Fern sehen

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Haben gestern in einem alten Bunker-Club gedreht, dem „Griboedov“. Der Club besteht seit 20 Jahren und ist von jeher die kreative Keimzelle alternativer Musik in Sankt Petersburg. Gestern Abend hat dort eine Hip-Hop Band aus Moskau gespielt. Ich hab ein kurzes Interview mit dem Frontmann gemacht, und er erzählte ganz schön, wie wichtig es für einen jungen Künstler ist, Räume zu haben, in denen man ein bisschen unter dem Radar fliegt. Das Konzert erinnerte mich an die ersten H-Blockx-Auftritte im Jugendzentrum unseres Dorfes vor 25 Jahren, mit dem kleinen Unterschied, dass wir uns Zeit unseres Lebens nie besonders Gedanken über den Inhalt von Songtexten machen mussten.

Ansonsten gucke ich zum Ausgleich deutsches Fernsehen. Das ist verrückt: Gestern kam der Landarzt – aus der Heimat meiner Eltern (die Schleifähre, die der Arzt fährt, bin ich im Mai noch mit meinem Sohn gefahren) – und heute Michel von Lönneberga, und zwar die Folge, in der Michel Alfred im Schneesturm zum Arzt fährt und ihm so das Leben rettet. Dieser kleine Junge, mit einem Herz aus Gold und ein bisschen Pech mit seinen Streichen (die ja oft eher „Unfälle“ sind), wächst in der Not über sich hinaus, 100 Mal mutiger, willensstärker und tapferer als die „Großen“. Am besten ist der Moment, in dem Michel fast aufgibt und dann der Schneepflug von vorne kommt. Was für eine starke, wunderschöne Kindergeschichte. Werde aber, fernab von Heimat und Familie, gerade auch ein bisschen rammdösig. Ich glaube, ich gehe mal aufs Laufband …

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28. August 2016 von Gerrit
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Unter Tage 1

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Dritter Tag Sankt Petersburg. Fangen heute etwas später an, deswegen habe ich Zeit, ein paar Eindrücke zu schildern. Ich war mit 15 einmal mit dem Schulorchester in Moskau und muss sagen, seitdem hat sich einiges geändert. Wobei auch heute – wenn man den Staatschef im Fernsehen sieht, dann denkt man, dass Russland so ganz anders ist als Westeuropa (und auf dem Land ist es sicher auch noch so). Aber wenn man dann zum ersten Mal in eine Metropole wie Sankt Petersburg kommt, ist der Einfluss des Westens unheimlich groß. Gleich hinterm Flughafen kommen ein OBI-Baumarkt, Mercedes- und Porsche-Häuser, ein Metro-Supermarkt, es könnte auch eine größere deutsche Stadt sein. Im Frühstückssaal des Hotels laufen englische Hits aus den 90ern.
Das Zweite ist, dass ich den europäischen Gedanken wieder besser verstehe. Bin ja in den letzten Jahren ein bisschen herum gekommen, und Sankt Petersburg hat den gleichen Sandstein-Charme wie Bukarest, Riga oder Prag. Es macht schon Sinn, dass man von einem großen Kontinent spricht. Deswegen sind die kulturellen Unterschiede und diplomatischen Verwicklungen umso unverständlicher.
Die Drehs sind super anstrengend, aber natürlich auch wieder super interessant. Donnerstag waren wir im Petershof und haben die Fontänen von unten begutachtet, gestern sind wir 50 Meter unter der Erde durch einen 2 Kilometer langen U-Bahn-Tunnel gerannt, der gerade gebaut wird. Übrigens mit deutschen Maschinen. Ein Höllenlärm, schlechte Luft und die jungen russischen Arbeiter alle ohne Atem- und Gehörschutz. Aber cool und freundlich. Diese Eindrücke sind wirklich reich und besonders, denn das waren definitiv zwei Orte, an die man normalerweise nicht kommt.

