Hu die sides?

Unsere langjährige SPIEGEL-Gerichtsreporterin Gisela Friedrichsen schreibt jetzt für die WELT. Dafür wird es Gründe geben, aber es ist ein bisschen wie der Wechsel von Hummels zu Bayern (und das sage ich als Bayernfan). Fühlt sich komisch an.

Drei syrische Flüchtlinge aus Leipzig werden (zurecht) gefeiert, weil sie einen mutmaßlichen Terroristen erkannt und überwältigt haben. Hatte sogleich die Idee für ein Drehbuch: Ein syrischer Flüchtlingsclan kommt in eine ostdeutsche Kleinstadt und wird erstmal angefeindet. Um ihr Ansehen zu bessern, bestimmen sie einen Freund der Familie als Bauernopfer, weisen ihn als Terroristen aus und übergeben ihn der Dorfpolizei. So als schräge, schwarze Tragikomödie, die natürlich eher tragisch als lustig ist. Aber mit ganz viel Fingerspitzengefühl und guten Schauspielern könnte das was werden …

Hatte am Montag eine sehr gute Abnahme mit dem St. Petersburg-Film für arte. Das freut mich, gerade weil der Dreh so extrem anstrengend war. Und morgen treffe ich mich wieder mit Sebastian, um unser Bilderwitze-Projekt voranzutreiben. Stillstand ist der Tod, sang schon Herbert Grönemeyer. Oder um es mit einem Claim für eine Zigarettenwerbung zu sagen, den ich leider gar nicht so schlecht finde:

nextmove

Weltanschauer

Gerade wieder zurück aus Köln. Hab gestern in einem sogenannten „Asyl-Archiv“ gedreht, also einem dieser Übergangsarchive, in denen die Bestände des eingestürzten Stadtarchivs gelagert werden. Sehr interessant, sich an dieser Stelle auch nochmal zu vergegenwärtigen, warum sich Städte überhaupt ein Archiv leisten. Dass jede alte Personalakte eines Beamters wie eine kleine Erinnerung ist und, andersherum, eine alte Stadt, deren Archiv plötzlich im wahrsten Sinne „verschütt“ geht, im Grunde wie ein Mensch, der an Demenz leidet.

In der mobil, der Kundenzeitschrift der Bahn, war ein etwas blutleerer Essay von Eckart von Hirschhausen übers Essen, allerdings mit einem sehr schönen Mark Twain-Zitat, das ich noch nicht kannte: „Nichts ist gefährlicher als die Weltanschauung von Menschen, die die Welt nie angeschaut haben.“

Ich bin in den letzten Jahren ja relativ viel herumgekommen, in den letzten Monaten auch wieder viel in Deutschland, gut, häufig auch nur entlang der Bahnstrecke Hamburg – Köln, aber immerhin. Es gibt da diesen Abschnitt irgendwo in der Mitte, wo sich große Ackerflächen mit Industrieanlagen paaren, und vorgestern auf der Hinfahrt ließ die Sonne das Ganze noch in so einem besonderen Licht erscheinen, und da dachte ich, ja, am Ende kann man dieses verrückte, kleine, bewunderte und verhasste Land vielleicht ganz angemessen in zwei derartigen Bildern beschreiben:

weltanschauer1

weltanschauer2

Trump and Circumstance

Bestandsaufnahme
Bestandsaufnahme

Trump scheint sich zu zersetzen. Endlich. Ostdeutschland auch. Unendlich. Nicht mehr feierlich.

Höre bewusst auf die Gegenstimmen. Doch wo sollen wir Hinterbliebenen hin, wenn es hierzulande unerträglich wird? Wir brauchen Bildung. Aufklärung. Vermischung. Mehr Zeit. Politiker mit guten Ideen. Eine tadellose Rechtsprechung. Und eine zeitgemäße Exekutive …

copdergutenhoffnung

Am Ende werden ohnehin Fruchtfliegen das große Problem gewesen sein. Dachte, es sei lediglich unseres, doch es betrifft offenbar das ganze Land. Paul Wrusch bespricht in der taz-Wochenendausgabe sogar konkret eine bestimmte Fruchtfliegenfalle in Birnenform, mit Hinweis auf den Hersteller und darauf, wo man sie bestellen könne. Alles ein bisschen seltsam.

Ansonsten? Toller Tatort am Sonntag, auch wenn mein Kollege bei SPON, das (mal wieder) anders sieht.

Lese gerade „Apollokalypse“ von Gerhard Falkner. Cooles Buch. Klingt verrückt, aber ich habe mich an ein paar Stellen gefragt, ob er wohl meinen Roman „Kunststoff“ gelesen hat. Die Künstler-Figuren (inklusive Geisteskrankheit), das Berlin-Setting … naja, vermutlich nicht. Wäre mir eine Äre.

