{"id":7820,"date":"2025-04-22T19:33:19","date_gmt":"2025-04-22T19:33:19","guid":{"rendered":"https:\/\/www.anders-blog.de\/?p=7820"},"modified":"2025-04-22T19:33:19","modified_gmt":"2025-04-22T19:33:19","slug":"erfrischend-anders","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.anders-blog.de\/?p=7820","title":{"rendered":"Erfrischend anders"},"content":{"rendered":"\n<p>Mein Onkel war vom alten Schlag. Norddeutsch durch und durch. Sein Herz schlug schneller, f\u00fcr alles, was einen Motor hatte. Oder R\u00e4der. Oder am besten beides.<br>Als ich mir w\u00e4hrend des Studiums, Mitte der 90er, einen Renault Kastenwagen kaufte (f\u00fcr den Transport meines Schlagzeugs), war ich fortan mit den meisten Reparaturen aller meiner noch folgenden Autos (bis zuletzt, mit meinem alten Elch) in seiner Guerilla-Werkstatt &#8211; einer Doppelgarage, ohne Hebeb\u00fchne und ohne Grube, daf\u00fcr mit einem gro\u00dfen Wagenheber, dem die Last mit zunehmendem Alter immer weniger zuzutrauen war. Dasselbe galt irgendwann auch ein klitzekleines Bisschen f\u00fcr meinen Onkel, aber richtig schiefgegangen ist nie was. Und Kosten gespart hab ich dadurch, was gut war. Ein kaputtes Auto war f\u00fcr mich immer sofort eine kleine Katastrophe. Und mein Onkel sehr oft der rettende Engel. <br><br>Mein Onkel war, wie gesagt, vom alten Schlag. Dazu geh\u00f6rt auch, dass er relativ viel rauchte. Und &#8222;Flens&#8220; war sein Ding. \u00c4rzte (&#8222;Quacksalber&#8220;) und Vorsorge waren hingegen nicht so sein Ding. Als es am Ende dann nicht mehr anders ging, ist er doch zum Menschen-T\u00dcV, aber die M\u00e4ngel waren leider schon zu gro\u00df, um ihn nochmal flott zu machen. Kolbenfresser. &#8222;Wenn der Motor auf ist, ist er auf&#8220;, soll er zu den Schwestern gesagt haben. Es ging so schnell, und von uns wollte er keinen mehr sehen. Als ich noch \u00fcberlegte, ob es richtig oder falsch w\u00e4re, sich \u00fcber seinen Wunsch hinwegzusetzen und einfach hinzufahren, ist er gestorben. Meine Mutter schickte uns allen eine Sprachnachricht, um die traurige Botschaft zu \u00fcberbringen. Ich sa\u00df gerade im Auto, hatte meine Frau soeben am Flughafen abgesetzt &#8211; und im Radio lief &#8222;Hymn&#8220; von <em>Barclay James Harvest<\/em>. Das war <em>sehr<\/em> traurig.<\/p>\n\n\n\n<p>Meine ganze Familie ist doch eher norddeutsch. Also, zumindest das Gegenteil von s\u00fcdeurop\u00e4isch (oder das, was wir klischeehaft als <em>s\u00fcdeurop\u00e4isch<\/em> vor Augen haben). Will sagen, wir sehen uns nicht oft, als Ganzes. Leider, eigentlich, und in den ersten Jahren meiner Kindheit und Jugend war das auch anders. Die regelm\u00e4\u00dfigen, gro\u00dfen Treffen h\u00f6rten auf, als meine Oma starb, die Mutter meines Onkels. Aber nat\u00fcrlich liegt es in erster Linie an mir. Die genauen Gr\u00fcnde daf\u00fcr kenne ich wahrscheinlich nicht mal selbst.<\/p>\n\n\n\n<p>Die einzigen Anl\u00e4sse, auf denen man sich jetzt noch sieht und feststellt, wer alles noch da ist, sind Beerdigungen. Die meiner Oma habe ich verpasst, weil ich zeitgleich auf einem Dreh in New York war. Als sich meine Familie ums Grab versammelte, stand ich neben mir, auf dem Broadway. Damals habe ich mir geschworen, dass mir das nie wieder passiert. Aber ausgerechnet bei dem Onkel, mit dem mich am meisten verband, passiert es wohl wieder. Wenn die Beerdigung stattfindet, werde ich gerade in Mexico City gelandet sein, am Anfang einer langen, wichtigen Drehreise. Aber was ist schon wichtig?