Email for you

Hab bei meiner Mutter, als wir da waren, einen alten Philippe Djian-Roman aus dem Bücherregal gezogen und mich gleich wieder darin festgelesen: Matador. Meine Mutter musste es mir dann ausleihen, weil mein Exemplar irgendwo in einem der vielen Bananenkartons unten im Keller schlummert.

Wenn ich Djian lese, möchte ich am liebsten sofort immer drei Monate unbezahlten Urlaub nehmen und ein neues Buch anfangen. Djian schreibt so, wie ein Bussard über einer sechsspurigen Autobahn im Wind segelt. Frei, lebendig, immer auf der Jagd.

Matador hat er vor über 20 Jahren verfasst, doch ich finde, man merkt seinen Büchern nicht an, wie alt sie sind, zumindest stilistisch. Es sind lediglich mitunter einzelne Wörter, die einen daran erinnern, wie die Zeit rast – und sich die Dinge unseres Lebens in geradezu abartiger Geschwindigkeit weiterentwickeln. Heute morgen, zum Beispiel, bin ich über einen Satz gestolpert, den ich direkt zweimal lesen musste, um ihn zu verstehen:

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Nein, es sind keine elektronischen Briefe, die da „kreischen“ …

22. Mai 2016 von Gerrit
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Angeln

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War ein paar Tage mit dem Großen an der Ostsee. Angeln. In Angeln. Lesen. Sich inspirieren lassen. Hab auf ARTE einen Krimi mit Yves Montand und im Anschluss eine Doku über sein Leben geguckt. Ein Kreativ-Crash-Kurs, für den ich keinen Cent bezahlt hab.

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Rapsfelder helfen bei der Zerstreuung. Nicht nur optisch, sondern auch ihr betörender Duft. Im Ernst, ich bin in ein paar Momenten echt zum Mystiker geworden. Mein Sohn meinte, er habe gehört, auf Dauer mache Rapsgeruch schläfrig, deswegen sei es für kleine Kinder so gefährlich, in Rapsfelder zu rennen und sich dort zu verstecken.

Heute im Einkaufszentrum brach im Spielzeuggeschäft Panik aus, weil offenbar ein Kind etwas verschluckt und keine Luft mehr gekriegt hat. Der Schrei der Mutter ging durch Mark und Bein. Es war fürchterlich. Das Schlimmste, was ich seit langem erlebt habe. Man konnte aber auch nicht so richtig helfen. Meine Freundin und ich haben uns vorgenommen, demnächst mal eine vernünftige Ersthelfer-Ausbildung zu machen.

Wenn man bedenkt, was alles passieren kann, läuft es einem kalt den Rücken runter. Deswegen muss man auch mitunter innehalten und dem Himmel aufrichtig danken, für jeden einzelnen Tag ohne die ganz großen Katastrophen.

Nicht, dass mir das nicht manchmal auch gelänge. Gestern war ich auf dem Weg zu meinem Kumpel Sven, um mir einen Trailer für eine neue Format-Idee anzugucken, den er in meiner Abwesenheit fertig gestellt hat. An einer großen Kreuzung hinter der Autobahn hatte sich eine – wie ich vermute – Roma-Familie an der Ampel postiert, um den wartenden Autofahrern die Windschutzscheibe zu säubern. Natürlich sprang die Ampel genau vor meiner Nase wieder auf Rot. Prompt kam die Tochter auf mein Auto zugelaufen. Sie war ungefähr 13 Jahre alt, und obwohl ich ziemlich eindeutig ablehnte (ich war tags zuvor durch die Waschanlage gefahren), ließ sie sich gar nicht davon abhalten und spritzte mir aus einer Wasserflasche Seifenlauge auf die Scheibe. Das fand ich schon irgendwie beeindruckend, aber es kam noch besser: Plötzlich dachte ich, ja, verdammt, die Familie hat auch ein schweres Los und holte einen Euro aus der Tasche. Das Mädchen streckte die Finger durch die Scheibe und ließ den Euro, als ich ihn ihr geben wollte, versehentlich hinter den Fahrersitz fallen. Zu blöd. Zum Glück hatte ich noch einen. Dann sprang die Ampel auf Grün, und ich fuhr weiter. Später im Parkhaus wollte ich die Münze wiederholen und fand aber nur ein 10 Cent-Stück auf der Fußmatte. Ich brauchte einen Augenblick um zu schnallen, dass mich das Mädchen eiskalt übers Ohr gehauen hatte. Dass sie auch meinen ersten Euro genommen und stattdessen das 10 Cent-Stück hinter den Sitz fallen gelassen hatte. Ich war ganz kurz davor, mich aufzuregen. Aber nur kurz. Dann musste ich über mich selbst lachen. Und dann hab ich auch so etwas wie Respekt für das trickreiche Mädchen gespürt. Und zu guter Letzt dachte ich, dass es nicht sein kann, dass ein 13-jähriges Mädchen als Trickbetrügerin ihren Lebensunterhalt verdient.

