Pover of Lowe

Ereignisreiche Pfingsttage, die zum Denken anregen. Mitten in die AfD-Hetzer und Sympathisanten (Ex-Kollege Matussek, unfassbar!) unserer Zeit, mitten in eine sich auf den Nebenseiten der Medien erhitzende Özil und Gündogan-Debatte, mitten in eine immer aggressivere, unsachlichere und destruktivere, öffentliche Diskussionskultur, die die Lunte an die Menschlichkeit nicht nur gelegt, sondern bereits angezündet hat, erhebt sich ein Priester in England und spricht von der Kraft der Liebe. Und traut einen Mann, von dem man lange munkelte, er sei der Sohn eines Reitlehrers und nicht der eines Königssohnes. Und der wiederum eine bürgerliche US-Schauspielerin mit afroamerikanischen Wurzeln zur Auserwählten erkoren hat. Und der „trotzdem“ den Segen der Queen und das komplette, königliche Partypaket bekommt. Und alle Stars waren da, um mitzufeiern.

I must say, I love it. Ich war mir der Tragweite dieser Hochzeit bis zum letzten Augenblick gar nicht so bewusst, aber wenn man dieser Tage ein Beispiel für die Kraft der Liebe und auch für die Lern- und Entwicklungsfähigkeit selbst konservativster Institutionen gebraucht hat, musste am Wochenende nur den Fernseher einschalten.

Good

Good

Kleines Senfkorn Hoffnung, fällt mir dazu ein, ein Kirchenlied aus Kindertagen, wobei diese Hochzeit mit dem Gospelchor war ja fast schon eine ganze Tube auf unseren derzeitigen, deutschen Wurstsalat. Und dann geht man einigermaßen beschwingt ins Gartencenter, die letzten Pflanzen besorgen, weil das Wetter mahnt und lockt, und dann ist das erste, was einem ins Auge fällt, das hier …

Not good

Not good

Da möchte man doch gleich wieder ins Bett und sich die Decke über den Kopf ziehen. In dem Laden waren wir jedenfalls zum letzten Mal. Für Toleranz und Liebe, Respekt und Vergebung, Freude und manchmal ein bisschen „drüber“ sein:

Queereinsteiger

Die Sonne
scheint
 nicht
nur so

als ob

Besser das Herz am rechten Fleck als ein rechtes Herz mit Flecken. Euch allen einen schönen Wochenanfang!

21. Mai 2018 von Gerrit
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Poly Tick – Things with faces

Wer kennt diesen Mann?

Wer kennt diesen Mann?

Meine Freundin ist ein großer Fan von Things with Faces. Ob ihr der Greis auf der Fliese gefällt?

Wir haben gestern Abend nochmal lange über die Özil/Gündogan-Frage diskutiert. Also, ob man die vielleicht doch nicht hätte für die WM nominieren sollen. Sie kennt die Türkei sehr gut und war da eindeutiger als ich. Ich vertrat in erster Linie den Standpunkt, dass ich Löws Reaktion auf diese Frage bei der Pressekonferenz souverän fand, ohne dass ich jetzt sagen könnte, ob es die richtige Entscheidung ist, die beiden mitzunehmen. Man weiß ja auch nicht, wie das hinter den Kulissen jetzt noch aufgearbeitet wird. Vielleicht lädt Oliver Bierhoff ja mal Jan Böhmermann ins Trainingslager ein. Oder Deniz Yücel (oh, verdammt, sehe gerade, dass das vor drei Tagen schon ein BILD-Journalist vorgeschlagen hat).

Auf jeden Fall kann man festhalten: Erdogan spaltet nicht nur sein Volk, sondern phasenweise auch meine Beziehung. Wo soll das enden?

