Ideeale

Idee

Auf Spiegel Online gibt es heute eine Fotoserie über alte Kaugummiautomaten zu sehen. Die Idee hatte ich auch schon, hab auch immer mal wieder Fotos gemacht, wenn ich irgendwo unterwegs einen coolen Automaten gesehen habe. Jetzt ist mir der Fotograf Eckart Bartnik zuvorgekommen. Man muss solche Ideen wirklich immer sofort umsetzen. Wobei man auch zugeben muss, dass da draußen einfach ganz viele kreative Menschen unterwegs sind, die ganz viel schaffen.

Hab mir am Montag aus Interesse diese Wahlsendung mit Klaas Heufer-Umlauf angeguckt und gehe da ziemlich d´accord mit der allgemeinen Kritik, dass es formal ambitioniert, jedoch inhaltlich ausbaufähig war. Die Interviews waren mir auch nicht szenisch und lebendig genug. Einige Momente haben mir wiederum gut gefallen, z.B. als er Heiko Maas fragt, ob die Menschen für die Demokratie zu dumm seien, und ob das Sommermärchen 2006 womöglich doch der Startschuss für diese neue, gefährliche Deutschtümelei gewesen sei. Das sind so Themen, denen ich in so einem Format gerne mehr Platz eingeräumt gesehen hätte.

Bin im Zuge dessen auf ein anderes Format aufmerksam geworden: jungundnaiv, von und mit Tilo Jung. Hab da gleich in die Folge mit Sigmar Gabriel reingeschaut und war total begeistert, mit welcher erfrischenden Haltung der Moderator seinem Interviewpartner entgegentritt: nah, ohne distanzlos zu sein, kritisch und ein bisschen kumpelhaft zugleich – so bekommt man unerwartete Antworten.

21. September 2017 von Gerrit
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Geh, Danken

Erntedankfest (Oktoberfest auf norddeutsch)

Erntedankfest (Oktoberfest auf norddeutsch)

Nur noch ein paar Tage bis zur großen Wahl. Hab ein bisschen Bammel, dass wir uns alle hinterher verwundert die Augen reiben. Bewege mich deswegen gerade hypersensibel, mit hochgestellten Antennen durch die Welt – und stoße an jeder Ecke auf viel Propaganda-Müll, aber auch auf interessante Gedanken.

Augen auf

Auf einen Stromkasten in unserem Ortskern hat jemand das hier gesprüht: „Augen auf und durch!“ Da fahre ich jeden Morgen dran vorbei und freue mich über diese kleine, geistreiche Modifikation.

Am Wochenende habe ich eine dieser Deutschland-vor-der-Wahl-Sendungen auf sport1 gesehen, mit dem guten Moderator Raul Krauthausen, der in dem Format auch eine ostdeutsche Kleinstadt besuchte und dort auf die (mittlerweile leider) übliche, geäußerte Fremdenfeindlichkeit stieß; dass die Flüchtlinge den Deutschen die Wohnungen und die Jobs wegnähmen usw. Und gerade, als ich dachte, dass es natürlich auch immer sehr einfach ist, da mit einem Fernsehteam hinzufahren und sich die üblichen Statements abzuholen, sagte der Moderator etwas ganz Schlaues – dass man (sinngemäß) nämlich nicht die beiden Seiten, die beide auf ihre Weise Nöte haben und im weitesten Sinne „Hilfe“ suchen, gegeneinander ausspielen dürfe, sondern sich die Politik eigentlich gleich gut um beide Parteien kümmern müsse, damit sich die eine, die vorher da war, nicht radikalisiert. Und das fand ich unerwartet empathisch und ganz klug, weil das auch genau mein Eindruck war, als ich vor einiger Zeit in Duisburg-Marxloh gedreht habe; dass es in vielen Fällen nämlich keine Angst vor dem Fremden ist, sondern eher eine Neid-Diskussion, im Sinne von: Wieso bekommt der Flüchtling die sanierte Sozialwohnung, auf die ich seit Jahren vergeblich warte?