27. August 2016 von Gerrit
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Fairteiler

Nicht nur ein schönes Plattencover - hält sich auch ein paar Tage

Nicht nur ein schönes Plattencover – hält sich auch ein paar Tage

Frage: Welche Geschäfte machen zuerst dicht, wenn jetzt alle Menschen Hamsterkäufe machen? Richtig – die Zoohandlungen.

Der neue Zivilschutz lässt mich nicht los. „Der Unterschied zwischen Panik und klarem Verstand ist die Vorbereitung.“ Diesen Satz habe ich heute in der taz gelesen, er stammt von einem so genannten „Prepper“, das sind Leute, die zuhause Notfallrationen horten oder Kurbelradios und anderes Outdoorzeug, falls z.B. mal landesweit über mehrere Tage der Strom ausfällt. Es gibt sogar einen Online-Shop, der sich auf dieses ganze Thema spezialisiert hat, mit Hintergrund-Fakten, dass nur 5 Prozent aller Deutschen einen längeren Notfall überstehen würden usw. Man kann da richtige „Survival-Kits“ kaufen, für sieben Tage, zwei Wochen oder einen Monat …

Nicht falsch verstehen, ich finde das hochinteressant. Ein paar „Experten“ kaufen sich dann allerdings noch Waffen, um sich im Endstadium der Katastrophe selbst verteidigen zu können. Mann gegen Mann. Das geht mir natürlich zu weit. Wobei ich dieses Bild, wenn ich ehrlich bin, im Traum schon mal vor Augen hatte: Wie ich mich – offenbar als Selbstversorger auf dem Land (definitiv eine Zukunftsvision von mir) – mit einem Mal einer Horde heranstürmender Städter gegenüber sehe und entscheiden muss: Verteidigen oder helfen? Töten oder teilen? Bin dann in der entscheidenden Sekunde aufgewacht, aber es war echt krass.

Morgen geht es nach St. Petersburg. Die Stadt wurde im 2. Weltkrieg von den Deutschen eingeschlossen. Hunderttausende sind während dieser Blockade damals verhungert. Oder wurden zu Tieren. Die Hölle auf Erden.

Ich werde mich zu benehmen wissen – und ein paar Eindrücke teilen. Also, Prepper, werft die Waffen in den Müll, nehmt euch einen Hartkeks und kurbelt die Radios an!

23. August 2016 von Gerrit
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Speisekammermusik

Der neue Zivilschutz sieht vor: Wir Bürger sollen jetzt wieder Vorräte anlegen. Und es soll wieder eine allgemeingültige Sirene für den Notfall her. Oder ein Signal. Wahnsinn. Meine Großeltern hatten auch so eine Speisekammer. Auf dem Land war das üblich, aber die Kammer meiner Großeltern war ein Riesenteil, deswegen hieß es auch Lager. Und das war immer voll. Für den Notfall. Wochenlang hätten die sich ernähren können, ohne einkaufen zu gehen.

Und diese alte Sirene ertönt in Schleswig-Holstein auf dem Land immer noch, jeden Samstagmittag, um Punkt 12 Uhr. Letztens hab ich die erst wieder gehört, als wir beim Pferd waren. Kann aber auch sein, dass das die freiwillige Feuerwehr war. Oder ist das dieselbe Sirene?

Ich bin eigentlich sehr froh, dass ich nicht genau weiß, wie diese Sirene für den Ernstfall klingt. Dass sich da kein Sound eingebrannt hat, den man nicht mehr loswird. Ich wünsche mir auch, dass meine Kinder nie auf ein solches Geräusch oder Warnsignal werden achten müssen. Georg Diez hat gestern auf SPON ein Plädoyer für mehr Optimismus gehalten. Das wünsche ich mir auch. Im Moment wird so viel befürchtet, misstraut und sich gesorgt, da geht die Lebensfreude schnell mal flöten.