21. Mai 2016 von Gerrit
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Theater

Vor ein paar Tagen der Bio-Bauer, der mit seinem Trecker Amok fuhr und Polizeiautos aufgespießt hat, jetzt der Messerstecher in München … sobald die Temperatur steigt, drehen die Ersten durch. Wobei mich die Story mit dem Bauern – ohne Details zu kennen – total berührt hat. Für mich klingt das so, als wenn da ein Tierliebhaber über Jahre von den Behörden in den Wahnsinn getrieben wurde, bis ihm schließlich die Sicherung rausgesprungen ist. So wie ich das gelesen habe, haben Polizei und Veterinäre ja offenbar in Abwesenheit des Bauern den Hof betreten und begonnen, seinen Kühen Ohrmarken zu stechen – wogegen sich der Bauer immer gewehrt hatte. Und da ist er ausgerastet. Jetzt hat er alles verloren. Und sitzt in der Psychiatrie. Ich finde die Geschichte entsetzlich traurig, aber, wie gesagt, ich kenne keine Details, geschweige denn Befunde. Und meine Schwester hätte sicher auch noch etwas Kluges aus der Sicht einer Tierärztin dazu zu sagen.

Im Anschluss an solche Dramen fragen sich die Experten ja immer, wie es bloß dazu kommen konnte. Ich frage mich ganz oft, warum eigentlich nicht viel mehr Leute Amok laufen. Im Ernst, warum funktionieren bei den allermeisten die Selbstkontrollmechanismen im Grunde ganz gut? Trotz Job, Schulden, Beziehungsstress und der medial suggerierten Mär von der Selbstverwirklichung und Selbstbestimmung als erstrebenswertes, aber vor allem eben auch machbares Lebensziel. Ja, und dann noch die Behörden …

Klar, ein System braucht Regeln. Aber wehe, man passt da irgendwie nicht rein. Wehe, man versteht die Regeln nicht. Oder „will sie nicht verstehen“. Wehe, man hat seinen eigenen Kopf und versucht, nach seinen eigenen Regeln zu spielen. Dann bekommt man Probleme.

janniskampnagel

Mein Sohn spielt heute Abend Theater. Ich hoffe, er setzt später auch auf die Kunst, um sich Ausdruck zu verschaffen.

11. Mai 2016 von Gerrit
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The Wanderer

Dieses Wochenende Kindheitserinnerungen total. Zuerst schickte mir meine jüngste Schwester ein Foto, auf dem sie das alte Laufhemd meines Vaters trägt. Es war ursprünglich ein T-Shirt von Nike, darauf das Logo vom Santa Monica Track-Club, dem Leichtathletikverein von Carl Lewis, in den 80ern der heiße Scheiß für die – an sich ja eher etwas uncoolen – Lauffreunde. Mein Vater hatte es damals extra zum Schneider gebracht, weil er das Shirt wie Carl als Trägerhemd haben wollte, und sich danach ein bisschen aufgeregt, dass der Schneider den Nike-Schriftzug abgeschnitten hatte. Weiß ich noch wie heute. Obwohl es über 30 Jahre her ist.

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Gestern trafen wir dann am Pferdestall auf eine zivile „Straßenkontrolle“. Meine Freundin und ich wussten erst gar nicht, was los ist. Sicherte die AfD jetzt schon die Grenze nach Schleswig-Holstein? Nein, es war der Kontrollpunkt für eine Wanderung vom IVV, dem Internationalen Volkssportverband, eine in Norddeutschland sehr beliebte Geschichte, die ich früher ganz oft mit meinem Opa gemacht habe. Mit Urkunde und Stempelheft, und wenn man das voll hatte, bekam man ein Aufnäher, den man als Kind auch stolz trug, weil da 500km draufstand oder 1000km, und an Start und Ziel gab es Zitronentee und Erbsensuppe vom Roten Kreuz, das war eine schöne Zeit – und, ja, Wandern wird total unterschätzt.