Habe heute bei der Arbeit ein neues Doku-Thema bekommen. Darf noch nicht konkret drüber sprechen, ist aber für ZDF History, und ich finde es sehr interessant. Der zuständige Redakteur in Mainz gab mir zwei Film-Tipps als Sehbeispiel, habe mir natürlich sofort angeschaut. Vor allem die eine Doku, Devil Dogs, war wirklich toll. Da geht es um einen Franzosen, der es sich zur Lebensaufgabe gemacht hat, eine bestimmte Schlacht zwischen den Deutschen und US-Marines, den „Devil Dogs“, im 1. Weltkrieg aufzuarbeiten (die US-Marines haben den Franzosen geholfen, damit die Deutschen nicht Paris erreichten). Und das war sehr gut erzählt. Der Hobby-Forscher sagt an einer Stelle, dass dieser Krieg für ihn erst da wirklich erfahrbar wird, wo er die Schicksale einzelner Soldaten aufspürt, und das schafft er wie ein Schatzsucher und Detektiv. Er besucht sogar eine Familie in Kentucky und bringt denen die „Hundemarke“ ihres verstorbenen Großonkels, von dem es sonst nur noch ein einziges Foto gibt. Und er kann denen plötzlich die ganze Geschichte der Truppe erzählen. Da hätte ich fast geheult. Obwohl ich sonst überhaupt nicht so auf Kriegsfilme stehe.

Ich erinnere mich aber auch, dass ich einen ähnlichen Satz mal in meinem zweiten Roman „Kunststoff“ geschrieben habe; dass Krieg nie Ländersache sei, sondern ein Keller, der als Bunker dient, oder zwei Quadratmeter Schützengraben.

Die zweite Doku, die ich mir angeschaut habe, Hitlers England, hat der zuständige ZDF-Kollege selbst realisiert. Auch schön. Ein Film über die Kanalinseln, die während des 2. Weltkriegs ein paar Jahre in deutscher Hand waren. Vor allem Juden und russischen Kriegsgefangenen wurde dort grausam mitgespielt. Musste beim Schauen des Filmes an die AFD denken und die Verteidiger von Ralf Wohlleben in dem NSU-Prozess.

Und damit setze ich meinen Schlusspunkt: Dieses am Ende, trotz des Horrors, beruhigende Gefühl, das man früher, als junger Mensch, beim Rezipieren von Büchern oder Filmen aus dem Dritten Reich hatte, dass die Nazis ein Albtraum sind, der, Gott sei Dank, vorüber ist, und dass so etwas nie, nie wieder passieren wird, das ist leider vorbei.

18. Mai 2018 von Gerrit
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Gedankensprünge in der Zeit

Gestern Abend feierte mein Arbeitgeber SPIEGEL TV 30-jähriges Bestehen. Bin auf dem Weg zum Büro nochmal am alten SPIEGEL-Haus vorbeigefahren. Komplett saniert.

spiegelalt

Da, wo wir früher Kaffee getrunken haben, ist jetzt ein moderner Coffee-Shop. Ich meine, bin ja selber jetzt auch schon 15 Jahre dabei! Bräuchte ebenfalls eine Grundsanierung. Immer noch Adduktoren-Probleme. Wie Boateng. Sitze beim Fußball auf der Bank, kann der Mannschaft nicht helfen und fange früher an, Bier zu trinken. Ein Teufelskreis. Unsere Alte-Herren-Truppe ist übrigens auch abgestiegen. Hat bloß keiner mitbekommen, weil dieser andere Hamburger Verein auch abgestiegen ist, das war wohl wichtiger.

RSC

Aber bei meinen Söhnen kann ich noch zugucken. Das macht Freude.

Naja, ich hoffe, dass ich das in Ruhe auskurieren kann, wenn WM ist. Heute wurde ja der vorläufige Kader bekanntgegeben. Hab diesmal sogar den Liveticker nebenher laufen lassen, war gut gemacht. Um es kurz zu machen: Götze ist nicht dabei. Schade, ich mag den irgendwie. Dafür Petersen – zurecht. Von dem erwartet sich Löw einiges – zurecht.

Beim Thema Manuel Neuer wählte der Trainer eine besonders schöne Formulierung. Man wolle jetzt mal schauen, ob Manus Körper im Training die volle Belastung „toleriert“ – das ist fast schon poetisch. Oder? Egal, wo war ich stehengeblieben? Ach so, 30-jähriges Bestehen von SPIEGEL TV. Habe aus diesem Anlass mal im Archiv gegraben. Bitte schön! Mein schönstes Dreherlebnis: Gunter Gabriel nimmt bei uns im Studio den von mir komponierten Titelsong zu unser NDR-Serie „Der Hafencowboy“ auf. Und ich Fernsehfuzzi „erkläre“ der Hit-Maschine, wie es geht. Unglaublich. Wie die bezaubernde Kollegin, die am Ende noch auftaucht …

