Fest-Einstellung

Ich wollte hier und heute mal feststellen, dass es sich mitunter lohnt, an seiner Einstellung zu arbeiten. Dass das Leben schön ist. Zumindest mein Leben. Und dass ich das mal laut und deutlich aussprechen wollte, weil dieses Gefühl ganz gerne mal unter dem alltäglichen, kleinen, aber auch unter dem weltpolitischen, großen Wahnsinn erstickt.

Nachdem ich vorletzte Woche tatsächlich beinahe vor dem ausstehenden Arbeitspensum kapituliert hätte, habe ich zu Beginn der letzten Woche kurz inne gehalten, meinen Blick geschärft (womöglich auch einfach die Perspektive gewechselt) und mich einmal kurz zurück auf den Boden der Tatsachen geholt.

Mannaugengroß

In Zeiten, in denen Politiker nicht zusammenkommen und Frauen offenbar immer noch entsetzliche Männergeschichten zu erzählen haben, ist mir in einem Moment höchster Anspannung mal wieder klar geworden, wie einfach und reich mein Leben im Grunde ist. Dass ich viel erlebe, geliebt und geschätzt werde, dass ich gute Vorbilder hatte, keinen Hunger erleiden und nicht unter einer Brücke schlafen muss. Dass ich nur Filme mache und keine Leben retten muss. Schon gar nicht mein eigenes. Dass man nachhaltig leben kann und bestimmte Gedanken bei den Nachkommen durchaus auf fruchtbaren Boden fallen.

Katerwetter

Dass jedem Augenblick etwas Magisches anhaftet, und Mitmenschen freundlicher werden, wenn man mit gutem Beispiel vorangeht. Wenn man sich und den Dingen, mit denen man beschäftigt ist, nicht mehr Bedeutung beimisst als nötig. Ja, es klingt simpel, aber die Dinge werden wirklich leichter, wenn man sie nicht so schwer nimmt.

alienhunter
#Miniaturwunderland

Das Leben steckt voller Überraschungen, und um diese zu entdecken, muss man nicht bis ans Ende der Welt fahren. Manchmal reicht ein Besuch mit dem Sohn und einem guten Freund im Miniatur-Wunderland. Oder man fährt mit der Freundin nach Münster und zeigt ihr seine alte Heimat: den Markt auf dem Domplatz, das Wilsberg-Antiquariat, in dem man als Student wirklich seine Bücher gekauft hat und nun für kleines Geld – blind – wieder eines ersteht, welches sich später im Hotel als gut erweist. Geht weiter zu „Medium“, der anderen Konsum-Falle von damals, in der man viele Lieblingsautoren erst entdeckt und für den Nachschlag im Gegenzug die eine oder andere überhörte CD in Zahlung geben musste. Lässt Erinnerungen zu, heitere und bewegende, weil sie einen prägen und erfüllen, trinkt später mit der Liebsten, um die kaltgelaufenen Füße wieder aufzuwärmen, im Kuhviertel eine Altbierbowle, von der sie hier zum ersten Mal hört, um den Tag als Gäste auf der Party eines alten Freundes zu beschließen.

domwilsbergmediumaltbierbowle

Mein Herz pumpt, meine Lunge atmet, meine Beine laufen, und das kann sich von einem Tag auf den anderen ändern. Ich wäre schön blöd, wenn ich dafür nicht jeden Tag aufs Neue dankbar wäre. Warum andere Menschen Leid erfahren, entscheidet sich nach Regeln, die ich nicht verstehe und erst recht nicht beeinflussen kann. Ich spiele mein Spiel auf einem anderen Feld, sicher verstaut im Spieleparadies, in einem warmen Zimmer, auf einem festen Tisch mit vier starken Beinen, die bis zum Boden erreichen, während andernorts Figuren und Bretter reihenweise durch den Raum fliegen.

Ich bin Herr über meinen nächsten Zug
Mensch, ärgere Dich nicht
so viel
für heute

Reflektionen

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Aktuell kann man in einer knappen Stunde (beinahe) ein komplettes Studium der Kultur-, Wirtschafts-, Politik- und vor allem Medienwissenschaften absolvieren.