Ich war heute vor meiner Abreise nach St. Petersburg nochmal mit den Jungs im Hagenbecks-Aquarium. Da waren wir früher oft, aber eben jetzt auch lange nicht mehr, und es war total nett. Ein Spaß für groß und klein (auch wenn die „Kleinen“ gar nicht mehr klein sind). Nicht nur das Ambiente selber, sondern auch dieses gemeinsame Suchspiel, wenn es darum geht, irgendwelche gut getarnten Kröten oder Echsen zu erspähen, von denen die Schilder ja bezeugen, dass sie irgendwo sein müssen. Oder kleine, bunte, frei fliegende Vögel über den Köpfen im Restaurant. Oder die großen Krokodile. Alles in allem ein lebender Beweis dafür, wie wundervoll die Schöpfung ist. In solchen Momenten ist der „Zivilschutz“ echt galaxienweit entfernt.

Oder dieser diplomatische Irrsinn:

auch interessant

Wobei ich die Kategorie „auch interessant“ und die Formulierung „mal wieder“ dann doch ein bisschen flapsig finde.

22. August 2016 von Gerrit
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Zweite Halbzeit

Es wäre schön, wenn sich die Kämpfe in der Welt auf sportliche Wettkämpfe beschränken würden. Die Bilder von dem Jungen aus Aleppo, die gestern und heute überall zu sehen waren, machen mich krank. Vor Wut, Trauer und Verzweiflung. Denn es ist da jeden Tag so, jede Sekunde, seit Jahren, und es betrifft ein ganzes Volk. Und das ist nur ein Land von vielen, in denen die Einwohner nicht in Frieden leben können.

Man kann vom Menschen vermutlich nicht erwarten, dass er irgendwann vom Mittel der Gewalt absieht, das ist schade.

Es gibt aber auch zarte Momente: Gestern Abend lief im Netz Turmspringen der Damen mit einer Teilnehmerin aus Nordkorea. Die nahm schon zum dritten Mal an einer Olympiade teil, aber gestern sprang sie richtig gut, jedoch schien es fast so, als dürfe sie sich gar nicht richtig freuen. Nach dem letzten Sprung winkte sie ganz scheu in die Kamera, als täte sie etwas Verbotenes. Und ihre Trainerin war genauso scheu und kontrolliert und berührte ihren Schützling kurz an der Schulter, zog die Hand dann gleich wieder zurück, aber es war klar, dass sie eine Sekunde lang daran gedacht hatte, sie in den Arm zu nehmen. Und sich dann dagegen entschieden. Das hat mich sehr berührt.

Habe als abendliches Beruhigungsmittel die Olympia-Livestreams für mich entdeckt. Am besten unkommentiert. Bei Leichtathletik hat man dann wirklich beinahe das Gefühl, auf den oberen Rängen im Stadion zu sitzen. Vor zwei Abenden habe ich den kompletten Hochsprung der Zehnkämpfer geguckt – das war die beste Berichterstattung seit Jahren. Ohne Worte. Total entschleunigt. Und man kann selber Dinge erkennen. Es gibt einen Zehnkämpfer aus Grenada, der heißt Kurt Felix – da hatten sich die Schweizer Medien natürlich auch schon draufgestürzt.

Quelle: www.20min.ch

Quelle: www.20min.ch

Ansonsten? War ich heute beim Arzt. Nehme ab jetzt Tabletten gegen meine hohen Cholesterinwerte. Goodbye, Jugend. Willkommen, zweite Halbzeit. Kommentiert. Von mir, versteht sich.

19. August 2016 von Gerrit
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Gegenfragen

Quelle: SPON heute

Quelle: SPON heute

Gegenfrage: Wer hat Hemingway zuvor die Hörner aufgesetzt?

Quelle: taz

Quelle: taz gestern

Gegenfrage: Wer ist bei Pro7 nochmal für die Programmvielfalt zuständig?