Und da wurde mir wirklich kurz warm ums Herz, weil mein Sohn dieses Wochenende mit seinem Opa eine Bootstour gemacht hat, an die er sich sicher später erinnern wird, so wie ich mich in diesem Moment an die Wanderungen mit meinem Opa erinnert habe, an die Tage, als ich klein war und alles andere einfach. Wandern. Abendbrot. Sandmännchen. Eis. Ab ins Bett. Vorfreude auf den nächsten einfachen Tag.

Wäre eben fast richtig gut gewesen. Hätte nämlich um ein Haar ein Foto zur Hand gehabt, auf dem mein Vater und ich bei einer Laufveranstaltung zu sehen sind, wo er selbst eben dieses Nike-Hemd trägt. Dachte, er hätte es mir mit einer Widmung in das Reader´s Digest Jugendbuch geklebt, das er mir damals, 1984, zu Weihnachten geschenkt hat. Leider habe ich mich geirrt.

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Die Widmung ist zwar da, aber darin steht, das Foto habe er in das „sportliche Buch“ geklebt, das meine Mutter besorgt hat (und das liegt noch in irgendwelchen Kisten). Damals war ich gerade 11 Jahre alt geworden, und in der Widmung schrieb mein Vater, er hoffe, ich würde mich später mal an diese ganzen Reisen zu den Laufveranstaltungen erinnern. Ja, das tue ich. Sehr gerne. Ich weiß aber auch noch, dass diese Widmung für mich damals auch ein wenig nach Abschied klang. Es war das erste Jahr, in dem ich die 10 Kilometer plötzlich schneller lief als er, und klar wurde, dass ich von nun an alleine laufen würde. Und zwar sprichwörtlich.

Heute ist mein jüngster Sohn schon ein Jahr älter, als ich es damals im Winter 84 war. Und auf den ersten Metern überholt er mich jetzt schon.

Die Zeit rast. Wir Chronisten im Dauereinsatz. Die letzten Tage vor Trump. Die ersten nach Prince. In denen man mit einem Mal „Nothing compares 2 u“ covern möchte und sich fragt, warum man den kleinen Supermusiker eigentlich nie live gesehen hat!? Dafür zwei Mal Westernhagen!? Mein älterer Sohn hält diese Woche in der Schule ein Referat über ihn (Prince, nicht Westernhagen). Bin darüber aber auch wieder auf Jimi Hendrix gestoßen – und auf eine sehr stimmungsvolle „Little Wing-Session“.

Bei youtube findet sich direkt darunter auch eine (zugegeben: besser, als gedachte) Coverversion einer jungen Sängerin. Die ist 60 Mal öfter geklickt.

09. Mai 2016 von Gerrit
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Katerstimmung? Geh, danken!

Weggegangen, Platz vergangen.

Weggegangen, Platz vergangen.

Wieder einmal ein Wochenende mit soviel Familienlogistik, dass man den Montag eigentlich noch für sich bräuchte. Aber, immerhin: Familie. Und Sonne. Frieden. Essen. Trinken. Danke.

Max Ballauf ist der Alexander Bukow des Westens. Hab ich gestern kurz gedacht, als er nach einem Razzia-Unfall gegen seine eigenen Kölner Polizei-Kollegen ermittelt hat. Gerade noch im Netz ein bisschen zum jungen Ballauf und seiner Tatort-Anfangszeit recherchiert, und ich muss sagen: Jetzt denke ich es umso mehr. Würde mir manchmal wünschen, dass die „privaten Probleme“ der Figuren etwas kontinuierlicher und stringenter mitentwickelt würden, gerade wenn die jahrzehntelang im Dienst sind.

Die gestrige Story der traumatisierten Frauen aus dem Kongo ging mir ziemlich nahe, mit dem „guten“ Arzt, der zuvor Peiniger war. Erinnerte mich an diese Meldung kürzlich, von den Blauhelm-Soldaten, die Minderjährige missbraucht haben. Unbegreiflich.