Wie?

Zunächst sollte man sich noch einmal den SPIEGEL-Artikel aus dem Heft Nr. 41 vom 07.10.2017 über das öffentlich-rechtliche-Fernsehen auf den Schirm rufen. Der Artikel mit dem Titel „Bildstörung“ enthält eine kritische Bewertung der On- und Offline-Tätigkeiten von ARD und ZDF. Es ist anzunehmen, dass die Verantwortlichen beider Sender nicht erfreut über den Inhalt des Artikels gewesen sind.

Gestern Abend nun hat das ZDF zurückge … äh, … sendet. Sicher (k)ein Zufall!? Speerspitze Jan Böhmermann ist in die SPIEGEL-Provinz „bento“ einmarschiert.

Ich halte mich an dieser Stelle inhaltlich aus guten Gründen zurück. Aber wer sich mit beiden Seiten vernünftig auseinandersetzt, bekommt ein sehr klares Bild davon, wie moderner Journalismus „funktioniert“, bzw. mit welchen Herausforderungen er aktuell und mittelfristig zu kämpfen hat.

Ich erlaube mir eine persönliche Anmerkung: Öffentlich-rechtliches Fernsehen darf, meines Erachtens, nie verschwinden. Doch die dazugehörigen Sender müssen sich ständig überprüfen und ggf. auch hier und da neu erfinden. Öffentlich-rechtliches Fernsehen trägt eine Verantwortung für die Gebühren und muss von sich aus so gut sein, dass es gar nicht erst Gefahr läuft, grundsätzlich in Frage gestellt zu werden.

Stolpersteine

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Die ersten Tage der AfD im Bundestag und schon wird es uncool. Ärgerlich! Und: Im neuen Dresdner Tatort, der am 12.11. läuft, wurden offenbar die Outifts von Statisten mit einschlägigen, rechten Symbolen versehen, die Szene hinterher gekürzt und plötzlich standen die „Nazis“ unkommentiert und unmotiviert als freundliche Helfer im Film da. Und der MDR rieb sich die Augen, als Journalisten sie nach dem Vorab-Screening verwundert darauf hinwiesen.

Man fragt sich, wie das sein kann, dass die Rechten (jetzt auch bei uns) wieder so präsent sind. Bin in der Mittagspause ein bisschen durch den neuen Lohse-Park geschlendert und habe mir u. a. über genau diese Frage den Kopf zerbrochen, als ich plötzlich vor dem Denkmal „Hannoverscher Bahnhof“ stand, das mit einer eindrucksvollen Ausstellung von Fotos und Dokumenten daran erinnert, dass von diesem Ort aus im Dritten Reich Deportationszüge in die Konzentrationslager abgefahren sind. Starke Exponate aus einer Zeit des systematischen Grauens. Man müsste jeden deutschen Bürger in diese Ausstellung schleusen. Vielleicht würde es ein bisschen helfen. Oder Promis einspannen.

Spieler des Fußballvereins Lazio Rom haben sich am Sonntag in Anne Frank-T-Shirts warm gemacht, nachdem „Fans“ das jüdische Mädchen zuvor verhöhnt hatten. Merkwürdigerweise war die heutige Daily Goal Challenge bei Score ausgerechnet ein altes Lazio-Spiel. Zufall?

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Ansonsten wirbt Thomas Müller im aktuellen Kinder-Spiegel für mehr Bewegung, während er selbst gerade verletzt pausieren und zusehen muss, wie sich seine Bayern glücklich in die nächste Pokalrunde kämpfen.

Mueller

Hatte übrigens vor ein paar Tagen interessanten Kaffee-Besuch meines alten E-Jugend-Trainers (und heutigen Marketinggeschäftsführer von Werder Bremen) Klaus Filbry. Wir haben uns fast 30 Jahre nicht gesehen. Ich war auch ein bisschen nervös, zumindest nervöser als vor meinen Interviews, die ich normalerweise für den Job mache. Wie heißt das in der Kommunikationslehre? Beziehungsaspekt? War jedenfalls ein sehr anregender Austausch. Ist immer wieder unbezahlbar, mit sympathischen Menschen über Fußball zu sprechen, die auch etwas davon verstehen und obendrein noch andere Einblicke haben. Musste allerdings auch etwas schlucken, als mir klar wurde, dass ich bei unserem letzten Gespräch noch ein Kind war.

