Mein Sohn wird heute 14. Klar, die Zeit läuft für alle schnell, aber wenn man sein Kind nicht täglich sieht, sondern immer nur in gewissen Abständen, hat man das Gefühl, alles passiert beinahe im Zeitraffer. Er wird Nachsicht mit mir haben müssen, wenn ich ihm mal nicht altersgemäß begegne, aber ich gebe mir Mühe. Muss trotzdem schauen, dass ich uns für dieses Jahr noch ein besonderes Vater-Sohn-Abenteuer organisiere. Hochseeangeln oder so. Zum Geburtstag bekommt er von mir „Das geheime Tagebuch des Adrian Mole“, und zwar mein altes Exemplar, das mir meine Mutter damals geschenkt hat, als ich 14 wurde. Pathetisch, ich weiß, aber auch cool. Bin natürlich in eine kleine Krise geschlittert, als ich das Buch jetzt wieder in den Händen hielt. Hab es extra vor ein paar Jahren zur Seite gelegt, weil ich wusste, der Tag würde kommen. Jetzt ist es soweit. Aaaahhhh!
Rückweg. Bisschen platt. Die Studentengruppe war diesmal außergewöhnlich groß. Interessant: Je größer die Gruppe, desto autoritärer werde ich. Also, ich glaube, die Studenten hatten auch Spaß, aber ich merke, wie ich, je älter ich werde, und das ist ja auch das, was meine Kinder spüren, umso weniger Lust habe, gegen so eine unkonzentrierte Geräuschkulisse anzusprechen. Da ist er wieder, der Feldherr, der Mitstreiter sucht – und sie nicht findet. Oder nur teilweise. Was ich dieses Jahr schon krass fand, war, dass die Handy-Nutzung noch automatischer und zwanghafter und selbstverständlicher geworden ist. Hab am ersten Tag genau zwei Versuche unternommen, dass sie die Dinger wegpacken sollen – dann hab ich es aufgegeben. Hatte mich jedoch ganz gut im Griff. War ja auch nett. Und durchaus produktiv.
Durchatmer. Im Hotel. Die morgendliche halbe Ruhestunde beim Frühstück. Wie Urlaub. Auch die Gänge von A nach B durch die Stadt. Denke jetzt ja auch nicht mehr, dass irgendjemand von der UNI meine Arbeit überprüft. Oder mit der Stoppuhr daneben sitzt. Und selbst, wenn? Dass, was ich da in 3 Tagen abreiße, ist für die jungen Menschen unbezahlbar. Ehrlich. War auch wieder effektiv, hatte heute z.B. auf dem letzten Drücker die gute Idee, dass jede Gruppe schonmal ihren Off-Text ins I-Phone liest, um Zeit zu sparen, und es haute genau hin. Um 18:10 war der Film exportiert, um 18:20 haben wir geguckt und um 18:30 sind wir zum Bahnhof. Just in time …
Styl EC
Woher ich weiß, dass ich erwachsen geworden bin? Weil ich nicht mehr nervös werde, wenn der Zeiger schneller tickt. Oder wenn Mittzwanziger ungeduldig werden. Weil ich die Deadline einhalte. Und alle zufrieden sind. Und weil ich mich mich nicht mehr auf den erstbesten Sitz im Zug setze, sondern im angehauchten EC wie im Orientexpress in den Speisewagen, warmes Essen und Getränke bestelle und mich mit dem Kellner bespreche wie einer, der schon mal zuvor im Restaurant war. Ja, weil ich in dieser Sekunde im abrupt bremsenden Zug mein polnisches Bier vor dem Umfallen bewahre, während sich die grauhaarige Kuh schräg gegenüber meckernd ihr schales, lustloses Wasser vom Knie wischt.