15. Mai 2018 von Gerrit
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Mi(s)ch-Kalkulation

Ich liebe den Mai. Es wird wärmer, die Natur blüht auf, die meisten Menschen auch – und es gibt jede Menge Feiertage, die den Arbeitsmonat ein bisschen „luftiger“ machen. In diesen Tagen nimmt man alles leichter, selbst wenn der Alltag mal wieder hier und da kneift, denn unterm Strich muss man sagen: das Glas ist halbvoll, trotz des Unwetters nicht übergelaufen, im Gegensatz zu unserer Tiefgarage.

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Und das ist dann schon ein bisschen lustig, weil die Garage ja auch ein Luftschutzbunker sein soll. Und da fragt man sich schon, wie das gehen soll, wenn schon ein bisschen Wasser die Konstruktion überwindet. Wobei im Ernstfall wird das Rolltor, glaube ich, durch eine Panzertür ersetzt, keine Ahnung, hoffe, wir werden das nie ausprobieren müssen.

In diesen Tagen viele kleine Aufs und Abs, die das „Leben“ sind, zumindest das Leben in einer technisierten Hochkultur. Immer wichtig, dass es am Ende eine Mischkalkulation ist und man nicht nur reinbuttert. Beispiele, gefällig? Ich habe letztes Wochenende den Griff und Schließmechanismus an der Waschmaschine kaputt gemacht. Die Tür ließ sich nicht mehr öffnen, nicht einmal über die Notentriegelung. Hatte aber auch zu spät im Internet geguckt, wo sich die Notentriegelung bei dem Modell befindet. Ziemlich versteckt! Da hatte ich in meiner Ungeduld den Schaden aber schon angerichtet. Also den Kundendienst gerufen: 170 Euro. Da lacht das Herz. War aber auch zugleich irgendwie froh, dass mich so eine außergewöhnliche Belastung nicht sofort ruiniert. Dass ich das zahlen kann und weiter geht´s. Dachte in dem Moment an meine Schwester, die Tierärztin, die letztens erzählte, dass immer wieder Leute ihre Haustiere in die Praxis bringen und nach der Untersuchung sagen: Sorry, hab kein Geld. Obwohl sie sich vorher schriftlich zur Zahlung der Behandlung verpflichtet haben. Wahnsinn.

Ich hab mich jedenfalls weniger über das Geld, sondern vielmehr über mich selbst geärgert, weil ich so kopflos agiert habe. Hab auch erst später gesehen, dass es den Griff als Ersatzteil im Internet gibt, für 30 Euro, und die Reparatur war jetzt kein Hexenwerk. Naja, am nächsten Tag wollte ich – zu Beginn der neuen Fahrradsaison – die Gangschaltung am Mountainbike einstellen, weil der Umwerfer die Kette vorne nicht aufs große Ritzel hieven konnte. Also, dass das „Umwerfer“ heißt, wusste ich vorher nicht, doch diesmal bin ich die Sache mit Bedacht angegangen. Hab Fahrrad und Werkzeug rausgebracht, ganz in Ruhe im Internet geschaut, wie das so geht, um dann Schritt für Schritt das Problem zu beheben. Jetzt geht´s wieder. Also, läuft.

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Musste wieder einmal feststellen, wie wichtig es – bei der ganzen Grübelei über Gott und die Welt – für meine Balance ist, ab und zu meine praktischen Fertigkeiten einzusetzen. Das muss nicht immer ein technisches Problem sein. Manchmal können Kunst und Handwerk auch verschmelzen. Liebe es z.B., so kleine „Blumen-Landschaften“ zu bauen, mit Steinen und Moos und Figuren. Diesen kleinen Tannenkeimling habe ich gestern gerettet. Freu mich jetzt schon immer wieder, wenn ich den anschaue, und, wer weiß, vielleicht gedeiht er genauso prächtig wie sein großer (vormals ebenso kleiner) Bruder …

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Und zu guter Letzt? Hat mir zumindest ein Sohn tatsächlich zum Vatertag gratuliert. Einer von dreien, keine schlechte Ausbeute. Er hat mir einen selbstgebauten Donald aus Lego geschenkt. Den hat er zwar schon vor fünf Jahren gebaut, aber ich hab mich sehr gefreut. Und es war auch irgendwie ein bisschen stellvertretend für die anderen beiden Flitzpiepen. Da kann dann auch gerne bald das nächste Malheur passieren, kein Problem, Mischkalkulation eben.