Core-Knabe
Kindskopf
Kunstlicht
Ewig nicht
nüchtern
Rolltreppenwitzelange
Einbrüche
In meine Sicherheitslück             

Gegenfrage: Kunst oder Kalkül?

 

 

 

16. August 2016 von Gerrit
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Inkubation

Eine neue Woche. Wollte am Wochenende eigentlich ein paar Texte für die Jubiläumsausgabe des Whatever-Magazins der beiden Hamburger Werberaketen Rocket & Wink schreiben, habe jedoch – bis auf den Entwurf erster Ansätze – nur Mist gemacht: Katzenklo, Wäsche, Staub saugen. Nicht, weil ich das musste, sondern weil ich den anderen Berg konsequent vor mir hergeschoben habe. Es ist zum Verrücktwerden. Manchmal brauche ich zum Schreiben derart die total perfekte Situation, dass ich mich von jeder Kleinigkeit ablenken lasse. Was natürlich auch damit zu tun hat, dass auf dem Bildschirm noch nichts formuliert ist, was mich zurückhält. Also, gewissermaßen vom Ablenken ablenkt. Dazu noch Olympia, Supercup, es ist kompliziert.

Hab am Wochenende auch das Buch durchgelesen, das mir meine Freundin auf dem Campingplatz in Österreich geschenkt hat, „Sibermond und Kupfermünze“ von W. Somerset Maugham. Das war kein Mist.

(aus: W. Somerset Maugham: "Silbermond und Kupfermünze")

(aus: W. Somerset Maugham: „Silbermond und Kupfermünze“)

Das Spannende an älteren Romanen ist ja, dass man nebenbei viel über die Zeit erfährt, in denen sie geschrieben wurden. Über die Kultur, soziale Normen, Rollenbilder. Maugham lässt seinen Protagonisten, den Maler Charles Strickland, z.B. häufig verwundert feststellen, man könne eine Frau schlagen, „bis einem der Arm weh tut“, sie liebe ihn danach nur noch mehr. So ganz abwegig ist das nicht. Josef Wilfling, ehemals bei der Mordkommission München, hat mir das auch mal in einem Interview bestätigt, dass es diese Abhängigkeit bei Frauen gibt. Wo man sich verzweifelt fragt, warum diese Frauen bei ihren Männern bleiben!? Hab ich mich natürlich gleich selber befragt: Bin ich als Partner zu brav? Muss ich ab und an mal richtig ausrasten? Nein, im Ernst, ich verachte Männer, die Frauen schlagen, aber die Grundfrage hat mich dennoch ein bisschen beschäftigt. Und gestern Abend habe ich dann gedacht, dass ich meine Freundin sehr wohl manchmal „verletze“, wenn ich nämlich in dieser Phase bin, wie gerade beschrieben, wo ich eigentlich einen Schatz zu heben habe, aber schon am ersten Spatenstich scheitere und verzweifele. Und die Partnerin dann doppelt „gearscht“ ist, weil du 1. schlechte Laune hast und sie dich 2. auch nicht aus diesem Loch holen oder sonst irgendwie helfen kann. In diesen Momenten bist du der einsamste Mensch der Welt (höre passenderweise gerade dazu „It´s easy to be lonely“ von der letzten Sophia-Platte), und obwohl die Partnerin dir das affektierte Künstlergehabe im Grunde übel nehmen müsste, steigert es am Ende, glaube ich, sogar ihre Zuneigung oder zumindest das Mitgefühl, wie gesagt, es ist kompliziert. Vielleicht irre mich auch, und es nervt sie einfach nur. Hoffen wir das mal nicht.

In „Silbermond und Kupfermünze“ redet Stricklands Sohn Robert übrigens auch ganz anders über den Krieg: „Natürlich ist der Krieg etwas Furchtbares und so weiter; aber er bringt die besten Eigenschaften eines Mannes ans Licht, das lässt sich nicht leugnen.“ Ich halte es da eher mit dem österreichischen Psychiater Reinhard Haller, der in einem Interview für unsere Doku über das Böse gesagt hat: „Der Krieg ist die Mutter alles Bösen.“ Weil es im Krieg eben keine Regeln mehr gibt.