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Bin gerade Strohwitwer. Freundin weg, Kinder weg, ich hier. Einer muss sich ja um die Kater kümmern. Nein, nein, alles gut, ich hätte mitfahren können, aber ich hab tatsächlich die nächsten Tage jobmäßig zu tun. Außerdem finde ich jetzt vielleicht sogar mal Zeit, durch meine Notizen zu schauen und mir zu überlegen, welches literarische Projekt ich als nächstes starte. War ja noch nie als Autor auf der Frankfurter Buchmesse. Lange war das ein schönes Ziel, jetzt, da auch diese Veranstaltung von Neonazis unterwandert wird, hat es ziemlich an Reiz verloren, aber gut, vielleicht lernen die Organisatoren daraus für die nächsten Jahre.

Komme also ein wenig zur Ruhe. War gestern im Dorf, auf dem Markt. Und beim Uhrmacher, hab drei Uhren hingebracht und eine halbe Stunde später wieder abgeholt. Zwei neue Batterien, ein neues Armband, einen Uhrdeckel repariert, alles zusammen für 37 Euro, aber ich hab das Gefühl, plötzlich drei neue Uhren zu besitzen.

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Ich liebe es, ab und zu wirklich nachhaltig zu handeln, wenn sich denn schon mal die Gelegenheit bietet. Habe abends, parallel zur Bundesliga, gleich noch meine Buffer geklebt, obwohl ich kurz mit dem Gedanken gespielt habe, mich in meiner kleinen „Einsamkeit“ mit einem neuen Paar Fußballschuhe zu entschädigen. Bin froh, dass ich es nicht getan habe. Außerdem bin ich auch nicht ganz alleine. Die Kater sind ja da und freuen sich, dass ich wenigstens hier bin. War ja in letzter Zeit viel unterwegs. Und ich freu mich auch, obwohl sie gestern in aller Herrgottsfrühe dermaßen durchs Wohnzimmer getobt sind, dass ich ihnen beinahe das Fell über die Ohren gezogen hätte.

Doch zwischendurch wird es schon sehr still. Musste ein paar Mal daran denken, dass es viele Menschen gibt, die jeden Tag alleine sind. Ich merke das schon an Tag 2, dass man plötzlich dazu tendiert, Dinge, die man denkt, laut auszusprechen, um die Stille zu brechen. Hab den Fernseher an, arte, zur Beruhigung. Bin beim Frühstück in einem Film gelandet, der schon Freitagabend lief: „Die Tage unter null“, mit Marie-Sophie Ferdane und Mehdi Nebbou (vielen bekannt als der „Trivago“-Mann). Bin am Freitag jedenfalls schon beim Ende vor Begeisterung ausgeflippt, hab meiner Freundin die letzten zwei Minuten drei Mal vorgespielt, obwohl sie eigentlich Koffer packen musste.

Der Film erzählt, kurz gesagt, die Geschichte zweier Menschen, die sich am Ende begegnen. Im Off beginnt ein Dialog, der – aus der Nachbetrachtung – erzählt, was in beiden in diesem Moment vorgegangen ist. Das heißt, man weiß ganz am Ende, dass sie sich offenbar kennen gelernt haben und nun ein Paar sind, obwohl der Film auf der erzählten Zeit-Ebene genau davor aufhört. Allein das wäre schon ein schöner dramaturgischer Kniff, doch durch die Bildsprache des Kameramannes Matthieu Poirot-Delpech wird es zu einem Stück Filmkunst. Ich bin ja auch ein großer Fan von Spiegelungen (arbeite ja auch bei SPIEGEL TV, haha), aber hier ist es wirklich außergewöhnlich gut in Szene gesetzt und montiert. Der Film läuft noch bis zum 21. Oktober in der arte-Mediathek. Kann ich nur empfehlen.

