Verrückter All-Tag

Zurück aus dem Urlaub. Zurück im Tagesgeschehen. Neben dem Amok-Film betreue ich dieses Jahr wieder eine kleine Serie fürs Schweizer Fernsehen. Werde dafür ein paar Mal nach Moskau reisen, was natürlich spannend ist. Versuche, den damit verbundenen Stress so klein wie möglich zu halten und das Projekt in erster Linie zu genießen. Mal schauen, ob´s klappt.

Hab diesen Blog, wie man sehen kann, in den letzten Wochen ein bisschen vernachlässigt. Auch das soll sich wieder ändern. Das Leben ist bunt und liefert ständig Stoff, um darüber nachzudenken. Das sollte man auch tun, solange man es noch kann – und darf! Also opfere ich heute meine Mittagspause und halte schnell ein paar Gedanken fest.

War ja in der Zwischenzeit nicht untätig. Die kleinen Bilderwitze, die mein kreativer Partner Sebastian und ich unter dem Namen „Die Alphabeten“ jeden Freitag in die Welt entlassen, machen mir großen Spaß. Der letzte war etwas politischer und erzielte starke Reaktionen:

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Gestern Abend habe ich noch ein Foto bei FB gepostet, das ebenfalls eine politische Lesart zulässt (ging um die Farbe des Himmels), und auch da entsponn sich eine Mini-Diskussion.

Verrückter Himmel. Ohne Filter und technische Bearbeitung.

Verrückter Himmel. Ohne Filter und technische Bearbeitung.

Klar, damit muss man rechnen. Und trotzdem möchte ich mich einfach hinstellen, mit den Fingern schnippen und sagen: „So, ab jetzt: Weltfrieden!“ Die Gemütslage ist momentan so vergiftet und die Gemengelage so komplex, dass ich plötzlich wieder die Vorteile dieses Blogs zu schätzen gelernt habe, der sich ja mehr oder weniger als Einweg-Kommunikation etabliert hat.

Und gerade in diesen hysterischen Zeiten (die aber vielleicht auch immer so waren) schlägt das Schicksal dann zu und erstickt mal eben einen Großteil der herum fliegenden Funken. Mein Patenonkel ist gestorben. Am Ende doch ein bisschen überraschend, nachdem ich ihn (glücklicherweise) zu Weihnachten noch besucht hatte. Zugegeben, in den letzten Jahren ist der Kontakt weniger geworden, doch in den ersten zwanzig Jahren meines Lebens stellte dieser Mann eine feste Größe für mich da: nett, großzügig, verlässlich – und bärenstark. Die Sommerferien auf seinem Bauernhof sind und bleiben unvergessene Kindheitserinnerungen. Er hat mir mein erstes Auto geschenkt: einen apfelgrünen Trabbi (über den ich allerdings auch manchmal geflucht habe).

Detlef

Jetzt tippe ich nebenbei die Beerdigung als Termin in meinem Smartphone-Kalender, was an sich schon ein unmöglicher Satz ist, und während ich sogar kurz zögere, ob man seinen Namen am Ende(!) mit „f“ oder mit „v“ schreibt, fängt mein Kopf an zu pochen, weil ich ahne, dass diese Trauer wieder so eine Halbwertzeit hat, wieder so eine seltsame un-tote Un-Trauer ist, die sich erst am Grab, im Kreise der Familie richtig artikulieren wird – und dann immer, immer wieder, wenn ich von nun an in Zukunft da oben in der Gegend unterwegs bin. Ich weiß es, und es wird mich trotzdem überraschen. So ist das Leben.

Verrückt.

22. März 2017 von Gerrit
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Lieber Zuhörer

Muss mich seit letzter Woche mit dem Thema „Amok“ auseinandersetzen. Hab auch ein kleines Dossier zur Lektüre bekommen und fand das tatsächlich sehr interessant. Vielleicht habe ich zum Thema Amok allerdings jetzt auch einen anderen Zugang, weil meine Söhne nun selbst in dem Alter sind, in dem Jugendliche oder junge Männer typischerweise zu Tätern werden.

