{"id":5266,"date":"2017-05-10T14:51:47","date_gmt":"2017-05-10T14:51:47","guid":{"rendered":"http:\/\/www.anders-blog.de\/?p=5266"},"modified":"2017-09-03T07:32:20","modified_gmt":"2017-09-03T07:32:20","slug":"im-osten-nichts-neues","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.anders-blog.de\/?p=5266","title":{"rendered":"Im Osten nichts Neues"},"content":{"rendered":"<p>Hamburg verlassen bei 18 Grad und Sonne, in Moskau angekommen bei Schneeregen und 2 Grad Celsius. Das Taxi, das mich vom Flughafen abholt, riecht so sehr nach Duftspray, dass es stinkt. Dicke Tropfen klatschen an die Scheibe. Stau, nat\u00fcrlich. Und wie immer schie\u00dft mir kurz der Gedanke durch den Kopf, warum ich mich immer wieder auf diese Abenteuer einlasse. Erstes scharfes Bild in Stadtn\u00e4he: die Moskauer Ikea-Filiale. Da h\u00e4tte ich auch in Schnelsen bleiben k\u00f6nnen.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.anders-blog.de\/wp-content\/uploads\/2017\/05\/IMG_4065-e1494425703848.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-thumbnail wp-image-5267\" src=\"https:\/\/www.anders-blog.de\/wp-content\/uploads\/2017\/05\/IMG_4065-e1494425703848-150x150.jpg\" alt=\"IMG_4065\" width=\"150\" height=\"150\" \/><\/a><\/p>\n<p>Das Hotel ist klein, aber nett. Allerdings spricht die Dame am Empfang kein Englisch &#8211; und ich kein Russisch, und das ist das eigentliche Problem, dass ich es bei all der Arbeit zuhause nicht einmal geschafft habe, einen kleinen Sprachkurs zu machen, und sei es online.\u00a0So dauert der Check-in drei Mal so lange wie sonst, macht nix, hab ja eh nix vor. Immerhin bleibt noch Zeit f\u00fcr einen Gang vor die T\u00fcr. Ich brauche noch Zahnpasta, Bier und was Warmes zu essen, w\u00e4re auch nicht verkehrt. Ein pappiges Sandwich im Flieger, das war alles, was ich an diesem Tag bislang hatte.<\/p>\n<p>In welche Richtung gehen? Keine Ahnung. Also los, einfach schauen, wo das Leben beginnt und dabei den R\u00fcckweg nicht aus den Augen verlieren. Denke in diesen Momenten immer an H\u00e4nsel und seine Brotkrumen, muss das Brot aber erst noch kaufen, also Augen auf und bestimmte Punkte merken, Fenster, Schilder, alles, was ein bisschen besonders aussieht. Wenn ich mich hier gleich am ersten Abend verlaufe, wird es bl\u00f6d.<\/p>\n<figure id=\"attachment_5272\" aria-describedby=\"caption-attachment-5272\" style=\"width: 300px\" class=\"wp-caption alignnone\"><a href=\"https:\/\/www.anders-blog.de\/wp-content\/uploads\/2017\/05\/IMG_4106.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-5272 size-medium\" src=\"https:\/\/www.anders-blog.de\/wp-content\/uploads\/2017\/05\/IMG_4106-300x225.jpg\" alt=\"IMG_4106\" width=\"300\" height=\"225\" srcset=\"https:\/\/www.anders-blog.de\/wp-content\/uploads\/2017\/05\/IMG_4106-300x225.jpg 300w, https:\/\/www.anders-blog.de\/wp-content\/uploads\/2017\/05\/IMG_4106-1024x768.jpg 1024w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-5272\" class=\"wp-caption-text\">Die gro\u00dfe Parade am n\u00e4chsten Tag<\/figcaption><\/figure>\n<p>Russisch ist eine krasse Sprache, vor allem wegen der kyrillischen Schreibweise. Man versteht wirklich kein Wort. Das ist etwas m\u00fchsam, der Hunger macht es nicht besser. Dazu