Terre Ohr

Bald ist es Zeit für meine Spezialeinheit ...

Ja, der Chef ist ein weißer Cowboy, aber er trägt sein Herz am linken Fleck!

Samstag. Draußen ist es warm, aber grau, eine Tasse Kaffee fragt mich, ob ich mich mit ihr auf die Terrasse setze. Warum nicht? Muss ja nicht gleich etwas mit ihr anfangen. Klemme mir ein Buch unter das Herz, Gedichte und Lieder von Wolf Wondratschek. Eines trägt den Namen: Deutschland im Herbst – und da weiß der geneigte Leser natürlich gleich, worum es geht. Als „Deutscher Herbst“ bezeichnet man die Zeit im September/Oktober 1977, die geprägt war von den terroristischen Anschlägen der RAF. Diese Zeit gilt bis heute als eine der schwersten politischen Krisen der Bundesrepublik Deutschland. „Deutschland im Herbst“ wiederum ist der Titel eines deutschen Autorenfilmes, der sich mit eben dieser Phase auseinandersetzt und im Folgejahr erschien. Das ist so (mutmaßlich) der Kontext dieses Wondratschek-Gedichtes, aus dem ich drei Zeilen zitieren möchte:

Einige legten die Karten auf den Tisch,
um die Hände frei zu haben für einen ersten Schusswechsel
mit der Politik.

Dieser Text ist in diesen Tagen wieder hochaktuell. Das Land befindet sich erneut einer ständigen Terror-Gefahr ausgesetzt. Diesmal nicht von links, sondern vor allem von rechts. Wieder nehmen die Terroristen die Politik ins Visier, aber eben nicht nur, und das ist der Unterschied. Insofern hat das Attentat von Halle das (vorerst) letzte Tabu gebrochen. Denn natürlich ist linker Terror nicht besser als rechter Terror, aber die Tatsache, dass in Deutschland wieder ein Täter in dieser Form Jagd auf jüdische Mitbürger gemacht hat, erscheint so unfassbar, dass eine Steigerung kaum möglich scheint. Und warum? Weil die Politik geschlafen hat, als sich der Teufel aus der Hölle befreit und hier – mitten unter uns – ins rechte Licht gesetzt hat. Weil die, die gesagt haben, das wird man ja wohl noch sagen dürfen, plötzlich wirklich alles sagen durften. Und zwar so lange, bis es einige andere geglaubt haben. Und wiederum andere sich im Recht fühlten, unmenschlich zu handeln.

Und wenn die verbliebenen, demokratischen Parteien es mit den ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln jetzt nicht schaffen, die neuen, demokratiefeindlichen Kräfte außer Kraft zu setzen und mittelfristig den Nährboden zu entziehen, dann weiß ich bald wirklich nicht mehr, was ich meinen Kindern später antworten soll, wenn sie fragen: Wie konnte das wieder passieren?

12. Oktober 2019 von Gerrit
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