiben. A priori. Denn ohne die Zutat „Mensch“ ist Kunst bloß „künstlich“.

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Win Win

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War heute mit meinem Kameramann ein bisschen spazieren. Haben uns die berühmte Eremitage angeschaut. Da drehen wir morgen. Waren allerdings nicht drin, weil wir da, wo wir morgen sind – im Katzenkeller -, heute eh nicht reingekommen wären. Wahnsinnsgebäude auf jeden Fall. Man sieht es hinten auf dem Foto, wenn man durch den Torbogen schaut. Morgen zeige ich es in voller Größe.

Auf dem Rückweg hab ich einem Straßenkünstler ein Gemälde abgekauft. Das versuche ich immer, wenn ich auf Reisen bin. Statt Souvenir. Diesmal ist es etwas größer, aber ich bin echt hängengeblieben, als ich es gesehen hab.

Der Künstler war sehr nett. Er erzählte, er hätte es erst vor 2 Tagen fertig gestellt. Und dass er vor Jahren mal eine Zeitlang in München auf dem Marienplatz als Porträtmaler gearbeitet habe. Er schien ganz erleichtert. Er meinte, ich sei sein erster Kunde an diesem Tag. Ich hab nicht groß verhandelt, aber dennoch nicht so viel bezahlt. Von der Kohle kann er hier eine Woche seine Einkäufe bestreiten.

Ich hab mich auch gut gefühlt. Nicht weil ich ihm ein Bild abgekauft habe, sondern weil ich über meinen Schatten gesprungen, stehen geblieben und auf ihn zugegangen bin. Ich hasse das eigentlich. Ich gehe auch ungern in Läden und wenn, hoffe ich, dass mich kein Verkäufer anquatscht. Egal, der Typ hat was verdient – und ich liebe das Bild jetzt schon.

Fern sehen

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Haben gestern in einem alten Bunker-Club gedreht, dem „Griboedov“. Der Club besteht seit 20 Jahren und ist von jeher die kreative Keimzelle alternativer Musik in Sankt Petersburg. Gestern Abend hat dort eine Hip-Hop Band aus Moskau gespielt. Ich hab ein kurzes Interview mit dem Frontmann gemacht, und er erzählte ganz schön, wie wichtig es für einen jungen Künstler ist, Räume zu haben, in denen man ein bisschen unter dem Radar fliegt. Das Konzert erinnerte mich an die ersten H-Blockx-Auftritte im Jugendzentrum unseres Dorfes vor 25 Jahren, mit dem kleinen Unterschied, dass wir uns Zeit unseres Lebens nie besonders Gedanken über den Inhalt von Songtexten machen mussten. Der junge Frontmann machte ziemlich deutlich, dass unterirdische Clubs, in denen man ein bisschen unterm Radar fliegen kann, für russische Künstler überlebensnotwendig sind. Bei uns muss man sich schon explizit Erdogan widmen, bevor man Probleme bekommt. Ansonsten ist freie Meinugsäußerung, wie wir sie kennen, Gold wert. Nein, unbezahlbar.

Und? Gucke zum Ausgleich deutsches Fernsehen. Das ist verrückt: Gestern kam der Landarzt – aus der Heimat meiner Eltern (die Schleifähre, die der Arzt fährt, bin ich im Mai noch mit meinem Sohn gefahren) – und heute Michel von Lönneberga, und zwar die Folge, in der Michel Alfred im Schneesturm zum Arzt fährt und ihm so das Leben rettet. Dieser kleine Junge, mit einem Herz aus Gold und ein bisschen Pech mit seinen Streichen (die ja oft eher „Unfälle“ sind), wächst in der Not über sich hinaus, 100 Mal mutiger, willensstärker und tapferer als die „Großen“. Am besten ist der Moment, in dem Michel fast aufgibt und dann der Schneepflug von vorne kommt. Was für eine starke, wunderschöne Kindergeschichte. Werde aber, fernab von Heimat und Familie, gerade auch ein bisschen rammdösig. Ich glaube, ich gehe mal aufs Laufband …