Heute frei. Fahre nachher nach Eberswalde, wo ich mein alljährliches Medienseminar halte. Hab den Morgen dafür genutzt, meine alte Snare aufzupolieren. Hatte sie bereits vor ein paar Tagen aus dem Keller geholt und in ihre Einzelteile zerlegt. Gestern neue Felle gekauft und Never Dull, eine Chrom-Politur, die mein Opa schon benutzt hat. Musste deswegen extra zu Manu Factum, der Preis hielt sich aber erfreulicherweise in Grenzen. Heute dann alles poliert, Holz, die beiden Spannreifen, jede Schraube, dann die Felle drauf, noch mal gewienert – und …
Ein echtes Schmuckstück. Und Original. Hab sie vor über 20 Jahren gebraucht gekauft, für 400 D-Mark, und damals war sie schon retro. Hab eben recherchiert und gesehen, dass sie vor kurzem neu aufgelegt worden ist. Kostenpunkt: Über 800 Euro. Da freut sich der Sammler. Vielleicht muss ich sie bald versetzen. Hab nämlich gestern von meiner Zahnärztin den Kostenvoranschlag für eine Krone bekommen … naja, als König brauche ich ja auch eine Krone.
Meine Freundin sammelt auch. Briefmarken. Nein. Aber die österreichischen Udo Jürgens Sondermarken hat sie dann doch bestellt.
Wollte eigentlich gar nicht mehr viel dazu sagen, aber ich gucke zur Zeit immer wieder diese Jamie Cullum-Version von „If I never sing another Song“. Ich glaube (nach dem 50. Mal gucken) fast, mit dieser Performance hat er Udo ein bisschen den Rest gegeben, weil es so gut ist. Nicht falsch verstehen, ich bin immer noch geschockt und werde Udos alte Platten immer lieben, aber wenn Udo Jürgens Jazz gespielt hat, klang es eben doch ein bisschen anders, nicht ganz so lässig. Ich hab zum Vergleich mal eine alte Piano-Einlage von Udo aus dem Song „Engel am Morgen“ angehängt (auf den Play-Button klicken). Auch schön, aber eben nicht so cool.
Hab gestern ein bisschen im Keller rumgestöbert, auf der Suche nach meiner alten Stick-Tasche und einem bestimmten Buch, das ich meinem ältesten Sohn demnächst zu seinem 14. Geburtstag schenken möchte – und das ich selbst von meiner Mutter damals zum 13. Geburtstag bekommen habe, also vor fast 30 Jahren. Um es kurz zu machen: beides gefunden. Manchmal lohnt es sich, ein sammelwütiger Ordnungsfanatiker zu sein.
Rock `n´Roll
Heute geht es erstmal um die Stick-Tasche. Jetzt, da ich einen Trommel-Raum habe, brauche ich natürlich auch Stöcke. Und da hat mich mein Fund gestern schon umgehauen. Klar, war der Stoff staubig und muffig, und die Wollschlegel auch schon ein bisschen von Motten zerfressen, aber gleichzeitig war es, als wäre die Zeit stehen geblieben. Als hätte ich letzte Woche noch einen Gig mit Roger Trash gespielt und die Tasche gerade erst abgehängt. War noch alles drin, inklusive Stimmschlüssel, Ohrstöpsel, sogar eine Setlist und der Tourplan. Krass. Roger ist ja erst vor zwei Jahren an Leukämie gestorben, ein riesiger Verlust. Und gestern seine liebevoll, aber eben etwas „trashigen“ Zettel in der Stick-Tasche wiederzufinden, ging mir doch nahe. Hoffentlich bist Du da oben zur Ruhe gekommen, Roger.
So paradox und schlimm es klingt, doch der Wahnsinn der letzten Monate (Putin, Pegida und Co.) hat bei mir etwas Gutes ausgelöst. Nämlich meine (Lebens-)Zeit wieder höher zu bewerten, in mich reinzuhorchen und kleine, richtige Schritte zu gehen. Entscheidungen zu treffen! Hab die letzten Tage viel über die immense Bedeutung von Zerstreuung und den menschlichen Spieltrieb usw. gelesen. Da ist etwas dran.