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Snapseed-Bearbeitung: Gerrit Joens-Anders Copyright des Originals: Arte France, Scarlett Production

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Am Moskauer Flughafen Sheremetyevo gibt es diesen Transferbereich, zwei lange Gänge parallel, die nur durch eine Glasscheibe getrennt sind. Auf der einen Seite kommen die Leute an, auf der anderen fliegen sie wieder ab. Sie gehen in entgegengesetzte Richtungen, und jedesmal, wenn ich ankomme, schiele ich neidisch auf die Abreisenden auf der anderen Seite und wünsche mir, ich hätte meinen Job bereits hinter mir.

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Andererseits liebe ich es, am Tag des Abflugs an der anderen Seite des Flures auf einem der Sitze Platz zu nehmen und die vorbeieilenden Menschen zu beobachten. Deswegen komme ich meistens immer etwas früher. Da sitze ich dann und reflektiere die letzten Tage. Und manchmal kann ich mich regelrecht zurückziehen hinter meine Fassade, wie hinter Burgmauern. Oder, besser gesagt, wie hinter die Holzvertäfelung einer schwedischen Blockhütte. Dann kann ich ziemlich empathisch werden, betrachte wildfremde Menschen und könnte beinahe vor Rührung seufzen, sie müssen nicht einmal etwas Besonderes veranstalten – ein altes Paar auf Reisen oder ein junges, ein Junge, der seiner Mutter die Tasche trägt, eine Tochter, die die Hand des Vaters nimmt …

Und dann versetze ich mich in diese Menschen hinein, schlüpfe in ihre Rolle, weiß von einer Sekunde auf die andere, wie es wäre, der Mann dieser Frau zu sein. Oder die Ehefrau des Mannes. Wie es in ihrer Wohnung aussieht, was der Arzt gesagt hat, warum ihre Kinder nicht mehr so oft zu Besuch kommen, kenne ihre Träume, ihre Ängste, im Ernst, ich hab dann manchmal das Gefühl, die Summe aller Leben zu sein.

Und dann kommt man wieder zuhause an und liest, dass die USA und Israel aus der Unesco ausgetreten sind, und deine Freundin erzählt dir von einem „Monitor“-Bericht, der besagt, dass heute noch ein Großteil der Elite in Ostdeutschland aus Westdeutschen besteht, und die Ostdeutschen da völlig unterrepräsentiert sind, und dann stellst du fest, dass du dich da auch schon viele Male hinversetzt hast in die Lage derer, um das Dilemma zu verstehen, und dass das schon verrückt ist, dass wir es offenbar in einigen Fällen besser hinkriegen, Menschen vom anderen Ende der Welt zu integrieren als unsere eigenen Landsleute, und dass ein erster Schritt vielleicht sein könnte, sich nicht mehr über deren Dialekt lustig zu machen …

Und bevor man dann richtig schlechte Laune kriegt, betrachtet man seine Freundin, die man ein paar Tage nicht gesehen hat, – und kriegt prompt wieder gute.

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Sitze gerade in einem Hotelzimmer in Moskau und warte darauf, dass ich rausgeschmissen werde. Draußen gießt es in Strömen. Hier klopft der Winter schon an die Tür.

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Bin für zwei Drehtage rüber geflogen. Ein bisschen verrückt, war aber wohl die richtige Entscheidung.

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Haiaquarium oder Flugzeugfenster?

Im Moment passieren so viele kleine Dinge, dass ich eigentlich vollzeitmäßig bloggen könnte. Oder Tagebuch schreiben. Jeden Tag ein neuer Gedanke, der mir durch den Kopf schießt und mir hilft, das große Ganze ein bisschen besser zu verstehen.

Und viele kleine Dinge entpuppen sich eigentlich als großes Geschenk.

