Das Jahr ist schon wieder zur Hälfte rum. Wieder 0,5 aufs Alter draufgeschlagen. Abgeschlagen. Durchgeschlagen. Eingeschlagen. Wochen mit Aufs und Abs, wie das Wetter gerade. Der Sturm peitscht den Regen vor sich her. Die Natur heult vor Freude, der Grundwasserpegel erholt sich, aber das Summer-Feeling hat sich wie ein Geist wieder in die Bacardi-Flasche zurückgezogen.
Reibungsverluste.

Vielleicht waren wir im Frühjahr einmal zu oft oben auf. Vielleicht haben wir einmal zu oft gesagt, dass es uns gut geht. Dass es so ein großes Glück ist, mit King Kong, unserem alten Kater, der seinen zweiten Frühling zu haben schien. Prompt hat uns das Schicksal mitten im Wonnemonat Mai aus zwei Metern Entfernung den Ball voll in die Eier geschossen: Sieben Monate nach Rocky mussten wir schweren Herzens auch seinen kleinen Bruder einschläfern lassen. Nicht ganz so überraschend, deswegen nicht ganz so traumatisch – aber natürlich dann doch wieder. Deswegen komme ich auch jetzt erst dazu, mich um die richtigen Worte zu bemühen – um hier einmal Lebewohl zu sagen – und: Willkommen!
King Kong, dieser kleine Mann, hatte sich genau den richtigen Tag dafür ausgesucht. Konnte morgens plötzlich nicht mehr die Hinterbeine bewegen. Es war uns erster Urlaubstag nach Wochen voller Stress und Hektik, der erste wirklich ruhige Tag, an dem wir eigentlich auch erst bereit für so einen Abschied gewesen wären. Theoretisch. Das Katzenfutter war auch fast alle. Es war beinah so, als hätte er all diese Dinge gesehen, um uns an diesem Morgen zu sagen: Okay, Leute, ich war schon echt tapfer, aber jetzt reicht es. Leider. Schön war es. Gehabt euch wohl.
Er war von den beiden Brüdern von Anfang an „der Kleine“, bekam sofort am zweiten Tag Fieber, vor lauter Aufregung. Dann eine Harnleiter-Verengung, später immer wieder Anflüge von eine Arthrose … und trotzdem bis zum Schluss diese Lebensfreude, diese Ruhe, diese Liebe, das tapferste kleine Wesen, das ich je gesehen habe.
Wir sind für die letzten sieben Monate so unendlich dankbar, weil der Kater nach dem überraschenden Abschied seines älteren Bruders Rocky (den ich bis heute noch nicht ganz begriffen habe) noch mal auf eine ganz andere Art die Nähe zu uns gesucht hat. Jeden Abend legte er sich bei meiner Frau in den Arm, wenn wir es uns auf dem Sofa gemütlich machten, ließ sich von mir auf den Arm nehmen, ja, suchte diesen Kontakt sogar bewusst und drückte dann minutenlang sein Köpfchen ans Kinn und schnüffelte in meinem Bart. Ich habe mich auf ihn gefreut, wenn ich abends nach Hause kam, wie man sich auf ein Kind freut, es ist verrückt, und die Leere, die uns nach der kurzen Urlaubswoche in Budapest zu Hause empfing, war erdrückend.
Aber man kann ja auch schlecht eine Woche später direkt ins Tierheim fahren und sich sofort zwei neue Katzen kaufen, nur um die Leere wieder zu füllen!? Dachte ich jedenfalls. Und es ist auch anders.
Wir wollten nur die letzten Dosen Futter und etwas unbenutztes Spielzeug ins Tierheim bringen. Weil es uns zuhause anschrie: Wir sind sinnlos! Wie euer Leben von nun an! Und, ja, vielleicht hatte es auch ganz unbewusst damit zu tun, dass meine Frau am Tag zuvor einen neuen Steckbrief auf der Seite des Tierheims gesehen hatte: „Amaretto“, ein kleiner, schwarzer Kater, eine Fundkatze, geschätzte 2 Jahre auf dem jungen Buckel, lieb, ein bisschen frech, menschenbezogen, einer, der alles mitmacht.
Meine Frau und ich waren uns eigentlich einig, schon bevor uns die anderen beiden Racker verlassen haben; dass wir beim nächsten Mal nur eine Katze nehmen, eine junge, und die dann möglicherweise so erziehen, dass sie ein Reisebegleiter werden könnte, eine Vanlife-Katze, wie es so schön neudeutsch heißt.
Wir haben uns Amaretto ganz zum Schluss angesehen, nur um sicher zu sein, dass wir nicht (nur) aus einem Affekt heraus entscheiden. Dass es nicht eine beliebige Katze sein könnte. Und es war so. Die Schicksale aller Tiere dort rührten uns zutiefst, und es ist wahrlich unfair, wie leichtfertig mit vielen von ihnen umgegangen wird, so dass sie im Tierheim landen. Und ich hatte plötzlich so viel Respekt für die Crew dort, die sich um alles kümmert. Aber: Keine Katze eroberte unser Herz – bis wir schließlich Amaretto trafen.


Nach 10 Sekunden war die Sache klar. Ein Geschenk des Himmels. Die beste Freundin meiner Frau sagte es auch: Diese Katze hat euch King Kong geschickt. King Kong ist jetzt bei Rocky. Und Amaretto heißt jetzt Manni. Wir haben die Leere nicht gefüllt. Wir haben ein Leben befreit.
Willkommen, Manni!