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13. Mai 2018 von Gerrit
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Fetter Name

Manchmal muss ich bei der Arbeit Filme gucken. Um mir die Machart anzuschauen, oder die Art und Weise, wie andere komplexe Themen aufarbeiten. Marx, zum Beispiel. Habe in der arte-Mediathek eine weitere Doku dazu gesehen: Karl Marx und seine Erben. Hat mir gut gefallen. Peter Dörfler, der Regisseur, war auch gleichzeitig der Kameramann. Das finde ich immer spannend, weil wir hier bei uns eher die Meinung vertreten, dass man immer nur eine Sache richtig gut machen kann. Entweder Autor sein oder Cutter oder Kameramann. Dass man sozusagen immer die Expertise des Anderen braucht, damit es ein guter Film wird. Dabei würde ich das auch gerne mal ausprobieren. Wobei, eine lange Doku habe ich mal fast komplett selbst gedreht. Ist allerdings schon ein paar Jahre her. Läuft noch bei spiegel.tv, hoffe, der Link funktioniert:

http://www.spiegel.tv/videos/140982-der-deutsche-shaolin

Das war eine tolle Erfahrung. Geschnitten habe ich auch schon ein paar Mal selbst. Ich persönlich finde, dass meine Beziehung zu diesen Filmen dann noch enger wird, als wenn ich „nur“ in meiner Rolle als Redakteur daneben stehe oder sitze, wenn gedreht oder später montiert wird. Oder um es mit Marx zu sagen: Man entfremdet sich weniger von seiner Arbeit. Und da schließt sich der Kreis. Marx ist wirklich hochaktuell. Der Begriff des Proletariats muss vielleicht überarbeitet werden, aber jeder, der nach den Gesetzen des Marktes arbeitet, spürt die auch. Das ist einfach so. Es gibt allerdings Menschen, die da über bessere Abwehrkräfte verfügen als andere.
Einer der Leute, die in der arte-Doku interviewt werden, ist ein ehemaliger Investment-Banker. Er hat auch ein Buch geschrieben: City Boy. Scheint ein unterhaltsamer Typ zu sein. Als ich seinen Namen gelesen habe, dachte ich allerdings, ich sehe nicht recht:

Wie ein schlechtes Anagramm meines Namens ... Copyright: arte/P. Dörfler

Wie ein misslungenes Anagramm meines Namens …
Copyright: arte/P. Dörfler

Allen ein schönes Wochenende! Und falls Gartenarbeit ansteht, wünsche ich Euch, dass sie möglichst selbstbestimmt ist.

04. Mai 2018 von Gerrit
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Raus

dosenbayer

Bayern raus. Schade. War nicht nötig. Aber so ist Fußball. Nix für Fans.

Ansonsten? Nord- und Südkorea – Wow! Abwarten.

Und? Gerade viel Gerede um Digitalisierung und Automatisierung. Fluch oder doch Segen? Auch hier: Abwarten. Am Wochenende eine interessante Marx-Doku in der arte-mediathek gesehen. Viele Themen, viel Input, viel zu bedenken. Ruhe bewahren. Haben immerhin Müll weggebracht, die Terrasse geschrubbt und einen Sichtschutz zu den neuen Nachbarn gebaut: vier ausgewachsene Bambusstauden nebeneinander. Bestimmt, aber freundlich. Besser als eine Mauer. Rückzug ins Private. Habe mir am Wochenende immer mal wieder ein paar Notizen gemacht. Mal sehen, was daraus wird. Und immer mit offenen Augen durch die Welt.