Und: Jetzt nochmal der Rundumschlag zum Abschluss: Was soll man von einer Gesellschaft erwarten, die all das, was sie meint, zu brauchen oder besitzen zu müssen, im Internet bestellt, dort aber Bücher wie Apollokalypse nur auf Unverständnis stoßen und 1,5 Sterne bekommen? Warte eigentlich nur darauf, dass im Netz demnächst „öffentlich“ zur Verbrennung dieser „entarteten Kunst“ aufgerufen werden darf.

„seltsam berührend – berührend seltsam“

Mit diesen Worten beschreibt taz-Autorin Julia Lorenz die ambivalente Faszination von Computermusik in ihrem Artikel anlässlich der 3-tägigen Convention „Wir sind die Roboter“, die dieses Wochenende in Berlin stattfindet. In einer idealen Welt wäre das in Hamburg, und ich hätte Zeit, dorthin zu gehen – UND für meine Familie.

Künstliche Intelligenz – das Thema brennt mir unter den Nägeln. Im Jüdischen Museum findet gerade eine Golem-Ausstellung statt. Auch superinteressant. Es wird am Ende die große Menschheitsfrage gewesen sein: Wieviel Technik ist dem Menschen dienlich? Wie erfinderisch darf er sein? Wann schlägt das Künstliche ins Widernatürliche um? Das Konstruktive ins Destruktive? Werden wir am Ende Maß gehalten oder die Schöpfung verraten haben?

Ich persönlich versuche täglich, diese Gratwanderung zu meistern. Deswegen lese ich z.B. die taz aus … Fleisch und Blut, hätte ich fast gesagt, also aus Papier und nicht am PC. Auf der anderen Seite bin ich auch ein Freund davon, moderne Technik für meine Zwecke einzusetzen. Ich mag es, von unterwegs zu bloggen oder mit meinen Söhnen zu „facetimen“(!). Aber ich möchte keinen Avatar, der für mich die Texte schreibt. Womöglich irgendwann gegen meine Intention und gegen meinen Willen! Hab in dem taz-Artikel auch gelesen, dass der japanische Robotiker Masahiro Mori für dieses ambivalente, „ungute Gefühl“ einen Begriff entwickelt hat: „Uncanny valley“ – übersetzt: unheimliches Tal. Wenn ich das auf die Schnelle richtig verstanden habe, geht es sinngemäß darum, dass wir einen kleinen Roboter niedlich finden, einen Androiden, der uns zu ähnlich nachempfunden ist, jedoch unheimlich. Wie gesagt, sehr spannend.

Warum das alles mal wieder ganz wunderbar zusammenpasst? Weil ich gestern in der Mittagspause kurz in die Stadt gegangen bin, um eine Ballpumpe zu kaufen (überlebenswichtiges, analoges Tool in unserem Haushalt), und im Schaufenster beim Klamottenriesen Zara Folgendes gesehen habe:

zara

Noch Fragen? Die Zukunft hat längst begonnen ….

Ansonsten? Funktionieren bestimmte Mechanismen aber noch genauso wie vor 50 Jahren: Die BILD von heute und die aktuelle Ausgabe der ZEIT haben beide das Thema „Gerechtigkeit“ als Aufmacher. In der ZEIT geht es um die Chancengleichheit in der Gesellschaft, in der BILD um die „geheimen Gagen“ der Tatort-Stars. Ich habe während des Studiums mal etwas über Nachrichtenfaktoren gelernt. Da ging es auch um Relevanz. War, glaube ich, ein weicher Faktor.

Gerechtigkeit

M Party

Manchmal reicht ein Gang in den Supermarkt, um die Menschen ein bisschen besser zu verstehen. Damit meine ich nicht die Wartezeiten an der Kasse oder vor der Fleischtheke oder die kleinen, inspirierenden Begegnungen am Leergut-Automaten, nein, manchmal erschließt sich das Wissen über seine Mitmenschen eher über Szenarien, in denen sie gar nicht auftauchen. Oder anders formuliert: Manchmal reicht der Blick in ein halbleeres Regal.