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Im Positiven wie im Negativen. Waren am Wochenende ein letztes Mal am Stall, um die letzten Sachen zu holen. Da habe ich erst gemerkt, wie sehr mir diese kleinen Ausflüge aufs Land gefallen haben.  Wie sehr die kleinen Bastel- und Reparaturarbeiten zu meinem inneren Gleichgewicht beigetragen haben.  Zu meinem Selbstverständnis als Mann, so bescheuert es klingt. Von den kleinen Streicheleinheiten mit den Pferden mal ganz abgesehen.

Aber, wie gesagt, auch im Positiven: War nämlich letzte Woche auch in der Elbphilharmonie, zum ersten Mal. Der Sohn der besten Freundin meiner Mutter hat dort gesungen, so sind wir an Karten gekommen.

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Auf dem Programm stand das Requiem von Mozart, das der Komponist ja selber nicht fertigstellen konnte, weil er schon todkrank war. Seine Frau Constanze hat dann einen zweiten Komponist gesucht, der das Werk fertigstellen könnte. Das hat uns ein junger Mann vor dem Konzert in einer Art Einführung erläutert, und als ich das hörte, musste ich sofort an den kleinen, unvollendeten Roman „Bilder deiner großen Liebe“ von Wolfgang Herrndorf denken, den ich jetzt gerade gelesen habe, wo es ja genauso um eben diese Frage ging, ob es einen zweiten Autoren gäbe, der in der Lage wäre, die Geschichte von Herrndorf, der ebenfalls schon sehr krank war, weiterzuschreiben. In diesem Fall hat man sich dagegen entschieden, anders als bei Mozart.

Überhaupt war diese Einführung sehr interessant, weil es da auch um musikalische Einflüsse Mozarts ging, ein Spezialthema von mir. Man denkt ja immer, die Genies erschaffen ihre Kunst aus dem Nichts, aber wie ich schon mal in „Jugendstil“ schrieb: Jedes Buch hat sein voriges.

Außer vielleicht der Bibel.

Letztlich geht es wohl immer um die Qualität und Neuartigkeit der Weiterführung. Da war Mozart allerdings zugegebenermaßen weit vorne. Ein „Vor-Bild“ gewissermaßen, um im … äh, … Bild zu bleiben.

Na, Tour

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Vier wunderschöne freie Tage mit der Familie in Schleswig-Holstein verbracht. Immer wenn man Zeit mit der Familie verbringt, merkt man erst, wie wichtig das eigentlich ist, beziehungsweise wie unwichtig alles andere. Auch wenn man es nicht schafft, immer alle Liebsten unter einen Hut zu bringen.

Lasse mich gerade wieder auf eine sanfte Art von bestimmten Inhalten in bestimmte Richtungen drängen. Lese zwischendurch diesen letzten, kleinen, unvollendeten Roman „Bilder deiner großen Liebe“ von Wolfgang Herrndorf. Einfach schön, die geraden Sätze, aber vor allem die ungeraden Gedanken.

Parallel habe ich mir außerdem ein Buch des Kirchenkritikers Martin Urban vorgenommen. Urban kritisiert die evangelische Kirche, weil sie eben keine Reformkirche mehr sei, sondern zunehmend fundamentalistisch. Das Interessante daran ist auch, dass Gerhard Roth das Vorwort geschrieben hat, ein relativ bekannter Hirnforscher und Konstruktivist. Hatte jedenfalls schon auf den ersten Seiten eine helle Sekunde, in der mich plötzlich beim Lesen das Gefühl packte, die Verbindung zwischen kognitiver Autonomie und dem ewigen Leben, bzw. der Seele für mich ableiten zu können. War dann aber doch nix. Egal, daran sind aber wohl schon einige andere vor mir gescheitert.

Herrndorf hat zu dem Thema einen schönen, schrägen Gedanken verfasst, den seine Protagonistin Isa auf ihre unnachahmliche Art formuliert: „Im einen Moment denkt man, man hat es. Dann denkt man wieder, man hat es nicht. Und wenn man diesen Gedanken zu Ende denken will, dreht er sich unendlich im Kreis, und wenn man aus dieser unendlichen Schleife nicht mehr rauskommt, ist man wieder verrückt. Weil man etwas verstanden hat.“ (S. 106)

Das Verrückte, wenn ich in Schleswig Holstein bin, ist, dass ich denke, ganz viel Zeit sei vergangen und gleichzeitig wieder überhaupt keine, weil viele Dinge immer noch ganz ähnlich sind, viele Wege noch dieselben, und wenn ich sehe, wie meine Söhne nun in dem Alter, in dem ich damals war, bestimmte Wege gehen, füllen sich meine Augen mit Wasser.