Heute in einer großen Boulevardzeitung diese schöne Anzeige gesehen:

aldileude

Ich meine, ich bin ja auch ein großer Fan von Dosenbier (sieh Foto ganz oben, ja, ich weiß, ökologisch scheiße, ich stelle das irgendwann ab, versprochen), aber was wollen uns die Macher dieser Anzeige damit sagen? Dass sich der junge Mann (der Sohn?) ein Krombacher leisten kann (das auch bei Aldi seinen Preis hat), aber die Rente des Alten so schmal ist, dass für ihn nur noch die Billig-Plörre in Frage kommt? Warum überlässt der junge Mann das gute Bier nicht dem alten? Und wieso treffen die sich überhaupt zum Biertrinken und haben aber jeder nur diese eine Dose für den Eigenbedarf dabei? Und warum teilen die sich die Biere nicht jeweils zur Hälfte? Dann hätten beide was von dem guten … Fragen über Fragen, die ich gar nicht auf den Punkt bringen kann, wobei … doch … „Altersarmut“ ist der Oberbegriff, der mir beim Betrachten irgendwie durch den Kopf geistert. Oder? Keine Ahnung, ich glaube, es wäre cooler gewesen, wenn der junge Typ ein Student oder Musiker oder so wäre und das billige Bier trinken würde. Das wäre irgendwie authentischer. Oder drei Generationen, und nur der mittlere Endvierziger kann sich das Krombacher leisten. Und die anderen beiden lachen ihn aus, dann hätte es vielleicht wieder gepasst. Und alles ein bisschen datschamäßiger, bei dem Setting stimmt einfach nichts. Die beiden Männer trinken einfach kein Dosenbier von Aldi. Ja, ich glaube, das stört mich.

02. Mai 2018 von Gerrit
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Futour

Digi1

Im akuellen SPIEGEL (also von letzter Woche, morgen kommt ja der neue) spricht Richard David Precht über die Risiken der Digitalisierung. Die Arbeitswelt werde sich radikal verändern, ein Großteil der „normalen“ Jobs wegfallen. Klingt jetzt altbekannt, aber er unterstreicht seine These mit neueren, differenzierten Erklärungsansätzen. Allerdings sieht der Philosoph nicht nur schwarz, sondern malt auch ein mögliches, positives Szenario: Sollten die Maschinen nämlich wirklich irgendwann alle Jobs machen, könnte die Industrie, die an den Maschinen verdient, effektiv Lobbyarbeit für das bedingungslose Grundeinkommen machen (bei Siemens scheint das jetzt schon zu sein, wusste ich gar nicht), die Politik würde es dann vielleicht umsetzen, so dass die Menschen irgendwann in naher Zukunft in ein Zeitalter übergehen, in dem sie nur Tätigkeiten verrichten, die ihnen sinnvoll erscheinen. Bin dabei!

Die Digitalisierung hat aus der „Welt“ keine andere gemacht. Aber aus dem Umgang mit ihr, vor allem für unsere Kinder. Es ist daher wichtig, in Familien nicht den Kontakt zueinander zu verlieren. Das war allerdings schon immer so. Nur, dass die analogen Parallelwelten, in die sich Kinder und Jugendliche früher flücheten, nicht solche „Irrgärten“ waren wie die virtuellen heute. Auf der anderen Seite standen einem suchenden, jungen Menschen eigentlich schon immer traditionell zwei „Fluchthelfer“ zur Seite: Content und Drogen.

Ich glaube, Mediennutzung muss von Eltern genauso vorgelebt werden wie alles andere auch. Und was Dauer und Umfang angeht, hilft, wie immer, ein Blick auf Aristoteles Mesotes-Lehre, wo es, verkürzt gesagt, um das „gesunde Mittelmaß“ geht. Wobei digitale Abstinenz vielleicht keinen wirklichen Mangel darstellt. Aber es macht ja auch Spaß, die neuen Möglichkeiten zu nutzen. Bloggen oder Bildbearbeitung (siehe oben). Und gestern Abend bin ich nach dem Trommeln nach Hause gefahren und habe im Radio byte fm gehört. Da liefen zwei Spitzensongs hintereinander. Der Moderator nannte die Künstler und die Titel zum Schluss auch, doch ich konnte sie mir nicht merken. Eben habe ich plötzlich wieder daran gedacht, bei byte fm auf der Homepage die playlist von gestern Abend angeklickt und den Song gleich bei Spotify nochmal angehört. Hier ist er. Super!

Den zweiten Song verrate ich Euch bim nächsten Mal.

27. April 2018 von Gerrit
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Von Außen betrachtet …

Der April … von strahlend blau auf fahl und grau in zwei Tagen.