Offenbar gab es im Supermarkt kürzlich eine Frühstück-Kollektion im Dschungelbuch-Design. Restlos ausverkauft, nur Shir Khan erweist sich als Ladenhüter. Das ist doch interessant. Die Deutschen haben Angst vor einer Islamisierung und dass die Flüchtlinge ihnen alles wegnehmen, „brave Bürger“ werden plötzlich zu Tätern, gerieren sich jedoch als Opfer, aber dass der Tiger, der dem kleinen Mogli nach dem Leben trachtet, ein verachtenswerter Bösewicht ist, darin sind sich scheinbar alle einig. Mit dem möchte niemand am Frühstückstisch sitzen.

shir-khan

Dabei möchte ich an dieser Stelle einmal daran erinnern, warum Shir Khan dem Menschenkind überhaupt an den Kragen will?! Richtig, weil der Mensch mit Feuer umgehen kann und Feuer das einzige ist, was der Tiger fürchtet. Ich muss mal recherchieren, ob es Interpretationen oder Theorien in der Rezeptionsgeschichte gibt, für was das Feuer alles steht. Anders gefragt: Ist der Tiger wirklich böse, oder möchte er den Urwald nur vor einer Brandrodung bewahren? Ahnt er womöglich, dass der Mensch destruktiv und nur auf seinen eigenen Vorteil bedacht ist? Wer ist dann der Böse?
Spannend, spannend …

Big Bank is watching you

Meine Bank liefert mir momentan viel Stoff zum Grübeln – und Schmunzeln. Erst die neuen Plakate mit der zweideutigen Betonung darauf, dass sie eine „deutsche Bank“ sei (siehe anders-blog vom 09.September), und gestern erhielt ich ein, wie ich finde, beinahe tragikomisches Kreditangebot.

Ich weiß, dass viele Menschen Probleme haben, einen Kredit über Jahre verlässlich zu bedienen oder überhaupt erstmal einen zu bekommen, also nicht falsch verstehen, doch erstens geht es bei mir ja um kleine Summen und zweitens in diesem Punkt gerade mal um den Spaß, sich in seine Bank hineinzuversetzen und durchzuspielen, was denen wohl so durch den Kopf geht, wenn sie mir so etwas schicken:

credit1

Abgesehen davon, dass sie genau die Dinge von mir nicht nachgewiesen haben wollen, die sie ohnehin schon wissen, und dieses „Mit Sofortzusage!“ rüberkommt wie der Handzettel einer Wahrsagerin auf dem Rummel, ist besonders der psychologische Aspekt hinter diesem Angebot interessant.

Klar, die sehen in mir einen Typen, der seit vielen Jahren regelmäßig Gehalt aus einer Festanstellung bezieht, von einem seriösen Arbeitgeber. Das finden die natürlich schon mal gut. Darüber hinaus sehen sie an meinen Kontobewegungen, dass der Typ offenbar Kinder hat, für die er – ebenfalls seit vielen Jahren – regelmäßig Unterhalt zahlt (laut einer aktuellen „Familien-Studie“ der Bertelsmann-Stiftung zahlt jeder zweite Vater gar keinen Unterhalt oder weniger, als er müsste, insofern scheint das nicht selbstverständlich zu sein). Und daraus schließen die nun, dass der Typ a) einigermaßen zuverlässig ist und b) sich gerne mal etwas leisten würde, aber nicht kann. Das wirklich Lustige aber ist: Die glauben sogar zu wissen, was ich mir wünsche: ein Heimkino!

credit2

Der Typ arbeitet beim Fernsehen, also wünscht der sich ein Heimkino, das liegt ja auch auf der Hand. Aber, wer weiß, vielleicht komme ich sogar mal darauf zurück. Endlich moderne Möbel für zuhause …

Lust ich

Hab mir fest vorgenommen, in Zukunft wieder positiver zu denken. Und auch mal wieder etwas Lustiges zu schreiben. Man kann nicht immer nur jammern und klagen – selbst, wenn die Situation danach schreit. Gemeinsam haben wir die Kraft, Dinge zu ändern. Also nicht daran verzweifeln, dass der Fremdenhass im Osten immer schlimmer wird, sondern dem Schrecken und der Intoleranz mit einem freundlichen, ansteckenden Lachen entgegentreten.

Bin selber drauf gekommen, als mir mein Kollege Sebastian folgendes Foto schickte:

aale

Sebastian arbeitet unter anderem als Grafiker und Illustrator. Wir haben beide ein Faible für Wortwitze und gerade eine Kooperation gestartet. Hier unser erster Wurf:

golfimschafspelz

Schnittmuster 1

Mutter Erde ist paradiesisch, aber unsere Welt an vielen Orten die reinste Hölle.

spon-syrien

Das hab ich heute bei SPON gelesen. Betone das deswegen, weil ich mir gerade gestern von unserem History-Chef Michael Kloft alte Aufnahmen aus der Zeit der St. Petersburger Blockade besorgt habe. Damals sind – nach heutigen Schätzungen – rund 1,5 Millionen Menschen verhungert, weil die Deutschen die Stadt belagert und nichts rein oder raus gelassen haben. Monströs! Auch diese alten Schwarzweißaufnahmen. Beim Schauen schoss mir durch den Kopf, so etwas möge bitte nie mehr geschehen, doch nichts anderes spielt sich gerade in Syrien ab.