Die Kernfrage der Forschung lautet: Gibt es frühe Warnsignale, die Eltern, Lehrer oder Freunde im Umgang mit potentiellen Tätern erkennen können? Kurz gesagt: Kann man einen Amoklauf verhindern?

Gerade die Rolle und die Verantwortung der Eltern wird in diesem Zusammenhang kritisch beleuchtet. Und auch ich frage mich als Vater: Wie meistert man die Gratwanderung zwischen „langer Leine“ und „Supervision“?

Sue Klebold, die Mutter von Dylan Klebold, einem der beiden Täter des Columbine High School-Attentats, sagte in einem Interview mit der Süddeutschen Jahre später ein paar Worte, die ich mir ziemlich zu Herzen genommen habe: „Ich wusste früher nicht, wie man zuhört. Ich dachte, ich würde zuhören, aber in Wahrheit tat ich es nicht. Ich kann mich daran erinnern, dass ich als Kind meiner Mutter vorweinte, wie hässlich ich sei und dass mich niemand möge. Worauf sie sagte: `Aber ich mag dich doch.´ Es war sicher nett von ihr gemeint, aber auch das ist nicht zuhören.“

Der Kölner Psychotherapeut Stephan Potting erzählt (ebenfalls in einem SZ-Interview), Eltern von Tätern hätten häufig die Beziehung zu ihren Kindern vermieden und darüber den Kontakt zu ihnen verloren. Er rate Eltern daher, „den Kontakt zu ritualisieren“, z. B. durch gemeinsames Abendessen, gemeinsame Gespräche und Begrenzung des Medienkonsums. Den daraus entstehenden Ärger mit dem pubertierenden Nachwuchs empfindet er als „sinnvoll“. Hochinteressant. Lieber ab und an in die Konfrontation gehen als gar nicht miteinander reden.

Die Rolle der Medien ist natürlich auch interessant. Wie muss man ein solches Geschehen medial aufbereiten? Es gibt mittlerweile einen Verhaltenskodex, wie man in Deutschland über Amokläufe berichten soll: den Täter pixeln, möglichst wenig Details – damit der Täter nicht zum „Helden“ bzw. zur Identifikationsfigur wird und noch mehr Nachahmer findet.

Wann ist ein Bild ...

Wann ist ein Bild …

... ein Bild von sich?

… ein Bild von sich?

Ich habe einem Protagonisten in meinem zweiten Roman „Kunststoff“ damals einen Satz in die Feder diktiert: „Amok ist umgedrehtes Koma.“ Ich dachte damals, das wäre superoriginell, bis mir ein Kollege erzählte, so ähnlich hätte die Punkband „Abwärts“ schon in den Achtzigern eine Platte betitelt. Jetzt habe ich gelesen, dass das in Winnenden das Passwort für den schlimmstmöglichen Fall war. Als die Katastrophe ihren Lauf nahm, rief der Rektor: „Frau Koma kommt!“

Ich habe mir auf jeden Fall vorgenommen, wieder besser zuzuhören. Generell. Weil es das soziale Miteinander fördert. Und sich der Andere besser fühlt. Ganz einfach.

27. Februar 2017 von Gerrit
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Hilfsgärtner

Alphabeten

Die Alphabeten haben gestern erste Probeaufnahmen für ihren demnächst erscheinenden Podcast gemacht. Das war schon sehr lustig. Zumindest für uns.

Die Zeiten sind ja ein bisschen verrückt. Und es kommt ja auch nicht von ungefähr, dass wir jetzt so ein Projekt starten. Weil die Zeit reif ist, vielleicht sogar „überreif“, und die Entwicklung des alten Wunsches der Kritischen Theorie, der Empfänger möge (als Gegenpol zu den klassischen Massenmedien) doch auch zum Sender werden, auf dem anderen Ende der User-Skala die seltsamsten Blüten treibt:

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Wahnsinn: Sammel-Alben für Webstars! Meine Freundin hat mir das geschickt, Danke dafür, man glaubt das ja nicht, wenn man es nicht mit eigenen Augen gesehen hat. Aber im Grunde auch symptomatisch und auf der zweiten Beobachtungsebene wiederum ein tolles Thema für eine Abschlussarbeit in Kulturwissenschaften. Oder Psychologie.