War am Sonntag mit meinem jüngsten Sohn beim Fußball. Am Rande des Spiels hat eine Mutter ein wunderschönes Foto von den Jungs gemacht, wie sie alle gemütlich und lässig auf der Rasentribüne in der Sonne liegen und miteinander Spaß haben. Eine tolle Momentaufnahme, bei deren Betrachtung die Jungs in 30 Jahren womöglich feuchte Augen bekommen. Es sieht, von außen betrachtet, einfach nach einem unbeschwerten, guten Leben aus.

Ich erinnere mich an diese Zeit und weiß, dass sich trotzdem jeder Einzelne von ihnen Sorgen macht. Weil er sich zu klein findet für sein Alter, oder zu groß, zu langsam, zu schwach, zu hässlich oder zu doof. Weil ihn kein Mädchen beachtet oder er sich von seinen Eltern oder der ganzen Welt unverstanden fühlt.

Quo vadis, Schwester? Mit Achtzehn.

Die meisten Menschen sorgen sich in jeder Lebensphase. Wenn man älter wird und schon ein paar echte (also: objektiv betrachtet) Rückschläge weggesteckt hat, verändert sich die persönliche Definition von Sorge. Und von Glück. Vielleicht. Manche Menschen fühlen sich ein Leben lang zu klein oder zu groß, oder wären gerne ein berühmter Schriftsteller, anstatt zu erkennen, dass sie unterm Strich glücklich sein müssten, weil sie zum Beispiel nicht schwerkrank sind. Aber diesen Unterschied zu erkennen, ist nicht immer leicht. Glück ist, meines Erachtens, kein Dauerzustand. Glück sind kleine Momente, die manchmal kürzer oder länger andauern, genauso wie Trauer oder Angst. Doch auch die gehören zum Leben dazu, weil man sonst kein Maß für die glücklichen Momente hätte. Deswegen bin ich ein großer Freund des Begriffes „Zufriedenheit“. Weil der, wenn sich Freude und Leid, Glück und Schicksalsschläge die Waage halten, in unseren Breitengraden mit der Mittelsilbe „frieden“ sich zumindest für mich als sehr passend erweist.

youthknuefer

Werde ich jemals Schriftsteller? Mit Anfang Zwanzig.

Foto 2

Wahnsinn. Erstes Buch ist raus. Mit Ende Zwanzig.

Journalist und Schriftsteller sein wollen und plötzlich ins Grübeln kommen, ob man "Kartusche" mit oder ohne "r" schreibt. Heute.

Schriftsteller sein wollen und plötzlich ins Grübeln kommen, ob man „Kartusche“ mit oder ohne „r“ schreibt. Heute.

Natürlich bin ich von Geburt an privilegiert. Es gibt Millionen, vielleicht sogar Milliarden Menschen, die beinahe ausschließlich schlechte Erfahrungen machen und kaum noch glückliche Momente erleben. Habe eben mit meiner Kollegin über einen Artikel aus dem aktuellen SPIEGEL gesprochen, der uns sehr berührt hat, über den iranischen Flüchtling in Berlin, der dort drogensüchtig wurde und sich deswegen nun prostituiert. Und wie der von den Freiern erzählt und von den Dingen, die er für Geld für die macht, bzw. an sich machen lässt. Und meine Kollegin und ich fragten uns: Wie kann das sein, dass 50-jährge Familienväter zu einem jungen Mann gehen, der Heroin nimmt und von anderen Freiern mit Filzläusen berichtet? Wie groß muss sozusagen der Trieb sein? Und da fiel mir ein, dass ich vor ungefähr 15 Jahren im Rahmen einer Recherche bei der AIDS-Beratungsstelle in Altona war und mir die Sozialarbeiterin dort erzählte, die „abhängige Cracknutte“ (ihre Worte aus der Perspektive der Männer) hätte die meisten Freier – weil es da nicht nur um das Ausleben eines Sexual-Triebes geht, sondern vielmehr um die Ausübung und das Gefühl von Macht. Anders gesagt: Die Befriedigung des Mannes erfolgt in dem Moment nicht nur körperlich, sondern den eigentlichen „Kick“ bezieht er aus dem Gefühl absoluter Macht und dem Wissen, dass er von dem anderen (in dessen/deren Notsituation) im Prinzip ALLES verlangen kann. Und diese Art von Männern führen häufig genug eine bürgerliche Parallelexistenz, wo sie genau diese „dunkle Seite“ eben nicht ausleben können. Das ist alles nicht schön, aber nicht ungewöhnlich. Und besagt einiges über die männliche Psyche.