Beinahe zynisch, angesichts dieser Tragödie und politischen Hilflosigkeit zum Tagesgeschäft zurückzukehren. Zweiter Tag Schnitt St. Petersburg, und ich suche, wie immer, mit meinem Cutter nach dem Erfolgsrezept: dem richtigen Stil, der richtigen Dramaturgie, der richtigen Bildsprache.

Ansonsten? Hat mir mein Kameramann schon mal zwei Pressefotos geschickt. Die sehen auf jeden Fall super aus:

mosaikkuenstler

digger

Und? Mein Fahrrad ist wieder aufgetaucht. Unser emsiger Hausmeister hatte es vorsorglich aussortiert, weil er es nicht zuordnen konnte. Ende gut, alles gut. Und ich muss mir offenbar vorerst keine Sorgen um mein Karma machen …

Welt, Herrschaftszeiten

putin1

Wühle mich seit Tagen durch mein Russland-Material. Etwas frustrierend, wenn man die Sprache nicht spricht. Glücklicherweise hab ich mir ab und an Notizen gemacht, aber … puh … ist aber was Schönes dabei.

Hab u.a. ein Foto gefunden, das ich an einem Souvenir-Stand gemacht habe. Es gibt ja in Russland einen regelrechten Putin-Merchandise, mit ganz schrägen T-Shirts, auf denen er sich … äh, ja … entsprechend „schräg“ darstellt, bzw. sich selbst inszeniert. Solche Shirts wird man von unserer Kanzlerin nicht finden. Und das Schlimme ist ja, das ist ernst gemeint. Und von der anderen Seite kommt dann Trump angeritten, weil Hillary sich eine Schwäche erlaubt hat. Man darf das alles nicht zu Ende denken.

Egal, hab mich gestern Abend mit dem Stubenhacker getroffen, um mal wieder auf andere Gedanken zu kommen. Hat es auch voll gebracht, meine Laune war heute Morgen prompt besser. Hab mich sogar ein bisschen aufs Sichten gefreut. Wollte dann eben vor der Arbeit noch in den Keller, um die Trikots aus der Waschküche zu holen, als ich bemerkte, dass mein Fahrrad geklaut wurde. Kreisch! Muss in den letzten zwei Tagen passiert sein, denn am Sonntag, als ich die Trikots gewaschen habe, war es noch da. So ätzend. Musste an die Szene in „Pulp Fiction“ denken, wo John Travolta beschreibt, was passiert, wenn er den Typen zwischen die Finger kriegt, der den Lack seines Autos beschädigt hat. Im Ernst, ich wünschte, Karma regelt das. Wobei ich mir dann im Umkehrschluss die Frage stellen müsste, was ich im Vorfeld angestellt habe, dass jemand mein Fahrrad klaut.

Blauäugiges Volk

Hab gestern sicherheitshalber den Rest meines Russland-Reisevorschusses zur Bank gebracht, bevor ich ihn ausgebe und dann in die Röhre gucke, wenn meine Firma ihn zurückhaben möchte. Dabei ist mir ein neues Werbeplakat meiner Hausbank aufgefallen, das ich so schräg fand, dass ich beinahe auf dem Fuße kehrtgemacht und mein Konto aufgelöst hätte:

commerz

Wie soll man den Slogan interpretieren? Ein lustiger Seitenhieb auf die Deutsche Bank? Oder auf die großen, internationalen Banken? Oder aber – und das wäre in der Tat das Letzte – springen jetzt auch die Banken (und sei es bloß unbewusst) bei der Neukunden-Akquise auf den AfD-Zug?

Gesetzt den Fall, es wäre so: Was kommt als Nächstes? Made in Germany über alles? Deutsche Luxusküchen, von starken Arierhänden montiert? Garantiert blonder, blauäugiger Nachwuchs von der Samenbank? Und endlich: Der neue deutsche „Volkswagen“ mit Gasantrieb?

Es gab ein paar kluge Kommentare in den letzten Tagen über die hässliche Fratze, die Europa dem Rest der Welt aktuell bietet. Über den allgemeinen Rechtsruck. Wenn ich keine Familie hätte, würde ich mich zurücklehnen und mir ins Fäustchen lachen, wenn die Wutbürger und Alternativwähler sich plötzlich verwundert umschauen, welche Teufel sie da gerufen haben. Aber ich bin nicht alleine.

Hätte nicht gedacht, dass mein Familienglück mal zum Problem werden könnte.

Ansonsten? Ein Nachtrag zum Thema „Künstliche Intelligenz“: Japan plant, zukünftig „soziale Roboter“ in der Pflege einzusetzen …