die Sorge, ob alles am n\u00e4chsten Tag klappt. Kommt der russische Kameramann rechtzeitig? Ist die Protagonistin nett? K\u00f6nnen wir \u00fcberall ohne Probleme drehen? Ist immerhin der 09. Mai, der h\u00f6chste russische Gedenktag zur Feier des Sieges \u00fcber den deutschen Faschismus. Und ich als Kartoffel mittendrin. All das geht mir durch den Kopf und f\u00fchrt dazu, dass ich immer weniger Lust und Energie versp\u00fcre, mir jetzt in einer Seitengasse ein kleines, feines, russisches Restaurant zu suchen.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.anders-blog.de\/wp-content\/uploads\/2017\/05\/IMG_4068-e1494425977561.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-medium wp-image-5268\" src=\"https:\/\/www.anders-blog.de\/wp-content\/uploads\/2017\/05\/IMG_4068-e1494425977561-225x300.jpg\" alt=\"IMG_4068\" width=\"225\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/www.anders-blog.de\/wp-content\/uploads\/2017\/05\/IMG_4068-e1494425977561-225x300.jpg 225w, https:\/\/www.anders-blog.de\/wp-content\/uploads\/2017\/05\/IMG_4068-e1494425977561-768x1024.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 225px) 100vw, 225px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Was soll ich sagen? Am Ende wird es ein Big Mac, so traurig das ist. Vielleicht hat es in dieser Sekunde sogar was mit Heimweh zu tun, keine Ahnung, zumindest mit einem Gef\u00fchl von Unsicherheit. Ich meine, warum ist eine Dose Coca-Cola im Dschungel die beste Medizin? Weil man wei\u00df, was drin ist. Ach, irgendwie j\u00e4mmerlich, egal, morgen wird erkundet.<\/p>\n<p>Im Hotel kriegt Indiana J\u00f6ns dann Dusche und Fernseher nicht zum Laufen. Muss die Rezeptionistin fragen, mit H\u00e4nden und F\u00fc\u00dfen, versteht(!) sich, zwei Handgriffe, dann funktioniert beides, sie muss denken, dass ich total unf\u00e4hig bin. Sch\u00e4me mich in der Tat daf\u00fcr, dass ich mir zuhause nicht einmal die Grundbegriffe in ihrer Sprache draufgeschafft habe.\u00a0Auf dem Duschvorleger sind zum Gl\u00fcck zwei F\u00fc\u00dfe eingewoben, damit sich Leute wie ich nicht das Gesicht damit abtrocknen \u2026<\/p>\n<p>Die Parade am n\u00e4chsten Tag war krass. Ein Riesenauflauf. Zwischendurch, kurz bevor es auf den Roten Platz ging, dachte ich, jetzt bricht eine Massenpanik aus. Geschah dann aber zum Gl\u00fcck doch nichts. Tats\u00e4chlich war das alles sehr bunt und vergleichsweise freundlich-fr\u00f6hlich und eigentlich ist der Brauch, den Kriegstoten die Ehre zu erweisen und an sie zu erinnern, ja ganz sch\u00f6n. Trotzdem hat mir die Masse an Menschen, von der man ja prinzipiell nie wei\u00df, in welche Richtung sie sich bewegt, ein bisschen Angst eingejagt.<\/p>\n<p>Vor diesem Hintergrund ist der Widerspruch zwischen den Unterschieden der politischen Systeme einerseits und der gleichmachenden Globalisierung andererseits eigentlich verr\u00fcckt.\u00a0Es ist ja nicht nur McDonalds, es sind auch Mercedes, Ferrero, Apple, bis hin zum H\u00e4ndetrockner im \u201eMuseum of Books\u201c, der von einem Hersteller aus Norderstedt produziert wird. Kein Witz.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.anders-blog.de\/wp-content\/uploads\/2017\/05\/IMG_4140.