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Unter Tage 1

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Dritter Tag Sankt Petersburg. Fangen heute etwas später an, deswegen habe ich Zeit, ein paar Eindrücke zu schildern. Ich war mit 15 einmal mit dem Schulorchester in Moskau und muss sagen, seitdem hat sich einiges geändert. Wobei auch heute – wenn man den Staatschef im Fernsehen sieht, dann denkt man, dass Russland so ganz anders ist als Westeuropa (und auf dem Land ist es sicher auch noch so). Aber wenn man dann zum ersten Mal in eine Metropole wie Sankt Petersburg kommt, ist der Einfluss des Westens unheimlich groß. Gleich hinterm Flughafen kommen ein OBI-Baumarkt, Mercedes- und Porsche-Häuser, ein Metro-Supermarkt, es könnte auch eine größere deutsche Stadt sein. Im Frühstückssaal des Hotels laufen englische Hits aus den 90ern.
Das Zweite ist, dass ich den europäischen Gedanken wieder besser verstehe. Bin ja in den letzten Jahren ein bisschen herum gekommen, und Sankt Petersburg hat den gleichen Sandstein-Charme wie Bukarest, Riga oder Prag. Es macht schon Sinn, dass man von einem großen Kontinent spricht. Deswegen sind die kulturellen Unterschiede und diplomatischen Verwicklungen umso unverständlicher.
Die Drehs sind super anstrengend, aber natürlich auch wieder super interessant. Donnerstag waren wir im Petershof und haben die Fontänen von unten begutachtet, gestern sind wir 50 Meter unter der Erde durch einen 2 Kilometer langen U-Bahn-Tunnel gerannt, der gerade gebaut wird. Übrigens mit deutschen Maschinen. Ein Höllenlärm, schlechte Luft und die jungen russischen Arbeiter alle ohne Atem- und Gehörschutz. Aber cool und freundlich. Diese Eindrücke sind wirklich reich und besonders, denn das waren definitiv zwei Orte, an die man normalerweise nicht kommt.

Fairteiler

Nicht nur ein schönes Plattencover - hält sich auch ein paar Tage
Nicht nur ein schönes Plattencover – hält sich auch ein paar Tage

Frage: Welche Geschäfte machen zuerst dicht, wenn jetzt alle Menschen Hamsterkäufe machen? Richtig – die Zoohandlungen.

Der neue Zivilschutz lässt mich nicht los. „Der Unterschied zwischen Panik und klarem Verstand ist die Vorbereitung.“ Diesen Satz habe ich heute in der taz gelesen, er stammt von einem so genannten „Prepper“, das sind Leute, die zuhause Notfallrationen horten oder Kurbelradios und anderes Outdoorzeug, falls z.B. mal landesweit über mehrere Tage der Strom ausfällt. Es gibt sogar einen Online-Shop, der sich auf dieses ganze Thema spezialisiert hat, mit Hintergrund-Fakten, dass nur 5 Prozent aller Deutschen einen längeren Notfall überstehen würden usw. Man kann da richtige „Survival-Kits“ kaufen, für sieben Tage, zwei Wochen oder einen Monat …

Nicht falsch verstehen, ich finde das hochinteressant. Ein paar „Experten“ kaufen sich dann allerdings noch Waffen, um sich im Endstadium der Katastrophe selbst verteidigen zu können. Mann gegen Mann. Das geht mir natürlich zu weit. Wobei ich dieses Bild, wenn ich ehrlich bin, im Traum schon mal vor Augen hatte: Wie ich mich – offenbar als Selbstversorger auf dem Land (definitiv eine Zukunftsvision von mir) – mit einem Mal einer Horde heranstürmender Städter gegenüber sehe und entscheiden muss: Verteidigen oder helfen? Töten oder teilen? Bin dann in der entscheidenden Sekunde aufgewacht, aber es war echt krass.

Morgen geht es nach St. Petersburg. Die Stadt wurde im 2. Weltkrieg von den Deutschen eingeschlossen. Hunderttausende sind während dieser Blockade damals verhungert. Oder wurden zu Tieren. Die Hölle auf Erden.

Ich werde mich zu benehmen wissen – und ein paar Eindrücke teilen. Also, Prepper, werft die Waffen in den Müll, nehmt euch einen Hartkeks und kurbelt die Radios an!

Speisekammermusik

Der neue Zivilschutz sieht vor: Wir Bürger sollen jetzt wieder Vorräte anlegen. Und es soll wieder eine allgemeingültige Sirene für den Notfall her. Oder ein Signal. Wahnsinn. Meine Großeltern hatten auch so eine Speisekammer. Auf dem Land war das üblich, aber die Kammer meiner Großeltern war ein Riesenteil, deswegen hieß es auch Lager. Und das war immer voll. Für den Notfall. Wochenlang hätten die sich ernähren können, ohne einkaufen zu gehen.

Und diese alte Sirene ertönt in Schleswig-Holstein auf dem Land immer noch, jeden Samstagmittag, um Punkt 12 Uhr. Letztens hab ich die erst wieder gehört, als wir beim Pferd waren. Kann aber auch sein, dass das die freiwillige Feuerwehr war. Oder ist das dieselbe Sirene?