Hab heute auf dem Weg zur Arbeit mal wieder eine der CDs von Alexander Kluges „Chronik der Gefühle“ gehört. „Schlachtbeschreibung“ heißt die, wie sein früher Roman, mit dem Kluge ja damals die Mischform aus Doku und Fiktion erfunden und gleich umgesetzt hat. In diesem Werk geht es viel um Stalingrad und den Wahnsinn dieses Winterfeldzuges. Kluge zitiert da absurde Richtlinien der Obersten Heeresleitung zum Kälteschutz (Zeitungen in die Unterhose bröseln etc.) und Augenzeugenberichte von kannibalischen Auswüchsen angesichts der Hungersnot, und ich dachte beim Hören bloß, JEDER junge Mensch müsste das eigentlich hoch und runter hören, um nicht wieder auf dumme Gedanken zu kommen.

Was mich an Maughams Künstler-Figur, dem Maler Charles Strickland, am meisten beeindruckt, ist nicht nur dieser Wille, absolute Schönheit zu schaffen, und die Hilflosigkeit, wenn es nicht passiert. Nein, was ich viel cooler finde, ist, dass ihm der künstlerische Erfolg zeitlebens nichts bedeutet. Dass er seine Bilder nur verschenkt und nicht verkauft und sogar das Wandgemälde, das er am Ende schafft, und das – auch wohl nach seinen Vorstellungen – endlich das vollendete Werk darstellt (bezeichnend, dass er erst blind werden muss, um die richtigen Farbtöne zu treffen und zu komponieren), direkt nach seinem Tod vernichtet werden soll. Weil es ihm reicht zu erkennen, dass er mit der Annahme, dieser Schatz sei in ihm, richtig lag.

Kunst kann nie Kunst sein, wenn sie nur kalkuliert um ihrer Wirkung willen entsteht. Und genauso muss ich eigentlich an die Sache herangehen. Will ich bloß, dass mein Name in einem stylishen Kunstmagazin zweier Hamburger Werbeikonen steht, oder gibt es da wirklich einen Schatz zu bergen?

15. August 2016 von Gerrit
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68 er leben

Screenshot: Mobile strike - Bin statt für ein Burka- eher für ein temporäres Wargames-Verbot!

Screenshot: Mobile strike – Bin anstatt gegen Burkas eher für ein temporäres Wargames-Verbot!

Heute mehr über die 68er Bewegung gelesen. Dass sich die Kommune 1 in Enzensbergers leerstehenden Wohnung in Berlin gründete, hatte ich schon in „Tumulte“ gelesen, aber bereits wieder vergessen. Muss mir solche netten Randnotizen einfach besser merken.

Dass (Pop-)Musik bzw. die Beatles damals so eine globale Welle geschlagen haben, ist heute unvorstellbar. Oder dass sich 5 Millionen Menschen die Aufklärungsfilme von Oswalt Kolle im Kino angeschaut haben. Heute gibt es dafür Youtube. In Milliarden Varianten. Und die jungen Zuschauer sind immer noch nicht (viel) aufgeklärter. Sie haben nur Bilder im Kopf. Häufig die falschen.

Finde es manchmal ein bisschen schade, dass uns im Grunde gar nichts mehr so richtig überraschen kann. Oder schocken. Es gibt im Prinzip nichts, von dem wir uns nicht in irgendeiner Form ein Bild machen können oder bereits gemacht haben. Das ist eigentlich schrecklich. Ein ätzender Zustand der Bewusstseinssättigung.