Apropos Kritische Theorie. Hatte kurz das Gefühl, mein persönlicher Kommentar zu Alexander Kluges 85. Geburtstag (http://www.anders-blog.de/?p=5149) sei womöglich etwas zu pathetisch und bewundernd geraten, aber der Kollege Markus Ehrenberg vom Tagesspiegel hat es ganz ähnlich formuliert (http://www.tagesspiegel.de/medien/alexander-kluge-wird-85-jahre-alt-stachel-im-fernsehfleisch/19385836.html). Der NDR hat ebenfalls ein kleines, schönes Geburtstagsstück gemacht (https://www.ndr.de/Alexander-Kluge-ueber-Zeiterfahrung-als-Lebensgefuehl,journal728.html). Darin sagt Kluge übrigens, seine „Meister und Vorbilder“ seien Adorno und Benjamin – und er bloß deren „Hilfsgärtner im Garten der Kritischen Theorie“. Insofern kann ich wohl auch dazu stehen, dass es da draußen einen Mann gibt, den ich sehr schätze. Alles im Rahmen des Vernünftigen. Wenigstens das.

Und noch was: Kluges Rezept für die Zukunft? „Weiterarbeiten!“

15. Februar 2017 von Gerrit
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The Weak End is over

Kanne

Scheine die kleine Grippe-Attacke vorletzte Woche gut überstanden zu haben. Will nicht sagen, dass ich Bäume ausreißen könnte, aber zumindest habe ich dieses Wochenende endlich wieder mal ein Pensum absolviert, das Geist und Körper gefordert hat. Samstag und Sonntag Stalldienst in der norddeutschen Kälte, heute Nachmittag ein Vorbereitungsspiel gegen Teutonia gewonnen (2 Assists), nebenbei ein bisschen Falkner und Walser gelesen – und gestern Abend um Viertel nach acht das Mainstream-Programm umschifft und stattdessen „Die Füchsin“ im WDR geschaut. Hat mir sehr gut gefallen. Das Lustige war: Ich kannte eine der Locations, weil ich da selbst mal gedreht habe, und zwar mit Joe Bausch, damals für unsere Reportage.

So gesehen im Dritten

So gesehen im Dritten

Das Haus befindet sich in Köln, was bemerkenswert ist, weil die „Füchsin“ eigentlich in Düsseldorf spielt, egal, nur eine Randnotiz, doch ich muss zugeben, dass mir dieses „Geheimwissen“ ein bisschen Freude bereitet.

So bei mir.

So bei mir.

Tatort-Drehort damals

Die Reportage läuft übrigens immer noch im Netz bei spiegel.tv. Ist definitiv einer meiner schöneren Filme. Morgen geht es nach Zürich, zum SRF. Wir stellen da unsere Protagonisten vor, die wir für eine kleine Dokureihe gecastet haben: „Schweizer in Hamburg“. Sind, glaube ich, ganz gut gewappnet. Dienstag wird es dann ernster. Da werden mein Alphabeten-Kollege Sebastian und ich mal versuchen, eine Probeaufnahme für einen (demnächst hoffentlich regelmäßig erscheinenden) Podcast zu produzieren … bin ein bisschen nervös.

Man wird am Ende nicht sagen können, dass ich keine Spuren hinterlassen habe.

Man wird am Ende nicht sagen können, dass ich keine Spuren hinterlassen habe.

Merke in diesen Tagen, dass es den Akku auflädt, wenn man den Geist auch „mitlaufen“ lässt. Das ist wie bei einem Hybrid-Auto, das Energie produziert, während es faktisch Fahrleistung erbringt (oder war es Bremsleistung?). Habe in meinem kleinen Walser-Büchlein gestern noch vier Zeilen gefunden, die ich hier unbedingt teilen möchte. Obwohl ich es zweimal lesen musste, um die ganze Tragweite zu verstehen – dennoch voll auf den Punkt!