Ja, im Gesamtzusammenhang klingt es egoistisch und belanglos: eine Trommel-Möglichkeit. Doch ich habe das Gefühl, als hätte ich mich an eine Ladebatterie gehängt. Ich merke spürbare Erleichterung, und das kommt auch meinen Mitmenschen zugute. Wollte heute Morgen eigentlich ein bisschen an meinen Songtexten arbeiten. Am Ende reichte die Zeit doch wieder nur für Frühstück machen und abräumen und meinem Ziehsohn bei den Deutsch-Hausaufgaben helfen. Ging um eine Kurzgeschichte zweier Schiffbrüchiger. Ein Mann, ein Hund. Am Anfang hasst der Mann den Hund. Ohne Grund. Am Ende kann er nicht mehr ohne das Tier leben und zieht es aus dem Wasser auf seine Planke. Die Frage war: Wer rettet wen? Klar – der Hund den Mann, weil er dessen Hass in Liebe verwandelt. Komme darauf, weil das Je suis Charlie-Foto meiner Spiegel-Kollegen in den sozialen Medien erstaunlich viel krassen Shit hervorruft. Wo kommt der ganze Hass her? Vielleicht sollte man per Gesetz Kampfhunde gegen Schoßhündchen eintauschen, keine Ahnung …
Was ich sagen will: Ich habe die Textarbeit mit dem cleveren, jungen Kerl am Frühstückstisch heute sehr genossen. Und womöglich ist das der größte Dienst, den ich an der Gesellschaft leisten kann. Meine Zeit den aufgeklärten Bürgern von morgen zu widmen.
Heute hat auch der Spiegel sein Solidaritäts-Foto veröffentlicht – online und im neuen Heft, das Samstag kommt. Gemacht wurde es gestern. Ich bin nicht mit drauf, weil ich selbst fotografiert habe – von ganz oben, gewissermaßen aus der Engelsperspektive. Als Zeichen meiner ganz persönlichen Anteilnahme.
Bin immer noch ziemlich geschockt. Habe auf der anderen Seite auch Angst, dass die Menschen bald nicht mehr unterscheiden zwischen Extremismus und Religionszugehörigkeit. Meine Freundin hat mir einen tollen Artikel des taz-Kolumnisten Deniz Yücel weitergeleitet. Der richtet sich mit einem schönen Satz an AfD, Pegida, NPD und Co.: „Spackos, hört zu: Wagt es nicht, die Toten von Paris zu instrumentalisieren. Denn für euch hätten die Satiriker von Charlie Hebdo zur `Lügenpresse´ gehört.“ – Sehr gut.
Jetzt sind die Attentäter offenbar tot. Die Sinnlosigkeit kennt keine Grenzen.
In Paris haben Terroristen die Redaktion der Satire-Zeitschrift Charlie Hebdo gestürmt und 12 Menschen getötet. Darum heißt es heutzutage generell „Heiliger Krieg“. Weil nichts mehr heilig ist.
Wenn ich überlege, dass hier unten auch schon die eine odere andere Demo vorm Haus stattgefunden hat, wird mir, ehrlich gesagt, ganz anders.
Drei lange Dokus über „Das Böse“ haben mir eines gezeigt: Es lässt sich nicht verhindern. Oder wie ich es in Jugendstil formuliert habe: Die Überraschung ist immer auf der Seite des Bösen. Das Gute manchmal auch, aber das ist eine zu vernachlässigende Größe.
Nachtrag: Mir ist bei meinen Recherchen eben ein Zitat von Norbert Bolz, dem Medientheoretiker, untergekommen: Der Fußball rettet die Natur des Menschen. Also, auf mich trifft das momentan in weiten Teilen zu. In 90 Minuten stehe ich auf dem Platz.