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Vielleicht bin ich auch bloß überarbeitet.

Hatte noch nie zuvor das Gefühl, dass einen seine „Frei-Zeit“ so unter Druck setzen kann. Das muss (s)ich im nächsten Jahr ändern. Es kann nicht sein, dass Luxusprobleme zu alltäglichen Problemen auswachsen.

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Danke dem Himmel, dass meine Söhne noch so ein Faible für die Natur haben. Waren am Wochenende zweimal am Langsee, nicht bei bestem Wetter, aber egal. Die großen Bäume, das Rauschen der Blätter, das Plätschern des Wassers – da kann man zum Existentialisten werden. Oder zum Naturphilosophen. Es wirkt tatsächlich so, als stecke in jedem alten Baum ein Geist, und das hat nichts mit Konstruktivismus zu tun. Oder vielleicht gerade doch?

Koma

Puh, die Zeit rast nur so dahin und reißt in ihrem Sog alles mit. Merkel bleibt, Ancelotti geht, die Nazis sind wieder da, und mir geht so langsam die Puste aus. Ein Glück, dass nun langes Wochenende ist.

tausend

Das Beste vorab: Nach nicht mal einem Jahr hat unser Bilderwitz-Duo „Die Alphabeten“ schon über 1000 Likes bei FB. Hammer! Das bedeutet, wenn wir so weitermachen, könnten wir in tausend Jahren die magische Millionengrenze knacken. Also, meine Urururururururururururururururur-Enkel können sich freuen.

Hatte diese Woche Abnahme meiner Amok-Dokumentation. War im Prinzip alles gut, aber bei so einem komplexen Thema gab es natürlich noch einige konstruktive Anmerkungen und Anregungen seitens des betreuenden ZDF-Redakteurs. Also nochmal zwei Tage mit meinem Cutter reingehauen, und jetzt steht das Ding erstmal. Nächste Woche gehe ich nochmal in Ruhe über den Text, und wahrscheinlich werden mir dann im Film ein paar weitere Kleinigkeiten auffallen, die man noch ändern könnte. Einen Film zu bauen, ist ein bisschen so, wie einen Song aufzunehmen. Je nach Genre kann man da ziemlich dran herumschrauben, bis man am Ende gar nicht mehr weiß, ob das Ergebnis wirklich besser geworden ist. Aber da sind wir noch lange nicht.

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Ich muss sagen, dass mir (und meinem Cutter, der bald zum ersten Mal Vater wird, ging es genauso) der Film, in dem es ja schwerpunktmäßig um die jugendlichen Schulamoktäter geht, schon nahe gegangen ist, weil man selber Söhne in diesem speziellen Alter hat. Und auch wenn diese Täter, die sich ja meistens an den „Anderen“, die sie gemobbt haben, rächen wollen, sich in der Regel aufgrund einer narzisstischen Störung eher gemobbt fühlen, als dass sie tatsächlich immer gemobbt werden, fragt man sich als Vater natürlich trotzdem, ob die eigenen Söhnen gut klarkommen, bzw. ob es einem als Vater auffallen würde, wenn es nicht so wäre.

Mir ist jedenfalls heute morgen eine Situation aus meiner Grundschulzeit eingefallen, wo ich mal dazwischengegangen bin, als ein Kumpel von mir (nicht zum ersten Mal) einen Klassenkameraden in der Umkleide nach dem Schwimmunterricht gepiesackt hat, bis der anfing zu heulen. Hab es nicht ertragen. Womit ich nicht sagen will, dass ich immer der „Gute“ war. Kinder können bekanntlich grausam sein, was im Übrigen auch viel über den Menschen aussagt, und es fiel mir heute morgen passenderweise ein, kurz nachdem ich meinen jüngsten Sohn bei dessen Fußballmannschaft abgesetzt hatte.

