{"id":6932,"date":"2020-06-25T16:11:50","date_gmt":"2020-06-25T16:11:50","guid":{"rendered":"http:\/\/www.anders-blog.de\/?p=6932"},"modified":"2020-06-25T16:12:02","modified_gmt":"2020-06-25T16:12:02","slug":"carmen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.anders-blog.de\/?p=6932","title":{"rendered":"Carmen"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"https:\/\/www.anders-blog.de\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/Bildschirmfoto-2020-05-05-um-12.40.36.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-large wp-image-6933\" src=\"https:\/\/www.anders-blog.de\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/Bildschirmfoto-2020-05-05-um-12.40.36-1024x490.png\" alt=\"Bildschirmfoto 2020-05-05 um 12.40.36\" width=\"450\" height=\"215\" srcset=\"https:\/\/www.anders-blog.de\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/Bildschirmfoto-2020-05-05-um-12.40.36-1024x490.png 1024w, https:\/\/www.anders-blog.de\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/Bildschirmfoto-2020-05-05-um-12.40.36-300x144.png 300w, https:\/\/www.anders-blog.de\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/Bildschirmfoto-2020-05-05-um-12.40.36.png 1254w\" sizes=\"auto, (max-width: 450px) 100vw, 450px\" \/><\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Nee, Google, ernsthaft? Dann versuche ich es mal selbst &#8230;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">*<\/p>\n<p>Adam schaltete das Radio ein. Die Stille setzte ihm in unguten Momenten im selben Ma\u00dfe zu, wie er sie im Allgemeinen sch\u00e4tzte. Aber das Radio einzuschalten, barg immer ein kleines Risiko. Das Radio zerst\u00f6rt das Wesen, hatten Medienkritiker fr\u00fch gemahnt, es sei ein Tummel-Feld von Weltger\u00e4uschen, sp\u00e4ter verpestete G\u00f6bbels, dieser mickrige Zwerg, den \u00c4ther mit seiner Propaganda, aber gut, bei Adams Klassiksender hielt sich das Risiko vielleicht in Grenzen.<\/p>\n<p>Er hatte Gl\u00fcck, gerade spielten sie <em>L&#8217;amour est un oiseau rebelle<\/em>, die Arie aus der Oper <em>C<\/em><em>armen<\/em>. <em>Die Liebe ist ein wilder Vogel<\/em>, ein bezaubernder Titel. Und so wahr. Adam mochte diese Liebesgeschichte, der Sergeant und das verr\u00fcckte M\u00e4dchen aus der Zigarettenfabrik. Er, der die Ordnung sch\u00e4tzte, und sie, die alles in Unordnung brachte. Da prallten zwei Welten aufeinander, und es lag auf der Hand, warum sich Adam von dieser Geschichte so angezogen f\u00fchlte.<\/p>\n<p>Adam drehte das Radio etwas lauter. Die <em>Callas<\/em> machte das schon gut. Vielleicht war sie nicht die beste S\u00e4ngerin, aber sie war sicher die einzige. Und dann dieser aufschlussreiche Text: <em>Drohen oder beten, nichts wird helfen, der eine spricht, der andere schweigt. Wenn du mich nicht liebst, liebe ich dich. Und wenn ich dich liebe, gib auf Dich acht. Gib auf Dich acht.\u00a0<\/em>Sie wiederholte es am Ende noch einmal, nein, sie schrie es regelrecht in den Himmel: <em>Gib auf Dich acht!\u00a0<\/em>Wie h\u00e4tte man anders \u00fcber die ganze Schwere und Magie der Liebe singen wollen, als mit diesen Worten, eingeschlagen in dieser Melodie?