Nicht falsch verstehen, ich möchte diesen neudeutschen „Nazionalismus“ überhaupt nicht relativieren oder schon gar nicht gutheißen, ich möchte nur anmerken, dass am Ende alle Menschen nur respektiert und wahrgenommen werden wollen – auch die neuen Nazis (Das haben die Ärzte schon besungen: „Schrei nach Liebe“).

Und die Politiker einer hochzivilisierten Demokratie müssen eben verhindern, dass aus ihren Bürgern erst „Wutbürger“ und schließlich Feinde dieser Demokratie werden. Doch für diesen Balance-Akt brauchst Du wirklich die besten Leute in der Politik. Leute mit Visionen, ohne Berührungsangst. Leute, die auch mal mit der U-Bahn in die Brennpunkte fahren, anstatt immer nur mit Chauffeur von Tiefgarage zu Tiefgarage. Empathie, statt Egoismus. Aufmerksame Altruisten, statt arrogante Anzugträger. Leute, die wirklich ein Ohr für die Probleme vor Ort haben, anstatt nur vorbeizuschauen, wenn ein Kamerateam in der Nähe ist. Und, ja, vielleicht gibt es die sogar, sie sind nur verdammt schwer auszumachen. Und, ja, es wird natürlich doppelt schwer, wenn die Politik selbst von Rechtspopulisten „unterlaufen“ wird. Warum gibt es keinen „hippokratischen Eid“ für Politiker? Oder müssen sogar alle Bundestagsabgeordnete vor Amtsantritt auf das Grundgesetz schwören, dass sie nach bestem Wissen und Gewissen ihren Job machen? Ich weiß es wirklich nicht.

Vielleicht wieder mehr laufen und weniger Bier trinken und Zeitung lesen?

Vielleicht wieder mehr laufen und weniger Bier trinken und Zeitung lesen?

Zugegeben, ich bin ein bisschen „auf Zinne“. Liegt zum Teil auch daran, dass wir am Sonntag mit den Alten Herren 8:0 verloren haben. Hat mich vor allem deswegen genervt, weil wir wieder so einen „Angsthasen-Fußball“ gespielt und uns viel zu früh aufgegeben haben. So ein bisschen wie Köln gegen Dortmund ein paar Stunden später. Und da hat der Sky-Kommentator übrigens auch noch etwas Kluges über Köln gesagt, nach dem Motto: Erst verlierst du ein paar Mal unglücklich und irgendwann glaubst du dann aber auch tatsächlich, dass du so schlecht bist wie die null Punkte besagen. Und da ging mir ein Licht auf, weil das irgendwie auch auf uns zutrifft.

Pay TV-Philosophie, im ABO-Preis inbegriffen.

18. September 2017 von Gerrit
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Qual der Wahl

Achtung: Der neue Bilderwitz der Alphabeten, druckprisch aus der Fresse, geht gleich um 16:00 online:

Briefwal

Ja, die Wahl steht an. Was wählen? Aber auf jeden Fall hingehen. Also bloß nicht nicht wählen.

Die Stadt ist ja wieder zugepflastert mit Plakaten. Markige Sätze finden sich überall, wobei mir „Die Linke“ am ehesten aus der Seele spricht. Ich habe schon vor Jahren den Trend unserer Branche kritisiert, zunehmend auf freie Mitarbeiter zu setzen. Da bildet sich eine ganze Generation, die sich nicht traut, Kinder zu kriegen und Häuser zu bauen, und die stattdessen kollektiv in den Burnout getrieben wird, weil sie in ständiger materieller Unsicherheit lebt. Fatal. Für die ganze Gesellschaft.

Den Bildungsschwerpunkt der FDP finde ich eigentlich auch gut, aber Lindner nehme ich das nicht so richtig ab, dass er die Aktenkoffer plötzlich nicht mehr so wichtig findet. Und den Spruch der Grünen finde ich beinahe irritierend, weil ich denke: Doch, die Umwelt ist alles. Mutter Erde ist ein einziges Wunderwerk, mit einem großen Problem – uns, den Menschen.