Ich bin eigentlich sehr froh, dass ich nicht genau weiß, wie diese Sirene für den Ernstfall klingt. Dass sich da kein Sound eingebrannt hat, den man nicht mehr loswird. Ich wünsche mir auch, dass meine Kinder nie auf ein solches Geräusch oder Warnsignal werden achten müssen. Georg Diez hat gestern auf SPON ein Plädoyer für mehr Optimismus gehalten. Das wünsche ich mir auch. Im Moment wird so viel befürchtet, misstraut und sich gesorgt, da geht die Lebensfreude schnell mal flöten.

Ich war heute vor meiner Abreise nach St. Petersburg nochmal mit den Jungs im Hagenbecks-Aquarium. Da waren wir früher oft, aber eben jetzt auch lange nicht mehr, und es war total nett. Ein Spaß für groß und klein (auch wenn die „Kleinen“ gar nicht mehr klein sind). Nicht nur das Ambiente selber, sondern auch dieses gemeinsame Suchspiel, wenn es darum geht, irgendwelche gut getarnten Kröten oder Echsen zu erspähen, von denen die Schilder ja bezeugen, dass sie irgendwo sein müssen. Oder kleine, bunte, frei fliegende Vögel über den Köpfen im Restaurant. Oder die großen Krokodile. Alles in allem ein lebender Beweis dafür, wie wundervoll die Schöpfung ist. In solchen Momenten ist der „Zivilschutz“ echt galaxienweit entfernt.

Oder dieser diplomatische Irrsinn:

auch interessant

Wobei ich die Kategorie „auch interessant“ und die Formulierung „mal wieder“ dann doch ein bisschen flapsig finde.

Zweite Halbzeit

Es wäre schön, wenn sich die Kämpfe in der Welt auf sportliche Wettkämpfe beschränken würden. Die Bilder von dem Jungen aus Aleppo, die gestern und heute überall zu sehen waren, machen mich krank. Vor Wut, Trauer und Verzweiflung. Denn es ist da jeden Tag so, jede Sekunde, seit Jahren, und es betrifft ein ganzes Volk. Und das ist nur ein Land von vielen, in denen die Einwohner nicht in Frieden leben können.

Man kann vom Menschen vermutlich nicht erwarten, dass er irgendwann vom Mittel der Gewalt absieht, das ist schade.

Es gibt aber auch zarte Momente: Gestern Abend lief im Netz Turmspringen der Damen mit einer Teilnehmerin aus Nordkorea. Die nahm schon zum dritten Mal an einer Olympiade teil, aber gestern sprang sie richtig gut, jedoch schien es fast so, als dürfe sie sich gar nicht richtig freuen. Nach dem letzten Sprung winkte sie ganz scheu in die Kamera, als täte sie etwas Verbotenes. Und ihre Trainerin war genauso scheu und kontrolliert und berührte ihren Schützling kurz an der Schulter, zog die Hand dann gleich wieder zurück, aber es war klar, dass sie eine Sekunde lang daran gedacht hatte, sie in den Arm zu nehmen. Und sich dann dagegen entschieden. Das hat mich sehr berührt.

Habe als abendliches Beruhigungsmittel die Olympia-Livestreams für mich entdeckt. Am besten unkommentiert. Bei Leichtathletik hat man dann wirklich beinahe das Gefühl, auf den oberen Rängen im Stadion zu sitzen. Vor zwei Abenden habe ich den kompletten Hochsprung der Zehnkämpfer geguckt – das war die beste Berichterstattung seit Jahren. Ohne Worte. Total entschleunigt. Und man kann selber Dinge erkennen. Es gibt einen Zehnkämpfer aus Grenada, der heißt Kurt Felix – da hatten sich die Schweizer Medien natürlich auch schon draufgestürzt.

Quelle: www.20min.ch
Quelle: www.20min.ch

Ansonsten? War ich heute beim Arzt. Nehme ab jetzt Tabletten gegen meine hohen Cholesterinwerte. Goodbye, Jugend. Willkommen, zweite Halbzeit. Kommentiert. Von mir, versteht sich.

Gegenfragen

Quelle: SPON heute
Quelle: SPON heute

Gegenfrage: Wer hat Hemingway zuvor die Hörner aufgesetzt?

Quelle: taz
Quelle: taz gestern

Gegenfrage: Wer ist bei Pro7 nochmal für die Programmvielfalt zuständig?

Core-Knabe
Kindskopf
Kunstlicht
Ewig nicht
nüchtern
Rolltreppenwitzelange
Einbrüche
In meine Sicherheitslück             

Gegenfrage: Kunst oder Kalkül?