Originalverpackt

Am Samstag gehen meine Frau und ich gerne auf den Markt. Dort gibt es einen Stand mit gebrauchten Büchern – und Comics. Es war ein Highlight für meinen jüngsten Sohn, als er noch klein war und Lustige Taschenbücher gelesen hat, da samstags nach dem Einkauf auf dem Rückweg vorbeizugehen und vielleicht noch etwas abzustauben.

Diese Zeiten sind lange vorbei, aber trotzdem muss ich immer daran denken, wenn wir an diesem Stand vorbeigehen. Was soll ich sagen? An diesem Wochenende bin ich schwach geworden. Vielleicht liegt es an Corona, an dieser ständigen Nachdenklichkeit, den zunehmenden Hiobsbotschaften, den düsteren Aussichten, was „Normalität“ in nächster Zukunft betrifft. Also, ja, vielleicht neigt man dann noch eher zu der Illusion, dass früher alles besser war, dass man wieder Kind sein möchte (was ich nicht möchte), aber ich konnte nicht daran vorbeigehen. Obwohl ich es, objektiv betrachtet, wirklich nicht brauche …

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Yps Nummer 358: das Fingerabdruck-Set. Originalverpackt und mit Gimmick! Das ist tatsächlich sehr selten. Und ich musste es nochmal kaufen, weil ich es als Kind schon mal hatte, die ganze Agentenserie: das Schießbuch, das Blasrohr, das Pulver, den Tresor und die Brieftasche. Und weil mir plötzlich wieder soviel Drumherum eingefallen ist, obwohl ich erst 8 war, damals in dem Sommer 1982. Das Blasrohr, zum Beispiel, war cool, und man konnte durch regelmäßiges Training seine Technik verbessern, allerdings hat genervt, dass die Styropor-Munition sofort weg war. Und dann hat man versucht, selber Munition zu basteln, was natürlich nicht dasselbe war. Ich glaube sogar, dass mein Vater mit mir Experimente mit abgedichteten Fischer-Dübeln gemacht hat – erfolglos.

Wir sind in dem Sommer umgezogen, aus dem Sauerland ins Münsterland. Oder, wie ich es nennen würde, von der Traufe in den Regen. Wir sind da immer noch viel hin und her gefahren, dieser Umzug hat gefühlt ewig gedauert, weil mein Vater das neue Haus erst komplett umbauen musste. Aber unsere Eltern haben versucht, uns das alles so leicht wie möglich zu machen, und irgendwie war es auch eine wilde, schöne Zeit.

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Den Agenten-Tresor, der eine Woche später kam, hab ich bekommen, als ich bei meiner Tante und meinem Onkel zu Besuch war. Keine Ahnung, ob noch Sommerferien waren, auf jeden Fall sind wir an demselben Tag auf der Rückfahrt zu meinen Eltern ganz spontan ins Weserstadion gegangen, weil Bayern gegen Bremen spielte. Und mein Cousin hat die ersten Tresor-Teile schon im Auto verloren, weil wir mit der Montage nicht warten konnten, bis wir wieder zuhause waren.

Bei dem Fußballspiel war es so, dass es, glaube ich, das erste Spiel für Völler bei Bremen war, und ich wusste, der würde einschlagen wie eine Granate, weil ich ein paar Wochen vorher in der Sportschau gesehen hatte, wie er dreimal in einem Spiel traf (damals noch für seinen Ex-Club 1860 München). Und bei Bayern stand zum ersten Mal Jean-Marie Pfaff im Tor, der sich dann auch gleich in seinem ersten Spiel das ätzendste Tor fing, das man als Keeper kriegen kann: das – bis heute – ziemlich legendäre Einwurftor von Uwe Reinders. Bitte schön!

Tja, all das ist mir am Samstag so durch den Kopf gegangen. Und eigentlich würde ich das Heft gerne auspacken und gucken, was das Unboxing in mir auslöst. Auf der anderen Seite verliert es dann massiv an Wert, vielleicht auch für mich. Vielleicht sollte man Erinnerungen in der Verpackung lassen, um die Illusion zu bewahren.

Bleibt gesund! Vor allem im Kopf …

25. Oktober 2020 von Gerrit
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