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Über die unerträgliche, flächendeckende Seelen- und Umweltverschmutzung der AfD hat sich der Komiker Shahak Shapira netterweise schon kreativ gekümmert, da muss man keine weiteren Gedanken und Worte verschwenden.

buntevielfalt

Ja, vielleicht muss eine gesunde Demokratie das aushalten, aber da wären wir wieder ganz schnell bei dem Bildungsthema (siehe oben). Also, `Trau Dich Deutschland!´ (ohne Komma) – bei dem Slogan könnte ich echt kotzen. Oder zum Killer werden.

Apropos, ich sitze gerade wieder mit meinem Amok-Projekt im Schnitt. Bei diesen schweren Themen muss man immer ein bisschen aufpassen, dass man sich nicht runterziehen lässt, vor allem wenn man da bei den Fällen in die Tiefe geht, Psychologen interviewt etc. Was immer am besten hilft: Galgenhumor, bzw. schwarzer Humor. Hab mir eben in bester Alphabeten-Manier einen Wortwitz ausgedacht – ein bisschen grenzwertig, aber mein fleißiger Cutter hatte Spaß. Was will ich mehr?

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15. September 2017 von Gerrit
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I phone

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Gestern gut gelandet, heute wieder im Büro. Reisetüte ausfüllen, Belege sammeln, das gedrehte Material stichprobenartig checken, Kollegen begrüßen, die man wochenlang nicht gesehen hat. Kleine Routinen, die sich im Vergleich zu den letzten Tagen nicht nach Arbeit anfühlen. Prompt sind die Rückenschmerzen weg. Natürlich darf man nicht den Fehler machen und Nachrichten lesen. Dann wandert der Schmerz sofort vom Rücken über den Kopf direkt ins Herz.

Snapseed

Am Flughafen in Moskau hat Russia Today einen Screen aufgestellt, auf dem in einer Endlos-Schleife auf Englisch, also für Touristen und Geschäftsreisende wie mich, flotte Sprüche laufen, als Reaktion auf die Vorwürfe aus dem Westen, die russischen Medien seien Propaganda-Instrumente der Regierung, russische Hacker beeinflussten westliche Wahlen usw. Also gewissermaßen eine Anti-Propaganda-Propaganda für Leute aus dem Westen, die den Osten besuchen, und dann subtil manipuliert wieder nach Hause zurückgehen. Denn das Ganze geschieht auf eine recht clevere, nicht unlustige Art, sodass man wirklich kurz ins Grübeln kommt, wer denn wohl recht hat. Darüber könnte man eine wunderbare Doktorarbeit schreiben.

Snapseed

Hab in der „Einführung in die politische Philosophie“ von Christian Ruby noch zwei schöne Sätze gelesen. Ich zitiere zusammenfassend (S. 29/28): „Das politische Wort (kann) sich nicht selbst überlassen. Seine Richtigkeit erwirbt es im Verlauf eines richtig geführten Lebens. […] Das Wort stellt entweder einen wirklichen logos dar, die Fähigkeit, das Gerechte und das Ungerechte zu manifestieren, oder eine bloße geschwätzige Stimme (phone).“

Jetzt die Preisfrage:
Was genau steckt eigentlich hinter dem Begriff „I phone“?

05. September 2017 von Gerrit
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Land unter

Snapseed

Heute letzter Drehtag in Moskau. Trotz toller Protagonisten und vergleichsweise reibungsloser Abläufe, freue ich mich auf mein Zuhause.

Das Spannende an Moskau ist, dass man wirklich nur eine Stunde mit dem Zug fahren muss, um aufs Land und somit in eine ganz andere Welt zu kommen. Es zeigt sich dort ein völlig anderes Gesicht Russlands. Waren gestern mit einer netten Familie bei einer anderen netten Familie zu Besuch auf deren Datscha. Mussten auf dem Weg dorthin durch Wälder und Wiesen wandern, hat mich sehr an unsere Urlaube in Schweden erinnert. Solche „familiären Drehs“ sind immer ein bisschen gefährlich, weil sie natürlich, bei aller Professionalität, das Heimweh wecken. Morgen hat mein jüngster Sohn Geburtstag. Bin, wie schon letztes Jahr, nicht da, sondern unterwegs. Aber diesmal immerhin auf dem Rückweg.