Ich habe drei Filme über das Böse gemacht, kenne einige Fälle ziemlich gut und sehe sie zum Teil heute auch anders. Man kann Verbrechen nicht verhindern. Aber man muss – als Staat – versuchen, Lebensbedingungen zu schaffen, die die Ausübung eines Verbrechens zumindest nicht erstrebenswert erscheinen lassen, als die weniger reizvolle Option. Das ist möglich durch ein System, das Kinder schützt und fördert, durch gute Bildung, Chancengleichheit, einen gesunden Arbeitsmarkt und Integration. Und damit meine ich nicht die Integration von deutsch und nicht-deutsch, sondern die Integration von Gegensätzen; mit dem mittelfristigen Ziel, die Gegensätze in der nächsten Generation zu überwinden. Wenn die alten Parteien das nicht hinkriegen, wird die neue aus der Schattenseite der Gegensätze ein Heer rekrutieren, das im Namen des Volkes aber genau dem die Lebensgrundlage entziehen wird.

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Ansonsten? Gibt es – Dank eines engagierten Kollegen – erste Schnittversionen meiner Formatidee. Bin sehr zufrieden mit dem Ergebnis – und dabei hoffentlich nicht der einzige.

02. Mai 2016 von Gerrit
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Colonia

Preparation

Preparation

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Bin seit Mittwoch in Köln. Recherche. Gleich Meeting bei Arte – freue mich sehr, ist meine erste Produktion für den Sender. Hatte auch Glück mit dem Wetter und interessante Termine, zum Beispiel im Römisch-Germanischen Museum. Was ich alles (noch) nicht weiß und wusste …

War dann kurz noch in einer Buchhandlung am Dom, die natürlich auch christliche Literatur führt, u.a. kleine Bibelgeschichten für Kinder, wie das Gleichnis vom „Verlorenen Sohn“. Und da fiel mir ein, dass ich die Geschichte als Kind auch in einer relativ modernen Comicversion hatte und mich die Story mit dem anderen Sohn, der beim Vater und „brav“ geblieben und dann nach der Heimkehr des Bruders sehr enttäuscht war, schon sehr bewegt hat. Heute, da ich selber Vater bin, scheint mir dieses bedingungslose Verzeihen natürlich nur allzu klar. Aber doch interessant, wie dieses Gefühl im Laufe der Jahrzehnte in einem mitwächst.

29. April 2016 von Gerrit
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Lagerbestände

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Wenn wir es gerade nicht nach Brooklyn schaffen, holen wir uns Brooklyn eben nach Hause. Lustigerweise musste ich dafür nicht mal zu irgendeinem Blankeneser Feinkostladen oder Biergourmet, nee, gibt’s hier bei uns um die Ecke im Rumpel-Supermarkt. Kostete fast 6 Euro, aber ich dachte: So what? Life is an illusion which sometimes feel real. And so is money.

Bin morgen wieder im Schnitt, um an meiner Format-Idee zu basteln. Das ist nicht selbstverständlich, dass ich das darf, es gibt, weiß Gott, genug zu tun. Aber ich habe wohl deutlich genug gemacht, wie wichtig das jetzt ist. Vielleicht sogar nicht nur für mich.

 

 

25. April 2016 von Gerrit
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Btonkraft? Nein danke!

Bin heute Morgen vor der Arbeit noch schnell für ein lockeres Aufwärmprogramm in „unseren“ Wald gejoggt. Nichtsahnend bog ich leichten Schrittes um die Ecke – da traf mich fast der Schlag, weil nämlich gerade ein kleiner Arbeitertrupp mit Baufahrzeug und Walze dabei war, den Waldweg mit so einer Asphaltmasse zu befestigen. Bin ich natürlich sofort stehengeblieben und hab einen von denen, der nach Bauleiter aussah, gefragt, ob das Zeug noch hart wird; nickte er bloß. Ich ihn daraufhin gefragt, wer das angeordnet habe, er zuckte bloß mit den Schultern. Ich dachte, ich spinne. Echt. Machen die aus dem Waldweg eine Rollschuhbahn. Gibt´s doch gar nicht.

Immerhin: An der komischen Wasserstofftankstelle, auf die ich täglich gucken muss, regt sich Widerstand …

loewenzahn

19. April 2016 von Gerrit
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Wiedergänger

Dreh! Arbeiten.

Dreh! Arbeiten.

In Köln verkündet der Moderator Jan Böhmermann eine Medienpause. In Hamburg versucht ein TV-Journalist zur selben Zeit, ein neues Format zu entwickeln. Man darf gespannt sein.