<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">*<\/p>\n<p>Eva und er hatten manchmal getanzt, immer zu diesem einen Lied von <em>Audrey Hepburn<\/em> aus dem Film <em>Breakfast at Tiffany\u00b4s<\/em>. In dem Film sitzt sie auf ihrem kleinen New Yorker Balkon und begleitet sich selbst auf der Gitarre, so herzzerrei\u00dfend sch\u00f6n, dass man als Mann am liebsten in der Zeit reisen und sie aus ihrem Ungl\u00fcck retten wollte. Jedenfalls lie\u00df sich darauf gut ein langsamer Walzer tanzen, so dass es sich nicht nur sicher anf\u00fchlte, sondern auch gekonnt aussah. Dieser Tanz war \u00fcber die Jahre die einzige gemeinsame Bewegung gewesen, die sie auf Festen und Feiern verband. Ein formaler Akt, der es ihnen erm\u00f6glichte, ihre Beziehung, ihre Zweisamkeit regelm\u00e4\u00dfig vor Au\u00dfenstehenden zu bezeugen.<\/p>\n<p>Eines Abends, letztes Weihnachten, also ziemlich genau vor einem Jahr, sagte Eva ihm genau dies; dass dieser Tanz f\u00fcr sie eine beinahe konstituierende Funktion habe. Und dass sie viel zu selten tanzten. Adam hatte daraufhin geschwiegen und sogleich seine innere Verzweiflung gesp\u00fcrt, weil er ahnte, dass dies ein Moment war, in dem er h\u00e4tte t\u00e4tig werden m\u00fcssen. Ihre Bemerkung war ja keine einfache Bemerkung, sondern ein Hilfeschrei, so viel hatte er im Laufe der Jahre kapiert. Also was jetzt? Das Internet war ausgefallen, und anders als die anderen \u00dcberlebensmittel \u2013 Eingemachtes, Klopapier, Medikamente, Nudeln, \u00c4pfel usw. \u2013 hatte er dieses Lied <em>nicht<\/em> vorr\u00e4tig. Doch nun sehnte sich Eva pl\u00f6tzlich nach diesem Ritual. Keine Ahnung, wie lange er tatenlos dagesessen hatte, bis <em>sie<\/em> schlie\u00dflich den ersten Schritt machte, den ersten Tanz-Schritt, sie \u00fcbernahm gewisserma\u00dfen die F\u00fchrung, und Adam musste schmunzeln, er erinnerte sich genau, so sehr am\u00fcsierte ihn die Vieldeutigkeit der Sprache, was sich wiederum als hilfreich erwies, denn Eva, ihre Fingerspitzen bereits in seiner Hand, verstand diesen Hauch eines L\u00e4chelns, das sein Mund umspielte, als Zustimmung, wenn nicht sogar als Aufmunterung, ja, als klares Signal, hier und jetzt den Tanz zu versuchen, ohne die Hilfestellung der Musik, ohne die tragenden S\u00e4ulen des Dreiviertel-Taktes, einfach nur Auge in Auge, ein riskantes Wagnis, ein &#8230; ein &#8230; aber es ging nicht. Schon nach wenigen Sekunden verendeten sie mitten in der Bewegung, halbwegs verkehrt, scheu und verletzt, wie ein Vogel mit einem gebrochenen Fl\u00fcgel.<\/p>\n<p><em>L&#8217;amour est un oiseau rebelle, que nul ne peut apprivoiser<\/em>.\u00a0Vielleicht konnte man den rebellischen Vogel z\u00e4hmen, dachte Adam, aber er lie\u00df sich nicht beherrschen. Schon gar nicht ein ganzes Leben lang. Wenn man ihn einsperrte und hoffte, dass er sich an einen gew\u00f6hnte, wuchsen ihm riesige Schwingen und Klauen und ein Schnabel, so lang und scharf wie ein S\u00e4bel.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Nee, Google, ernsthaft? Dann versuche ich es mal selbst &#8230; * Adam schaltete das Radio ein. Die Stille setzte ihm in unguten Momenten im selben Ma\u00dfe zu, wie er sie im Allgemeinen sch\u00e4tzte. Aber das Radio einzuschalten, barg immer ein kleines Risiko. 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