Snapseed

Statt Stadt
Land unter
wegs
trecke
decke
auf
und
ab
wickeln
die winde
ihre geschäfte
mit den blüten
bringen
falschgelb
in umlauf

Das, was sich unsere Protagonisten vorgenommen haben, nämlich ein paar Jahre – oder sogar ein ganzes Leben – in einem fremden Land zu leben, das zudem doch auch ganz anders ist als die Heimat, davor kann man wirklich nur den Hut ziehen. Und wenn man sie in der Anfangszeit ein bisschen dabei begleitet, bekommt man sogar ein Gefühl dafür, wie sich das Ankommen, die Umstellung und das Einleben anfühlen muss. Respekt.

03. September 2017 von Gerrit
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Wort-Reich

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Das ist Kunst und kann nicht weg!

War in einer freien Mittagspause in einem der größten Buchläden Moskaus. Ja, genau, dieses lange Gebäude mit der komischen Reklame an der Fassade. So viele Bücher auf einem Haufen hab ich lange nicht gesehen. Vornehmlich natürlich auf Russisch, aber auch auf Deutsch, dann allerdings vornehmlich deutsche Übersetzungen russischer Autoren.

siehe Blog-Eintrag vom 31.08.

siehe Blog-Eintrag vom 31.08.

Gibt aber auch deutsche Autoren, dann allerdings wiederum auf Russisch. Da erfährt man übrigens auch, welche deutschen Schriftsteller wirklich über die Grenzen hinaus berühmt sind.

Na, welches Buch? - Thomas Mann, Doktor Faustus

Na, welches Buch? – Thomas Mann: Doktor Faustus

Außerdem gab es dort eine kleine Bühne für Veranstaltungen, direkt neben einem Café, in dem auch wirklich, am helllichten (an diese drei „l“ werde ich mich nie gewöhnen) Tage, Leute an den Tischen saßen und lasen. Ich hätte den ganzen Tag da bleiben können. Und die ganze Nacht.

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Überhaupt kribbelt es immer in den Fingern, wenn ich in Buchläden bin, zwischen den Regalen und diesen Unmengen an Neuerscheinungen. Fühle mich dann wie ein Fisch im Wasser, dem plötzlich einfällt, wie schön es eigentlich ist, wenn man schwimmen kann. Oder so ähnlich. Brauche unbedingt ein neues Schreibprojekt. Aber ich weiß ja nicht einmal, ob Roman oder Sachbuch …

Oh, ein Buch von mir?

Oh, ein neues Buch von mir?

Nee, doch nicht.

Nee, schade, doch nicht.

01. September 2017 von Gerrit
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Viel, oh, Sofie

Nun also wieder für das Schweizer Fernsehen in Moskau. Zum vierten und womöglich vorletzten Mal.

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Aufwärts, immer aufwärts

Nach Saukälte und Starkregen am Tag meiner Ankunft – und der daraus resultierenden Sorge, in meinen kurzen, nassen Beinkleidern sofort krank zu werden – schaut die Sonne jetzt noch mal vorbei. Wäre sonst auch ein reichlich kurzer Sommer gewesen. Mittlerweile ergeben sich schon ein paar bekannte Bilder, z.B. diese wahnsinnig langen Rolltreppen in der Metro, diese Eindrücke brennen sich ein. Tolle Erfahrung. Russland und Moskau sind mir ans Herz gewachsen.

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In der Stadt ist vor ein paar Tagen ein bekannter Theaterregisseur verhaftet worden, etwas beunruhigend für ein Land, in dem Kultur eine so große Tradition hat. Seltsamerweise spiegelt sich das hier in der Bevölkerung kaum wider. Mein Kameramann hat versucht, mir das zu erklären. Politik ist abstrakt. Die Leute scheinen einfach nur froh zu sein, dass der Laden irgendwie läuft. Redefreiheit ist etwas, das einem nur fehlt, oder, besser gesagt, das man nur genießen kann, wenn der erste Hunger gestillt ist. Vielleicht haben die meisten Menschen auch gar nichts zu sagen. Also nicht nur hier, sondern überall.

