{"id":7946,"date":"2026-04-05T14:04:32","date_gmt":"2026-04-05T14:04:32","guid":{"rendered":"https:\/\/www.anders-blog.de\/?p=7946"},"modified":"2026-04-05T14:14:34","modified_gmt":"2026-04-05T14:14:34","slug":"kluges-gespraech-3","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.anders-blog.de\/?p=7946","title":{"rendered":"Kluges Gespr\u00e4ch"},"content":{"rendered":"\n<p>Alexander Kluge ist tot. Ich musste die Nachricht ein bisschen verdauen. Muss es noch. Diese Nachrichten kommen immer \u00fcberraschend, auch bei alten Menschen, &#8222;aus heiterem Himmel&#8220;, gewisserma\u00dfen. Danach wird es dunkel.<br><br>Ich bin mit Alexander Kluge bereits im Studium bekannt geworden, musste ein Referat \u00fcber ihn halten, in einem Filmseminar \u00fcber Avantgardisten. Ich \u00fcbertreibe nicht, wenn ich sage, f\u00fcr mich war diese fl\u00fcchtige Bekanntschaft ein Wendepunkt. Seitdem hat er mich verfolgt. Es ist kein Zufall, dass ich bei SPIEGEL TV gelandet bin. Das Medium Bild hat <em>mich<\/em>, der sich auch eher als Autor versteht (kurioserweise bis heute), auch deswegen interessiert, weil ich dieses Filmseminar belegt habe, in dem Alexander Kluge verhandelt wurde. Und ich wusste, dass SPIEGEL TV auf den Sendepl\u00e4tzen der dctp lief &#8211; der Firma von Alexander Kluge. Ich dachte, so arbeiten wir irgendwie zusammen. Das hat mich motiviert.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><a href=\"https:\/\/www.anders-blog.de\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/IMG_0525.jpeg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"480\" height=\"640\" src=\"https:\/\/www.anders-blog.de\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/IMG_0525.jpeg\" alt=\"\" class=\"wp-image-7947\" srcset=\"https:\/\/www.anders-blog.de\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/IMG_0525.jpeg 480w, https:\/\/www.anders-blog.de\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/IMG_0525-225x300.jpeg 225w\" sizes=\"auto, (max-width: 480px) 100vw, 480px\" \/><\/a><\/figure>\n\n\n\n<p><br>Tats\u00e4chlich haben wir f\u00fcr ein Projekt sogar <em>wirklich <\/em>mal zusammengearbeitet: eine DVD \u00fcber das B\u00f6se. Kluge hatte \u00fcber die Jahre viele Interviews und Filmchen zu dem Thema produziert, und er wollte sie herausgeben, aber er brauchte daf\u00fcr noch was \u201eNormales\u201c. Oder was Normaleres. Meine Frau und ich hatten kurz zuvor bei SPIEGEL TV &#8211; auch in einem der dctp-Fenster &#8211; eine lange Doku f\u00fcr VOX produziert, \u201eDas B\u00f6se nebenan\u201c, eine f\u00fcr damalige Verh\u00e4ltnisse (2009) ziemlich neuartige Form der Erz\u00e4hlung und Gestaltung, mit sehr tiefgehenden Experten-Interviews, ein Film, der unter die Haut ging. Man muss sich vorstellen, True Crime war damals fast eine Nische, und Amrei und ich versuchten, die Grenzen auszuloten. Und SPIEGEL TV lie\u00df uns machen, das muss man auch mal sagen. Da wurde nicht auf die Schnitt-Tage geguckt, weil alle ahnten, das k\u00f6nnte auch nach vorne losgehen. So war es auf der einen Seite nicht v\u00f6llig \u00fcberraschend, aber doch ein gro\u00dfes Kompliment, dass sich Kluge bei uns meldete und sagte, er brauche unseren Film, gewisserma\u00dfen als (massenkompatiblen) Hauptfilm f\u00fcr seine kleinen (wunderbaren) Miniaturen, um die DVD herauszubringen.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Lustige war, ich hatte f\u00fcr die Doku so kleine Trenner entwickelt, Wortspiele zwischen den F\u00e4llen, grafische Animationen, wo aus dem Wort \u201eMutter\u201c z.B. \u201eM\u00f6rder\u201c wurde, und zwar genau in dem Stil, wie Kluge selbst immer die \u00dcberschriftstafeln bei seinen eigenen dctp-Produktionen gestaltete, d.h. eine rote oder wei\u00dfe, sehr klare Typo auf schwarzem Hintergrund. Im Grunde waren diese Animationen meine Hommage an ihn, und er wusste es, zumindest deutete er das am Telefon an; es sei ihm aufgefallen, und er fand das gut. Glaube ich.