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12. Februar 2017 von Gerrit
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Betrachtungs-Weise

3sat
Gestern in Mainz gewesen. Habe dort mit einem geschätzten Kollegen ein paar Ideen bei 3SAT vorgestellt. Zurück mit dem IC entlang des Rheins wieder nach Hamburg, an die gute, alte Elbe. Man denkt auf diesem ersten Abschnitt am Wasser, man reise in eine(r) andere(n) Zeit, weil man die ganze „Zeit“ auf Burgen und Fachwerkhäuser blickt.

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Lesestoff an Bord: „Ferngespräche“, von Alexander Kluge und Rainer Stollmann. Hab es während meines Kurztripps im Januar erstanden, eher zufällig (oder eben gerade nicht?), im Heinrich-Heine-Haus in Düsseldorf, einer Buchhandlung, die im Internet zudem noch als Büchercafé ausgezeichnet war, was sich wiederum als falsch erwies. Und auf der vergeblichen Suche nach einer Toilette und einem Heißgetränk, habe ich stattdessen dieses Buch erworben.

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Wie alles von Kluge ein Wissensschatz. Betone das deshalb, weil dieser Mann, der mich mit dem, was er tut und sagt, seit meinem Studium beschäftigt (also seit über 20 Jahren), nächste Woche 85 Jahre alt wird. Wir hatten ein Mal konkret miteinander zu tun, im Rahmen einer DVD-Produktion über das Böse. Meine Freundin und ich hatten eine Spiegel TV-Doku zu diesem dunklen Thema produziert und Kluge mehrere andere, kürzere Filme, die er zurecht gerne veröffentlicht sehen wollte.

Man kann Alexander Kluge nur für das bewundern, was er aus seinem Leben gemacht hat. Und das meine ich so, wie ich es sage; wie er es geschafft hat, sich in der kommerziellen, von Quoten und Werbeeinnahmen bestimmten Fernsehlandschaft einen „Markt-Platz“ zu sichern, mit Waren, die auf diesem Markt üblicherweise nicht nachgefragt werden, sondern, im Gegenteil, über die sich alle wundern. Oder sogar ärgern. Einmalig. Diese nicht standardisierten Genüsse dennoch stets im Gepäck, und die Strukturen des „Marktes“ in der Art ausgetrickst zu haben, dass man jeden Samstag aufs Neue seinen Stand aufbauen und weitere Waren produzieren darf, gleicht beinahe schon einem Eulenspiegel-Streich. In jedem Falle ein Glücksfall für diejenigen, die nicht nur Gemüse aus holländischen Treibhäusern fressen wollen.

Alexander Kluge – so scheint es jedenfalls, von außen betrachtet – befindet sich in der einmaligen Situation, laufend neue Projekte anzugehen, die ihn geistig (und körperlich) fordern und gewissermaßen auf seiner eigenen, geistigen Karriereleiter immer einen Schritt höher befördern. Während ich das Gefühl habe, seit meinem Studienabschluss täglich Wissen zu verlieren, scheint Kluges Wissensschatz wie der Inhalt von Dagobert Ducks Geldspeicher ständig und unaufhaltsam anzuwachsen. Sein Leben und sein Schaffen kommen daher wie eine einzige autogene Weiterbildungsmaßnahme. Und auch wenn er sich im Laufe der Zeit ein konstantes Vokabular angeeignet hat, bringen sich die Verbindungen und Anwendungen in seinen verschiedenen Ausdrucksformen ständig aufs Neue gegenseitig in Bewegung.

Wie in „Ferngespräche“. Ich habe das Buch aus Neugier gekauft. Weil an meiner Pinnwand ein Zettel hängt, auf dem steht: „Kluges Gespräch“! Es ist der Titel eines Interviewbuches mit Kluge, das ich gerne noch machen würde. Wobei ich nicht darauf versessen bin. Das Leben hat oftmals seine eigene Dramaturgie. Man kann im Laufe des Lebens Impulse setzen, aber alles andere ist ergebnisoffen. Konstellativ, würde Kluge sagen. Vielleicht. Was weiß ich schon?