<\/p>\n\n\n\n<p>Leider sehe ich aktuell keine M\u00f6glichkeit, das noch irgendwie zu \u00e4ndern. Das macht mich auch traurig. In der vertrauten Gemeinschaft Abschied zu nehmen, ist wichtig. War es immer schon. Es sch\u00fctzt uns vor Traumata. Der Konstruktivist in mir versucht mir nat\u00fcrlich einzureden, dass mein Onkel so lange lebt, wie ihn mein Kopf denken kann, aber ich ahne, dass das nicht so ganz stimmt &#8230;<br><br>Mein Onkel hat mir einiges bei- und n\u00e4hergebracht: <em>Werner<\/em>, zum Beispiel, den kleinen &#8222;Krad-Anarchisten&#8220; aus Flensburg. Mein Onkel war der Erste, der die Comics zuhause hatte und sie <em>mir<\/em>, der noch ein Kind war, nach den Ferien auslieh. Obwohl ich nicht alle Witze verstand, hab ich die Dinger auswendig gelernt, wurde in der Schule daf\u00fcr auch ziemlich gesch\u00e4tzt (zumindest von den Jungs), und ich konnte <em>Werner<\/em> auch selber ganz passabel zeichnen. Kein wei\u00dfes Blatt war vor mir sicher.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><a href=\"https:\/\/www.anders-blog.de\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/wernerpeter.jpeg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"848\" height=\"1024\" src=\"https:\/\/www.anders-blog.de\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/wernerpeter-848x1024.jpeg\" alt=\"\" class=\"wp-image-7839\" srcset=\"https:\/\/www.anders-blog.de\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/wernerpeter-848x1024.jpeg 848w, https:\/\/www.anders-blog.de\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/wernerpeter-248x300.jpeg 248w, https:\/\/www.anders-blog.de\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/wernerpeter-768x927.jpeg 768w, https:\/\/www.anders-blog.de\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/wernerpeter.jpeg 1060w\" sizes=\"auto, (max-width: 848px) 100vw, 848px\" \/><\/a><\/figure>\n\n\n\n<p>Ein unbeschriebenes Blatt war mein Onkel sicher nicht. Eher so eine Mischung aus Hermann L\u00f6ns, MERIAN, Lederstrumpf, Tageskarte und einem alten D&amp;W-Katalog aus den 80ern. Er war bekannt. Die Verk\u00e4ufer bei Matthies nannten ihn beim Vornamen, wahrscheinlich hatte er eine einstellige Kundennummer. In seinem Lieblingsimbiss, in dem er jahrelang zu Mittag a\u00df, besa\u00df er einen Stammplatz, da lag auch seine Lesebrille. Neben den Zeitungen. Die Brille lag da, weil er sie da immer liegenlie\u00df. Er kam ja wieder.<\/p>\n\n\n\n<p>Als er das &#8222;Richtfest&#8220; seiner Doppel-Garagen-Werkstatt feierte, war ich das erste Mal richtig betrunken &#8211; in Anwesenheit meines Vaters, der auch richtig betrunken war. Man kann sagen, diese Party war mein Initiationsritus. Ohne krasse Drogen, oder dass Blut floss, einfach nur Bier.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Werners<\/em> Bier, &#8222;Flensburger&#8220;, war auch das Bier meines Onkels. &#8222;Erfrischend anders&#8220;, so lautete mal ein Werbe-Slogan des Unternehmens. Der Slogan prangte als gro\u00dfer Aufkleber auf der K\u00fchlerhaube seines Opels (ein Kadett C Coup\u00e9), eine Anspielung auf unseren Nachnamen. Was ein bisschen lustig war. Und so werde ich ihn auch in Erinnerung behalten: Oft &#8222;erfrischend&#8220;, aber immer &#8222;anders&#8220;.<\/p>\n\n\n\n<p>Mein Onkel. Mit ihm geht ein Original, mit allen Ecken und Kanten. Ein Original, das eben auch so oder so \u00e4hnlich nicht zu ersetzen ist. Vielleicht ist das niemand, aber er erst recht nicht. Und das werden alle so sehen, die ihn kannten.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mein Onkel war vom alten Schlag. Norddeutsch durch und durch. Sein Herz schlug schneller, f\u00fcr alles, was einen Motor hatte. Oder R\u00e4der. 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