Vielleicht ist das unsere Challenge, sich wieder verstärkt mit den eigenen Augen Bilder von etwas zu machen, anstatt immer nur medial vermittelt. Sich mal die Zeit zu nehmen und z.B. einer Schnecke eine Minute lang beim Kriechen zu beobachten, also gewissermaßen ein unantastbares, nicht reproduzierbares Master im Kopf zu erstellen. Oder besser, mit geschlossenen Augen, ja, keine Ahnung, da ist man wieder sehr schnell bei Walter Benjamins Aura-Begriff. Aber das natürliche, als unwiderbringlich empfundene Erlebnis im Hier und Jetzt, das hat schon eine hohe Qualität.

Lebensqualität.

12. August 2016 von Gerrit
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Kein Signal

keinsignal

von oben, dass das Wetter nochmal besser wird. Bekomme eine Lungenentzündung alleine vom Aus-dem-Fenster-schauen.

Es ist, als hätte ich es gerochen. Hab ich doch im letzten Beitrag beschlossen, das Lebenswerk eines Mannes zeige sich am Ende weniger in bedruckten Regalmetern und mehr in der Fürsorge für seine Liebsten, lese ich heute bei SPON eine Rezension über Thomas Langs neuen Roman „Immer nach Hause“. Thema: Hermann Hesses Ehe mit der Basler Fotografin Mia Bertoulli und seinen vielen Fluchtversuchen aus eben diesem Familienleben. Seine Gattin Bertoulli endete später mehrfach in psychiatrischer Behandlung, ein hoher Preis für die künstlerische Suche des Schriftstellers; ich würde sogar sagen, ein eigentlich unbezahlbarer.

Während ich im Urlaub war, hat mein Arbeitgeber zwei Spezial-Hefte herausgebracht: eines über Fidel Castro und eines über die Sechziger. Hab ja noch vor dem Urlaub „Tumulte“ von Enzensberger gelesen und muss sagen, dass ich diese Ära immer spannender finde. Weil es auch so viele Überschneidungen gibt. Sartre fährt mit Castro durch Kuba, genauso wie Enzensberger, den Castro später auf die Liste der politischen Gegner setzt. Sartre befragt auch den jungen Daniel Cohn-Bendit nach dessen Revolutionsbegriff, der sich wiederum über das Menschenbild eines Che Guevaras aufregt. Alles Randnotizen unter einer großen Cloud.

Man darf nicht vergessen, was die 68er-Bewegung alles im Nachkriegsdeutschland „bewegt“ hat, zum Beispiel die Frauen- oder Schwulenbewegung. Das Meiste von dem, was wir heute als fortschrittlich und schützenswert empfinden, wurde damals nicht nur erkämpft, sondern zum ersten Mal überhaupt formuliert.

Ich frage mich, ob es damals leichter oder schwerer war, sich Gehör zu verschaffen. Und ob es heute noch eine Forderung gibt, die – wenn man sie richtig formuliert – etwas Großes „bewegen“ könnte. In die richtige Richtung, versteht sich.

Ansonsten? Ertappe ich mich dabei, abends gerne noch ein bisschen Olympia zu gucken. Ich beobachte da einen Trend: Die Sportarten, in denen wir Deutschen erfolgreich agieren, sind eher Luxussportarten: Reiten, Schießen, Tennis. Das ist symptomatisch und wird sich in den nächsten Jahrzehnten auch eher verschärfen.

Und? Habe jetzt erst die Heimwerker-Videos von Fynn Kliemann für mich entdeckt. Dafür ist das Medium wirklich gedacht und gemacht.

11. August 2016 von Gerrit
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Schneckentempo

schneckentempo from anders-blog on Vimeo.

Urlaub vorbei. Morgen geht es wieder ins Büro. Und dann in zwei Wochen ab nach St. Petersburg. Erdogan wird dann wohl nicht mehr da sein, sonst hätte ich mich mit den beiden Demokratie-Experten mal an einen Tisch setzen können.

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Das Wetter hier ist ja tatsächlich so unsommerlich wie aus der Ferne beschrieben. Der einzige Vorteil an diesen ständigen Schauern ist, dass sich die Blumen wie von selbst gießen.