Der Mensch lebt nicht vom ..., äh, ... Glutamat allein

Der Mensch lebt nicht vom …, äh, … Glutamat allein

Lese gerade in einem Buch, das ich mir damals im Studium gekauft habe: Einführung in die politische Philosophie, von Christian Ruby. Fand es damals schon ein bisschen schwierig zu lesen, daran hat sich nicht viel geändert. Man muss wirklich bei jedem Wort hellwach sein. Trotzdem – oder gerade deshalb – sehr inspirierend.

Zwei Beispiele, ich zitiere:

Seite 11 – Das Wort „Idiot“ kommt von idiotes, das ist der einsame, ungesellige Bürger, der sich in die Angelegenheiten der Polis, also der politischen, sozialen Gemeinschaft, nicht einmischt, das isolierte, bedeutungslose Individuum, das unfähig ist, den anderen etwas anzubieten und Spuren zu hinterlassen.

Deswegen reicht es manchmal schon, im richtigen Moment das Bein zu heben!

Seite 23 – Die Demokratie (von demos, Gesamtheit der freien Bürger) kann manchmal zur Ochlokratie ausarten, dem „Regime der Verängstigten“ oder der Timokratie (von time, Wert, Preis, Ehre), das ist die „brutale Rivalität der Glücksritter und Profiteure“, die Unterwerfung derBürger unter den Ehrgeiz.

Da frage ich mich doch gleich, in welchem Ausmaß unsere Demokratie bereits ausgeartet ist!?

Politische Theorie ist gerade mein Thema. Meine bessere (Gehirn-)Hälfte hat mir ein tolles Interview mit Sahra Wagenknecht weitergeleitet, das so bei Meedia zu lesen war, gut geführt von Christopher Lesko. Darin erzählt Sahra Wagenknecht, wie sie sich als junger Mensch mit politischer Theorie beschäftigt hat, vor allem auch aus ihrer „sozialen Vereinsamung“ in der DDR, einem System, das sie so nicht mochte, von dem sie aber auch nicht wollte, dass es endgültig verloren geht. Sie beschreibt da auch nachvollziehbar, wie die „Wende“ am Ende keine ideelle mehr war, dass sich die Menschen nicht mehr (nur) nach Freiheit, sondern vor allem nach der D-Mark sehnten und den Produkten, die man damit kaufen konnte. Die Kapitalismus-Kritik, die sieht grundsätzlich äußert, kann ich so unterschreiben. Lohnt sich wirklich, das Interview mal zu lesen.

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Das Interessante ist, dass ich hier in Russland gerade mit sehr netten Protagonisten gedreht habe, wie sie abends noch bei IKEA einen Kinderstuhl kaufen, in einem IKEA, der aussieht, wie alle anderen IKEA-Filialen auf der Welt. Uniformes Mainstream-Design, das den Menschen dennoch Individualität vorgaukelt. Ich meine, ich bin ja nicht besser, hab da letzte Woche noch einen Bilderrahmen für fünf Euro erstanden. Keine Ahnung, ein einzelnes Unternehmen raubt einem Volk ja auch nicht seine kulturelle Identität.

Auf der anderen Seite sagen alle, die hier leben, dass die jungen Russen gerade wieder der Politik auf den Leim gehen, beziehungsweise der Propaganda, wonach Russland wieder unterwegs zu alter Größe sei, was sich leider aber eben auch in einem neuen Nationalismus bei den jungen Leuten äußert. Man weiß also gar nicht, was man lieber möchte: westlichen, vom Kapitalismus gesteuerten Einfluss, der einem neuen, übersteigerten, russischen Nationalismus entgegenwirkt, oder eine eigenständige, russische Wirtschaft, auf die Gefahr hin, dass die „russische Seele“ bald den Boden unter den Füßen verliert.