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone wp-image-5276 size-medium\" src=\"https:\/\/www.anders-blog.de\/wp-content\/uploads\/2017\/05\/IMG_4140-e1494426870124-300x300.jpg\" alt=\"IMG_4140\" width=\"300\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/www.anders-blog.de\/wp-content\/uploads\/2017\/05\/IMG_4140-e1494426870124-300x300.jpg 300w, https:\/\/www.anders-blog.de\/wp-content\/uploads\/2017\/05\/IMG_4140-e1494426870124-150x150.jpg 150w, https:\/\/www.anders-blog.de\/wp-content\/uploads\/2017\/05\/IMG_4140-e1494426870124-1024x1024.jpg 1024w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Insofern ist der Kapitalismus nur zu bewundern, dieser materielle Virus, der Bed\u00fcrfnisse schafft, die es nicht gibt, nach denen sich die Menschen aber sehnen, egal, wo sie leben. Der erkannt hat, dass sich Menschen \u00fcberall auf dieser Welt letztlich \u00fcber materiellen Wohlstand definieren, mehr jedenfalls als \u00fcber Intellekt und geistigen Reichtum. Und zwar in ihren Rahmenbedingungen, aber mit wachsendem Anspruch, sobald sich die Bedingungen verbessern. Es ist der kleinste Teil, der, sobald er das Existenzminimum erreicht hat, sagen kann: Das reicht. Insofern scheint der Kapitalismus bzw. der Konsum und der Wunsch nach Besitz von bestimmten Dingen tats\u00e4chlich die einzig akzeptierte Welt-Religion zu sein. Auch wenn es sich dabei (nat\u00fcrlich) um eine Ersatzreligion handelt.<\/p>\n<p>Und deswegen war der Sozialismus keine schlechte Idee, wenn er\/sie denn \u201ewirklich\u201c so gerecht gewesen w\u00e4re, wie gedacht. Aber was f\u00fcr ein Auto fuhr z.B. Erich Honecker? Richtig, Volvo und Citro\u00ebn. Und so \u00e4hneln sich nicht nur die Speisekarten in den McDonalds-Filialen weltweit, nein, es \u00e4hneln sich auch die Menschen hinter dem Tresen und die, die den Boden wischen und den M\u00fcll abr\u00e4umen.<\/p>\n<p>Heute auf dem R\u00fcckweg vom B\u00fccher-Museum ist mir abseits der Hauptstra\u00dfe ein Mann entgegengekommen, der offenbar kurz zuvor in einem Eichh\u00f6rnchen-Kost\u00fcm Werbeprospekte verteilt hatte. Als er an mir vorbei ging, nahm er den Kopf ab und setzte sich ein auf einen Treppenabsatz, um kurz innezuhalten. Ein Bild, das mehr sagt als alle Staatstheoretiker und Soziologen jemals werden in Worte fassen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.anders-blog.de\/wp-content\/uploads\/2017\/05\/IMG_4154.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone wp-image-5279 size-medium\" src=\"https:\/\/www.anders-blog.de\/wp-content\/uploads\/2017\/05\/IMG_4154-172x300.jpg\" alt=\"IMG_4154\" width=\"172\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/www.anders-blog.de\/wp-content\/uploads\/2017\/05\/IMG_4154-172x300.jpg 172w, https:\/\/www.anders-blog.de\/wp-content\/uploads\/2017\/05\/IMG_4154-586x1024.jpg 586w, https:\/\/www.anders-blog.de\/wp-content\/uploads\/2017\/05\/IMG_4154.jpg 1381w\" sizes=\"auto, (max-width: 172px) 100vw, 172px\" \/><\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Hamburg verlassen bei 18 Grad und Sonne, in Moskau angekommen bei Schneeregen und 2 Grad Celsius. Das Taxi, das mich vom Flughafen abholt, riecht so sehr nach Duftspray, dass es stinkt. 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