<\/p>\n\n\n\n<p>Zu einem pers\u00f6nlichen Treffen kam es nie. Einmal hatten mir meine beiden Redaktionsleiterinnen netterweise ziemlich spontan ein Treffen mit ihm organisiert, eine richtige Privataudienz. Leider hatte ich zwei Tage vorher meine Handynummer gewechselt, was aber niemand wusste. Der Anruf landete auf der alten Mailbox. Ich stand auf dem Trainingsplatz, w\u00e4hrend Kluge im Hotel auf mich wartete. Katastrophe. Er war dann noch einmal in Hamburg in der Redaktion, Jahre sp\u00e4ter, da sa\u00df ich gerade im Interview mit Markus Wasmeier und sprach \u00fcber Ikea und Mc Donalds f\u00fcr SAT1, ein schwarzer Tag, auch wenn Markus Wasmeier ein sehr netter Typ ist. Aber dass oben gerade Alexander Kluge die Runde machte, w\u00e4hrend ich mich unten im Studio mit den dunkleren Seiten des Privatfernsehens abm\u00fchte, irgendwie symptomatisch.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich habe Kluge auch daf\u00fcr bewundert, dass er nicht nur \u201ek\u00fcnstlerisch wertvoll\u201c, sondern zugleich auch strategisch und medienpolitisch bewandert agiert hat. Er war ja auch Jurist, deswegen konnte er vermutlich so gut mit Ferdinand von Schirach (der wiederum damals das Vorwort zu unserer DVD verfasste). Die dctp, die Kluge gegr\u00fcndet hatte, um dort \u00fcber die so genannten \u201eDrittsendelizenzen\u201c Programme wie SPIEGEL TV abzuspielen, erm\u00f6glichte ihm nicht nur finanzielle Unabh\u00e4ngigkeit. Dar\u00fcber hinaus schenkte sie ihm Zeit f\u00fcr seine weitreichenden, k\u00fcnstlerischen T\u00e4tigkeiten. Er hatte sich selbst ein \u201eSpielfeld\u201c bestellt und verdiente damit auch noch Geld, ein genialer Schachzug. Es half ihm selbst, seinen gewaltigen Output zu kanalisieren, und kam genau deswegen letztlich eben auch uns zugute.<\/p>\n\n\n\n<p>Seine CD-Box &#8222;Chronik der Gef\u00fchle&#8220; liegt bei mir bis heute im Handschuhfach vom Volvo. Das beste Aufputschmittel f\u00fcr lange Autobahnfahrten. Es sind die einzigen CDs, die ich noch h\u00f6re.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><a href=\"https:\/\/www.anders-blog.de\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/IMG_0521.jpeg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"480\" height=\"640\" src=\"https:\/\/www.anders-blog.de\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/IMG_0521.jpeg\" alt=\"\" class=\"wp-image-7948\" srcset=\"https:\/\/www.anders-blog.de\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/IMG_0521.jpeg 480w, https:\/\/www.anders-blog.de\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/IMG_0521-225x300.jpeg 225w\" sizes=\"auto, (max-width: 480px) 100vw, 480px\" \/><\/a><\/figure>\n\n\n\n<p>Ich h\u00e4tte gerne nochmal pers\u00f6nlich mit ihm gesprochen. Ein paar Mal war ich kurz davor, nach M\u00fcnchen zu fahren und mich einfach vor sein Haus zu stellen, ein bisschen dort herumzulungern, so wie er als junger Mann gemeinsam mit seiner Schwester angeblich um das Haus von Thomas Mann herumgestreunt war. Und genau das h\u00e4tte ich ihm entgegnet, wenn er mich gefragt h\u00e4tte, was ich da wohl mache. Ich war also gewappnet, im Prinzip.<\/p>\n\n\n\n<p>Nun ist der Sehnsuchtsort in meinem Kopf geschlossen. Oder in meinem Herzen. Es f\u00fchlt sich komisch an, dass J\u00fcrgen Habermas ein paar Tage zuvor ebenfalls verstorben ist. Als h\u00e4tten sie sich abgesprochen, diese klugen alten Menschen. Als h\u00e4tten sie genug gesehen. Oder zuviel. Keine Kraft mehr, sich dem Sturm im Bl\u00e4tterwald entgegenzustemmen. Naja, \u201eBl\u00e4tterwald\u201c \u2026 Papier spielt ja keine Rolle mehr, ein geschriebener Satz hat viel von dem verloren, was er mal war, seine Grundlage, wenn man so will. Jetzt reden wir von Servern, Drohnen, Deep Fakes. Kluge hat immer von Authentizit\u00e4t gesprochen. Mit dem Abgang dieser gro\u00dfen Denker schwinden unsere Abwehrkr\u00e4fte weiter. Verstummen unsere Gedanken, zumindest die, die man ernst nehmen kann. Meine einzige Hoffnung: Es ist Ostern, das erh\u00f6ht die Wahrscheinlichkeit einer Wiederauferstehung. In den heiteren Himmel.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Alexander Kluge ist tot. Ich musste die Nachricht ein bisschen verdauen. Muss es noch. Diese Nachrichten kommen immer \u00fcberraschend, auch bei alten Menschen, &#8222;aus heiterem Himmel&#8220;, gewisserma\u00dfen. Danach wird es dunkel. Ich bin mit Alexander Kluge bereits im Studium bekannt geworden, musste ein Referat \u00fcber ihn halten, in einem Filmseminar \u00fcber Avantgardisten. 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