Okay, ich dachte, ich hätte eine Midlife-Crisis; wegen Udo Jürgens oder weil wir keinen Schnee hatten. Aber jetzt weiß ich, dass ich mir nur ganz normal Gedanken mache. Ohne es zu wissen, hab ich nämlich den alten Diskurs der Risikogesellschaft für mich wieder aufgewärmt. Hab es gerade in dem Nachruf über Ulrich Beck (ja, auch gestorben) in der taz geschnallt: Die Industriegesellschaft, die sich pathologisch weiterentwickelt, das freie, individualisierte Subjekt, das mit eben dieser Freiheit klar kommen muss – ist das nicht auch Sartre? Wusste ich auch mal alles. Ehrlich, ich werde täglich dümmer.
Da fällt mir Dieter Nuhr ein. Der zeichnete in seinem Jahresrückblick ein ähnlich düsteres Bild von der Welt. Ein Zitat ist hängengeblieben. Ging um uns, das Volk: „Intelligenz addiert sich nicht, Dummheit schon …“
Das ist zwar nicht neu, aber gerade wieder sehr aktuell. Nicht falsch verstehen, ich bin nicht elitär (und gestern Abend hat mir eine 60-jährige Tankstellenverkäuferin, die ihren 30-jährigen Sohn lachend mit den Worten „Sie bleiben immer Kinder“ verabschiedete, den Glauben an das Gute ein Stück weit zurückgegeben), doch am Sonntag war ich mit meinem Sohn den ganzen Tag lang auf einem Hallenfußballturnier, und da sind mir in dem ganzen dummen Gebrüll und Handyalarm zum ersten Mal nicht nur die Halbwüchsigen, sondern auch viele Eltern auf den Sack gegangen, vornehmlich Deutsche, ich kann es nicht anders sagen. Und plötzlich wurde mir klar, warum die Leute in Dresden mitmarschieren, und warum man so eine Bewegung, wenn der richtige Anführer kommt, auch nicht mehr stoppen kann. Weil sich Dummheit addiert …
Auf der anderen Seite – und ja, vielleicht bin ich schizophren – war dieses Turnier ein Musterbeispiel für Integration. Da waren alle Nationalitäten vertreten, und alle haben zusammen ein großes Sportfest gefeiert. Und trotzdem: Wenn ich mir die einzelnen Menschen angucke und das auf die ganze Welt projiziere, kann ich mir NICHT VORSTELLEN, wie das System langfristig funktionieren soll. Auf der anderen Seite hat es auch schon Jahrhunderte überlebt – zumeist unter viel schlimmeren Bedingungen für den Einzelnen.
Reptilienfutter im Tierhandel – auch zum Kotzen
Klar, wir können das große Ganze nicht schultern. Und klar, wir sollten uns lieber daran erfreuen, dass der Autoschlüssel doch nicht im Kofferraum liegt, sondern sich in der Tasche unter dem Portemonnaie versteckt hat. Dass wir gesund sind. Und die Kinder nicht im Rollstuhl, sondern fußballbegeistert. Schon klar …
Was mich im Moment aber wirklich nervt, ist der Medienkonsum überall. Auch die WM-Doku hat es ja gezeigt: Selbst unsere Nationalspieler glotzen die ganze Zeit auf ihre Scheiß-Handys. Hatte über die Feiertage auch prompt eine kleine Diskussion mit meinen Jungs, was die X-Box betrifft. Dabei ist hier alles im Vergleich so was von harmlos und total im Rahmen. Womöglich bin ich da im Moment überkritisch. Aber ich weiß auch, warum, und da schließt sich der Kreis. Weil ich im Moment wie so ein alternder Feldherr in den dampfenden Schlachtfeldern meines Lebens stehe und offenbar wild Ausschau nach Nachfolgern halte, die stark und clever und abenteuerlustig sind. Das ist genau das Bild, das mich aktuell beschreibt. Also doch Midlife-Crisis? Vielleicht hatte Ulrich Beck auch eine, als er Risikogesellschaft schrieb. Da war er ungefähr in meinem Alter.