10. Februar 2017 von Gerrit
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Geh, nesen

Bin nach meinem langen Urlaub erstmal krank geworden: Erkältung. Bisschen blöd, aber nicht zu ändern. Bin dann halbe Tage ins Büro, um mit den neuen Projekten nicht gleich ins Hintertreffen zu geraten. Fürs Bloggen fehlte mir da ein bisschen die Kraft. Außerdem hatte ich auch das Gefühl, dass man sich – wenn überhaupt – auf jeden Fall zu Trump äußern müsste, und dafür fehlte mir erst recht die Kraft.

In meinem „kleinen Walser“, in den ich zwischendurch gerne mal spicke, habe ich zwei Sprüchlein gefunden, die zwar schon 40 Jahre alt, aber immer noch hochaktuell sind:

Quelle: Martin Walser: "Der Grund zur Freude. 99 Sprüche zur Erbauung des Bewußtseins." (Rowohlt)

Quelle: Martin Walser: „Der Grund zur Freude. 99 Sprüche zur Erbauung des Bewußtseins.“ (Rowohlt)

Bin auch auf dem letzten Ende von „Geister“ angekommen, dem Roman, den mir mein Alphabeten-Kumpel Sebastian zum Geburtstag geschenkt hat. Tolles Buch – das im Übrigen sehr schön aufzeigt, wie durch die mediale Berichterstattung der Studentenrevolte in Chicago 1968 das „normale“ Volk am Ende so vergiftet war, dass es Nixon zum Präsidenten wählte. Da steht ein wunderschöner Satz, den ich hiermit teile:

„Manchmal glaubt ein Land, es hat verdient, dass man ihm den Hintern versohlt, manchmal will es umarmt werden. Wenn es umarmt werden will, wählt es demokratisch. Ich setze im Moment darauf, dass die Leute bestraft werden wollen.“ (Nathan Hill, „Geister“, S. 687)

Großer Satz – dem ich nach wiederholtem Lesen entgegen setzen würde: Ich bin der festen Überzeugung, dass die Menschen, die Trump gewählt haben, endlich mal wieder in den Arm genommen werden wollten. Und das Wahlergebnis auch (zunächst) als Belohnung empfunden haben. Oder frei nach den Ärzten: Die verbreitete antidemokratische Aggression ist tatsächlich in allerletzter Instanz ein „Schrei nach Liebe“.

Wie sich die Zeiten ähneln, heute und vor 50 Jahren. Damals waren es die Studenten, heute die Flüchtlinge. Dabei zittern die „besorgten Bürger“ vor allem um die demokratischen Errungenschaften und gesellschaftlichen Freiheiten, die uns – zu großen Teilen – erst die Studentenbewegung gebracht hat. Passt hier der Ausdruck: Ironie der Geschichte?

Meine Freundin meinte, es sei – bei aller Gefahr und Trauer – womöglich gar nicht schlecht, dass sich unsere Kinder wieder politisch werden engagieren müssen. Ich meine, was waren unsere Themen? Bio-Lebensmittel? Öko-Baumwolle? Datenschutz? Ja, auch wichtig, aber nicht existentiell.

Wobei, vielleicht werden auch diese Fragen in Zukunft extremer. Hab heute im Radio gehört, es gebe in Norddeutschland Engpässe bei Freiland-Eiern (wegen der Vogelgrippe) und bei Gemüse (aus Spanien, wegen der Unwetter dort). Ich spare jedenfalls auf eine Ackerparzelle, die meine Söhne noch bebauen können.

Mein Großer ist jetzt 16 geworden. Habe ihm ein paar Actionfilme geschenkt, die mich geprägt haben, z. B. „Leon, der Profi“. Vorgestern nachts noch mal angeschaut. Den Director´s Cut, versteht sich. Was für eine Meisterleistung von Natalie Portman. Beinahe gespenstisch. Bin gespannt, wie meinem Sohn der Streifen gefällt.

05. Februar 2017 von Gerrit
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Treffen in Telgte

Hab mich in meiner letzten freien Woche noch mal ins Auto gesetzt und bin losgefahren. Spurensuche. Stoffsuche. B-Suche.