Waren ja mit dem Wohnmobil unterwegs und sind auch wirklich der Sonne hinterher gefahren. Österreich, Slowenien, Kroatien und auf dem Rückweg noch mal Österreich. Geangelt, Fußball gespielt, im Mittelmeer gebadet, gut gegessen und als Familie Zeit miteinander verbracht. Ich bin sehr dankbar für diese schönen Momente, gerade in diesen hektischen Zeiten, doch umso härter ist jetzt die Phase, da die eigenen Kinder wieder weg sind. Daran werde ich mich nie gewöhnen.

In Kroatien haben wir spontan einen alten Bekannten besucht, Holger Frenzel, ein Deutscher, der dort seit Jahren einen Campingplatz betreibt. Ich habe ihn vor Jahren mal für VOX gedreht, seitdem waren immer mal wieder Fernsehteams da. Aktuell läuft gerade was mit ihm auf Kabel 1, „Zwischen Meer und Maloche“ oder so ähnlich, hab am Sonntag Abend kurz reingeschaltet, fand es aber langweilig, bis auf Holger, versteht sich, der ist echt unterhaltsam. Und ein guter Gastgeber. Hat mit uns einen Bootsausflug zu den Delphinen gemacht, das war (selbst für die größeren) Jungs natürlich ein Knaller.

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Wenn man Zeit mit seinen Liebsten verbringt, stellt man sich automatisch die Frage, warum das so selten der Fall ist. Warum man so viel Zeit mit anderen Dingen verbringt. Und wie man das ändern kann. Ich habe mir extra zwei Tage länger Urlaub genommen, aber anstatt zu entstpannen, wäscht man einen Haufen Wäsche und kommt ins Grübeln.

Meine Freundin hat mir im Campingplatz-Supermarkt ein Buch gekauft: „Silbermond und Kupfermünze“ von W. Somerset Maugham. Es handelt von Charles Strickland, der seinen Job als Börsenmakler aufgibt, Frau und Kinder verlässt, um in Paris als Maler zu leben. Es gibt einen Haufen Genies, die zeitlebens einen Riesenoutput hatten, aber sich einen Dreck um ihre Kinder gekümmert haben. Ja, mir fehlt auch manchmal die Zeit, mehr als einen Gedanken zu formulieren, aber ich glaube, die eigentliche Lebensleistung misst man am Ende nicht in gedruckten Regalmetern.

In der neuen „11Freunde“ gibt es eine schöne Vorstellung der neuen, jungen, noch unbekannten Bundesligaprofis. Einer von ihnen heißt wie ich, nämlich Gerrit, allerdings Holtmann mit Nachnamen. Es hat mich sehr gerührt, wie er erzählt, dass ihm viele Trainer in der Jugend gesagt haben, er würde es nie zum Profi bringen, und wie er seinem krebskranken Vater auf dem Sterbebett versprach, „es mit dem Fußball zu packen und auf meine Mama aufzupassen“. Gerrit Holtmann war damals so alt wie meine Söhne heute, im Ernst, als ich das gelesen habe, musste ich fast heulen.

Für mich beginnt jetzt auch die Vorbereitung auf die neue Saison. War heute sogar joggen, morgen ist Training. Und ich habe in Equipment investiert. Wir haben auf dem Rückweg von Östereich einen Zwischenstop in Herzogenaurach gemacht und mit dem Jungs einen Abstecher ins Puma- bzw. Adidas-Outlet gemacht. Leider bin ich auch schwach geworden. Hab mir ein paar Fußballschuhe gekauft, ein Restpaar, das angeblich mal 250 Euro gekostet hat. Für sage und schreibe 25 Euro. Hatte sie schon einmal zum Kicken an – keinen Unterschied festgestellt. Aber schick sind sie schon. Oder zumindest schrill …

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09. August 2016 von Gerrit
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