Zugegeben, ich muss keinen Hunger leiden, doch am Ende sage ich das, was ich den Regierenden immer sage: Bildet euer Volk gut und großflächig und gerecht aus, gebt allen die gleichen Chancen, verzichtet auf eine unsoziale, profitgierige Wirtschaftspolitik, und der erste Schritt auf dem langen Weg zu einer friedlichen Welt ist getan. Womöglich ist auch der Weg das Ziel. Aber man sollte jedenfalls nicht in die entgegengesetzte Richtung rennen.

31. August 2017 von Gerrit
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(E)Motions

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Anstrengende letzte Woche gehabt. Hab die ersten fünf Tage für die Amok-Doku geschnitten. Sehr komplex, alle Wege führen irgendwie nach Rom. Viele Dinge, die man sich  im Vorfeld ausgedacht hat, haben noch keinen Platz gefunden. Man sollte meinen, 45 Minuten seien lang genug, aber es erscheint mir gerade so, als stünde ich am Start eines 100 m-Laufs,  obwohl ich für einen Marathon trainiert und gemeldet habe. Im Laufe der Woche wurde es dann klarer, die Vision wurde greifbar. Jetzt denke ich, dass ich, wenn ich konzentriert bleibe, tatsächlich eine relevante Botschaft formulieren kann.

Vermisse die beiden anderen Jungs ein bisschen, wie immer, wenn sie länger weg sind. Ferien sind doof, wenn man als Erwachsener arbeiten muss.

Auf der anderen Seite spüre ich auch, dass ich die Projekte dieses Jahr ganz gut meistere. Ich habe mich von der hohen Schlagzahl nicht aus der Ruhe bringen lassen. Im Gegenteil, ich bin relativ gefestigt.

Das liegt auch daran, dass das Glas die meiste Zeit lang halbvoll war.  Beziehung, Familie, Freunde, alles gut. Habe heute Morgen mit meiner Mannschaft ein Testspiel bestreiten dürfen. Freue mich darüber, dass  mein Körper noch mitmacht, und zwar beinahe genau so, wie es ihm der Geist kurz zuvor mit auf den Weg gegeben hat. Das ist mehr, als viele andere von sich sagen können.

Sitze jetzt noch ein bisschen auf der Terrasse und blättere in sechs Büchern gleichzeitig. Nein, nacheinander, also nicht zur selben Zeit.  Eines davon ist eine kleine Gedichtssammlung von Derek Walcott. Auf dem Rücken des Buches zwei Zeilen:

Dinge explodieren nicht,

sie versagen, sie verblassen

Habe mich, nachdem ich nun fünf Experten-Interviews zum Thema Amok geführt habe, gefragt, ob das auch für dieses Thema zutrifft.  Bin mir nicht sicher. Vielleicht sogar ja.

Morgen geht es wieder nach Moskau. Vielleicht zum vorletzten Mal. Habe mich an die Reisen gewöhnt, bin aber auch froh wenn der Herbst kommt. Auf der anderen Seite soll man die Abenteuer so lange angehen,  wie einen die eigenen Beine noch tragen. Sonst wird es schwer, vor der  Verrücktheit der Welt davonzulaufen.

27. August 2017 von Gerrit
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Großes Kino

Heute war ein interessanter Arbeitstag. Wir haben im Studio so prototypenmäßig ein Jugendzimmer nachgebaut, drehen dort morgen mit einem jungen Schauspieler ein paar Themenbilder für meine Amok-Doku. War gar nicht so leicht, das auf die Schnelle hinzukriegen. Sollte ein bisschen artifiziell und zugleich realistisch aussehen. Bin mal gespannt, wie es morgen wirkt.

Amokzimmer

Man bekommt auf jeden Fall ein Gefühl dafür, wie aufwendig „Film“ ist. Wie lange es dauert, bis ein Set steht, bevor man überhaupt das erste Bild gedreht hat. Ist aber auch reizvoll. Würde gerne mal ein Drehbuch schreiben und filmisch umsetzen.