24. April 2018 von Gerrit
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ZEN-Sur

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Hatte ein sehr erfolgreiches, aber natürlich viel zu kurzes Arbeitswochenende mit Sebastian von den Alphabeten. Wir waren in einer Art Landgasthaus in der Nähe von Wacken, haben neue Bilderwitze kreiert und weitere Podcast-Folgen produziert. Kann es kaum erwarten, dass dieses tolle Projekt endlich an den Start geht.

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In einer der kleinen Pausen waren wir im Ort Wacken, der ja wirklich unter dem Einfluss dieses Festivals steht. Da gab es auch so einen Metal-Mittelalter-Rollenspiel-Laden mit Kostümen und Schwertern, zum Teil mit Kunstblut verziert. Nicht mein Ding, aber beeindruckend. Allerdings achtet man offenbar darauf, dass die psychosoziale Balance im Ort stimmt:

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Herzstück und Engel (der Alphabeten) – und ein paar Zeitschriften …

Nebenbei erzählte mir Sebastian, dass die Firma für die er letztes Jahr viel gearbeitet hat, einen ECHO gewonnen hat, für dieses Beatsteaks/Deichkind-Video „L auf der Stirn“. Ich erwähne das deswegen, weil es eine schöne Überleitung zu einem unschönen Thema ist, nämlich der Frage: Was darf Kunst? Oder versteckt sich vielmehr manchmal dämlicher, geschmackloser Content unter dem Deckmantel der „künstlerischen Freiheit“? Ich würde mich normalerweise gar nicht so intensiv mit diesem Genre beschäftigen, aber 1) glaube ich, dass meine Söhne sowas hören, und 2) würde mir dann vielleicht einmal dasselbe passieren, was jetzt Jens Balzer passiert ist, der in der ECHO-Jury saß und erst im Nachhinein realisierte, wer da eigentlich für was ausgezeichnet wurde.

Offensichtlich hat ihn das so beschäftigt, dass er prompt einen Kommentar für die taz verfasst hat, den ich hier auszugsweise zitiere, weil ich die Debatte auch wichtig finde:

„Um es gleich zu gestehen: Ich war selbst in der Jury und habe zwar nicht für Kollegah und Farid Bang gestimmt, aber mich über ihre Nominierung auch nicht weiter empört, das war eine Nachlässigkeit. Offen gesagt, hatte ich einfach keine Lust, mir den klanglichen Ausstoß der beiden von vorne bis hinten durchzuhören, sonst wäre mir auch aufgefallen, was nach der Bekanntgabe der Nominierungen zum Thema wurde. In dem Song „0815“ rappt Farid Bang nämlich: „Deutschen Rap höre ich zum Einschlafen / Denn er hat mehr Windowshopper als ein Eiswagen, ah / Und wegen mir sind sie beim Auftritt bewaffnet / Mein Körper definierter als von Auschwitzinsassen“, das heißt, er hat so wenig Fett auf den Rippen wie sonst nur jemand aus dem KZ. In anderen Songs schwelgen die beiden in heiteren Gewaltfantasien, sie wollen Menschen, die ihnen nicht passen, mit einem „Sprengstoffgürtel“ massakrieren oder mit einem Lkw, „als wärst du auf dem Weihnachtsmarkt“, oder mit einem Attentat „wie bei Charlie Hebdo“; oder anders gesagt: Sie finden alle Arten von Gewalttaten toll, bei denen Christen und Juden ums Leben kommen. Warum wird so etwas zum „Album des Jahres“ nominiert? […] Ihr Album wurde seit Dezember 200.000-mal verkauft und über 30 Millionen Mal gestreamt, ohne dass es irgendeine nennenswerte Debatte über antisemitische oder sonst wie reaktionäre Textzeilen gegeben hätte. […] Wozu das führt, kann man zum Beispiel auf Berliner Schulhöfen studieren, wo die Zahl der antisemitischen Vorfälle steigt.“

(Quelle: taz vom 14.04.2018)