Ansonsten? Ist mir ist aus dem Film ein Statement des Neurologen Rene Hurlemann besonders im Gedächtnis geblieben, einen richtigen Zugang zum Kind bekomme man nur über Vertrauen, nicht über Verbote (z.B. was die Mediennutzung angeht) – das habe ich mitgenommen, in dem Sinne, dass man das bisschen Zeit, was man als Familie miteinander verbringt, vornehmlich in die Vertrauensarbeit investieren sollte. Vielleicht erledigt sich dann auch das Andere irgendwann größtenteils mehr oder weniger von selbst.

Und? Wenn alle Menschen gemeinsam Musik machen würden, sähe die Welt definitiv besser aus. Stehe im Moment ja total auf den amerikanischen Trommler Chris Coleman, weil der nicht nur fantastisch spielt, sondern auch so eine Spiel- und Lebensfreude ausstrahlt, und gestern Abend bin ich auf ein Video gestoßen, in dem er mit einer russischen Kapelle namens Kosmax Band in einem Moskauer Club „jammt“. War ganz erleichtert, als ich sah, dass das Konzert nicht gerade in der Zeit war, als ich in Moskau gedreht habe. Ehrlich, so schön kann Völkerverständigung sein …

Ideeale

Idee

Auf Spiegel Online gibt es heute eine Fotoserie über alte Kaugummiautomaten zu sehen. Die Idee hatte ich auch schon, hab auch immer mal wieder Fotos gemacht, wenn ich irgendwo unterwegs einen coolen Automaten gesehen habe. Jetzt ist mir der Fotograf Eckart Bartnik zuvorgekommen. Man muss solche Ideen wirklich immer sofort umsetzen. Wobei man auch zugeben muss, dass da draußen einfach ganz viele kreative Menschen unterwegs sind, die ganz viel schaffen.

Hab mir am Montag aus Interesse diese Wahlsendung mit Klaas Heufer-Umlauf angeguckt und gehe da ziemlich d´accord mit der allgemeinen Kritik, dass es formal ambitioniert, jedoch inhaltlich ausbaufähig war. Die Interviews waren mir auch nicht szenisch und lebendig genug. Einige Momente haben mir wiederum gut gefallen, z.B. als er Heiko Maas fragt, ob die Menschen für die Demokratie zu dumm seien, und ob das Sommermärchen 2006 womöglich doch der Startschuss für diese neue, gefährliche Deutschtümelei gewesen sei. Das sind so Themen, denen ich in so einem Format gerne mehr Platz eingeräumt gesehen hätte.

Bin im Zuge dessen auf ein anderes Format aufmerksam geworden: jungundnaiv, von und mit Tilo Jung. Hab da gleich in die Folge mit Sigmar Gabriel reingeschaut und war total begeistert, mit welcher erfrischenden Haltung der Moderator seinem Interviewpartner entgegentritt: nah, ohne distanzlos zu sein, kritisch und ein bisschen kumpelhaft zugleich – so bekommt man unerwartete Antworten.

Geh, Danken

Erntedankfest (Oktoberfest auf norddeutsch)
Erntedankfest (Oktoberfest auf norddeutsch)

Nur noch ein paar Tage bis zur großen Wahl. Hab ein bisschen Bammel, dass wir uns alle hinterher verwundert die Augen reiben. Bewege mich deswegen gerade hypersensibel, mit hochgestellten Antennen durch die Welt – und stoße an jeder Ecke auf viel Propaganda-Müll, aber auch auf interessante Gedanken.

Augen auf

Auf einen Stromkasten in unserem Ortskern hat jemand das hier gesprüht: „Augen auf und durch!“ Da fahre ich jeden Morgen dran vorbei und freue mich über diese kleine, geistreiche Modifikation.