Kann mich aber sonst auch nicht über zu wenig kreative Nebenaktivitäten beklagen. Mein Alphabeten-Kollege Sebastian hat mir heute morgen „Der Club“ von Takis Würger ausgeliehen. Der ist nächste Woche bei uns zu Gast. Wir interviewen ihn für unseren Podcast, der ab Oktober auf Sendung geht. Ich kenne Takis nicht persönlich, obwohl er für die gleiche Firma arbeitet wie ich, ist ein bisschen lustig. Deswegen muss ich jetzt schnell noch das Buch lesen, damit ich nächste Woche keinen Mist rede. Oder zumindest nicht nur …

15. August 2017 von Gerrit
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Schwarzwaldi

Tickt der auch richtig?

Tickt der auch richtig?

Lustig. War mir gar nicht so bewusst, aber ich war letzte Woche zwei Mal im Schwarzwald. Am Mittwochabend in Brooklyn, im Black Forest, dem Restaurant meiner ehemaligen Kollegin Ayana, die dort Spezialitäten aus ihrer Heimat (richtig, dem Schwarzwald) anbietet.

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Hab mich da mit dem Möbeldesigner Patrick Weder getroffen, mit dem ich vor zwei Jahren für das Schweizer Fernsehen gedreht habe. War ein Superabend, es passiert nicht so oft, dass ein Kontakt über die Dauer der eigentlichen Zusammenarbeit weiterbesteht. Tja, und am Wochenende ging es dann – im Prinzip direkt nach meiner Rückkehr – mit meiner Liebsten in den echten Schwarzwald, wo ein anderer Kollege von mir seine Hochzeit gefeiert hat. Und dass ich beinahe ohne Unterbrechung von dem Schwarzwald in Brooklyn in den Schwarzwald im … äh … Schwarzwald gedüst bin, fand ich dann doch schräg.

Bei all dem Reisestress in diesen Tagen ist mir etwas aufgefallen, ein Gedanke von gewisser Größe, da lohnt es sich schon mal drüber nachzudenken.

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Es ging eigentlich damit los, dass man am Flughafen in New York jetzt im Gastrobereich alles über so wahnsinnige Tablets bestellt, die auf allen Tischen stehen. Natürlich kann mit den Dingern noch ganz andere Sachen machen, aber eben auch bestellen, d.h. man spricht mit keinem Kellner mehr, sondern tippt alles ein, bezahlt (das Trinkgeld wird in Amerika ja automatisch eingerechnet, man darf sich aber aussuchen, wie viel oder wie wenig Prozent man geben möchte) und dann kommt irgendwann das Essen (oder in meinem Falle ein großes Brooklyn Lager für 17(!) Dollar).

In Deutschland sind die Kellner nur noch Nummern ...

In Deutschland sind die Kellner nur noch Nummern …

Darüber hinaus wurde ich sowohl bei der Fluglinie United in Amerika als auch bei Eurowings in Deutschland dazu angleitet, nicht nur selbst einzuchecken (das ist ja inzwischen Standard), sondern auch mein Gepäck selbst aufzugeben, also zu wiegen, das Label draufzukleben und aufs Laufband zu stellen. Bei beiden Flügen klappte das nicht so richtig, was dazu führte, dass man dann doch jemanden um Hilfe fragen musste. Und da ist es mir wie Schuppen von den Augen gefallen: Die Entwicklung, so viele Schritte eines Dienstleistungsprozesses zu automatisieren, bzw. an den Kunden aus Kostengründen abzugeben, führt nicht nur dazu, dass die Menschen (Anbieter – Kunde) generell weniger miteinander kommunizieren, sondern vielmehr verhält es sich so, dass, wenn sie dann doch miteinander sprechen, der Anlass meistens der ist, dass die Automatisierung nicht funktioniert, d.h. die (Rest-)Kommunikation, die dann noch stattfindet, ist von vorneherein negativ determiniert. Und das gilt natürlich auch für alle anderen Dienstleistungsbereiche (Stromanbieter, Ämter, Callcenter) etc. Fand ich irgendwie spannend. Frage mich, ob das irgendwann einer Gesellschaft aufs Gemüt schlägt!?

14. August 2017 von Gerrit
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