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Erste Durchbrüche derweil auf dem Balkon. Der Frühling hat die ersten Naturalisten zu Höchstleistungen getrieben. Was vor einer Woche noch wie Unkraut aussah, sind jetzt wunderschöne Wiedergänger: Hab leider deren Namen vergessen, doch sie beehren uns jetzt bereits im dritten Jahr. Und der Apfelbaum ist auch über Nacht „ergrünt“.

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Gutes Gegengift zu einer Gesellschaft, die zunehmend „brauner“ wird und mental und emotional verfault. Man muss ja auch nur einmal den Kopf senken, um ein neues Symptom zu erkennen. Wollte eben jemandem für sein Verständnis danken, doch mein IPhone möchte das „Danke fürs …“ lieber mit „Folgen“ vervollständigen, anstatt mit „Verständnis“. Weil Follower wichtiger sind als Empathie.

Hatten ein ziemlich durchstrukturiertes, aber schönes Familienwochenende. Das wird am Ende wichtiger gewesen sein als alle Fernseh- oder Literaturpreise: die Kinder – im weitesten Sinne – aufgeklärt zu haben.

18. April 2016 von Gerrit
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Citoyen

Wenn Kinder an der Macht wären, wäre das die Exekutive

Wenn Kinder an der Macht wären, wäre das die Exekutive

Habe vor ein paar Tagen auf 3SAT spätabends (natürlich, die besten Filme laufen immer zu spät) eine Dokumentation über den Schriftsteller Max Frisch gesehen. Sie trug den Titel „Max Frisch, Citoyen“ und spielte damit auf Frischs ewiges Bedürfnis bzw. ewigen Konflikt an, sich nach dem Drama des Krieges stets politisch äußern zu müssen, weil er eben dies als seine Aufgabe ansah. Er hat sich nicht darum gerissen. Es wäre ihm sicher lieber gewesen, es hätte die Missstände (u.a. Polizeigewalt gegen Studenten, aber auch Fremdenhass „seiner“ Schweizer gegen Gastarbeiter – superaktuell) nicht gegeben, auf die er hinzuweisen sich förmlich gezwungen sah.

Der Begriff „Citoyen“ bezeichnet den (Staats-)Bürger, der – über seine individuellen Interessen hinaus – in der Tradition und im Geist der Aufklärung aktiv und eigenverantwortlich am Gemeinwesen teilnimmt und dies mitgestaltet. Die Schwierigkeit verbirgt sich allerdings schon hinter dieser Definition. Denn um „im Geist der Aufklärung“ mitzugestalten, braucht ein Bürger entsprechendes intellektuelles und soziales Rüstzeug. Über das wiederum – so muss man nach ein paar tausend Jahren Menschheitsgeschichte feststellen – verfügen in nötigem Ausmaß leider nur die allerwenigsten. Und die Wenigen sitzen zudem größtenteils nicht in entscheidenden Positionen, womit das Dilemma perfekt wäre. Deswegen ist die Welt ein Pulverfass. Ja, Vor-Geschichten führen zu kleinen Korrekturen in der historischen Entwicklung, es gibt auch formale Fortschritte, doch unterm Strich wurzeln sämtliche Konflikte und Ungerechtigkeiten doch nach wie vor im Unbewussten, im Instinktiven.

Kurve:

Aus diesem Grund ist die mediengestaltende Einflussnahme eines Jan Böhmermann in diesen Tagen gar nicht hoch genug zu bewerten. Sie ist zwar im Einzelnen diskutabel, erscheint im Allgemeinen jedoch genau so: „im Geist der Aufklärung“. Und sie erfolgt unter einer hohen persönlichen Opferbereitschaft. Jan Böhmermann wird wohl nie wieder nach Istanbul reisen können. Womöglich hat er bereits Personenschutz für sich und seine Familie angefordert. Ein verdammt hoher Preis, den niemand eingeht, dem es nur um den bunten Knalleffekt geht. Max Frisch hatte seinerzeit immer wieder gefordert, die Menschen mögen die Konzentrationslager besuchen, weil er – auch lange nach Kriegsende – der Meinung war, das wahre Grauen habe „uns noch gar nicht erreicht“. Für das junge Publikum, das heutzutage doch schwer zu beeindrucken ist, erfüllt Böhmermann-Fernsehen (in seinen Sternstunden, wohlgemerkt) genau diese Funktion: Es ist Opium und Aufklärung, Erinnerung und Prophezeiung. Und ich hoffe sehr, dass (es) so schnell keiner abschaltet.

12. April 2016 von Gerrit
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