Ich erinnere mich an einen Einkauf mit meinem Kumpel Christian bei Elpi, dem heißesten Plattenladen in Münster. Oder war es Jörgs CD-Forum? Egal, jedenfalls habe ich als damals 14-Jähriger (und ich sah jünger aus) erst mein Herz und dann die Ärzte-Scheibe „Die Ärzte“ in die Hand genommen und möglichst unbeteiligt zur Kasse getragen, wo sie die junge Dame damals noch unbeteiligter und ohne aufzublicken abkassierte. Christian hätte sich fast noch verplappert, weil die Platte damals Stücke enthielt, die in der Zwischenzeit auf dem Index gelandet waren. Ich konnte ihm gerade noch vors Schienbein treten. Draußen vor dem Laden haben wir dann vor lauter Erleichterung einen Lachanfall bekommen. Ja, vielleicht waren da zwei, drei Nummern (noch) nichts für unsere roten Ohren, aber gegen das Zeug, was bestimmte „Künstler“ so von sich geben, erscheint mir das heute total harmlos. „Ich könnte sie auch ideal in dieser Stellung f….“ (Sweet Gwendoline) klingt doch irgendwie anders als „Dein Chick ist ‚ne Broke-Ass-Bitch, denn ich fick‘ sie, bis ihr Steißbein bricht.“ Oder sehe ich das zu verkniffen? Bin ich jetzt wie meine Eltern?

Lest mehr taz!

Und ich werde wieder mehr und kritischer Hip-Hop hören …

16. April 2018 von Gerrit
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Schnitzel-Jagd

Weil ich versuche, ein moderner Mann zu sein …, nein, Moment, weil ich ein moderner Mann bin, versuche ich ab und an, abends für alle zu kochen. Gestern gab es Putengeschnetzeltes. Soße aus der Tüte, Geschmack … naja … und natürlich viel zu viel. Hab die Reste mit zur Arbeit genommen, weil ich kein Essen wegwerfe. Und ausgerechnet heute gab es Wiener Schnitzel, also nicht „Wiener Art“, sondern richtig, vom Kalb. Luxusproblem, ich weiß, aber immerhin. Bin standhaft geblieben.

restessen

Habe ich nicht gestern geschrieben, im Moment laufe hier bei der Arbeit alles ganz ruhig und  reibungslos? Dann bin ich vielleicht die Ausnahme, die die Regel bestätigt. Denn laut einer aktuellen Umfrage der pronova BKK fühlen sich neun von zehn Deutsche von ihrer Arbeit gestresst. Und immerhin sechs von zehn Befragten klagen gelegentlich über typische Burnout-Symptome wie anhaltende Erschöpfung, innere Anspannung und Rückenschmerzen.

entfremdung

Passend dazu fiel mir gestern das SPIEGEL-Sonderheft über Karl Marx in die Hände, in dem ich abends auf der Terrasse gleich noch ein wenig blätterte. Marx Begriff der Entfremdung meint ja, grob gesagt: Der Arbeiter kann sich weder mit dem Produkt noch mit der Produktionsweise seiner Arbeit identifizieren. Er verkommt vom schöpferischen Wesen zur rohen Arbeitskraft, die nach Marktgesetzen, die er nicht beeinflussen kann, wiederum selbst wie eine Ware (unter Wert) entlohnt wird.

Unfertige Gedanken ohne abschließende These: Marx bezog sich unter dem Einfluss seiner Zeit auf den Fabrikarbeiter. Was aber, wenn sich heute in scheinbar kreativen Bereichen (Medien, Kultur, Werbung) die Produktionsverhältnisse so unter den Gesetzen des Marktes verschärft haben, dass auch hier die Menschen das Gefühl entwickeln, Texte, Konzepte oder Filme eher „am Fließband“ zu produzieren, in immer engeren Zeiträumen, mit immer kleineren Budgets? Und womöglich gilt das auch für Lehrer, die Tag für Tag, gewissermaßen „am Fließband“ dieselben, komplexen, sozialen Probleme lösen müssen?

Andersherum gefragt: Was müsste gewährleistet sein, damit sich neun von zehn Deutsche nicht mehr von ihrer Arbeit gestresst fühlen? Ich werde mal darüber nachdenken.

10. April 2018 von Gerrit
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