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War mit meinem Vater zunächst in Warstein, meiner Geburtsstadt. Sind die ganzen alten Wege abgegangen: zum Kindergarten, zur Schule, zum Sportplatz, wo ich Fußball spielen gelernt habe. Vielleicht liegt es am Alter, aber ich war total geflasht. Konnte mich an ganz viele Dinge genau erinnern (Hauseingänge, Wände, Tore, Bäume). Bin am Ende sogar noch auf den Piusberg geklettert, obwohl da ziemlich viel Schnee lag. Weil ich es einfach musste. Weil ich es als Kind nicht durfte.

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Im Moment lechze ich irgendwie nach diesen Bildern aus meiner Kindheit. Bin nach unserer Rückkehr in Wolbeck, wo ich groß geworden bin, auch morgens meine alte Trainingsrunde durch den Tiergarten gelaufen. Auch hier hatte ich wieder das Gefühl, noch jede Baumwurzel zu kennen, jeden Stein. Allerdings bin ich die Strecke über den kleinen Wall auch schon hunderte Male gelaufen.

Hab dann in Münster meinen alten Freund Michael Knüfer besucht und später in Telgte „Zander“, meinen besten Freund und Fußballkameraden von früher, außerdem Bassist unserer Rockband „Verdancy“. Er hat mich mit zum Fußball genommen, was natürlich klasse war. Hab da noch ein paar alte Bekannte getroffen, Jungs, die ich 20 Jahre nicht gesehen habe. Das war toll. Und es ordnet mich auch irgendwie neu ein.

Aber unterm Strich sind das natürlich alles (schöne) Übersprungshandlungen. Die ganze Reise ist eine Übersprungshandlung, weil ich immer noch auf der Suche nach einem neuen Buchprojekt bin. Merke aber gleichzeitig, dass ich das dringend brauche. Etwas Zeitloses, etwas, das alles andere ein bisschen überdauert.

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Hab es dann heute schließlich doch ein bisschen geschafft, mich zu fokussieren. Hab mich in eine Pension in Telgte eingemietet und einen auf Hemingway gemacht. Bin durch die Stadt gelaufen, hab mir das hiesige Religionsmuseum angeschaut, mir ein Buch über Mystik gekauft, war in Kaffeehäusern und mittags in einem urigen Gasthaus zum Grünkohl essen.

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Nebenbei bin ich durch meine Notizen gegangen, meine Gedichtsammlung, hab alte Texte gelesen. Es war tatsächlich einiges dabei – und ich positiv überrascht. Jetzt hab ich endlich das Gefühl, ich könnte etwas heraus- und daran herumpicken, aber nächste Woche geht der Job wieder los. Haha.

Ich glaube, Spiritualität wird in nächster Zeit ein größeres Thema für mich. Nicht seltsam ideologisch oder komisch religiös, eher pragmatisch. Eher im Sinne: Wie kann ich die geistige Dimension im Alltag angemessen mit-erleben. Heute im Religionsmuseum, was ich wirklich gut fand, ist mir noch einmal aufgegangen, wie sehr sich der Mensch nach „Höherem“ sehnt. Und wie hilflos die meisten Versuche sind, diese Sehnsucht zu bedienen bzw. diesen Weg weiter zu beschreiten. Ohne Guru. Ohne Joga. Wobei mich Meditation schon interessiert. Vielleicht sollte ich doch noch mit einer asiatischen Kampfsportart anfangen!?

Wenn ich mir mein Leben malen könnte, würde ich meine Freundin einpacken und als Schriftsteller von Kaff zu Kaff reisen. Jeden zweiten Abend irgendwo eine kleine Lesung, gutes Essen, ein nettes Gespräch, dann in eine kleine Pension, am nächsten Tag ausschlafen, frühstücken, gemeinsam durch die Stadt bummeln – fertig.