Am Wochenende habe ich eine dieser Deutschland-vor-der-Wahl-Sendungen auf sport1 gesehen, mit dem guten Moderator Raul Krauthausen, der in dem Format auch eine ostdeutsche Kleinstadt besuchte und dort auf die (mittlerweile leider) übliche, geäußerte Fremdenfeindlichkeit stieß; dass die Flüchtlinge den Deutschen die Wohnungen und die Jobs wegnähmen usw. Und gerade, als ich dachte, dass es natürlich auch immer sehr einfach ist, da mit einem Fernsehteam hinzufahren und sich die üblichen Statements abzuholen, sagte der Moderator etwas ganz Schlaues – dass man (sinngemäß) nämlich nicht die beiden Seiten, die beide auf ihre Weise Nöte haben und im weitesten Sinne „Hilfe“ suchen, gegeneinander ausspielen dürfe, sondern sich die Politik eigentlich gleich gut um beide Parteien kümmern müsse, damit sich die eine, die vorher da war, nicht radikalisiert. Und das fand ich unerwartet empathisch und ganz klug, weil das auch genau mein Eindruck war, als ich vor einiger Zeit in Duisburg-Marxloh gedreht habe; dass es in vielen Fällen nämlich keine Angst vor dem Fremden ist, sondern eher eine Neid-Diskussion, im Sinne von: Wieso bekommt der Flüchtling die sanierte Sozialwohnung, auf die ich seit Jahren vergeblich warte?

Nicht falsch verstehen, ich möchte diesen neudeutschen „Nazionalismus“ überhaupt nicht relativieren oder schon gar nicht gutheißen, ich möchte nur anmerken, dass am Ende alle Menschen nur respektiert und wahrgenommen werden wollen – auch die neuen Nazis (Das haben die Ärzte schon besungen: „Schrei nach Liebe“).

Und die Politiker einer hochzivilisierten Demokratie müssen eben verhindern, dass aus ihren Bürgern erst „Wutbürger“ und schließlich Feinde dieser Demokratie werden. Doch für diesen Balance-Akt brauchst Du wirklich die besten Leute in der Politik. Leute mit Visionen, ohne Berührungsangst. Leute, die auch mal mit der U-Bahn in die Brennpunkte fahren, anstatt immer nur mit Chauffeur von Tiefgarage zu Tiefgarage. Empathie, statt Egoismus. Aufmerksame Altruisten, statt arrogante Anzugträger. Leute, die wirklich ein Ohr für die Probleme vor Ort haben, anstatt nur vorbeizuschauen, wenn ein Kamerateam in der Nähe ist. Und, ja, vielleicht gibt es die sogar, sie sind nur verdammt schwer auszumachen. Und, ja, es wird natürlich doppelt schwer, wenn die Politik selbst von Rechtspopulisten „unterlaufen“ wird. Warum gibt es keinen „hippokratischen Eid“ für Politiker? Oder müssen sogar alle Bundestagsabgeordnete vor Amtsantritt auf das Grundgesetz schwören, dass sie nach bestem Wissen und Gewissen ihren Job machen? Ich weiß es wirklich nicht.

Vielleicht wieder mehr laufen und weniger Bier trinken und Zeitung lesen?
Vielleicht wieder mehr laufen und weniger Bier trinken und Zeitung lesen?

Zugegeben, ich bin ein bisschen „auf Zinne“. Liegt zum Teil auch daran, dass wir am Sonntag mit den Alten Herren 8:0 verloren haben. Hat mich vor allem deswegen genervt, weil wir wieder so einen „Angsthasen-Fußball“ gespielt und uns viel zu früh aufgegeben haben. So ein bisschen wie Köln gegen Dortmund ein paar Stunden später. Und da hat der Sky-Kommentator übrigens auch noch etwas Kluges über Köln gesagt, nach dem Motto: Erst verlierst du ein paar Mal unglücklich und irgendwann glaubst du dann aber auch tatsächlich, dass du so schlecht bist wie die null Punkte besagen. Und da ging mir ein Licht auf, weil das irgendwie auch auf uns zutrifft.

Pay TV-Philosophie, im ABO-Preis inbegriffen.