18. Januar 2017 von Gerrit
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Youth …

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„Youth“ – so hieß der erste Romanentwurf, an dem ich Mitte der Neunziger parallel zum Studium meine ersten Kletterversuche als Schriftsteller unternahm. Oder: Schrift-Hersteller. Man erkennt den Titel unten links im Foto, auf dem Aktendeckel. Damals hab ich noch mit der Hand geschrieben und die losen Seiten in einer Mappe gesammelt (und für alle deutlich sichtbar stets mit mir herumgetragen). Ziemlich genau zwanzig Jahre ist das Foto alt. Meine Mutter hat es mir vor ein paar Tagen geschickt. Per WhatsApp. Allein das würde eigentlich genug besagen, um zu verdeutlichen, was seitdem alles passiert ist. In der Welt, meine ich.

Ich dachte eigentlich, ich hätte das Foto für meine damalige Freundin gemacht (bzw. machen lassen, mein WG-Kollege und guter Freund Michael Knüfer von Nevermind Music war so nett), als Weihnachtsgeschenk, was nichts zur Sache tut, außer der Frage, wie meine Mutter in dessen Besitz gelangt ist, bzw. dass auch das, also, wenn ich damals wirklich zwei Abzüge desselben Fotos meiner Freundin und meiner Mutter geschenkt hätte, was ich mir nicht so richtig vorstellen, aber auch nicht gänzlich ausschließen kann, ein Zeichen dafür wäre, wie ich mich in den letzten zwanzig Jahren persönlich und als Mann weiterentwickelt habe.

 

Die Frau, die jetzt (und wenn es nach mir geht, bis zu meinem Lebensende) an meiner Seite steht, hat gestern versucht, dieses alte Szenario wiederaufleben zu lassen, und in der Tat ist es ihr gelungen, mit wenigen Requisiten eine Momentaufnahme abzubilden, die über diesen kleinen Moment weit hinausgeht:

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Ja, ich bin älter geworden. Vielleicht bin ich nicht mehr so schlau wie damals, mit all meinem angelesenen Uni-Wissen, dafür bin ich heute sicher klüger. Nein, ich schreibe, wenn ich arbeite, nicht mehr mit der Hand. Ja, der Rum ist in der kalten Jahreszeit als Grog immer noch ein verlässlicher Freund. Aus den losen Blättern von damals sind zwei Romane erwachsen, das Debut „Jugendstil“ sogar gewissermaßen aus demselben Samen. Und – bei allen kaputten Akkuschraubern und Netzteilen der letzten Wochen – den Nicki von damals besitze ich immer noch, obwohl er sich an den Ellbogen und den Ärmeln beinahe auflöst. Irgendwie gut. Geworden. Alles.

11. Januar 2017 von Gerrit
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Die Story der Geschichte

Hab immer noch Urlaub. Weil ich letztes Jahr so viel gearbeitet habe. Wollte eigentlich die Zeit nutzen und ein neues Buchprojekt beginnen. Oder zumindest schon mal definieren. Tue mich leider ein bisschen schwer damit. Immerhin kann ich jetzt wieder am Rechner arbeiten. Kurz nachdem mein Akkuschrauber den Geist aufgegeben hatte, folgte nämlich prompt das Netzteil meines Laptops. Der hat zwar auch schon einige Jahre auf dem Buckel, war aber trotzdem lästiger als gedacht.

Da ich nicht schreiben konnte, hab ich zumindest gelesen: „Schundroman“ von Bodo Kirchhoff. Mein absoluter Lieblingssatz steht auf Seite 282 und lautet wie folgt: „Nur Schwachköpfe wollen auf der letzten Seite erfahren, wer der Mörder ist. Vernünftige Menschen fragen sich, wer wen am Ende lieben könnte.“

War schön, mal wieder ein cooles Buch zu lesen. Hab dabei allerdings auch mit Schrecken festgestellt, wie viele Bücher hier noch herumliegen, die ich nur halb, an- oder noch gar nicht gelesen habe. Erfüllt mich mit einem schlechten Gewissen. Heute schoss mir der Gedanke durch den Kopf, dass es vielleicht besser sei, alle Bücher zu verschenken und nur noch ein einziges zu besitzen, das man immer und immer wieder lesen kann, bis man zumindest dieses eine richtig und vollständig erschlossen hat (Ist das nicht so ähnlich in der „Schachnovelle“?).

Hab mir aber immerhin sogleich ein zweites, dickes Buch vorgenommen: „Geister“ von Nathan Hill. Hat mir Sebastian von den Alphabeten zum Geburtstag geschenkt. Gefällt mir gut; interessant, dass es genau wie „Schundroman“ (und im Übrigen auch meine beiden Romane „Jugendstil“ und „Kunststoff“) ein Roman übers Schreiben ist, also Literatur über Literatur, davon bin ich ja immer schon ein großer Freund gewesen.

Beim Lesen ist mir aber noch etwas aufgefallen: dass das Schreiben, solange es nicht wirklich das Schreiben an einem Buch ist, sondern z.B. „nur“ eine Arbeitsnotiz oder ein Blog-Eintrag, gewissermaßen immer nur ein „zweitklassiges“ Schreiben ist. Eine Art Gymnastik, an der Grenze zur Ausrede. Vielleicht nicht für Euch, die ihr das hier lest, jedoch für mich. Ein Schriftsteller ohne das passende Buchprojekt ist wie ein Kämpfer ohne Gegner. Er kann zwar trainieren, aber das Resultat der Leistung stellt keinen echten Wert dar. Oder eben nur einen zweitrangigen.

Mitunter treibt diese Verlegenheit darüber sehr seltsame Blüten. Habe gestern auf der Fensterbank in der Küche eine … ja … Landschaft geschaffen, so eine Mischung aus Kinderfoto-Album, Pop-Art-Installation und Waldorfschulen-Jahreszeitentisch. Kenne die Story der Geschichte zwar noch nicht im Detail, aber die Szenerie steht. Viel Spaß beim Draufklicken und Entdecken:

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10. Januar 2017 von Gerrit
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Zwischen (all) den Jahren

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Weihnachten. Zeit für Besinnung, vor allem für die Rück-Besinnung auf die wesentlichen Dinge: Liebe, Familie, Freunde, Natur. Oder anders formuliert: Wenn man mit einem Isländer an der Leine durch die Wälder Schleswig-Holsteins streift, merkt man erst, wie grotesk und abstrakt manche Dinge im abgelaufenen Arbeitsjahr eigentlich waren. Nicht sinnlos, aber zumindest über den Begriff der Relevanz ließe sich im Einzelfall trefflich streiten.

Ansonsten dreht sich, im Angesicht der eigenen Söhne, die rasend älter werden (aber man selbst doch schneller), viel um Erinnerungen an die eigene Kindheit, und was davon nachhält. Was war für mich wichtig? Was hat sich als gut erwiesen? Was kann ich weitergeben?

Hab dem Jüngsten einen Comic-Band geschenkt, der mir damals, als ich in seinem Alter war, viel Freude und Spannung bereitet hat: Percy Pickwick. Konnte dann auch nicht umhin, abends selber mal drin zu blättern. Hab mich gleich festgelesen und war total überrascht, wie gegenwärtig einzelne Bilder noch waren.

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Dieses zum Beispiel, das war damals meine absolute Lieblingsgeschichte. Da bekommt Percy ein Serum gespritzt und anschließend davon Wahnvorstellungen. Meinem Sohn gefiel die Geschichte auch. Bin ganz froh, dass manche Inhalte die normale Haltbarkeitsdauer überleben.

Apropos: Wollte dann noch ein weiteres Comic-Regal bauen (die Sammlung wächst) und musste feststellen, dass mein alter Akkuschrauber aus dem Baumarkt den Geist aufgegeben hat. Nach fast 20 Jahren. Das finde ich dann doch erstaunlich, in Zeiten, in denen die meisten Geräte schlapp machen, sobald die Garantie abgelaufen ist. Und bei aller Natur-Romantik muss ich zugeben, dass mich der Tod dieser kleinen Maschine ein bisschen traurig macht.

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Die ist mit mir wirklich durch dick und dünn gegangen, war bei allen handwerklichen Aktivitäten stets wie ein verlängerter Arm, tja, und es ist eigentlich auch bezeichnend, dass, streng genommen, nicht der Schrauber abgeraucht ist, sondern das Ladegerät. Ist das dann ein Herzinfarkt?

 

 

30. Dezember 2016 von Gerrit
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